Kamille (Matricaria recutita)

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Die anerkannten medizinischen Anwendungen von Zubereitungen aus Kamillenblüten umfassen die innerliche Behandlung leichter krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden sowie traditionell die Anwendung bei Erkältungssymptomen, Entzündungen im Mund- und Rachenraum, kleineren Hautentzündungen und oberflächlichen Wunden. Kamillenöl ist HMPC-seitig enger gefasst und wird traditionell adjuvant bei Reizzuständen der Haut sowie im Anal- und Genitalbereich verwendet.

Chamomilla recutita (syn. Chamomilla vulgaris, Chrysanthemum suaveolens, Matricaria pusilla, M. chamomilla, M. suaveolens)

Echte Kamille (syn. Deutsche Kamille, Feldkamille, Hermel, Kleine Kamille).

Blühende Echte Kamille (Matricaria recutita) – Heilpflanze mit weissen Zungenblüten und gelbem Blütenkorb

Blühende Echte Kamille (Matricaria recutita) mit weissen Zungenblüten und gelbem Blütenboden - Makroaufnahme

Echte Kamille (Matricaria recutita) mit Biene auf den Blüten – typische Heilpflanze und Bestäuberpflanze

VORKOMMEN

Ursprünglich stammt die Kamille aus Vorderasien beziehungsweise Süd- und Osteuropa. Heute ist Matricaria recutita in ganz Europa sowie in Nordamerika und Australien anzutreffen. Die Pflanze wächst auf Äckern, Wegrändern und auf Ödland. Sie kommt bis in die montane Höhenstufe vor. Kultiviert wird Kamille unter anderem in Bulgarien, Ungarn, Ägypten und Argentinien. Matricaria recutita ist zudem eine attraktive Gartenpflanze für Naturgärten.

MERKMALE

Die Echte Kamille ist eine einjährige Pflanze. Sie erreicht eine Wuchshöhe von 10 bis 60 cm. Alle Teile der Pflanze besitzen einen charakteristischen Geruch. Die Wurzeln sind dünn und spindelförmig. Die Stängel sind aufrecht und kahl, im oberen Teil meist stark verzweigt.

Die Laubblätter sind 3 bis 8 cm lang und zwei- bis dreifach fiederteilig. Die einzelnen Zipfel sind schmal. Die Blütenköpfe stehen einzeln und haben einen Durchmesser von 1,5–2,5 cm. Die Zungenblüten sind weiss, die Röhrenblüten gelb. Der Blütenboden ist kegelförmig, innen hohl und ohne Spreublätter. Gerade dieser hohle Blütenboden ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber ähnlichen Arten.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Matricariae flos – Kamillenblüten; getrocknete, ganze, teilweise oder vollständig zerfallene Blütenkörbchen und kleine Teile der Blütenstiele.

Matricariae aetheroleum – Kamillenöl; ätherisches Öl aus den Blütenköpfen der Echten Kamille.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Die Kamillenblüten enthalten 0,3 bis 1,5 % ätherisches Öl. Dieses enthält unter anderem (-)-α-Bisabolol, Bisabololoxide, Chamazulen beziehungsweise dessen Vorstufen sowie trans-β-Farnesen. Kamillenöle mit hohem Chamazulengehalt sind tiefblau gefärbt.

Polyine: analytisch gewonnene Kamillenöle enthalten En-In-Dicycloether (Spiroether); weitere Polyine finden sich vor allem in Wurzeln und Blättern.

Cumarine: Herniarin und Umbelliferon sind in Kamillenblüten in kleinen Mengen enthalten.

Flavonoide: von Bedeutung sind Flavon- und Flavonolglykoside sowie ihre Aglyka; besonders wichtig ist Apigenin-7-glucosid.

Aromatische Carbonsäuren: nachgewiesen wurden unter anderem Anissäure, Vanillinsäure, Syringasäure und Kaffeesäure.

Schleimstoffe: der Polysaccharidgehalt beträgt etwa 3 bis 10 %.

