Schlafmohn – Papaver somniferum

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Opium als historische Droge | Anwendung | Sicherheit | Status | Garten | Rechtslage Schweiz | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Opium ist der eingetrocknete Milchsaft unreifer Kapseln des Schlafmohns. Es enthält zahlreiche Alkaloide, darunter Morphin, Codein, Papaverin, Noscapin und Thebain. Opium, Opiumzubereitungen und daraus isolierte Alkaloide sind stark wirksame Arzneistoffe und gehören nicht zur phytotherapeutischen Selbstanwendung. Sie unterliegen den betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften.

Papaver somniferum L. (syn. Papaver amplexicaule, Papaver nigrum, Papaver officinale);
Schlafmohn, Gartenmohn, Mohn.

Schlafmohn Papaver somniferum mit Blüte und Fruchtkapsel

Weitere Bilder:

Schlafmohn Papaver somniferum in Blüte Fruchtkapseln des Schlafmohns Papaver somniferum Schlafmohn Papaver somniferum mit unreifer Fruchtkapsel Schlafmohnpflanzen Papaver somniferum mit Blüten und Kapseln

VORKOMMEN

Der Schlafmohn ist eine sehr alte Kulturpflanze. Als stammesgeschichtlich nah verwandte Art gilt der im Mittelmeerraum vorkommende Borstige Mohn (Papaver setigerum). Die exakte Herkunft des kultivierten Schlafmohns ist nicht sicher bestimmbar. Heute wird Papaver somniferum in verschiedenen Regionen Eurasiens angebaut, sowohl zur Samengewinnung als auch – ausserhalb des phytotherapeutischen Bereichs – als Ausgangspflanze für stark wirksame Arzneistoffe.

MERKMALE

Der Schlafmohn ist eine einjährige, blaugrün bereifte Pflanze mit aufrechtem, rundem Stängel. Er wird meist bis über 1 m hoch. Die Blätter sind wechselständig, sitzend bis stängelumfassend und unregelmässig gezähnt oder gelappt. Die grossen Blüten besitzen zwei Kelchblätter, die beim Aufblühen abfallen, sowie vier weisse, rosafarbene, rote bis violette Kronblätter.

Die kugeligen bis eiförmigen Fruchtkapseln enthalten zahlreiche Samen. Charakteristisch für die Art ist der weisse Milchsaft in den unreifen Pflanzenteilen. Die Samen selbst enthalten praktisch keine Opiumalkaloide; Verunreinigungen können jedoch durch Kontakt mit alkaloidhaltigem Milchsaft oder Kapselmaterial entstehen.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Stramentum Papaveris: Mohnstroh, die reifen, entsamten Kapseln.

Opium (syn. Laudanum, Meconium, Opium crudum): Rohopium, der aus meist unreifen Früchten stammende, an der Luft eingetrocknete Milchsaft.

Papaveris semen (syn. Semen Papaveris): Mohnsamen.

Papaveris seminis oleum (syn. Oleum Papaveris): Mohnöl.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Die wichtigsten pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffe des Schlafmohns sind die im Milchsaft enthaltenen Alkaloide. Zu den bedeutendsten der zahlreichen Opiumalkaloide zählen Morphin, Codein, Papaverin, Noscapin, Thebain und Narcein. Morphin, Codein und Thebain gehören zu den Morphinan-Alkaloiden. Noscapin, Papaverin und Narcein zählen zu den Benzylisochinolin-Alkaloiden.

Ein grosser Teil der Alkaloide liegt im Opium als Salz der Mekonsäure vor. Die Alkaloidzusammensetzung verändert sich im Verlauf der Fruchtreife. Ausgereifte Kapseln enthalten im Vergleich zu grünen Kapseln in der Regel mehr Codein und weniger Morphin. Heroin (Diamorphin, Diacetylmorphin) wird durch chemische Derivatisierung des Morphins hergestellt und kommt nicht natürlicherweise in der Pflanze vor.

Strukturformeln wichtiger Opiumalkaloide wie Morphin, Codein, Thebain, Papaverin und Noscapin

PHARMAKOLOGIE

Morphin wirkt zentral als Agonist an Opioidrezeptoren, vor allem an μ-Rezeptoren. Dadurch wird die Schmerzweiterleitung gehemmt und das Schmerzempfinden gesenkt. Präsynaptisch kommt es G-Protein-vermittelt zu einer Abnahme des Calcium-Einstroms, postsynaptisch zur Aktivierung von Kaliumkanälen mit nachfolgender Hyperpolarisation. Diese Mechanismen tragen wesentlich zur analgetischen Wirkung bei.

