Pilze - eine Übersicht
Diese Seite bietet eine umfassende Übersicht über Pilze: ihre Biologie, bekannte Arten, Bedeutung als Nahrungs- und Heilmittel, Risiken durch Gift- und Schimmelpilze sowie Informationen zu Pilzinfektionen und symbiotischen Gruppen wie Flechten.
Pilze gehören zu den am weitesten verbreiteten Organismen der Erde. Sie besiedeln nahezu alle Lebensräume – vom Boden und Totholz über Pflanzen und Tiere bis hin zu extremen Standorten. Biologisch bilden Pilze ein eigenständiges Reich (Fungi) und sind damit weder Pflanzen noch Tiere, auch wenn sie im Alltag oft mit Pflanzen verwechselt werden.
Pilze sind heterotrophe Lebewesen, das heisst: Sie können keine Photosynthese betreiben und sind auf organische Stoffe als Nahrungsquelle angewiesen. Ihre Lebensweise ist ausserordentlich vielfältig – sie können als Zersetzer, Symbionten (z. B. Mykorrhiza) oder Parasiten auftreten. Viele Pilze spielen eine zentrale Rolle im Stoffkreislauf der Natur, andere sind für den Menschen als Speisepilze, Heilpilze, aber auch als Gift- oder Schimmelpilze von Bedeutung.
Was alles zum Reich der Pilze gehört, ist für Laien oft überraschend. Neben den bekannten Grosspilzen zählen auch Schimmelpilze, Hefen, Krankheitserreger (Mykosen) und flechtenbildende Pilze dazu.
Die folgende Übersicht fasst diese Vielfalt in thematischen Kapiteln zusammen. Die Einteilung erfolgt nicht streng wissenschaftlich-systematisch, sondern bewusst praxisnah und populärwissenschaftlich, um einen verständlichen Einstieg in die Welt der Pilze zu ermöglichen.
Speisepilze
Die charakteristischen Pilzfruchtkörper, wie wir sie als Pilzsammler schätzen und erkennen, werden von den sogenannten höheren Pilzen gebildet. Zu ihnen zählen praktisch alle bekannten Speisepilze. Der sichtbare Fruchtkörper dient in erster Linie der Fortpflanzung. Der eigentliche Pilz lebt meist verborgen im Boden, im Holz oder im Substrat und besteht aus einem fein verzweigten Geflecht aus Pilzfäden, dem Mycel, das aus einzelnen Hyphen aufgebaut ist.
Die höheren Pilze lassen sich vereinfacht in zwei grosse Klassen einteilen, die sich vor allem durch die Art der Sporenbildung unterscheiden:
Schlauchpilze (Ascomyceten)
Die Schlauchpilze besitzen als gemeinsames Merkmal den Ascus (Sporenschlauch), in dem die Sporen gebildet werden. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem begehrte Speisepilze wie die Speisemorchel. Auch zahlreiche weitere Morchelarten sind geschätzte Frühlingspilze.
Ständerpilze (Basidiomyceten)
Die Ständerpilze bilden ihre Sporen an speziellen, meist keulen- oder flaschenförmigen Zellen, den Basidien, die sich an der Oberfläche der Fruchtschicht befinden. Zu dieser Klasse gehört der überwiegende Teil der klassischen Speisepilze, darunter der Steinpilz, der Pfifferling, der Riesenschirmling sowie zahlreiche weitere Röhrlinge, Blätterpilze und Leistlinge.
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Die häufigsten Speisepilze und ihre Doppelgänger |
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Pilzfotos mit Beschreibung der Pilze (nicht systematisch) |
Giftpilze
Als Giftpilze werden vor allem Grosspilze bezeichnet – also Pilzarten, die wie die Speisepilze deutlich ausgebildete Fruchtkörper mit Hut und Stiel besitzen. Giftpilze produzieren Toxine, die für den Menschen schwer gesundheitsschädlich oder sogar tödlich sein können. Für uns Pilzsammler ist eine sichere Unterscheidung zwischen Giftpilzen und Speisepilzen daher manchmal überlebenswichtig, wie beim besonders gefährlichen Grünen Knollenblätterpilz.
