Weissdorn – Crataegus monogyna
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung & Dosierung | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Weissdornblätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore) werden heute vor allem in standardisierten Zubereitungen verwendet. Nach der HMPC-Monographie der EMA handelt es sich um ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung vorübergehender nervöser Herzbeschwerden nach ärztlichem Ausschluss ernster Ursachen sowie zur Linderung leichter Stresssymptome und zur Unterstützung des Schlafs.
Crataegus monogyna Jacq.; Eingriffeliger Weissdorn, Einkern-Weissdorn, Weissdorn.
Weitere Bilder:
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VORKOMMEN
Der Eingriffelige Weissdorn ist eine der häufigsten Weissdornarten Mitteleuropas. Er wächst in Gebüschen, Hecken, lichten Laubwäldern, an Waldrändern, auf Felsheiden sowie an Zäunen und Wegrändern. Bevorzugt werden kalkreiche Lehmböden, doch ist die Art insgesamt anpassungsfähig und auf sehr unterschiedlichen Böden anzutreffen. Das Verbreitungsgebiet reicht von Europa bis nach Vorderasien.
Als ökologisch wertvoller Strauch gehört der Weissdorn neben Arten wie Sanddorn, Faulbaum, Holunder, Berberitze oder Weiden in viele Naturgärten.
MERKMALE
Crataegus monogyna ist ein dicht verzweigter Strauch oder kleiner Baum von bis zu etwa 10 Metern Höhe. Die Rinde ist zunächst glatt und olivgrün bis graubraun; ältere Pflanzen bilden eine Schuppenborke. Die Laubblätter sind 5 bis 7 Zentimeter lang und tief gelappt, meist mit 3 bis 7 zugespitzten Abschnitten. Charakteristisch sind die zahlreichen kräftigen Dornen.
Die weissen bis cremefarbenen, fünfzähligen Blüten erscheinen von Mai bis Juni in vielblütigen Trugdolden. Sie sind meist 8 bis 15 Millimeter breit. Die reifen, roten Scheinfrüchte sind eiförmig, fleischig und enthalten in der Regel nur einen Steinkern, was zur Abgrenzung gegenüber anderen Weissdornarten beitragen kann.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Crataegi flos (syn. Flores Crataegi); Weissdornblüten, die getrockneten Blüten.
Crataegi folium cum flore (syn. Folia Crataegi, Herba Crataegi cum floribus); Weissdornblätter mit Blüten, die getrockneten, blühenden Zweigspitzen.
Crataegi fructus (syn. Fructus Crataegi, Fructus Oxyacanthae); Weissdornfrüchte, die getrockneten Scheinfrüchte.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Crataegi folium cum flore:
Weissdornblätter mit Blüten enthalten oligomere Procyanidine, Flavonoide und weitere phenolische Verbindungen. Zu den wichtigeren Flavonoiden gehören Hyperosid, Rutosid, Vitexin und Vitexin-2"-O-rhamnosid. Daneben kommen Phenolcarbonsäuren, Triterpene, Polysaccharide und geringe Mengen weiterer Begleitstoffe vor.

Crataegi fructus:
Die Früchte enthalten ebenfalls oligomere Procyanidine und Flavonoide, insgesamt jedoch meist in geringerer Konzentration als die Blattdroge mit Blüten. Medizinisch steht deshalb vor allem Crataegi folium cum flore im Vordergrund.
PHARMAKOLOGIE
Für Weissdornzubereitungen werden gefässrelaxierende, antioxidative und kardiale Effekte diskutiert. In pharmakologischen Untersuchungen wurden unter anderem Einflüsse auf die Gefässfunktion, die Kontraktilität des Herzmuskels und die koronare Durchblutung beschrieben. Als relevante Stoffgruppen gelten insbesondere oligomere Procyanidine und Flavonoide.
Die Wirkungen standardisierter Extrakte treten nicht sofort ein, sondern entwickeln sich eher verzögert über längere Einnahmezeiträume. Klinisch relevant sind deshalb vor allem standardisierte Extrakte; einfache Hauszubereitungen lassen sich nicht direkt mit den untersuchten Fertigextrakten gleichsetzen.
EVIDENZ
Die klinische Evidenz zu Weissdorn beruht vor allem auf standardisierten Extrakten aus Weissdornblättern mit Blüten (Crataegi folium cum flore). Ältere kontrollierte Studien und Meta-Analysen zeigten Hinweise auf eine Besserung von Belastbarkeit, Symptomen und einzelnen physiologischen Parametern bei leichter chronischer Herzinsuffizienz als Zusatzbehandlung. Spätere grössere randomisierte Studien unter moderner Standardtherapie ergaben jedoch keinen klaren zusätzlichen symptomatischen oder funktionellen Nutzen. Weissdorn ersetzt deshalb keine etablierte kardiologische Behandlung.
Die heutige HMPC-Monographie der EMA stuft Weissdornblätter mit Blüten als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein. Die traditionellen Anwendungsgebiete betreffen vorübergehende nervöse Herzbeschwerden nach ärztlichem Ausschluss ernster Ursachen sowie leichte Stresssymptome und die Unterstützung des Schlafs. Für Weissdornfrüchte allein ist die Evidenz deutlich schwächer.
