Bittere Schleifenblume – Iberis amara

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Die Bittere Schleifenblume besitzt als Einzeldroge keine eigenständige anerkannte medizinische Anwendung durch HMPC, ESCOP oder Kommission E. Wissenschaftlich relevant ist vor allem der Frischpflanzenextrakt als Bestandteil standardisierter Kombinationspräparate bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.

Iberis amara L. (syn. Biauricula amara, Thlaspi amarum);
Bittere Schleifenblume (syn. Bitterer Bauernsenf, Grützblume, Bauernsenf).

Bittere Schleifenblume (Iberis amara) mit weissen Blüten

VORKOMMEN

Die Bittere Schleifenblume ist in Mittel- und Südeuropa heimisch. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Nordspanien und Frankreich nach Norden bis Südengland. Sie wächst vor allem in Getreideäckern, auf sommertrockenen, basenreichen, meist kalkhaltigen, steinigen Lehmböden. Manchmal ist sie auch im offenen Flusskies zu finden. Als verwilderte Zierpflanze kommt die Schleifenblume gelegentlich an Schuttstellen vor. In Deutschland gilt die Bittere Schleifenblume als stark gefährdet bis vom Aussterben bedroht.

MERKMALE

Iberis amara wird 10–40 cm hoch, ist im oberen Teil verzweigt und mehr oder weniger behaart. Die Blätter sind lanzettlich bis spatelförmig, bis 5 cm lang und etwa 8 mm breit, jederseits mit 2–4 stumpfen Zähnen versehen und am Rand bewimpert. Die Kronblätter sind weiss oder rötlich; die äusseren sind 6–8 mm lang und etwa doppelt so lang wie die inneren. Der Fruchtstand ist verlängert. Die Fruchtstiele stehen fast rechtwinklig ab, sind kurz behaart und 1–2-mal so lang wie die Schötchen. Diese sind rundlich, 4–7 mm lang, vorn geflügelt und spitzwinklig ausgerandet.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Iberidis semen (syn. Semen Iberidis) – Schleifenblumensamen, die reifen Samen.
Iberis amara totalis (syn. Herba Iberidis, Iberis amara recens) – Schleifenblumenkraut, die frische oder gefrorene, ganze blühende Pflanze.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Iberidis semen:

Cucurbitacine: Die Cucurbitacine bilden das bittere Prinzip der Samen. Hauptkomponenten sind Cucurbitacin E und Cucurbitacin I (etwa 0,2 bis 0,4 %, bezogen auf das Frischgewicht). Daneben finden sich Spuren weiterer Cucurbitacine.

Fettes Öl: Die Samen enthalten etwa 13 % fettes Öl, das hauptsächlich aus Behensäure, Ölsäure, Palmitinsäure, Linolensäure, Arachidonsäure und Linolsäure besteht.

Glucosinolate: In den Samen sind Glucosinolate wie Glucoiberin, Glucocheirolin und Glucoibervirin enthalten.

Strukturformel von Glucoiberin, einem Glucosinolat aus Iberis amara

Hydroxyzimtsäurederivate: Aus den Samen wurde ein Sinapinsäureester in Mengen von etwa 0,15 % isoliert.

Strukturformel von Cucurbitacin E aus Iberis amara

Iberis amara totalis:
In der Ganzpflanze sind abhängig vom Reifegrad der Samen Cucurbitacine mit den Hauptsubstanzen Cucurbitacin E und Cucurbitacin I sowie Glucosinolate enthalten.

In den Blüten findet man reichlich Flavonolglykoside mit Kämpferol und Quercetin als Aglyka. Ein für Iberis amara charakteristisches Flavonolglykosid ist Kämpferol-3,4'-O-diglucosyl-7-O-rhamnosid.

Die Frischpflanze enthält in allen Teilen verschiedene Amine, darunter 3-Methylthiopropylamin, (R)-3-Methylsulfinylpropylamin und Ethanolamin.

