Passionsblume (Passiflora incarnata)
Inhaltsverzeichnis: Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung | Status | FAQ | Garten | Sonstiges
Die anerkannten medizinischen Anwendungen von Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) sind nervöse Anspannung, Unruhezustände und Erregbarkeit mit Einschlafstörungen. Nach neueren Erkenntnissen werden der Passionsblume (Passiflora incarnata) auch angstlösende Eigenschaften bei leichten Angstzuständen zugeschrieben.
Passiflora incarnata
(syn.: Granadilla incarnata, Passiflora kerii)
Passionsblume (syn.: Fleischfarbene Passionsblume)
Weitere Bilder:
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VORKOMMEN
Die fleischfarbene Passionsblume (Passiflora incarnata) stammt aus Nordamerika. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt vor allem im südöstlichen Teil der USA. Auch auf den Bermudas und den Antillen sowie in Teilen Mittelamerikas kommt die Art vor.
Heute wird die Passionsblume in verschiedenen subtropischen Regionen kultiviert, unter anderem in Florida und Indien. Als dekorative Kletterpflanze sind Passionsblumen zudem in vielen Gärten Europas verbreitet.
MERKMALE
Die fleischfarbene Passionsblume (Passiflora incarnata) ist eine ausdauernde Kletterpflanze, die Wuchshöhen von bis zu 10 m erreichen kann. Der teilweise verholzende Stängel ist an jüngeren Teilen grün und im Querschnitt leicht eckig. Die netznervigen Laubblätter sind wechselständig angeordnet, tief dreilappig und am Rand gesägt bis fein gezähnt.
Die radiärsymmetrischen, fünfzähligen Blüten erreichen einen Durchmesser von etwa 6–10 cm. Sie stehen einzeln an bis zu 10 cm langen Blütenstielen und werden von drei zugespitzten Hochblättern umgeben. Die fünf Kelchblätter sind aussen grünlich, innen weisslich und bis zu 3 cm lang. Die fünf Kronblätter sind etwas kürzer als die Kelchblätter und meist blassrosa gefärbt, wobei die Farbe variabel sein kann.
Zur Verankerung dienen korkenzieherartig gewundene Sprossranken.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Passiflorae herba (syn.: Herba Passiflorae); Passionsblumenkraut. Dieses muss stets von Passiflora incarnata stammen; andere Passiflora-Arten gelten als Verfälschungen.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Alkaloide:
Das Vorkommen von
Harman-Alkaloiden
ist umstritten. Möglicherweise toxische Harman-Alkaloide sind höchstens
in sehr geringen Konzentrationen vorhanden. Nach der Kommission E
darf der Gehalt an Harman-Alkaloiden 0,01 % nicht überschreiten.
Nach neueren Untersuchungen gilt als gesichert, dass Harman-Alkaloide in
Passiflora incarnata (Handelsdroge) praktisch nicht vorkommen.
Ätherisches Öl:
In einigen Monographien wird ein ätherisches Öl als Inhaltsstoff
aufgeführt, es ist jedoch von geringer Bedeutung (Gehalt vermutlich
<0,1 %). Zu den einzelnen Bestandteilen liegen kaum Angaben vor.
Cumarine:
Cumarin-Derivate gelten als Inhaltsstoffe und sind in Spuren nachgewiesen.
Cyanogene Glykoside:
Das cyanogene Glykosid Gynocardin ist charakteristisch für
Passiflora incarnata; es wurde bisher in keiner anderen
Passionsblumenart nachgewiesen. Der Gehalt ist jedoch sehr gering und
gilt als unbedenklich. Theoretisch kann aus Gynocardin Blausäure
freigesetzt werden, diese konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden.
Flavonoide:
Wie bei vielen Passiflora-Arten dominieren C-Glykoside von Apigenin und
Luteolin. Neuere Untersuchungen zeigen, dass neben Isoorientin und
Isovitexin auch Isoschaftosid, Lucenin-2, Schaftosid, Vicenin-2 sowie
Isoorientin- und Isovitexin-2"-glucosid zu den wichtigsten
Verbindungen gehören. Die Angaben zum Gesamtgehalt an Flavonoiden
schwanken beträchtlich (abhängig vom Analyseverfahren) und liegen
zwischen etwa 0,5 % und 4 % in der getrockneten Droge.
Ähnliches gilt für Maltol: Es ist nicht gesichert, ob Maltol in
Passiflora incarnata regelmässig vorkommt; nach älteren
Untersuchungen wurde es in kleinen Mengen nachgewiesen.
PHARMAKOLOGIE
Extrakte aus Passiflora incarnata zeigen in pharmakologischen Untersuchungen anxiolytische und leicht sedierende Eigenschaften. Die Droge wird daher traditionell bei nervösen Unruhezuständen, Spannungszuständen sowie bei Einschlafstörungen eingesetzt.
