Mariendistel (Silybum marianum) – Wirkung & Anwendung
Überblick und medizinische Bedeutung
Für anerkannte medizinische Zubereitungen der Mariendistel werden ausschließlich die Früchte verwendet. Diese enthalten den Wirkstoffkomplex Silymarin und besitzen leberschützende (hepatoprotektive) sowie antihepatotoxische Eigenschaften. Standardisierte Mariendistel-Extrakte und Silymarinpräparate werden zur Behandlung toxischer Leberschäden sowie unterstützend bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose eingesetzt. Weitere mögliche Anwendungsgebiete sind funktionelle Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Flatulenz und Blähungen.
Silybum marianum (syn. Carduus marianus, Silybum maculatum);
Mariendistel (syn. Frauendistel).
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Botanische Merkmale
Die Mariendistel (Silybum marianum) ist eine ein- bis zweijährige krautige Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Sie erreicht Wuchshöhen von etwa 60 bis 150 cm und besitzt einen kräftigen, aufrechten, meist unverzweigten Stängel.
Die Laubblätter sind groß, wechselständig angeordnet und tief buchtig bis fiederspaltig. Charakteristisch sind die weißlich marmorierten Blattadern sowie die scharf gezähnten Blattränder mit festen, gelblichen Dornen. Die unteren Blätter sind gestielt, die oberen sitzen stängelumfassend.
Die Blütenstände bestehen aus einzelnen, großen, purpur- bis violettfarbenen Röhrenblüten, die von zahlreichen dornigen Hüllblättern umgeben sind. Die Blütezeit erstreckt sich in Mitteleuropa meist von Juni bis August. Als Früchte werden glänzende, braun bis schwarz gefärbte Achänen mit einem weißen, seidig behaarten Pappus ausgebildet.
Diese Früchte stellen die arzneilich verwendete Droge dar (Silybi mariani fructus).
VORKOMMEN UND VERBREITUNG
Die Mariendistel (Silybum marianum) stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und aus Vorderasien. Von dort aus hat sie sich durch menschliche Kultivierung und Verwilderung in weiten Teilen Europas, Nordafrikas, Westasiens sowie in Nord- und Südamerika verbreitet.
Die Pflanze bevorzugt sonnige, warme Standorte mit nährstoffreichen, gut durchlässigen Böden. Typische Wuchsorte sind Ruderalflächen, Wegränder, Böschungen, Äcker, Brachland und Gärten. Aufgrund ihrer Anspruchslosigkeit und hohen Samenproduktion tritt sie mancherorts auch als Neophyt auf.
Die Mariendistel wird gezielt als Arznei- und Nutzpflanze angebaut, insbesondere in Südeuropa, Osteuropa, China und Südamerika. Der Anbau dient der Gewinnung der Früchte, aus denen standardisierte Extrakte mit definiertem Silymaringehalt hergestellt werden.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
1. Cardui mariae fructus - (syn. Silybi marianae fructus, Semen Cardui mariae); Mariendistelfrüchte (syn. Frauendistelfrüchte, Magendistelsamen).
2. Cardui mariae herba - Mariendistelkraut.
INHALTSSTOFFE
Die pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffe der Mariendistel (Silybum marianum) sind in den Früchten lokalisiert. Der Hauptwirkstoff ist der als Silymarin bezeichnete Flavonolignan-Komplex, dessen Gehalt in den Früchten je nach Herkunft und Reifegrad etwa 1,5–3 % beträgt.

Silymarin stellt kein chemisch einheitliches Molekül dar, sondern ein Gemisch strukturell verwandter Flavonolignane. Den quantitativ und pharmakologisch bedeutendsten Anteil bildet Silybin (Silibinin), das aus den beiden Diastereomeren Silybin A und Silybin B besteht. Weitere Bestandteile sind Silychristin, Silydianin sowie geringe Mengen Isosilybin.