PHARMAKOLOGIE

Pharmakologisch werden für Extrakte aus Iberis amara Effekte auf die Motilität des Magen-Darm-Trakts beschrieben. In experimentellen Modellen wurden sowohl tonisierende als auch spasmolytische Wirkungen beobachtet. Diese bidirektionale Wirkung wird als möglicher Beitrag zur Normalisierung gestörter Magen-Darm-Motilität diskutiert.

Als Inhaltsstoffe mit möglicher Relevanz gelten vor allem Cucurbitacine, Glucosinolate, Flavonoide und Amine. Die Übertragung experimenteller Befunde auf die Anwendung der Einzeldroge ist jedoch nur eingeschränkt möglich, da klinische Daten überwiegend standardisierte Kombinationspräparate betreffen.

EVIDENZ

Die Evidenz zu Iberis amara ist differenziert zu bewerten. Für die Einzeldroge liegt keine eigenständige HMPC-Monographie und keine breite klinische Studienbasis vor. Klinische Untersuchungen beziehen sich vor allem auf standardisierte Kombinationspräparate, in denen Frischpflanzenextrakt aus Iberis amara mit weiteren Arzneipflanzen kombiniert wird.

Für solche Kombinationspräparate liegen randomisierte und kontrollierte Studien sowie Übersichtsarbeiten bei funktioneller Dyspepsie und funktionellen Magen-Darm-Beschwerden vor. Diese Daten stützen eine plausible Anwendung im Rahmen standardisierter Präparate, erlauben aber keine sichere Zuschreibung der Wirkung allein auf Iberis amara.

  • PubMed – systematische Übersicht zu Iberis amara und einem standardisierten Kombinationspräparat bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.
  • PubMed – multizentrische, placebokontrollierte Doppelblindstudie zu einem pflanzlichen Kombinationspräparat bei funktioneller Dyspepsie.
  • PubMed – pharmakologische Untersuchung zu spasmolytischen und tonisierenden Effekten eines Kombinationspräparats.
  • PubMed – Untersuchung zur Rezeptorbindung einzelner Bestandteile, einschliesslich Frischpflanzenextrakt aus Bitterer Schleifenblume.
  • PMC – Review zu Multitarget-Effekten pflanzlicher Kombinationen bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.

ANWENDUNG

Wegen ihres ausgeprägt bitteren Geschmacks wurde die Bittere Schleifenblume traditionell bei Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden verwendet. Bitterstoffe können reflektorisch Speichel-, Magen- und Verdauungssekretionen anregen. Für Iberis amara werden zudem krampflösende, tonisierende und entzündungsmodulierende Effekte diskutiert.

Heute steht nicht die Anwendung der Einzeldroge im Vordergrund, sondern der Frischpflanzenextrakt als Bestandteil standardisierter Kombinationspräparate bei funktioneller Dyspepsie, Reizmagen, Reizdarm und krampfartigen Verdauungsbeschwerden. Aussagen zur Wirksamkeit sollten sich auf solche geprüften Kombinationen beziehen und nicht unkritisch auf selbst hergestellte Zubereitungen übertragen werden.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Iberis amara wird heute als Einzeldroge kaum arzneilich genutzt. Eine Teezubereitung aus der Pflanze ist nicht üblich und wegen der Inhaltsstoffe nicht als Standardanwendung anzusehen. Medizinisch relevant sind vor allem standardisierte Frischpflanzenextrakte in Kombinationspräparaten.

Dosierung und Anwendungsdauer richten sich bei solchen Präparaten nach der jeweiligen Fach- und Gebrauchsinformation. Bei anhaltenden, neu auftretenden oder starken Magen-Darm-Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.

SICHERHEIT

Die Bittere Schleifenblume enthält Cucurbitacine und weitere bittere Inhaltsstoffe, die in nicht standardisierten Zubereitungen reizend wirken können. Eine Selbstanwendung von Samen oder konzentrierten Auszügen ist deshalb nicht zu empfehlen.