Heute unterscheidet man rund 12 klinisch relevante Pilzvergiftungs-Syndrome. Sie sind durch typische Symptom-Konstellationen gekennzeichnet und erlauben es, differentialdiagnostisch Rückschlüsse auf den aufgenommenen Pilz oder die Pilzgruppe zu ziehen:
- Acromelalga-Syndrom (z. B. Wohlriechender Trichterling)
- Coprinus-Syndrom (z. B. Faltentintling)
- Equestre-Syndrom (Grünling)
- Gyromitra-Syndrom (Frühjahrslorchel)
- Morchella-Syndrom (Morcheln)
- Muskarin-Syndrom (z. B. Risspilze)
- Orellanus-Syndrom (z. B. Rauhköpfe)
- Fliegenpilz-Syndrom (Pantherina-Syndrom) (Fliegenpilz, Pantherpilz)
- Paxillus-Syndrom (Kahler Krempling)
- Phalloides-Syndrom (z. B. Knollenblätterpilze)
- Psilocybin-Syndrom (z. B. Kahlköpfe)
Die grösste diagnostische Herausforderung bei Pilzvergiftungen ist für Mediziner der sichere Ausschluss einer Knollenblätterpilzvergiftung (siehe Links). Diese verläuft unbehandelt häufig schwer oder tödlich. Die meisten anderen Pilzvergiftungen äussern sich hingegen in der Regel nur durch gastroenteritische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.
Schimmelpilze – Mykotoxine
Mykotoxine (Schimmelpilzgifte) sind sekundäre Stoffwechselprodukte, die von verschiedenen Schimmelpilzen gebildet werden. Heute sind rund 200 verschiedene Mykotoxine bekannt, die von über 300 Pilzarten produziert werden. Mykotoxine zählen zu den hochpotenten Giftstoffen und können bei Menschen und Tieren bereits in sehr geringen Konzentrationen toxische Wirkungen entfalten.
Je nach chemischer Struktur und biologischer Wirkung werden Mykotoxine in mehrere Stoffgruppen eingeteilt:
- Aflatoxine (Fact-Sheet, Werner Arnold, Chemiker FH, Labor Spiez)
- Alternaria-Toxine
- Fumonisine
- Fusarium-Toxine
- Mutterkornalkaloide
- Ochratoxine
- Trichothecene
Der Mensch ist gegenüber Mykotoxinen vor allem durch die Kontamination von Lebensmitteln gefährdet. Praktisch alle verschimmelten Nahrungsmittel können Mykotoxine enthalten. Abhängig von Art, Dosis und Expositionsdauer können Mykotoxine akut oder chronisch toxisch wirken, unter anderem lebertoxisch, nierentoxisch, immunsuppressiv oder kanzerogen.
Pilze und Arzneistoffe
Für die Herstellung von Arzneistoffen werden einige Pilzarten in der Pharmazie und Medizin seit Langem geschätzt. Zahlreiche Pilzinhaltsstoffe dienen dabei nicht nur direkt als Wirkstoffe, sondern auch als Leitstrukturen für die Entwicklung und Synthese neuer Medikamente.
- Das Antibiotikum Penicillin wird von Schimmelpilzen der Gattung Penicillium (klassisch Penicillium notatum) gebildet. Es wirkt antibiotisch durch Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
- Lovastatin wird unter anderem von den Pilzen Aspergillus terreus und Monascus ruber produziert. Lovastatin ist ein zugelassener Cholesterinsynthese-Hemmer (Statin) und senkt die LDL-Plasmakonzentration.
- Der Pilz Claviceps purpurea befällt Roggen und führt zur Bildung des Mutterkorns (Secale cornutum). Die im Mutterkorn enthaltenen Lysergsäurederivate (z. B. Ergotamine) werden in der Medizin teilweise noch heute therapeutisch eingesetzt.

Mutterkorn
(Secale cornutum)
Psychoaktive Pilze
Als psychoaktive Pilze werden Pilzarten bezeichnet, die psychotrope Inhaltsstoffe wie Psilocybin, Psilocin, Baeocystin, Muscimol oder Ergin enthalten. Am bekanntesten sind die psilocybinhaltigen Pilze („Magic Mushrooms“), deren Wirkung häufig als dem Halluzinogen LSD ähnlich beschrieben wird.
Zu dieser Gruppe zählen sowohl exotische Arten wie Psilocybe cubensis oder Psilocybe mexicana, als auch einheimische Arten, darunter der Spitzkegeliger Kahlkopf (Psilocybe semilanceata).
Unerfahrene Pilzsucher setzen beim Sammeln sogenannter „Magic Mushrooms“ ihre Gesundheit einem erheblichen Risiko aus. Grund ist vor allem die Verwechslungsgefahr mit giftigen Pilzarten. So enthält der Fliegenpilz (Amanita muscaria) die giftige und zugleich psychotrope Ibotensäure, die beim Trocknen teilweise in das pharmakologisch deutlich wirksamere Muscimol umgewandelt wird.
Pilzerkrankungen
Synonyme: Mykosen, Pilzinfektionen, Pilzkrankheiten
Mykosen sind durch Pilze verursachte Infektionskrankheiten. Typische Beispiele beim Menschen sind Fusspilz, Nagelpilz, Scheidenpilz und Mundsoor. Klinisch bedeutsam ist die Abgrenzung zwischen oberflächlichen Hautmykosen, die grundsätzlich bei gesunden Menschen auftreten können, und opportunistischen Pilzinfektionen, die vor allem bei geschwächtem Immunsystem (z. B. bei schweren Grunderkrankungen oder immunsuppressiver Therapie) vorkommen.