Nach oraler Gabe wird Morphin resorbiert, unterliegt jedoch einem ausgeprägten First-pass-Effekt. Klinisch relevant sind unter anderem Morphin-3-Glucuronid und das analgetisch wirksame Morphin-6-Glucuronid. Zu den wichtigsten Risiken gehören Atemdepression, Sedierung, Obstipation, Übelkeit, Toleranzentwicklung sowie psychische und physische Abhängigkeit.

Codein besitzt eine deutlich schwächere analgetische Wirkung als Morphin und wird teilweise metabolisch zu Morphin umgewandelt. Thebain ist pharmakologisch bedeutsam, dient aber vor allem als Ausgangssubstanz für halbsynthetische Opioide. Papaverin wirkt spasmolytisch, Noscapin ist nicht analgetisch und wurde antitussiv verwendet.

Naloxon:
Naloxon ist ein kompetitiver Opioid-Antagonist an Opioidrezeptoren und wird in der Notfallmedizin bei Opioidüberdosierung eingesetzt, insbesondere bei Atemdepression.

EVIDENZ

Schlafmohn ist keine klassische Heilpflanze der heutigen Phytotherapie. Die medizinische Bedeutung von Papaver somniferum beruht nicht auf einer Anwendung der Droge als Ganzes, sondern auf isolierten und standardisierten Alkaloiden wie Morphin und Codein.

Opium ist ein komplexes Gemisch aus zahlreichen Alkaloiden, darunter Morphin, Codein, Papaverin und Thebain. Diese Substanzen wirken vor allem am zentralen Nervensystem und gehören zu den stärksten bekannten Analgetika, sind jedoch mit erheblichen Risiken wie Atemdepression, Toleranzentwicklung und Abhängigkeit verbunden.

Die pharmakologische Wirkung von Morphin beruht auf der Aktivierung von Opioidrezeptoren, insbesondere μ-Rezeptoren, wodurch die Schmerzweiterleitung gehemmt wird. Die klinische Anwendung erfolgt ausschliesslich unter ärztlicher Kontrolle und ist nicht Teil der Phytotherapie im engeren Sinn.

Für den Schlafmohn selbst existieren keine modernen HMPC-, ESCOP- oder Kommission-E-Monographien als phytotherapeutische Arzneipflanze. Die wissenschaftliche Evidenz betrifft vor allem die isolierten Alkaloide und deren pharmakologische Eigenschaften.

Quellen:

Zusammenfassend beruht die wissenschaftliche Evidenz nicht auf einer phytotherapeutischen Anwendung des Schlafmohns, sondern auf der gut untersuchten Pharmakologie seiner isolierten Alkaloide. Diese besitzen eine hohe medizinische Bedeutung, sind jedoch aufgrund ihrer Risiken und ihres Abhängigkeitspotenzials streng reguliert.

OPIUM ALS HISTORISCHE DROGE

Opium ist der an der Luft eingetrocknete Milchsaft unreifer Kapseln des Schlafmohns. Historisch wurde es medizinisch, kultisch und als Rauschmittel verwendet. Heute sind Opium, Opiumzubereitungen und daraus gewonnene Opioide rechtlich streng reguliert und gehören nicht zur phytotherapeutischen Selbstanwendung.

Die pharmazeutische Bedeutung des Schlafmohns beruht vor allem auf isolierten oder standardisierten Alkaloiden wie Morphin, Codein, Thebain, Papaverin und Noscapin. Die Gewinnung, Verarbeitung und Verwendung zu Betäubungsmittelzwecken unterliegt den einschlägigen gesetzlichen Vorschriften.

ANWENDUNG

Morphin wird in der Medizin zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt, etwa bei Tumorschmerzen oder anderen schweren Schmerzzuständen. Codein wurde unter anderem als Antitussivum bei starkem Reizhusten verwendet; seine analgetische Wirkung ist deutlich geringer als die von Morphin. Papaverin besitzt spasmolytische Eigenschaften. Noscapin ist nicht analgetisch, wurde aber antitussiv verwendet.

Opium, Opiumzubereitungen und daraus isolierte Alkaloide sind stark wirksame Arzneistoffe und dürfen nicht phytotherapeutisch oder als Selbstbehandlung verwendet werden. Wegen Abhängigkeitspotenzial, Atemdepression, Wechselwirkungen und weiterer Risiken ist jede therapeutische Anwendung streng medizinisch zu überwachen.