Kamille: wichtige Inhaltsstoffe

PHARMAKOLOGIE

Kamillenblüten besitzen entzündungshemmende und krampflösende Wirkungen. Für diese Effekte werden vor allem (-)-α-Bisabolol, Chamazulen, weitere Bisaboloide, En-In-Dicycloether sowie Flavonoide verantwortlich gemacht. Wichtige Angriffspunkte sind die Eicosanoidbiosynthese mit Hemmung von Cyclooxygenase-2 und Lipoxygenasen sowie die Mastzelldegranulation mit verminderter Histaminfreisetzung.

Zusätzlich wurden bakteriostatische und fungistatische Wirkungen beschrieben. Für den Magen-Darm-Trakt sind vor allem die spasmolytischen und entzündungshemmenden Eigenschaften von therapeutischer Bedeutung.

EVIDENZ

Die medizinische Anwendung der Echten Kamille beruht vor allem auf langjähriger traditioneller Verwendung, pharmakologischer Plausibilität und einer begrenzten Zahl klinischer Studien. Die regulatorische Einstufung durch das HMPC erfolgt als traditionelle pflanzliche Arzneimittel, nicht als medizinisch allgemein anerkannte Anwendung. Die Evidenz ist für klassische Anwendungen wie leichte Magen-Darm-Beschwerden, Reizungen von Haut und Schleimhäuten sowie Mund- und Rachenentzündungen plausibel, klinisch aber nur begrenzt abgesichert.

  • EMA / HMPC: Matricariae flos – traditionelle Anwendungsgebiete bei leichten Magen-Darm-Beschwerden, Erkältungssymptomen, Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie kleineren Haut- und Schleimhautreizungen.
  • EMA / HMPC: Matricariae aetheroleum – traditionelles Kamillenöl zur adjuvanten Behandlung von Reizungen der Haut sowie im Anal- und Genitalbereich.
  • McKay & Blumberg 2006 (PubMed) – Übersichtsarbeit zu Bioaktivität und möglichen gesundheitlichen Wirkungen von Kamillentee; fasst pharmakologische Befunde unter anderem zu entzündungshemmenden, antimikrobiellen und spasmolytischen Eigenschaften zusammen.
  • Amsterdam et al. 2009 (PubMed) – placebokontrollierte Studie mit oralem Kamillenextrakt bei generalisierter Angststörung; zeigt eine mögliche anxiolytische Wirkung, betrifft aber nicht die regulatorischen Kernanwendungen der HMPC-Monographie.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Anwendungen:

Kommission E und ESCOP:

Innerlich:

  • krampfartige Beschwerden im Magen-Darm-Bereich
  • entzündliche Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts

Äusserlich:

  • Wundbehandlung bei oberflächlichen Hautverletzungen und kleineren Entzündungen
  • Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich
  • Atemwegsinfekte und Reizzustände der Luftwege, vor allem als Inhalation traditionell angewendet

Das HMPC stuft Kamillenblüten als traditionelle pflanzliche Arzneimittel für mehrere klassische Anwendungsgebiete ein. Für Kamillenöl ist die HMPC-Anwendung deutlich enger und auf die adjuvante Behandlung von Reizzuständen der Haut sowie des Anal- und Genitalbereichs begrenzt.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Teebereitung: Ein Esslöffel Kamillenblüten (ca. 3–4 g) wird mit heissem Wasser (ca. 150 mL) übergossen. Nach 5 bis 10 Minuten wird der Aufguss durch ein Teesieb filtriert.

Beim Teeaufguss verbleibt ein Teil der lipophilen Inhaltsstoffe im Rückstand. Standardisierte pflanzliche Zubereitungen aus Kamille können deshalb in bestimmten Fällen sinnvoll sein, insbesondere bei definierten äusserlichen Anwendungen.

Kamille wird ausserdem häufig in Teemischungen für den Magen-Darm-Bereich oder für Mund- und Rachenspülungen verwendet.

SICHERHEIT

Die Echte Kamille (Matricaria recutita) gilt insgesamt als gut verträgliche Heilpflanze.