Als mögliche pharmakologische Grundlage der Wirkung werden vor allem Flavonoide der Droge diskutiert. Experimentelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass Inhaltsstoffe von Passiflora incarnata das GABAerge System modulieren können und dadurch eine dämpfende Wirkung auf das zentrale Nervensystem ausüben. Die genaue Bedeutung der einzelnen Inhaltsstoffe und der zugrunde liegenden Wirkmechanismen ist jedoch noch nicht vollständig geklärt.
Passionsblume bei Angstzuständen:
In klinischen Studien wurde die anxiolytische Wirkung von
Passionsblumenextrakten untersucht. In einer Untersuchung mit Patienten
mit generalisierten Angststörungen zeigte ein standardisierter
Passionsblumenextrakt eine deutliche anxiolytische Wirkung bei nur
geringer sedierender Komponente. Weitere kontrollierte Studien
(Vergleich u. a. mit Oxazepam oder Mexazolam) kamen zu
vergleichbaren Ergebnissen.
Neuere Untersuchungen befassen sich zudem mit möglichen
Wirkmechanismen der Passionsblume.
Zeitschrift für Phytotherapie 2014; 35(05): 215–218
Wirkmechanismus der Passionsblume aufgeklärt
EVIDENZ
Die medizinische Anwendung von Passiflora incarnata beruht überwiegend auf langjähriger traditioneller Verwendung sowie auf pharmakologischen und klinischen Untersuchungen. Randomisierte, placebokontrollierte klinische Studien nach heutigen evidenzbasierten Kriterien liegen nur in begrenztem Umfang vor.
Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes erkannte Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) zur Behandlung von nervösen Unruhezuständen an. Auch die ESCOP führt Passionsblumenkraut bei nervöser Unruhe sowie bei Einschlafstörungen auf.
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der European Medicines Agency (EMA, HMPC) stuft Passiflora incarnata als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von mentalem Stress sowie als Einschlafhilfe ein.
Experimentelle Untersuchungen zeigen für Extrakte aus Passiflora incarnata anxiolytische und leicht sedierende Eigenschaften. Als mögliche pharmakologische Grundlage der Wirkung werden vor allem Flavonoide diskutiert, die eine Modulation des GABAergen Systems im zentralen Nervensystem bewirken könnten.
Einzelne klinische Studien deuten darauf hin, dass standardisierte Passionsblumenextrakte bei generalisierten Angststörungen eine anxiolytische Wirkung besitzen können. Die Datenlage ist jedoch insgesamt begrenzt und weitere kontrollierte klinische Studien sind erforderlich, um Wirksamkeit und Wirkmechanismus genauer zu beurteilen.
Referenzen
- European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) (2014): Community herbal monograph on Passiflora incarnata L., herba. EMA-Monographie (PDF)
- European Medicines Agency (EMA), HMPC (2014): Assessment report on Passiflora incarnata L., herba. EMA Assessment Report (PDF)
- Dhawan K., Dhawan S., Sharma A. (2004): Passiflora: a review update. Journal of Ethnopharmacology 94(1): 1–23. PubMed
- Appel K. et al. (2011): Modulation of the gamma-aminobutyric acid (GABA) system by Passiflora incarnata. Phytotherapy Research. PubMed
- Kommission E (1990): Monographie Passionsblumenkraut (Passiflorae herba). Bundesanzeiger.
- ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy): ESCOP Monographs – The Scientific Foundation for Herbal Medicinal Products. Passiflorae herba.
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Anwendung
- Die Kommission E nennt als Anwendungsgebiet „nervöse Unruhezustände“.
- Die ESCOP erweitert das Anwendungsgebiet auf Angespanntheit und Erregbarkeit mit Einschlafstörungen.
- Das Passionsblumenkraut wurde vom HMPC der European Medicines Agency als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von mentalem Stress sowie als Einschlafhilfe eingestuft.
Verwendet wird das Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) oder daraus hergestellte Extrakte, meist ethanolische Trockenextrakte.
In nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln aus der Gruppe der Schlaf- und Beruhigungsmittel wird Passionsblumenkraut häufig in Kombination mit anderen Arzneipflanzen eingesetzt, insbesondere mit Baldrian, Weissdorn, Hopfenzapfen oder Melissenblättern.
Volkstümliche Anwendungen der Passionsblume
Die Anwendung von Passionsblumenkraut geht auf
volksmedizinische Erfahrungen in Nord- und Südamerika zurück.
Traditionell wurden Zubereitungen bei Schlaflosigkeit,
nervlicher Überreizung sowie bei verschiedenen nervösen
Beschwerden eingesetzt.