- HMPC / EMA: Crataegi folium cum flore
- HMPC / EMA: European Union herbal monograph on Crataegus spp., folium cum flore
- HMPC / EMA: Assessment report on Crataegus spp., folium cum flore
- PubMed: Hawthorn extract for treating chronic heart failure: meta-analysis of randomized trials
- PubMed: Hawthorn extract for treating chronic heart failure
- PubMed: The efficacy and safety of Crataegus extract WS 1442 in patients with heart failure
ANWENDUNG
Heutige medizinische Einordnung
Medizinisch relevant sind vor allem standardisierte Zubereitungen aus Weissdornblättern mit Blüten. Nach heutiger europäischer Monographielage steht dabei die traditionelle Anwendung im Vordergrund. Weissdorn kann bei vorübergehenden nervösen Herzbeschwerden, leichten Stresssymptomen und zur Unterstützung des Schlafs eingesetzt werden, sofern ernsthafte kardiale Ursachen ärztlich ausgeschlossen wurden.
Historische und klinische Einordnung
Die ältere deutsche Kommission-E-Monographie bewertete Weissdornblätter mit Blüten positiv und stellte die nachlassende Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend Stadium II nach NYHA in den Vordergrund. Diese historische Bewertung erklärt die bis heute verbreitete Einordnung des Weissdorns als Herzpflanze. Die neuere regulatorische Bewertung durch das HMPC der EMA ist jedoch zurückhaltender und stützt sich auf traditionelle Anwendung.
Wichtige Hinweise
- Bei Brustschmerzen, Atemnot, ausstrahlenden Schmerzen oder Wasseransammlungen in den Beinen ist eine rasche ärztliche Abklärung notwendig.
- Weissdorn ersetzt keine Behandlung einer Herzinsuffizienz oder anderer Herzerkrankungen.
- Bei unklaren Herzbeschwerden ist Selbstmedikation nicht ausreichend.
Volkstümliche Verwendung
Traditionell werden Weissdornblätter mit Blüten sowie verschiedene Auszüge zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion verwendet. Diese Anwendungen beruhen weitgehend auf Überlieferung und langjähriger Erfahrung; sie sind nicht mit der Evidenz standardisierter klinisch untersuchter Extrakte gleichzusetzen.
ZUBEREITUNG & DOSIERUNG
Medizinisch verwendet werden vor allem standardisierte Fertigarzneimittel aus Weissdornblättern mit Blüten. Bei solchen Präparaten ist der Gehalt an Flavonoiden oder oligomeren Procyanidinen definiert. Die klinische Aussagekraft bezieht sich deshalb vor allem auf standardisierte Extrakte und nicht auf beliebige Tees oder Frischpflanzenzubereitungen.
Da Weissdornpräparate meist über längere Zeit eingenommen werden, ist die Dosierung den Herstellerangaben beziehungsweise der medizinischen Empfehlung zu entnehmen. Bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.
STATUS
- Kommission E: positive Monographie für Weissdornblätter mit Blüten (historische deutsche Bewertung)
- ESCOP: monographisch berücksichtigt
- HMPC / EMA: traditionelles pflanzliches Arzneimittel für Crataegi folium cum flore (EMA)
WEISSDORN IM GARTEN
Crataegus monogyna ist eine ausserordentlich wertvolle Nahrungspflanze für Vögel, Insekten und kleinere Säugetiere. Er gehört zu den ökologisch wichtigsten heimischen Sträuchern und sollte in Naturgärten häufiger gepflanzt werden. Weissdorn liebt sonnige Standorte, ist sehr robust und wächst auf den meisten Böden zuverlässig.
Der Strauch oder kleine Baum ist gut schnittverträglich und kann problemlos auf Gartenformat gehalten werden. Bei mir im Garten wachsen Christrosen, Schneeglöckchen, Maiglöckchen, Storchenschnabel, Schwarze Johannisbeere und die Traubensilberkerze zu seinen Füssen.
SONSTIGES
Der Weissdorn spielte auch in der europäischen Kulturgeschichte eine Rolle. In der Antike und später im Volksglauben galt er als Schutzpflanze und wurde mit Fruchtbarkeit, Glück und Abwehr böser Einflüsse verbunden. Für die heutige Phytotherapie ist jedoch vor allem die pharmakognostische und regulatorische Einordnung relevant.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Leonurus cardiaca – traditionelle Arzneipflanze bei nervösen Herzbeschwerden.
- Valeriana officinalis – mild sedierend bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen.
- Passiflora incarnata – traditionelle Arzneipflanze bei nervöser Unruhe und Stresssymptomen.
- Lavandula angustifolia – traditionell bei innerer Unruhe und leichten Stresssymptomen verwendet.
FAQ
- Wofür wird Weissdorn heute verwendet?
Weissdornblätter mit Blüten werden heute vor allem in standardisierten Präparaten verwendet. Im Vordergrund stehen traditionelle Anwendungen bei vorübergehenden nervösen Herzbeschwerden nach ärztlichem Ausschluss ernster Ursachen sowie bei leichten Stresssymptomen. - Hilft Weissdorn bei Herzinsuffizienz?
Ältere Studien zeigten Hinweise auf einen Nutzen standardisierter Extrakte als Zusatzbehandlung. Die Gesamtevidenz ist jedoch uneinheitlich. Weissdorn ersetzt keine kardiologische Standardtherapie. - Sind Weissdornfrüchte medizinisch gleichwertig?
Nein. Pharmakognostisch und regulatorisch steht vor allem Crataegi folium cum flore im Vordergrund. Weissdornfrüchte allein haben eine deutlich geringere medizinische Bedeutung. - Ist Weissdorn gut verträglich?
Standardisierte Präparate gelten im Allgemeinen als gut verträglich. Bei Brustschmerzen, Atemnot, Wasseransammlungen in den Beinen oder ausstrahlenden Schmerzen ist immer eine ärztliche Abklärung nötig.
Letzte Änderung: 02.04.2026 / © W. Arnold







