Meerzwiebel – Urginea maritima
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die Meerzwiebel (Urginea maritima, heute häufig Drimia maritima) ist eine stark wirksame und giftige Arzneipflanze mit Bufadienolid-Herzglykosiden. Historisch wurde die Droge bei leichteren Formen der Herzinsuffizienz eingesetzt. Für die Selbstmedikation ist sie wegen enger therapeutischer Breite und erheblicher Vergiftungsgefahr nicht geeignet.
Urginea maritima (syn. Drimia maritima, Scilla hispanica, Scilla maritima, Squilla maritima, Urginea scilla);
Meerzwiebel (syn. Mäusezwiebel, Rattenzwiebel).
VORKOMMEN
Die weisse und die rote Meerzwiebel sind im Mittelmeerraum verbreitet und kommen auch auf den Kanarischen Inseln vor. Die Pflanze bevorzugt Küstennähe, Garigues, Weiden, Sandböden und Felsfluren. Vom Weidevieh wird sie wegen ihrer Giftigkeit in der Regel gemieden.
Kulturen wurden unter anderem in den USA, Indien und Pakistan angelegt. Arzneilich wurde traditionell vor allem die weisszwiebelige Form verwendet. Formen mit roten Zwiebeln enthalten besonders toxikologisch relevante Bufadienolide und wurden traditionell auch als Rodentizid genutzt.
MERKMALE
Die Meerzwiebel ist eine ausdauernde krautige Pflanze. Nicht blühend erreicht sie etwa 50 cm Höhe, mit Blütenstand bis etwa 150 cm. Die grundständigen Laubblätter sind breit-lanzettlich, bis etwa 50 cm lang und überdauern das Winterhalbjahr.
Im Frühsommer welken die Blätter, und die Pflanze übersteht die sommerliche Trockenzeit als Geophyt mit einer auffallend grossen Zwiebel. Diese kann mehr als 15 cm Durchmesser erreichen, bis zu 3 kg schwer werden und teilweise aus dem Boden herausragen.
Im Spätsommer bis Herbst erscheint vor dem neuen Blattaustrieb ein reichblütiger, traubiger Blütenstand. Die Blütenhüllblätter sind weisslich und zeigen häufig einen purpurnen oder grünlichen Mittelnerv.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Scillae bulbus (syn. Bulbus Scillae, Bulbus Urgineae, Cepa marina);
verwendet wurde die kurz nach der Blüte gesammelte, getrocknete Zwiebel.
Die Droge ist stark wirksam und giftig. Eine Anwendung als Teedroge oder zur Selbstbehandlung ist wegen der herzwirksamen Bufadienolide nicht vertretbar.
WIRKSTOFFE
Die wichtigsten pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoffe der Meerzwiebel sind Herzglykoside aus der Gruppe der Bufadienolide. Der Gesamtgehalt wird in der Literatur meist mit etwa 0,2–0,4 % angegeben, kann aber je nach Herkunft, Varietät, Erntezeitpunkt und Verarbeitung deutlich schwanken.
Zu den wichtigsten Bufadienoliden der weissen Meerzwiebel gehören Scillaren A, Proscillaridin A und Glucoscillaren A. Diese Verbindungen besitzen eine herzwirksame Struktur und stehen pharmakologisch den Digitalisglykosiden nahe, unterscheiden sich jedoch in Pharmakokinetik und Wirkungsdauer.
Die rote Meerzwiebel enthält vor allem Scillirosid und verwandte Bufadienolide. Scillirosid ist für die starke Giftwirkung der roten Formen besonders bedeutsam und erklärt die historische Nutzung als Ratten- und Mäusegift.
Neben den Bufadienoliden wurden Flavonoide, Anthocyane, Schleimstoffe und weitere Begleitstoffe beschrieben. Für die therapeutische und toxikologische Bewertung sind jedoch die herzwirksamen Bufadienolide entscheidend.
