Johanniskraut (Hypericum perforatum) – Wirkung und Anwendung
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Antidepressiva-Vergleich | Zubereitung | Status | Wechselwirkungen | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die anerkannte medizinische Anwendung von Johanniskraut umfasst die Behandlung leichter depressiver Störungen sowie leichter bis mittelgradiger depressiver Episoden. Hierzu werden ausschliesslich Arzneimittel mit standardisierten Extrakten verwendet. Die stimmungsaufhellende Wirkung tritt verzögert ein und wird meist erst nach mehreren Wochen regelmässiger Anwendung beurteilt. Johanniskraut besitzt ein ausgeprägtes Potenzial für Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente sollte deshalb ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.
Hypericum perforatum (syn. Hypericum officinarum, H. officinale, H. vulgare);
Echtes Johanniskraut (syn. Herrgottsblut, Tüpfel-Hartheu).
weitere Bilder:
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
VORKOMMEN
Das Johanniskraut ist in Europa, Westasien und Nordafrika heimisch. Hypericum perforatum ist bei uns in Wiesen, an Böschungen und in lichten Wäldern verbreitet. In mageren Wiesen breitet sich die Pflanze dann aus, wenn diese nicht regelmässig gemäht werden. Das alte Heilkraut ist eine interessante und schöne Pflanze und gehört in jeden Naturgarten. Bei mir im Garten wächst es an eher trockenen Stellen in Begleitung von Schöllkraut, Thymian, Rosmarin, Schwalbenwurz, Malven und Goldrute.
MERKMALE
Das echte Johanniskraut erreicht Wuchshöhen von bis zu 1 Meter. Es ist eine ausdauernde Pflanze mit astigen Wurzeln. Der Stengel ist stielrund mit zwei Längskanten. Die Blätter sitzen elliptisch-eiförmig oder sind kurzgestielt. Die Blätter sind durchscheinend punktiert, am Rande mit schwarzen Drüsen. Die Blüten sind goldgelb mit schwarzen Punkten oder Strichen. Die Blüte sitzt auf einem schwarzdrüsigen Stiel, in einem trugdoldigen Blütenstand. Die Frucht ist breit bis schmal eiförmig, mit Drüsen.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Hyperici flos recens (syn. Flores Hyperici recentes); frische Johanniskrautblüten.
Hyperici herba (syn. Herba Hyperici, Hypericum cum flore, Sumitates Hyperici); Johanniskraut (syn. Feldhopfenkraut, Tüpfelhartheu).
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Naphthodianthrone:
Johanniskraut enthält durchschnittlich 0,1 bis 0,3 % Naphthodianthrone, darunter Hypericin, Pseudohypericin, Protohypericin, Protopseudohypericin, Cyclohypericin und Skyrinderivate. Diese sind vor allem in den Exkretblättern der Blüten und Knospen lokalisiert.

Flavon- und Flavonolderivate:
Nachgewiesen wurden 2 bis 4 % Flavonoide, vorwiegend Quercetinglykoside mit Hyperosid (ca. 0,7 %), Quercitrin (ca. 0,3 %), Rutosid (ca. 0,3 %) und Isoquercitrin (ca. 0,3 %) als Hauptkomponenten. Ferner die Aglyka Quercetin, Kämpferol, Luteolin und Myricetin sowie Biflavone wie I3,II8-Biapigenin und Amentoflavon.

Phloroglucinderivate:
Hauptsächlich Hyperforin 2 bis 4 % (HPLC) neben wenig Adhyperforin. Der Hyperforingehalt ist am höchsten in reifen Früchten.

Xanthone:
In der Droge wurden etwa 2 bis 4 % gefunden, vor allem 1,3,5-trioxygenierte Xanthone und Xanthonolignoide, wie z. B. Kielkorin und 1,3,6,7-Tetrahydroxyxanthon.
Ätherisches Öl:
Durch Wasserdampfdestillation lassen sich bis ca. 1 % ätherisches Öl aus der Droge gewinnen. Hauptbestandteile sind höhere n-Kohlenwasserstoffe, insbesondere 2-Methyloctan, Undecan und Dodecanol, sowie Mono- und Sesquiterpene mit α-Pinen und Caryophyllen als Hauptvertreter.