Besondere Vorsicht ist bei Schwangerschaft, Stillzeit, Kindern, bestehenden Magen-Darm-Erkrankungen, unklaren Bauchschmerzen, Blut im Stuhl, unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, Fieber oder länger dauernden Beschwerden geboten. In solchen Fällen ist eine fachliche Abklärung notwendig.

STATUS

  • Kommission E: keine Monographie vorhanden.
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden.
  • HMPC: keine eigenständige Monographie zu Iberis amara vorhanden. Eine HMPC-Monographie zu Species amarae betrifft Bittertee-Kombinationen bei vorübergehender Appetitlosigkeit, nicht die Bittere Schleifenblume als Einzeldroge.

BITTERE SCHLEIFENBLUME IM GARTEN

Der Boden für die Pflanze sollte eher trocken, durchlässig und schwach sauer bis alkalisch sein. Die Bittere Schleifenblume bevorzugt sonnige Standorte; geeignet sind Steingärten, Trockenmauern und magere, kalkhaltige Gartenplätze. Sie bildet ein dichtes, blütenreiches Polster und blüht meist im Frühjahr bis Frühsommer. Die Pflanze kann aus Samen gezogen werden.

Bittere Schleifenblume im Garten

SONSTIGES

Die Anwendung von Iberis amara war bereits in älteren Kräutertraditionen bekannt. Der Gattungsname Iberis wird unterschiedlich gedeutet; häufig wird ein Bezug zu Iberien oder zu kresseähnlichen Pflanzen angenommen. Das Artepitheton amara bedeutet „bitter” und verweist auf den ausgeprägt bitteren Geschmack. Die ungleiche Grösse der vier weissen Kronblätter erinnert an eine Schleife; daher der deutsche Name Schleifenblume.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Gelber Enzian (Gentiana lutea) – klassische Bitterdroge bei Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden.
  • Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) – Bitterstoffpflanze mit traditioneller Anwendung bei dyspeptischen Beschwerden.
  • Kümmel (Carum carvi) – Fruchtdroge bei Blähungen und krampfartigen Verdauungsbeschwerden.
  • Pfefferminze (Mentha x piperita) – ätherischölhaltige Pflanze mit spasmolytischer Wirkung im Magen-Darm-Bereich.
  • Kamille (Matricaria recutita) – entzündungshemmende und krampflösende Arzneipflanze bei Magen-Darm-Beschwerden.

FAQ

  • Hat die Bittere Schleifenblume eine anerkannte medizinische Anwendung? Als Einzeldroge besitzt sie keine eigenständige HMPC-, ESCOP- oder Kommission-E-Monographie. Klinische Daten betreffen vor allem standardisierte Kombinationspräparate.
  • Wird Iberis amara bei Reizmagen oder Reizdarm verwendet? Der Frischpflanzenextrakt wird in standardisierten Kombinationen bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden untersucht und verwendet. Die Wirkung lässt sich jedoch nicht allein der Bitteren Schleifenblume zuschreiben.
  • Welche Inhaltsstoffe sind wichtig? Wichtige Inhaltsstoffgruppen sind Cucurbitacine, Glucosinolate, Flavonolglykoside, fettes Öl und Amine.
  • Kann man Bittere Schleifenblume als Tee verwenden? Eine Teeanwendung der Einzeldroge ist heute nicht üblich. Wegen der Inhaltsstoffe sollten nicht standardisierte Zubereitungen nicht eigenständig angewendet werden.
  • Wann sollte ärztlich abgeklärt werden? Bei starken, neu auftretenden oder länger anhaltenden Magen-Darm-Beschwerden, Blut im Stuhl, Fieber, Gewichtsverlust oder unklaren Schmerzen ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.

Letzte Änderung: 01.05.2026 / © W. Arnold