PHARMAKOLOGIE
Bufadienolide der Meerzwiebel hemmen, ähnlich wie Digitalisglykoside, die Natrium-Kalium-ATPase. Dadurch steigt die intrazelluläre Natriumkonzentration, was über den Natrium-Calcium-Austauscher zu einer Erhöhung der intrazellulären Calciumkonzentration führen kann. Die Folge ist eine positiv inotrope Wirkung am Herzen.
Im Vergleich zu Digitalisglykosiden wird die Wirkung der Meerzwiebelglykoside traditionell als rascher einsetzend und weniger lang anhaltend beschrieben. Die Kumulationsneigung wurde historisch als geringer eingeschätzt. Dennoch bleibt die therapeutische Breite eng.
Die perorale Bioverfügbarkeit wurde in älterer Literatur als begrenzt beschrieben. Klinisch ist die Droge heute weitgehend verlassen, weil besser steuerbare und standardisierte Herzmedikamente zur Verfügung stehen und die Giftigkeit der Pflanze erheblich ist.
EVIDENZ
Die medizinische Anwendung der Meerzwiebel bei leichteren Formen der Herzinsuffizienz ist historisch begründet und pharmakologisch durch die Bufadienolid-Herzglykoside plausibel. Moderne klinische Studien zur Droge selbst spielen jedoch kaum eine Rolle. Die heutige Bewertung wird vor allem durch die enge therapeutische Breite, die Giftigkeit und die Verfügbarkeit besser kontrollierbarer Arzneimittel bestimmt.
- PubMed: Bufadienolides from Urginea maritima sensu strictu: Analytische Arbeit zur Isolierung und Charakterisierung zahlreicher Bufadienolide aus den Zwiebeln von Urginea maritima. Die Publikation stützt die chemische Einordnung der herzwirksamen Inhaltsstoffe.
- PubMed: About the bufadienolide complex of red squill: Arbeit zum Bufadienolid-Komplex roter Meerzwiebel-Formen. Relevant für die Unterscheidung zwischen weissen arzneilich genutzten Formen und roten, besonders toxischen Formen.
- PubMed: Urginea maritima toxicity: Fallbezogene toxikologische Darstellung einer Meerzwiebelvergiftung mit Symptomen, die einer Herzglykosidintoxikation entsprechen.
- PMC: Bulbous Plants Drimia – A Thin Line between Poisonous and Healing Compounds: Übersicht zu Inhaltsstoffen, traditioneller Nutzung und toxikologischen Aspekten von Drimia-Arten.
- EMA/HMPC: Für Scillae bulbus beziehungsweise Drimia maritima ist keine EU-Herbal-Monographie vorhanden.
Insgesamt ist die pharmakologische Plausibilität stark, die moderne klinische Evidenz für eine Anwendung der Droge selbst jedoch begrenzt und historisch überholt. Für eine Selbstmedikation ist die Meerzwiebel nicht geeignet.
ANWENDUNG
Historisch wurde die Meerzwiebel bei leichteren Formen der Herzinsuffizienz eingesetzt, auch wenn eine verminderte Nierenleistung vorlag. Diese Anwendung beruht auf der positiv inotropen Wirkung der Bufadienolide.
Eine Einstufung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ist wegen der starken Herzwirkung und der engen therapeutischen Breite nicht sinnvoll. Die Droge selbst wird heute kaum noch verwendet.
Für die Selbstbehandlung von Herzbeschwerden ist die Meerzwiebel ungeeignet. Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen, Ödeme und Atemnot erfordern ärztliche Abklärung und kontrollierte Therapie.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Die Droge selbst ist heute praktisch nicht mehr im therapeutischen Gebrauch. Historische Angaben zu Zubereitung und Dosierung sind wegen der Giftigkeit nicht für eine Selbstanwendung geeignet.
Reine oder standardisierte Wirkstoffe aus der Meerzwiebel wurden pharmazeutisch genutzt, haben aber in der heutigen Therapie weitgehend an Bedeutung verloren. Meerzwiebel und ihre aktiven Inhaltsstoffe werden in der Schweiz pharmazeutisch nicht mehr genutzt.