Procyanidine und Gerbstoffe:
Procyanidin B2. Gerbstoffe: Verbindungen vom Catechin-Typ, Gehalt 6,5 bis 15 %.
Weitere Bestandteile:
Wachse (Paraffine und Wachsalkohole), Pflanzensäuren (Kaffee- und Chlorogensäure), Cholin und Spuren von Alkaloiden.
PHARMAKOLOGIE
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte beeinflussen verschiedene Neurotransmittersysteme. Unter anderem wird eine Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin beschrieben, wodurch deren Konzentration im synaptischen Spalt ansteigen kann. Darüber hinaus wurden Effekte auf weitere Neurotransmittersysteme beschrieben, darunter GABA, Dopamin und Glutamat. Im Zusammenhang damit werden auch adaptive Veränderungen an Rezeptoren beobachtet, unter anderem eine Verminderung der Dichte noradrenerger β-Rezeptoren sowie eine Downregulation von 5-HT2-Rezeptoren.
Lange Zeit wurde Hyperforin als der entscheidende Wirkstoff des Johanniskrauts angesehen. Heute geht man davon aus, dass die antidepressive Wirkung nicht auf eine einzelne Substanz zurückzuführen ist. Vielmehr tragen neben Hyperforin auch Hypericine, Flavonoide sowie Biflavone zur Gesamtwirkung bei. Der aktuelle Erkenntnisstand spricht dafür, dass erst das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe im Extrakt die pharmakologische Wirksamkeit erklärt.
Für schwere oder chronisch verlaufende depressive Erkrankungen liegen hingegen kaum positive Wirksamkeitsnachweise für Johanniskraut vor. Eine alleinige Behandlung mit der Heilpflanze ist in solchen Fällen nicht geeignet und kann mit Risiken verbunden sein. In diesen Fällen ist eine fachärztliche Behandlung erforderlich.
EVIDENZ
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte sind in zahlreichen randomisierten, kontrollierten Studien bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden wirksamer als Placebo. Mehrere Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten zeigen zudem, dass die antidepressive Wirkung standardisierter Extrakte häufig mit der von synthetischen Antidepressiva vergleichbar ist, bei meist besserer Verträglichkeit.
- Cochrane-Übersicht zu Johanniskraut bei Depression: Zusammenfassende Bewertung zahlreicher klinischer Studien. Die Autoren kommen zum Schluss, dass geprüfte Johanniskraut-Extrakte Placebo überlegen und Standardantidepressiva ähnlich wirksam sein können; zugleich wird auf Unterschiede zwischen Extrakten und Studien hingewiesen.
Cochrane – St. John’s wort for treating depression - BMJ-Studie (Szegedi et al.): Randomisierte Vergleichsstudie mit einem standardisierten Johanniskraut-Extrakt gegenüber Paroxetin bei mittelgradiger Depression.
PubMed – Szegedi et al. - BMJ-Studie (Philipp et al.): Placebokontrollierte und aktive Vergleichsdaten zur antidepressiven Wirksamkeit eines standardisierten Johanniskraut-Extrakts.
BMJ – Philipp et al. - EMA/HMPC – Hyperici herba: Offizielle europäische Monographie und Bewertungsunterlagen zu Wirksamkeit, Sicherheit und Wechselwirkungen; dort wird zwischen well-established use und traditional use unterschieden.
EMA – Hyperici herba
Fazit: Die antidepressive Wirksamkeit ist für standardisierte Arzneiextrakte bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden gut belegt. Tee, Pulver oder Nahrungsergänzungsmittel sind damit nicht gleichzusetzen.
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Anwendung
Die Kommission E nennt innerlich psychovegetative Störungen, depressive Verstimmungszustände, Angst und/oder nervöse Unruhe; äusserlich werden ölige Johanniskraut-Zubereitungen bei kleinen Wunden, Myalgien und Verbrennungen 1. Grades beschrieben.
ESCOP bewertet Johanniskraut positiv, insbesondere für leichte depressive Störungen bzw. leichte bis mittelschwere depressive Episoden.
Das HMPC der Europäischen Arzneimittelagentur führt für Hyperici herba eine EU-Herbal-Monographie. Je nach Zubereitung werden dort well-established use und traditional use unterschieden; bei der Anwendung sind insbesondere Wechselwirkungen zu beachten.