SICHERHEIT

Schlafmohn ist als Arznei- und Giftpflanze besonders sicherheitsrelevant. Unkontrollierte Anwendungen von Opium, opiumhaltigen Zubereitungen oder alkaloidhaltigem Pflanzenmaterial können zu schweren Vergiftungen führen. Besonders kritisch sind Atemdepression, Bewusstseinsstörungen, Kreislauf- und Atemversagen sowie Abhängigkeit.

  • Keine Selbstanwendung: Opium, Opiumzubereitungen und Opioide gehören nicht zur Hausmittel- oder Phytotherapie.
  • Abhängigkeit: Morphin und verwandte Opioide besitzen ein relevantes psychisches und körperliches Abhängigkeitspotenzial.
  • Atemdepression: Überdosierungen können lebensbedrohlich sein und erfordern medizinische Notfallbehandlung.
  • Kinder, Schwangerschaft und Stillzeit: keine Anwendung ohne ausdrückliche ärztliche Indikation und Kontrolle.
  • Mohnsamen: gereinigte Mohnsamen werden als Lebensmittel genutzt; sie sind von Opium und alkaloidhaltigem Kapselmaterial zu unterscheiden.

STATUS

  • Kommission E: keine Monographie vorhanden.
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden.
  • HMPC: keine Monographie vorhanden.

Schlafmohn ist pharmakologisch und medizinhistorisch bedeutsam, gehört jedoch nicht zu den klassischen phytotherapeutischen Heilpflanzen im Sinn moderner HMPC-/ESCOP-/Kommission-E-Bewertungen.

SCHLAFMOHN IM GARTEN

Schlafmohn ist eine auffällige, aber rasch verblühende Gartenpflanze für vollsonnige Standorte. Sandige, lockere und gut drainierte Böden sind günstig. Die Pflanze ist konkurrenzschwach und sät sich bei stehen gelassenen Kapseln oft selbst aus.

Im Garten wirkt der Schlafmohn dekorativ und historisch interessant. Geeignete Begleitpflanzen sind zum Beispiel Kamille, Andorn, Diptam und Adonisröschen.

Schlafmohn Papaver somniferum mit Blüte und Fruchtkapseln

RECHTSLAGE SCHWEIZ

In der Schweiz ist der Anbau von Schlafmohn grundsätzlich erlaubt. Betäubungsmittelrechtlich problematisch ist jedoch die Gewinnung, Verarbeitung oder Verwendung zu Betäubungsmittelzwecken. Opium sowie daraus gewonnene Opioide unterliegen den einschlägigen Vorschriften des Betäubungsmittelrechts.

Historisch hatte der Mohnanbau in der Schweiz eine deutlich grössere Bedeutung. Agroscope weist darauf hin, dass Mohn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts angebaut wurde und heute nur noch auf kleinen Flächen eine Rolle spielt, vor allem als Nischenkultur und Ölsaat. Eine juristische Detailbeurteilung im Einzelfall ersetzt diese Seite nicht.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Schöllkraut (Chelidonium majus) – alkaloidhaltige Arzneipflanze mit ganz anderer pharmakologischer Ausrichtung und relevanten Sicherheitsfragen.
  • Giftlattich (Lactuca virosa) – historisch gelegentlich als Opiumersatz diskutierte Pflanze mit abweichendem Wirkprofil.

FAQ

  • Was ist Schlafmohn?
    Schlafmohn (Papaver somniferum) ist eine alte Kultur- und Arzneipflanze. Aus dem Milchsaft unreifer Kapseln kann Opium entstehen; enthalten sind zahlreiche Alkaloide, unter anderem Morphin und Codein.
  • Welche Alkaloide sind besonders wichtig?
    Zu den wichtigsten Opiumalkaloiden zählen Morphin, Codein, Thebain, Papaverin und Noscapin. Ein Teil liegt im Opium als Salz der Mekonsäure vor.
  • Wie wirkt Morphin pharmakologisch?
    Morphin wirkt zentral als Agonist an Opioidrezeptoren, vor allem an μ-Rezeptoren, und hemmt die Schmerzweiterleitung. Es kann atemdepressiv wirken und besitzt ein relevantes Abhängigkeitspotenzial.
  • Gehört Schlafmohn zur heutigen Phytotherapie?
    Nein. Opium und Opiumzubereitungen sowie isolierte Alkaloide sind stark wirksame Arzneistoffe und keine Phytotherapeutika.
  • Ist der Anbau von Schlafmohn in der Schweiz erlaubt?
    Grundsätzlich ja. Betäubungsmittelrechtlich relevant sind jedoch Gewinnung, Verarbeitung und Verwendung zu Betäubungsmittelzwecken.

Letzte Änderung: 05.05.2026 / © W. Arnold