Von Teezubereitungen, Pulvern, selbst hergestellten Auszügen oder Anwendungen aus selbst gesammelten Pflanzenteilen ist abzuraten.
SICHERHEIT
Die Meerzwiebel ist als stark giftig zu betrachten. Giftig ist die gesamte Pflanze, besonders die Zwiebel. Die enthaltenen Bufadienolide können schwere Herzglykosidvergiftungen auslösen.
Mögliche Vergiftungssymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Bradykardie, Herzrhythmusstörungen, AV-Block, Hyperkaliämie, Krämpfe und Kreislaufversagen. Schwere Vergiftungen können lebensbedrohlich verlaufen.
Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen, Personen mit Herzrhythmusstörungen, Nierenfunktionsstörungen oder Elektrolytstörungen sowie Personen, die Herzglykoside, Diuretika, Antiarrhythmika oder andere herzaktive Arzneimittel einnehmen.
Eine Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit ist kontraindiziert. Bei Verdacht auf Einnahme oder Vergiftung ist sofort medizinische Hilfe erforderlich.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung für leichtere Formen der Herzinsuffizienz; heutige Anwendung wegen enger therapeutischer Breite und Giftigkeit praktisch verlassen.
- ESCOP: keine Monographie vorhanden.
- HMPC: keine Monographie vorhanden.
GARTEN
Die Meerzwiebel ist an mediterrane Standorte mit trockenen Sommern und milden Wintern angepasst. Sie benötigt einen sehr durchlässigen, mineralischen Boden und einen sonnigen, warmen Standort.
In Mitteleuropa ist eine Kultur im Freiland nur an sehr geschützten Standorten möglich. Häufiger ist eine Topfkultur mit frostfreier, trockener Überwinterung.
Wegen der Giftigkeit sollte die Pflanze nicht an Orten kultiviert werden, an denen Kinder oder Haustiere Zugang zu den Zwiebeln haben.
SONSTIGES
Der Gebrauch der Meerzwiebel als Arzneipflanze reicht weit zurück. Bereits in der Antike wurde sie wegen harntreibender und auswurffördernder Eigenschaften beschrieben. Später wurde besonders ihre Wirkung auf das Herz beachtet.
Die rote Meerzwiebel war wegen des Scillirosidgehalts als Rodentizid bekannt. Der Name Rattenzwiebel verweist auf diese historische Nutzung.
Botanisch wird die Art heute häufig als Drimia maritima geführt. In älterer pharmazeutischer Literatur sind weiterhin die Namen Urginea maritima, Scilla maritima und Squilla maritima verbreitet.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) – stark herzwirksame Giftpflanze mit Cardenolidglykosiden.
- Wolliger Fingerhut (Digitalis lanata) – wichtige historische Quelle herzwirksamer Digitalisglykoside.
- Maiglöckchen (Convallaria majalis) – giftige Pflanze mit herzwirksamen Glykosiden.
- Adonisröschen (Adonis vernalis) – herzwirksame Arzneipflanze mit enger therapeutischer Breite.
- Oleander (Nerium oleander) – stark giftige Pflanze mit herzwirksamen Glykosiden.
FAQ
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Wofür wurde die Meerzwiebel medizinisch verwendet?
Historisch wurde sie bei leichteren Formen der Herzinsuffizienz eingesetzt. -
Warum ist die Meerzwiebel gefährlich?
Sie enthält stark wirksame Bufadienolide, die schwere Herzrhythmusstörungen und lebensbedrohliche Vergiftungen verursachen können. -
Welche Inhaltsstoffe sind wichtig?
Wichtig sind Scillaren A, Proscillaridin A, Glucoscillaren A und bei roten Formen Scillirosid. -
Kann man Meerzwiebel als Tee verwenden?
Nein. Teezubereitungen und Selbstanwendungen sind wegen der Giftigkeit nicht empfehlenswert. -
Gibt es eine HMPC-Monographie?
Nein. Für Meerzwiebel ist keine HMPC-Monographie vorhanden.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold

