Engelwurz – Angelica archangelica

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Die Angelikawurzel (Angelicae radix) wird traditionell bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden wie leichten Magen-Darm-Krämpfen, verzögerter Verdauung, Blähungen und Völlegefühl verwendet. Zu beachten sind phototoxische Risiken durch Furanocumarine.

Angelica archangelica L.
Engelwurz (syn. Angelik, Gartenangelik, Heiliggeistwurzel, Theriakwurzel).

Engelwurz (Angelica archangelica)

Angelika, Engelwurz (Angelica archangelica)

Engelwurz (Angelica archangelica), Habitus der Pflanze

Engelwurz (Angelica archangelica), Blütenstand

VORKOMMEN

Engelwurz ist im nördlichen Europa heimisch. Sie kommt auch in Mittel- und Osteuropa, in Sibirien, im Kaukasus sowie im Ural vor. In Teilen Europas wird sie kultiviert und ist stellenweise verwildert.

Angelica archangelica wächst auf feuchten Wiesen, an Flussufern, in Gebüschen und lichten Wäldern. Sie bevorzugt einen kräftigen, humusreichen Boden, der nicht frisch gedüngt sein sollte. Die Samen verlieren rasch ihre Keimfähigkeit und sollten möglichst noch im Jahr der Ernte ausgesät werden.

MERKMALE

Engelwurz ist eine kräftige zwei- bis vierjährige Pflanze mit grossen gefiederten Blättern und aufgeblasener Blattscheide. Sie erreicht Wuchshöhen von etwa 1,2 bis 3 m und besitzt ein dickes Rhizom. Die Stängel stehen aufrecht, sind schwach gerillt, innen markig-hohl und im oberen Teil verzweigt. Die kleinen grünlichen Blüten stehen in grossen Dolden.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Angelicae folium – Angelikablätter; die getrockneten Blätter der Engelwurz.

Angelicae fructus – Angelikafrüchte; die getrockneten Früchte der Engelwurz.

Angelicae radix – Angelikawurzel; die getrockneten unterirdischen Teile der Engelwurz. Medizinisch verwendet wird vor allem diese Wurzeldroge.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Die Engelwurz enthält ätherisches Öl, Cumarine und Furanocumarine sowie verschiedene Pflanzensäuren. Das ätherische Öl besteht vor allem aus Monoterpenen wie α-Pinen und β-Phellandren; daneben kommen Sesquiterpene und geruchsbestimmende Lactone vor.

In Blättern, Früchten und Wurzeln finden sich ausserdem Cumarine und Furanocumarine wie Bergapten, Imperatorin und Oxypeucedanin. Diese Stoffe sind pharmakologisch relevant, tragen aber auch zum phototoxischen Risiko bei.

Strukturformeln von Phellandren, Pinen und Osthenol, Inhaltsstoffe der Engelwurz

PHARMAKOLOGIE

Die pharmakologischen Wirkungen der Engelwurz werden vor allem auf ätherisches Öl, Bitterstoffe, Cumarine und Furanocumarine zurückgeführt. Die Droge wirkt aromatisch-bitter, verdauungsfördernd und in gewissem Umfang krampflösend.

Bitterstoffe regen reflektorisch die Sekretion von Speichel, Magensaft und Verdauungssäften an. Dadurch kann sich die Verdauung bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden wie Völlegefühl, Blähungen, verzögerter Verdauung und Appetitlosigkeit verbessern.

Dem ätherischen Öl werden karminative, in experimentellen Modellen auch antimikrobielle und leicht spasmolytische Eigenschaften zugeschrieben. Traditionell wurde Engelwurz zudem bei Bronchitis verwendet; belastbare moderne klinische Nachweise dafür sind jedoch begrenzt.