Im angelsächsischen Sprachraum werden ausserdem Anwendungen bei Neuralgien, nervöser Tachykardie, Hysterie oder spastischem Asthma beschrieben. Für diese Anwendungsgebiete liegen jedoch keine ausreichenden kontrollierten klinischen Studien vor.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Die Tagesdosis für Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) beträgt etwa 4–8 g Droge, beispielsweise als Teeaufguss (mehrmals täglich etwa 2 g).
Heute wird Passiflora incarnata meist in Form standardisierter Extrakte in Fertigarzneimitteln verwendet (Tabletten, Dragees oder Tropfen).
STATUS
- Kommission E – positive Bewertung
- ESCOP – positive Bewertung
- HMPC – als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Passiflorae herba)
FAQ ZUR PASSIONSBLUME
Wofür wird Passionsblume medizinisch verwendet?
Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) wird traditionell bei nervösen Unruhezuständen, Anspannung sowie bei Einschlafstörungen eingesetzt. Die beruhigende Wirkung wird vor allem auf Flavonoide der Pflanze zurückgeführt.
Wirkt Passionsblume gegen Angst?
Extrakte aus Passiflora incarnata können anxiolytische (angstlösende) Eigenschaften besitzen. Einige klinische Studien deuten auf eine Wirkung bei leichten Angstzuständen hin. Die Datenlage ist jedoch noch begrenzt.
Hilft Passionsblume beim Einschlafen?
Passionsblume wird häufig bei nervös bedingten Einschlafstörungen verwendet. Die Wirkung ist in der Regel mild und beruht auf einer beruhigenden Wirkung auf das zentrale Nervensystem.
Wie schnell wirkt Passionsblume?
Die Wirkung von Passionsblumenextrakten kann innerhalb von etwa 30 bis 90 Minuten einsetzen. Bei regelmässiger Einnahme über mehrere Tage kann sich die beruhigende Wirkung verstärken.
Welche Inhaltsstoffe sind pharmakologisch relevant?
Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen gehören Flavonoide, insbesondere C-Glykoside von Apigenin und Luteolin. Diskutiert wird zudem eine mögliche Modulation des GABAergen Systems im zentralen Nervensystem.
Welche Pflanzenteile werden verwendet?
Verwendet wird das Passionsblumenkraut (Passiflorae herba), also die oberirdischen Teile der Pflanze Passiflora incarnata. Andere Passionsblumenarten gelten als Verfälschungen der Droge.
Hat Passionsblume Nebenwirkungen?
Passionsblumenkraut gilt allgemein als gut verträglich. Gelegentlich können leichte Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Magenbeschwerden auftreten. Schwere Nebenwirkungen sind bei bestimmungsgemässem Gebrauch nicht bekannt.
Kann Passionsblume zusammen mit anderen Arzneipflanzen verwendet werden?
Passionsblume wird häufig in Kombination mit anderen beruhigenden Arzneipflanzen eingesetzt, insbesondere mit Valeriana officinalis (Baldrian), Humulus lupulus (Hopfen) oder Melissa officinalis (Melisse).
PASSIONSBLUME IM GARTEN
Die fleischfarbene Passionsblume bevorzugt einen sonnigen, warmen Standort – dort blüht sie besonders reich bis in den Herbst hinein. Fleischfarbene und blaue Passionsblume werden sowohl als Kübelpflanze als auch (in milden Lagen) im Garten kultiviert.
Als Kübelpflanze wird sie frostfrei überwintert. Im Freiland ist je nach Region und Standort ein guter Winterschutz nötig (z.B. eine dicke Mulchschicht aus trockenem Laub). In rauen Lagen kann sie trotz Schutz zurückfrieren.
Die Passionsblume stellt keine hohen Ansprüche an den Boden. Ideal ist ein humoser, gut wasserdurchlässiger Untergrund mit neutraler bis leicht saurer Reaktion. Als Kübelpflanze freut sie sich während der Vegetationszeit über gelegentliche Gaben eines flüssigen Volldüngers. Eine Rankhilfe ist notwendig, damit die Triebe klettern können.
Während der Sommersaison sollte der Wurzelballen gleichmässig feucht gehalten werden: Passiflora incarnata liebt Sonne und Wärme, hat aber gleichzeitig einen hohen Wasserbedarf. Vermehren lässt sich die Pflanze gut über Stecklinge.
SONSTIGES
Die Gattungsbezeichnung Passiflora (lat. passio = Leiden, flos = Blume) verweist auf die Passion Christi. In frühen Beschreibungen wurden verschiedene Blütenmerkmale religiös gedeutet: Die Nebenkrone als Dornenkrone, die fünf Staubblätter als Wundmale, die drei Narben als Kreuznägel und die Sprossranken als Geisseln.
Letzte Änderung: 03.03.2026 / © W. Arnold