Neben dem Silymarin-Komplex enthalten die Früchte fettes Öl mit hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren (insbesondere Linolsäure), ferner Tocopherole, Phytosterole sowie in geringer Menge Bitter- und Schleimstoffe. Diese Begleitstoffe besitzen überwiegend ernährungsphysiologische Bedeutung und tragen nur marginal zu den leberspezifischen Effekten bei.
Für die medizinische Anwendung werden standardisierte Extrakte eingesetzt, die auf einen definierten Silymaringehalt eingestellt sind. Die Standardisierung ist Voraussetzung für reproduzierbare pharmakologische Wirkungen und eine gleichbleibende Qualität der Arzneimittel.
PHARMAKOLOGISCHE WIRKUNGEN
Die pharmakologischen Wirkungen der Mariendistel (Silybum marianum) beruhen überwiegend auf dem Flavonolignan-Komplex Silymarin, insbesondere auf Silybin (Silibinin). Die Effekte betreffen vor allem Hepatozyten und sind multifaktoriell bedingt.
Silymarin stabilisiert die Zellmembranen von Leberzellen und kann dadurch die Aufnahme hepatotoxischer Substanzen vermindern. Zusätzlich besitzt es ausgeprägte antioxidative Eigenschaften, indem es freie Radikale abfängt, lipidperoxidative Prozesse hemmt und die intrazelluläre Glutathion-Konzentration erhält.
Ein weiterer wesentlicher Wirkmechanismus ist die Förderung der Proteinbiosynthese in Hepatozyten durch Stimulation der ribosomalen RNA-Polymerase, was regenerative Prozesse der Leber unterstützen kann. Darüber hinaus wurden entzündungsmodulierende Effekte beschrieben, die bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen von Bedeutung sein können.
Insgesamt ist die pharmakologische Wirkung der Mariendistel als hepatoprotektiv und antioxidativ einzuordnen, wobei die klinische Relevanz insbesondere für standardisierte Extrakte gilt.
ANWENDUNG UND ANWENDUNGSGEBIETE
Für medizinische Anwendungen werden Zubereitungen aus den Früchten der Mariendistel (Silybum marianum) eingesetzt, vor allem in Form standardisierter Extrakte mit definiertem Silymaringehalt. Diese werden innerlich angewendet.
Anerkannte Anwendungsgebiete sind toxische Leberschäden sowie die unterstützende Behandlung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose. Der Einsatz erfolgt dabei ergänzend zu etablierten therapeutischen Maßnahmen.
Darüber hinaus werden Mariendistelfrüchte traditionell bei funktionellen Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Flatulenz und Blähungen verwendet. Für diese Indikationen liegen überwiegend Erfahrungswerte vor, während die klinische Evidenz begrenzt ist.
Nicht standardisierte Zubereitungen, wie Tees aus den Früchten, spielen in der evidenzbasierten Therapie eine untergeordnete Rolle und werden hauptsächlich im traditionell-phytotherapeutischen Kontext eingesetzt.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Für medizinische Anwendungen der Mariendistel (Silybum marianum) werden ausschließlich standardisierte Zubereitungen eingesetzt, darunter Kapseln, Tabletten sowie flüssige Extrakte (Tinkturen, Tropfen). Diese enthalten definierte Mengen des Wirkstoffkomplexes Silymarin und gewährleisten eine reproduzierbare pharmakologische Wirkung.
Teezubereitungen aus Mariendistelfrüchten sind aufgrund der geringen Wasserlöslichkeit von Silymarin pharmakologisch kaum wirksam und spielen in der evidenzbasierten Therapie keine Rolle.
Die übliche Dosierung standardisierter Extrakte beträgt – sofern nicht anders verordnet – 200–400 mg Silymarin pro Tag, berechnet als Silibinin.
STATUS
- Kommission E: - positive Bewertung
- ESCOP: - positive Bewertung
- HMPC: - als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Silybi mariani fructus)
SICHERHEIT UND NEBENWIRKUNGEN
Mariendistel ist insgesamt gut verträglich, insbesondere als standardisierter Silymarin-Extrakt. Gelegentlich treten leichte Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Durchfall) oder Kopfschmerzen auf. Bei Allergie gegen Korbblütler ist Vorsicht geboten.