EVIDENZ

Die Anwendung der Angelikawurzel bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden wird vor allem durch traditionelle Erfahrung und pharmakologische Plausibilität getragen. ESCOP beschreibt Angelicae radix für dyspeptische Beschwerden wie leichte Magen-Darm-Krämpfe, verzögerte Verdauung, Blähungen, Völlegefühl und Appetitlosigkeit; zusätzlich wird der traditionelle Gebrauch bei Bronchitis genannt.

Moderne klinische Studien zur Angelikawurzel als Monotherapie sind begrenzt. Übersichtsarbeiten zu Angelica archangelica stützen vor allem die phytochemische und pharmakologische Plausibilität, ersetzen aber keine robuste klinische Evidenz. Die therapeutische Einordnung bleibt daher vorsichtig: traditionelle Anwendung mit plausibler pharmakologischer Grundlage.

Für die Sicherheitsbewertung ist die EMA-Leitlinie zu Furocumarinen in Zubereitungen aus Angelica archangelica besonders wichtig. Sie unterstreicht das phototoxische Potential dieser Inhaltsstoffe und ist für Anwendungshinweise zentral.

  • ESCOP – Angelicae radix – europäische Monographie zur Angelikawurzel mit Angaben zu dyspeptischen Beschwerden und traditioneller Anwendung.
  • PubMed – Review zu Phytochemie und Pharmakologie von Angelica archangelica.
  • EMA – Furocumarine in Angelica archangelica – zentrale Quelle zur Bewertung phototoxischer Risiken.
  • Agronomy – ergänzende Übersicht zur chemischen Diversität und biologischen Aktivität von Angelica archangelica.

ANWENDUNG

Verwendet wird vor allem die Wurzeldroge Angelicae radix. Sie gehört zu den aromatischen Bitterdrogen und wird bei Appetitlosigkeit sowie bei dyspeptischen Beschwerden wie leichten Magen-Darm-Krämpfen, Völlegefühl, Blähungen und verzögerter Verdauung eingesetzt.

Nach Kommission E ist die Angelikawurzel positiv bewertet für Appetitlosigkeit und dyspeptische Beschwerden. Die Wirkungen werden als spasmolytisch, cholagog und magensaftsekretionsfördernd beschrieben. ESCOP beurteilt die Wurzeldroge ebenfalls positiv.

Traditionell wurde Engelwurz auch bei Bronchitis verwendet. Diese Anwendung ist historisch und phytotherapeutisch bekannt, gehört aber eher zur traditionellen Erfahrung als zum gut klinisch abgesicherten Kern der Anwendung.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Verwendet wird vor allem die Wurzeldroge Angelicae radix. Sie wird in Form von Tee, Tinktur oder Extrakten innerlich angewendet.

Teezubereitung:
1–2 g fein zerkleinerte Angelikawurzel werden mit 150 ml kochendem Wasser übergossen. Nach etwa 10 Minuten wird der Aufguss abgeseiht.

Dosierung:
Soweit nicht anders verordnet, beträgt die durchschnittliche Tagesdosis etwa 4,5 g Droge.

  • 1,5–3 g Fluidextrakt (1:1)
  • 1,5 g Tinktur (1:5)
  • Zubereitungen entsprechend

Die Einnahme erfolgt gewöhnlich vor den Mahlzeiten, um die verdauungsfördernde Wirkung der Bitterstoffe zu nutzen.

SICHERHEIT

Engelwurz enthält Furanocumarine. Diese Stoffe können die Haut gegenüber UV-Strahlung empfindlicher machen. Nach Kontakt mit Pflanzensaft oder Zubereitungen aus Engelwurz und anschliessender Sonnen- oder UV-Exposition sind phototoxische Hautreaktionen möglich. Typisch sind Rötung, Brennen, Blasenbildung und nachfolgende Hyperpigmentierung.

Während der Anwendung sollten längere intensive Sonnenexposition und künstliche UV-Bestrahlung vermieden werden. Bei empfindlicher Haut, bekannten phototoxischen Reaktionen oder gleichzeitiger Anwendung photosensibilisierender Arzneimittel ist besondere Vorsicht angezeigt.

