Gewöhnliche Wegwarte – Cichorium intybus
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Die Wegwartenwurzel (Cichorii intybi radix) wird traditionell bei vorübergehendem Appetitverlust und zur Linderung leichter Verdauungsbeschwerden verwendet. Die HMPC-Einstufung bezieht sich auf die Wurzel, nicht auf die ganze Pflanze.
Gewöhnliche Wegwarte (syn. Gemeine Wegwarte, Wilde Zichorie, Zichorie).
VORKOMMEN
Heimisch ist die Gewöhnliche Wegwarte vor allem in Europa, Westasien und Nordwestafrika. In Nord- und Südamerika sowie in weiteren Regionen wurde die Art eingebürgert. Bei uns ist die Wegwarte eine typische Pionierpflanze trockener, sonniger Standorte. Man findet sie an Wegrändern, auf trockenen Rasen, an Böschungen, in Äckern und auf Schuttplätzen, oft in Nachbarschaft von Schafgarbe, Steinklee oder Wilder Karde.
MERKMALE
Cichorium intybus wird etwa 30 bis 130 cm hoch. Der steife, kantige, aufrechte Stängel ist sparrig verzweigt. Die unteren Blätter sind gestielt, gezähnt oder tiefer gelappt; die oberen Blätter sitzen stängelumfassend. Die Blütenköpfchen stehen meist zu zweit oder dritt in den oberen Blattachseln. Charakteristisch sind die leuchtend blauen Zungenblüten. Die Frucht besitzt keine Haarkrone, sondern nur einen Ring zerschlitzter Schuppen.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Cichorii intybi radix (syn. Radix Cichorii, Radix Intybi); Wegwartenwurzel, die getrocknete Wurzel von Cichorium intybus.
Ältere Literatur nennt auch Cichorii folia et radix bzw. Blätter und Wurzeln. Im heutigen europäischen Arzneimittelkontext ist jedoch vor allem die Wurzel relevant.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Cichorium intybus enthält eine Reihe pharmakologisch relevanter Inhaltsstoffe. Für die arzneiliche Wirkung der Wegwartenwurzel stehen vor allem Bitterstoffe aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone im Vordergrund.
Sesquiterpenlactone (Bitterstoffe)
Die wichtigsten wirksamen Inhaltsstoffe sind Bitterstoffe vom Guajanolid-Typ. Zu den bekannten Verbindungen gehören insbesondere Lactucin, Lactucopikrin und deren Derivate sowie entsprechende Glykoside.
Diese Substanzen prägen den bitteren Geschmack der Droge und sind entscheidend für die appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung. Der Gehalt kann je nach Pflanzenteil und Verarbeitung variieren.
Inulin (Reservekohlenhydrat)
Die Wurzel enthält grössere Mengen Inulin, ein Fructan und Reservekohlenhydrat. Inulin ist für die arzneiliche Bitterwirkung nicht verantwortlich, besitzt jedoch ernährungsphysiologische Bedeutung und wird als präbiotischer Ballaststoff eingeordnet.
Phenolische Verbindungen
Zu den phenolischen Inhaltsstoffen zählen vor allem Zimtsäurederivate wie Chlorogensäure und Isochlorogensäure. Diese Verbindungen tragen zu antioxidativen Eigenschaften bei, stehen jedoch nicht im Zentrum der klassischen Anwendung.
Cumarine
In verschiedenen Pflanzenteilen wurden Cumarine und verwandte Verbindungen nachgewiesen, darunter Aesculetin, Aesculin, Cichoriin, Umbelliferon und Scopoletin.
Diese Stoffe besitzen unterschiedliche biologische Aktivitäten, sind jedoch für die traditionelle Anwendung der Wegwartenwurzel von untergeordneter Bedeutung.
Flavonoide
In den oberirdischen Pflanzenteilen kommen Flavonoide vor, insbesondere Hyperosid sowie weitere flavonoidische Verbindungen. Die Bedeutung dieser Stoffe für die arzneiliche Wirkung ist im Vergleich zu den Bitterstoffen gering.
Insgesamt beruht die arzneiliche Wirkung der Wegwartenwurzel (Cichorii intybi radix) vor allem auf den enthaltenen Sesquiterpenlactonen, während andere Inhaltsstoffe eine unterstützende oder ernährungsphysiologische Rolle spielen.
PHARMAKOLOGIE
Die pharmakologische Wirkung der Wegwartenwurzel wird vor allem mit ihren Bitterstoffen in Verbindung gebracht. Bitterstoffe fördern reflektorisch Speichel-, Magen- und Verdauungssekretion und können so Appetit und Verdauung unterstützen.