Für Schwangerschaft und Stillzeit liegen unzureichende Daten vor, daher nicht empfohlen. Klinisch relevante Wechselwirkungen sind selten, bei gleichzeitiger Medikation jedoch zu beachten.
WISSENSCHAFTLICHE BEWERTUNG
Die Wirksamkeit von Zubereitungen aus Mariendistelfrüchten (Silybum marianum) ist Gegenstand zahlreicher experimenteller und klinischer Untersuchungen. Präklinische Studien belegen für den Wirkstoffkomplex Silymarin ausgeprägte hepatoprotektive, antioxidative und membranstabilisierende Effekte. Diese Ergebnisse liefern eine plausible pharmakologische Grundlage für den therapeutischen Einsatz.
Die klinische Studienlage ist hingegen heterogen. Für standardisierte Extrakte liegen Hinweise auf günstige Effekte bei toxischen Leberschäden sowie bei bestimmten chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen vor, insbesondere in Bezug auf Leberenzymwerte und subjektive Symptome. Die Aussagekraft vieler Studien ist jedoch durch methodische Einschränkungen wie kleine Fallzahlen, unterschiedliche Präparate, variable Dosierungen und kurze Beobachtungszeiträume begrenzt.
Eine eindeutige Wirksamkeit bei fortgeschrittener Leberzirrhose, viralen Hepatitiden oder als kausale Therapie konnte bislang nicht überzeugend belegt werden. Der therapeutische Nutzen der Mariendistel wird daher überwiegend als unterstützend und nicht als ersetzend für etablierte medizinische Behandlungsstrategien bewertet.
Zusammenfassend gilt die Anwendung standardisierter Mariendistel-Extrakte als pharmakologisch plausibel und klinisch teilweise gestützt, wobei die Evidenz insgesamt als moderat einzustufen ist. Für nicht standardisierte Zubereitungen, insbesondere Teepräparate, liegen keine belastbaren klinischen Wirksamkeitsnachweise vor.
Wissenschaftliche Literatur (Auswahl)
Systematische Reviews & Metaanalysen
- Saller R. et al. An updated systematic review of the pharmacology of silymarin. Forsch Komplementmed 2007;14(2):70–80. PubMed
- Saller R. et al. An updated systematic review with meta-analysis for the clinical evidence of silymarin. Forsch Komplementmed 2008;15(1):9–20. PubMed
- Rambaldi A. et al. Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C liver diseases. Cochrane Database Syst Rev 2007;CD003620. Cochrane Library
Klinische und pharmakologische Übersichten
- Abenavoli L. et al. Milk thistle (Silybum marianum): a concise overview on its chemistry, pharmacological, and clinical properties. Phytother Res 2018;32:2202–2213. Wiley Library
- Federico A. et al. Silymarin/Silybin and Chronic Liver Disease: A Marriage of Many Years. Molecules 2017;22(2):191. PubMed
FAQ – HÄUFIGE FRAGEN ZUR MARIENDISTEL
Wofür wird Mariendistel medizinisch eingesetzt?
Medizinisch verwendet werden standardisierte Extrakte aus den Früchten (Silybi mariani fructus), die Silymarin enthalten. Anerkannte Anwendungsgebiete sind toxische Leberschäden sowie die unterstützende Behandlung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose. Die Anwendung ersetzt keine ärztliche Therapie, sondern ist – wenn überhaupt – ergänzend zu verstehen.
Hilft Mariendistel bei Fettleber?
Für Fettlebererkrankungen (z.B. nicht-alkoholische Fettleber) gibt es Studien mit uneinheitlichen Ergebnissen. Einzelne Arbeiten berichten Verbesserungen von Leberenzymwerten oder Symptomen, die Datenlage ist jedoch insgesamt heterogen (unterschiedliche Präparate, Dosierungen, Studiendesigns). Mariendistel gilt daher nicht als gesicherte kausale Therapie, sondern höchstens als mögliche unterstützende Maßnahme.