  • Kontraindikationen: Bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Korbblütlern (Asteraceae) ist Kamille kontraindiziert. Allergische Reaktionen können sich als Kontaktdermatitis, Schleimhautreizungen oder in seltenen Fällen als Atemwegsreaktionen äussern.
  • Augenanwendung: Kamillentee oder -aufgüsse sollten nicht am Auge verwendet werden, da Reizungen und Verunreinigungen möglich sind.
  • Kamillenöl: Die innerliche Anwendung von ätherischem Kamillenöl ist in Schwangerschaft, Stillzeit sowie bei Säuglingen und Kleinkindern nicht empfohlen.
  • Wechselwirkungen: Klinisch relevante Wechselwirkungen sind selten. Theoretische Hinweise betreffen geringe Cumaringehalte und mögliche additive sedierende Effekte, sind bei üblichen Teezubereitungen aber meist von geringer praktischer Bedeutung.

STATUS

KAMILLE IM GARTEN

Die Kamille ist eine unkompliziert anzubauende, sonnenliebende Heilpflanze. Im Garten gedeiht sie bevorzugt auf Schwarzerde-, Aue- und sandigen Lehmböden, wächst jedoch auch auf leichteren Böden. Der pH-Wert sollte im leicht sauren bis alkalischen Bereich liegen. Auf stark sauren Böden kann die Aufnahme von Schwermetallen erhöht sein.

Der Anbau erfolgt durch Direktaussaat im Herbst oder Frühjahr. Einmal angesiedelt, vermehrt sich die Kamille häufig durch Selbstaussaat. Geeignete Begleiter im Garten sind beispielsweise Mohn, Schafgarbe, Johanniskraut, Schwarzkümmel, Wegwarte und Steinklee.

Als Topfpflanze benötigt Kamille vor allem regelmässige Wassergaben.

Mehrere blühende Pflanzen der Echten Kamille (Matricaria recutita)

SONSTIGES

Die Kamille ist eine alte Heilpflanze, die seit Jahrhunderten vor allem bei Magen- und Darmbeschwerden sowie bei Entzündungen verwendet wird. Matricaria recutita wurde 1987 vom Verband Deutscher Drogisten zur ersten Arzneipflanze des Jahres gewählt und war zudem Heilpflanze des Jahres 2002.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Ringelblume (Calendula officinalis) – bei entzündlichen Haut- und Schleimhautreizungen.
  • Schafgarbe (Achillea millefolium) – traditionell bei krampfartigen Verdauungsbeschwerden.
  • Arnika (Arnica montana) – äusserlich bei stumpfen Verletzungen und lokalen Entzündungen.
  • Spitzwegerich (Plantago lanceolata) – bei Reizzuständen der Schleimhäute und der Atemwege.

FAQ ZU KAMILLE

  • Was ist der Unterschied zwischen echter Kamille und ähnlichen Arten?
    Nur die Echte Kamille (Matricaria recutita) besitzt einen hohlen Blütenboden. Dieses Merkmal hilft bei der Abgrenzung gegenüber ähnlichen Kamillenarten.
  • Wofür ist Kamille besonders bekannt?
    Vor allem für entzündungshemmende und krampflösende Eigenschaften bei leichten Magen-Darm-Beschwerden sowie bei Reizzuständen von Haut und Schleimhäuten.
  • Ist Kamillentee täglich geeignet?
    In normaler Dosierung gilt Kamillentee als gut verträglich und kann regelmässig getrunken werden, sofern keine Überempfindlichkeit gegenüber Korbblütlern besteht.
  • Darf Kamille am Auge angewendet werden?
    Kamille soll nicht am Auge angewendet werden, da Reizungen und Verunreinigungen möglich sind.
  • Wann ist Vorsicht bei Kamille geboten?
    Bei bekannter Allergie gegen Korbblütler ist Kamille kontraindiziert. Allergische Reaktionen sind selten, aber möglich.

Letzte Änderung: 04.05.2026 / © W. Arnold