Darüber hinaus wird der Wegwarte eine schwach choleretische Wirkung zugeschrieben. Diese Einordnung passt zur traditionellen Anwendung bei leichten dyspeptischen Beschwerden.
Die HMPC-Einstufung beruht jedoch nicht auf einem well-established use, sondern auf traditioneller Anwendung.
EVIDENZ
Die medizinische Bedeutung von Cichorium intybus beruht im europäischen Arzneimittelkontext auf der Wegwartenwurzel (Cichorii intybi radix). Diese ist von der HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Verdauungsbeschwerden und bei vorübergehendem Appetitverlust eingestuft.
Für Blatt und ganze Pflanze besteht keine entsprechende HMPC-Monographie. Die anerkannte traditionelle Anwendung bezieht sich somit auf die Wurzel und nicht auf die Wegwarte als Gesamtdroge.
- HMPC / EMA: Cichorii intybi radix
- EMA: Addendum Assessment Report
- Review: PubMed
- Review: PubMed
ANWENDUNG
Anerkannte traditionelle Anwendung der Wegwartenwurzel: vorübergehender Appetitverlust sowie leichte Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Blähungen und langsame Verdauung.
Andere volksmedizinische und ethnomedizinische Anwendungen der Wegwarte sind davon zu unterscheiden. Für solche Verwendungen besteht im europäischen Arzneimittelrecht keine entsprechende Anerkennung.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
- Art der Anwendung: Zerkleinerte Wurzel für Aufgüsse sowie andere bitter schmeckende Zubereitungen zum Einnehmen.
- Mittlere Tagesdosis: 3 g Droge, soweit nicht anders verordnet.
- Gegenanzeigen: Überempfindlichkeit gegen Wegwarte oder andere Korbblütler. Bei Gallensteinleiden nur nach Rücksprache mit einem Arzt anwenden.
- Nebenwirkungen: In seltenen Fällen können allergische Hautreaktionen auftreten.
- Wechselwirkungen: Keine bekannt.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: keine Bearbeitung
- HMPC: traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Cichorii intybi radix)
WEGWARTE IM GARTEN
Die alte Heilpflanze benötigt einen vollsonnigen Standort mit trockenem, eher nährstoffreichem Boden. Wie ihr Name andeutet, wächst die Wegwarte gerne am Wegrand und auf kiesigen, offenen Stellen.
Vorgezogene Pflanzen sind in Kräutergärtnereien erhältlich. Wer nicht möchte, dass sich die Pflanze selbst aussät, sollte verblühte Blütenstände regelmässig entfernen. Die Wegwarte ist winterhart und pflegeleicht.
Geeignete Begleiter im Garten sind z.B. Kamille, Mohn, Schafgarbe, Johanniskraut und Steinklee.
SONSTIGES
Seit Jahrhunderten werden bestimmte Formen der Wegwarte auch als Salat- und Futterpflanze angebaut. Als Salat eignen sich vor allem Sorten mit geringerem Bitterstoffgehalt. Geröstet ist die fleischige Wurzel ein altbekannter Zusatz oder Ersatz für Bohnenkaffee.
Die Wegwarte zeigt besonders schön, wie nahe bei manchen Arten Arzneipflanze, Nahrungspflanze und Kulturpflanze beieinander liegen.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Taraxacum officinale – ebenfalls Bitterstoffdroge mit traditioneller Anwendung bei Verdauungsbeschwerden.
- Gentiana lutea – klassische Bitterdroge zur Appetit- und Verdauungsanregung.
- Artemisia absinthium – bitterstoffreiche Arzneipflanze bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden.
FAQ
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Wofür wird die Wegwartenwurzel verwendet?
Die Wegwartenwurzel wird traditionell bei vorübergehendem Appetitverlust und zur Linderung leichter Verdauungsbeschwerden verwendet. -
Ist die ganze Wegwarte arzneilich anerkannt?
Im europäischen Arzneimittelkontext bezieht sich die HMPC-Einstufung auf die Wurzel und nicht auf die ganze Pflanze. -
Welche Inhaltsstoffe sind wichtig?
Wichtig sind vor allem Bitterstoffe aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone sowie Inulin. -
Gibt es Gegenanzeigen?
Bei Überempfindlichkeit gegen Wegwarte oder andere Korbblütler sollte die Pflanze nicht angewendet werden. Bei Gallensteinleiden ist ärztliche Rücksprache sinnvoll.
Letzte Änderung: 01.04.2026 / © W. Arnold