Die Behandlung von Mykosen erfolgt je nach Erreger, Lokalisation und Schweregrad lokal (äusserlich) und/oder systemisch (innerlich) mit sogenannten Antimykotika.
Auch im Pflanzenreich spielen Pilzerkrankungen eine grosse Rolle. Zu den bekannten Pilzkrankheiten an Kultur- und Nutzpflanzen gehören unter anderem die Kraut- und Knollenfäule (Kartoffeln), der Mehltau (z. B. bei Äpfeln und Trauben), der Schwarzrost (Getreide), verschiedene Blattfleckenkrankheiten sowie Wurzel- und Stängelfäulen bei Kultur- und Zierpflanzen. Erwähnenswert sind zudem die weit verbreiteten Pilzerkrankungen der Kastanien sowie das Ulmensterben.
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| Eine von Knollenfäule befallene Kartoffel |
Schleimpilze
Die Schleimpilze (Mycetozoa bzw. Eumycetozoa) sind ein Sammelbegriff für überwiegend einzellige Organismen, die in ihrer Lebensweise sowohl Merkmale von Tieren als auch von Pilzen zeigen. Trotz ihres Namens gehören sie weder zum Reich der Pilze noch zu den Tieren.
Die Gruppe umfasst schätzungsweise rund 1000 Arten; die tatsächliche Artenzahl ist jedoch unsicher. Nach heutiger Auffassung stellen die Schleimpilze keine einheitliche systematische Gruppe mehr dar. Ihre Erforschung erfolgt innerhalb der Biologie vor allem durch die Botanik bzw. die Mykologie, teils auch durch die Protistologie.
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| Ein Schleimpilz – Trichia decipiens |
Flechten
Flechten sind Symbiosen zwischen einem Pilz (Mykobiont) und photosynthetisch aktiven Partnern, meist einzelligen Grünalgen oder Cyanobakterien (Photobionten). Der Pilz stellt dabei den überwiegenden Anteil der Flechte und prägt ihre äussere Gestalt. Durch die Photosynthese der Symbionten ist die Lebensgemeinschaft weitgehend unabhängig von externen organischen Nahrungsquellen.
Flechten sind in der Lage, extreme Lebensräume zu besiedeln, die weder der Pilz noch die Alge allein dauerhaft ertragen könnten, etwa Felsflächen, Baumrinden, Tundren oder Hochgebirge. Der Pilz schützt den Photosynthesepartner vor Austrocknung und mechanischen Einflüssen, während die Alge bzw. das Cyanobakterium dem Pilz organische Substanzen liefert.
Die flechtenbildenden Pilze sind ohne ihre jeweiligen Symbionten in der Regel nicht lebensfähig. Grünalgen und Cyanobakterien hingegen können auch selbstständig existieren; der Vorteil der Symbiose liegt für sie in der Erschliessung eines deutlich erweiterten Lebensraumspektrums.

Heil- und Vitalpilze
Heilpilze gehören zu den ältesten bekannten Naturarzneien. In Ostasien, insbesondere in China und Japan, werden bestimmte Pilzarten seit mehreren tausend Jahren in der traditionellen Medizin verwendet. Heil- und sogenannte Vitalpilze finden dort unter anderem zur Stärkung der Abwehrkräfte, zur Unterstützung bei Herz- und Kreislauferkrankungen sowie zur Regulation von Blutzucker und Blutdruck Anwendung.
Weitere traditionelle Einsatzgebiete umfassen die Unterstützung der Leberfunktion, die Begleitbehandlung von Allergien, die Gewichtsreduktion sowie die Steigerung von Vitalität und Leistungsfähigkeit. Auch in der komplementärmedizinischen Onkologie werden Heilpilze vereinzelt als begleitende Massnahme eingesetzt.
Der Shiitake (Lentinula edodes) wird seit Jahrhunderten als Speise- und Heilpilz geschätzt und zählt zu den bekanntesten Vertretern dieser Gruppe.
Die therapeutische Anwendung von Pilzen wird als Mykotherapie bezeichnet. Dieser Ansatz versteht sich als ganzheitlich und individuell. Aus wissenschaftlicher Sicht existiert für viele der behaupteten Wirkungen bislang keine ausreichende evidenzbasierte Absicherung. Entsprechende Präparate sind in der Schweiz und in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen und gelten in der Regel als Nahrungsergänzungsmittel.
Letzte Änderung: 20.01.2026 / © W. Arnold