Warum ist Mariendistel-Tee meist kaum wirksam?
Der Hauptwirkstoffkomplex Silymarin ist schlecht wasserlöslich. Bei Teeaufgüssen aus den Früchten werden daher nur geringe Mengen extrahiert. Für eine reproduzierbare pharmakologische Wirkung werden standardisierte Extrakte eingesetzt, die definierte Silymaringehalte enthalten.
Welche Nebenwirkungen und Risiken sind bekannt?
Mariendistel ist im Allgemeinen gut verträglich. Gelegentlich treten Magen-Darm-Beschwerden (z.B. Übelkeit, Durchfall) oder Kopfschmerzen auf. Bei Allergie gegen Korbblütler ist Vorsicht geboten. Für Schwangerschaft und Stillzeit liegen unzureichende Daten vor; daher wird eine Anwendung meist nicht empfohlen.
Gibt es Wechselwirkungen mit Medikamenten?
Klinisch relevante Wechselwirkungen werden insgesamt selten beschrieben, sind aber nicht ausgeschlossen – insbesondere bei regelmäßiger Einnahme von Arzneimitteln. Bei gleichzeitiger Medikation oder chronischen Erkrankungen sollte die Anwendung mit Arzt oder Apotheke besprochen werden.
Warum wird Silymarin bei Knollenblätterpilz-Vergiftungen erwähnt?
In der Behandlung schwerer Vergiftungen durch Knollenblätterpilze spielen spezifische Therapiekonzepte eine Rolle. In diesem Kontext werden auch Substanzen aus der Mariendistel diskutiert bzw. eingesetzt. Das gehört jedoch in ärztliche Behandlung und ist keine Selbsttherapie.
MARIENDISTEL IM GARTEN
Mariendistel liebt sonnige und windgeschützte Plätze. Sandige, stark
durchlässige Böden sind für den Anbau am besten. Moorböden und trockene
Standorte werden ebenfalls toleriert. Der PH-Wert des Bodens sollte
neutral bis leicht alkalisch sein. Die Heilpflanze hat einen mässigen
Wasserbedarf. Auf trockenen Böden muss im Sommer öfters gegossen werden.
Angebaut wird Silybum marianum durch Aussaat, die Pflanze ist meistens
einjährig. Im Garten macht sie sich gut neben anderen einjährigen Pflanzen, wie z.B. dem Einjährigen Beifuss.
Die Mariendistel ist eine sehr schöne Heilpflanze und kann
auch als dekorative Kübelpflanze gezogen werden.
SONSTIGES
Der Name Mariendistel geht auf eine volkstümliche Legende zurück, wonach die Jungfrau Maria beim Stillen ihres Kindes einige Tropfen Milch auf die Blätter einer Distel verloren haben soll. Die charakteristischen weiß gefleckten Blattadern wurden in diesem Zusammenhang als „Milchspuren“ gedeutet.
Botanisch wurde die Art ursprünglich als Carduus marianus beschrieben (carduus = Distel). Später erfolgte die taxonomische Zuordnung zur eigenständigen Gattung Silybum, unter der sie heute als Silybum marianum geführt wird.
Experimentelle Untersuchungen, unter anderem von Forschern der Colorado State University, zeigten im Jahr 2011, dass Silymarin in Tiermodellen das Wachstum bestimmter Tumoren, darunter Lungenkarzinome bei Mäusen, verlangsamen kann. Diese Ergebnisse stammen aus präklinischer Forschung und lassen keine direkten Rückschlüsse auf eine Wirksamkeit beim Menschen zu.
Die Mariendistel war zeitweise weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst durch moderne analytische Methoden und klinische Untersuchungen rückten ihre Inhaltsstoffe, insbesondere Silymarin, wieder in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Die heutige medizinische Bewertung stützt sich jedoch auf klar begrenzte, unterstützende Anwendungsgebiete.
Letzte Änderung: 04.01.2026 / © W. Arnold