Die klinisch gut belegte antidepressive Wirksamkeit bezieht sich auf standardisierte Arzneiextrakte bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden. Tee, Pulver oder Nahrungsergänzungsmittel sind damit nicht gleichzusetzen.
JOHANNISKRAUT VS. ANTIDEPRESSIVA
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte werden seit vielen Jahren zur Behandlung leichter bis mittelschwerer depressiver Episoden eingesetzt. In zahlreichen klinischen Studien wurden sie mit synthetischen Antidepressiva verglichen.
Wirksamkeit
Mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zeigen, dass standardisierte Johanniskraut-Extrakte bei leichten bis mittelschweren Depressionen eine ähnliche Wirksamkeit erreichen können wie verschiedene konventionelle Antidepressiva.
Verglichen wurde Johanniskraut unter anderem mit:
- SSRI (z. B. Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin)
- trizyklischen Antidepressiva (z. B. Imipramin)
In vielen Studien zeigte Johanniskraut eine vergleichbare Besserung der depressiven Symptome, wobei die Wirkung meist erst nach zwei bis vier Wochen einsetzt.
Verträglichkeit
Ein wichtiger Unterschied betrifft die Verträglichkeit. Johanniskraut wird in klinischen Studien meist besser vertragen als viele synthetische Antidepressiva.
Häufige Nebenwirkungen klassischer Antidepressiva sind beispielsweise:
- Müdigkeit
- Mundtrockenheit
- Gewichtszunahme
- sexuelle Funktionsstörungen
Solche unerwünschten Wirkungen treten bei Johanniskraut insgesamt seltener auf.
Wichtige Einschränkungen
- Bei schweren Depressionen wird Johanniskraut nicht empfohlen.
- Johanniskraut kann mit zahlreichen Arzneimitteln Wechselwirkungen verursachen.
- Es aktiviert arzneistoff-metabolisierende Enzyme und Transportproteine und kann dadurch die Wirkung anderer Medikamente abschwächen.
Fazit
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte können bei leichten bis mittelschweren Depressionen eine wirksame und oft gut verträgliche Behandlungsoption darstellen. Bei schweren Depressionen oder komplexen Krankheitsbildern ist jedoch eine ärztlich geführte Therapie erforderlich.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Hauptsächlich in Form standardisierter Extrakte in Fertigarzneimitteln zur Behandlung leichter bis mittelschwerer depressiver Verstimmungen bzw. depressiver Episoden.
Die Arzneimittel werden regelmässig ein- bis dreimal täglich mit bzw. nach den Mahlzeiten eingenommen. Die antidepressiven Effekte treten verzögert innert zwei bis vier Wochen ein. Für die konkrete Dosierung gelten die Angaben der jeweiligen Fachinformation.
Für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren kommen reduzierte Dosierungen nur unter ärztlicher Aufsicht in Betracht. Die Anwendung eines selbst hergestellten Johanniskraut-Tees wird nicht empfohlen.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: positive Bewertung
- HMPC (EMA): EU-Herbal-Monographie vorhanden (Hyperici herba); je nach Zubereitung Bewertung als well-established use oder traditional use.
WECHSELWIRKUNGEN
Johanniskraut besitzt ein erhebliches Potenzial für Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Ursache ist insbesondere die Induktion arzneistoff-metabolisierender Enzyme sowie des Transportproteins P-Glykoprotein.
Dadurch kann Johanniskraut die Elimination anderer Arzneistoffe beschleunigen und deren Wirksamkeit vermindern. Gleichzeitig kann es bei Kombination mit anderen Antidepressiva zu pharmakodynamischen Interaktionen bis hin zum Serotoninsyndrom kommen.
Relevante Interaktionen:
- Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus, Sirolimus)
- Anti-HIV-Arzneimittel
- Hepatitis-C-Virustatika
- Zytostatika
- Antikoagulanzien
- hormonelle Kontrazeptiva
- andere Antidepressiva
- bestimmte Antimykotika
Weitere mögliche Interaktionen:
- verminderte Wirkung von Digoxin, Theophyllin, Verapamil, Midazolam und weiteren Arzneistoffen
- Verstärkung serotonerger Wirkungen bei Kombination mit SRI- bzw. SSRI-Antidepressiva
- Verstärkung phototoxischer Wirkungen bei gleichzeitiger Behandlung mit photosensibilisierenden Arzneimitteln
Das Interaktionspotenzial hyperforin-armer Extrakte wird als geringer angesehen.
JOHANNISKRAUT IM GARTEN
Das Johanniskraut ist eine anspruchslose und dekorative Staudenpflanze. Für nährstoffarme Wildgärten ist es besonders gut geeignet.
Der Anbau von Hypericum perforatum im eigenen Garten ist einfach. Am besten die Saat in kleinen Töpfen vorkeimen lassen. Diese nur mit wenig Erde bedecken. Nach etwa 10 Tagen müssen die Setzlinge pikiert werden. Bei einer Grösse von etwa 10 cm werden die Jungpflanzen an ihren endgültigen Standort verpflanzt.
Die Vermehrung kann neben der Aussaat auch durch Wurzelteilung älterer Pflanzen erfolgen. Man kann auch Ausläufer lösen, die sich an der Mutterpflanze bilden, und diese neu pflanzen. In meinem Heilpflanzengarten erhält sich das Johanniskraut von alleine.
Das echte Johanniskraut stellt keine besonderen Ansprüche an den Boden, liebt es jedoch kalkhaltig. Nur Staunässe muss vermieden werden.
Die mehrjährige Heilpflanze ist winterhart und bleibt ohne besonderen Schutz das ganze Jahr im Garten.
Knospen, Blüten und Zweigspitzen des Krautes werden ein- bis zweimal pro Jahr während der Blütezeit geerntet. Anschliessend wird das Erntegut im Schatten bei maximal 40 °C getrocknet.
Bei mir im Garten wächst das Johanniskraut an eher trockenen Stellen in Begleitung von Schöllkraut, Thymian, Rosmarin, Schwalbenwurz, Malven und Goldrute.
SONSTIGES
Das auffallende Johanniskraut heisst unter anderem „Hartheu“, weil seine Stengel derb und hart sind. Die Namen Johannis- und Sonnwendkraut beziehen sich auf die Blütezeit.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Baldrian (Valeriana officinalis) – beruhigend und schlaffördernd.
- Passionsblume (Passiflora incarnata) – bei Nervosität, Angst und innerer Unruhe.
- Lavendel (Lavandula angustifolia) – anxiolytisch bei Unruhe und Anspannung.
- Melisse (Melissa officinalis) – beruhigend bei nervösen Beschwerden.
- Hopfen (Humulus lupulus) – schlaffördernd und sedierend.
FAQ – JOHANNISKRAUT
- Hilft Johanniskraut bei Depressionen?
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte sind in klinischen Studien bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden wirksamer als Placebo. Die Evidenz bezieht sich auf Arzneiextrakte, nicht auf Tee oder Nahrungsergänzungsmittel. - Wann setzt die Wirkung von Johanniskraut ein?
Die Wirkung tritt verzögert ein und wird meist erst nach mehrwöchiger regelmässiger Anwendung beurteilt. Erste Effekte können nach etwa ein bis zwei Wochen auftreten; eine deutlichere Besserung zeigt sich häufig innerhalb von zwei bis sechs Wochen. - Ist Johanniskraut sicher?
Johanniskraut ist bei sachgemässer Anwendung häufig gut verträglich, kann jedoch relevante Wechselwirkungen mit vielen Arzneimitteln verursachen. Vor der Einnahme sollte deshalb geprüft werden, ob Interaktionen zu erwarten sind. - Welche Medikamente vertragen sich nicht mit Johanniskraut?
Johanniskraut kann die Wirkung zahlreicher Medikamente abschwächen oder verändern, u. a. hormonelle Verhütungsmittel, Immunsuppressiva, Antikoagulanzien, bestimmte HIV- und Hepatitis-Medikamente sowie Antidepressiva. - Ist Johanniskraut bei schweren Depressionen geeignet?
Nein. Bei schweren depressiven Episoden ist Johanniskraut nicht geeignet. In solchen Fällen ist eine ärztlich geführte Diagnostik und Therapie erforderlich.
Letzte Änderung: 10.04.2026 / © W. Arnold