Nicht anwenden bei Magen- oder Darmgeschwüren, da Engelwurz die Magensaftsekretion anregen kann. Grössere Mengen, insbesondere des ätherischen Öls, können toxisch wirken und sind nicht zur Selbstanwendung geeignet. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, Kindern sowie bei unklaren oder länger anhaltenden Beschwerden ist fachliche Beratung erforderlich.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden.
  • ESCOP: positive Bewertung für Angelicae radix.
  • HMPC: keine Monographie vorhanden.

ENGELWURZ IM GARTEN

Die Engelwurz ist eine imposante zwei- bis mehrjährige Pflanze und benötigt entsprechend viel Platz. Im ersten Jahr entwickelt sich zunächst eine kräftige Wurzel mit Blättern; später bildet sich die stattliche Pflanze mit den grossen Blütendolden.

Engelwurz liebt einen feuchten, humosen und nährstoffreichen Boden sowie einen sonnigen bis halbschattigen Standort. Trockenheit verträgt sie schlecht. An geeigneten Standorten sät sie sich selbst aus. Sie kann auch in einem grossen Topf kultiviert werden. Frost wird gut vertragen, problematisch sind eher Schnecken.

Engelwurz (Angelica archangelica) im Garten

SONSTIGES

Als Pflanze nördlicher Breiten war die Arznei-Engelwurz den antiken Autoren des Mittelmeerraumes kaum bekannt. In mittelalterlichen Kräuter- und Drogentexten wurde sie später zu einer bedeutenden Heilpflanze, der unter anderem verdauungsfördernde und schützende Wirkungen zugeschrieben wurden.

Die Wurzel und andere Pflanzenteile wurden auch kulinarisch genutzt. Kandierte Stängel sowie die Verwendung von Wurzel- und Samenbestandteilen zur Aromatisierung alkoholischer Getränke sind historisch gut bekannt.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Gelber Enzian (Gentiana lutea) – stark bitterstoffhaltige Arzneipflanze zur Anregung der Magensaftsekretion und bei Appetitlosigkeit.
  • Wermut (Artemisia absinthium) – klassische Bitterstoffdroge bei dyspeptischen Beschwerden und zur Verdauungsförderung.
  • Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) – bitterstoffreiche Arzneipflanze zur Verdauungsförderung und bei Appetitlosigkeit.
  • Kümmel (Carum carvi) – karminative Heilpflanze gegen Blähungen und krampfartige Magen-Darm-Beschwerden.
  • Fenchel (Foeniculum vulgare) – Heilpflanze mit ätherischem Öl bei Blähungen und Völlegefühl.
  • Anis (Pimpinella anisum) – aromatische Arzneipflanze mit verdauungsfördernden und blähungslindernden Eigenschaften.

FAQ

  • Was ist Engelwurz?
    Die Engelwurz (Angelica archangelica) ist eine kräftige Doldenblütenpflanze. Medizinisch verwendet wird vor allem die Wurzel (Angelicae radix).
  • Wofür wird Engelwurz verwendet?
    Die Angelikawurzel wird bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden wie Blähungen, Völlegefühl, verzögerter Verdauung und leichten Magen-Darm-Krämpfen eingesetzt.
  • Welche Inhaltsstoffe enthält Engelwurz?
    Wichtige Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl mit Monoterpenen, Cumarine und Furanocumarine sowie verschiedene Pflanzensäuren.
  • Welche Nebenwirkungen kann Engelwurz haben?
    Furanocumarine können die Haut lichtempfindlicher machen. Deshalb sind phototoxische Hautreaktionen bei Kontakt und UV-Belastung möglich.
  • Kann Engelwurz im Garten angebaut werden?
    Ja. Engelwurz bevorzugt feuchte, humusreiche Böden sowie einen sonnigen bis halbschattigen Standort und braucht viel Platz.

Letzte Änderung: 01.05.2026 / © W. Arnold