Wermut - Artemisia absinthium

Die anerkannte medizinische Anwendung von Wermutkraut ist die Behandlung von vorübergehender Appetitlosigkeit sowie dyspeptischen Beschwerden mit leichten Krämpfen im Magen-Darm-Bereich.

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Warnung | Zubereitung & Dosierung | Status | Im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Artemisia absinthium (syn. Absinthium majus, A. officinale);
Wermut (syn. Absinth, Alsem, Bitterer Beifuss, Wurmkraut)

Wermut-Pflanze (Artemisia absinthium) - Blütenzweig und Blätter

VORKOMMEN

Wermut kommt natürlich im gemässigten Eurasien sowie in Nordafrika vor. Man findet die Pflanze auf Ödland, an sonnigen Wegrändern, an Böschungen und auf trockenen Ruderalflächen. Sie wächst bevorzugt auf eher trockenen, kalkhaltigen oder sandig-tonigen Böden. In Nordamerika wurde die Art eingebürgert und kommt dort in sich selbst erhaltenden Populationen vor.

Blühende Zweige vom Wermut

MERKMALE

Der Wermut ist eine verzweigte, ausdauernde Pflanze mit unten verholzender Basis und krautigen, aromatisch duftenden Zweigen. Er erreicht meist 40 bis 60 Zentimeter, gelegentlich auch bis etwa 150 Zentimeter Höhe und kann mehrere Jahre alt werden. Die oberirdischen Teile erscheinen gräulich-grün bis silbrig behaart. Der Stängel ist graufilzig, die Blätter sind zwei- bis dreifach fiederschnittig und beidseits behaart. Die unteren Blätter sind lang gestielt, die oberen sitzend. Die kleinen gelblichen Blüten sitzen in kurz gestielten, nickenden Köpfchen, die zu rispenartigen Blütenständen zusammengefasst sind.

Blätter vom Wermut (Artemisia absinthium)

DROGEN (VERWENDETE PFLANZENTEILE)

Absinthii herba - Wermutkraut (syn. Eltzkraut, Magenkraut), verwendet werden die zur Blütezeit gesammelten und getrockneten Laubblätter und blütentragenden Zweigspitzen.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Ätherisches Öl:
Wermutkraut enthält bis etwa 1,5 % ätherisches Öl. Das Öl ist komplex zusammengesetzt; beschrieben sind zahlreiche Mono- und Sesquiterpene. Die Zusammensetzung schwankt je nach Herkunft erheblich. Bedeutend sind insbesondere β-Thujon, cis-Epoxycimen, trans-Sabinylacetat und Chrysanthenylacetat. Daneben wurden u. a. Linalool, Cineol und Thujylacetat sowie Sesquiterpene wie α-Bisabolol, β-Curcumen und Spathulenol nachgewiesen.

Bitterstoffe:
Charakteristisch sind bittere Sesquiterpenlactone. Zu ihnen gehören vor allem Absinthin, Anabsinthin, Artabsin, Isoabsinthin und Matricin. Diese Stoffgruppe ist wesentlich für den ausgeprägt bitteren Geschmack und die appetitanregende Wirkung verantwortlich.

Flavonoide:
Nachgewiesen wurden Glykoside von Quercetin und Kämpferol sowie lipophile Aglykone wie Artemisitin.

Weitere Bestandteile:
Enthalten sind ausserdem Kaffeesäure und andere Phenolcarbonsäuren, Cumarine, Lignane und vermutlich kleinere Mengen an Polyacetylenen.

Chemische Struktur von Absinthin und Thujon

PHARMAKOLOGIE

Die pharmakologische Wirkung von Wermut beruht vor allem auf bitteren Sesquiterpenlactonen wie Absinthin. Diese Bitterstoffe aktivieren Bitterrezeptoren im Mundraum und lösen reflektorisch eine vermehrte Sekretion von Speichel, Magensaft und anderen Verdauungssäften aus. Dadurch wird der Appetit angeregt und die Verdauung unterstützt.

Neben den Bitterstoffen enthält Wermut ein ätherisches Öl mit zahlreichen Mono- und Sesquiterpenen. Von toxikologischer Bedeutung ist insbesondere Thujon. In höheren Dosen kann dieser Inhaltsstoff neurotoxische Wirkungen entfalten und das zentrale Nervensystem beeinflussen.

Da wässrige Aufgüsse im Vergleich zu alkoholischen Zubereitungen deutlich weniger Thujon enthalten, gelten sie als weniger problematisch. Das reine ätherische Öl des Wermuts wird wegen seines hohen Thujongehalts medizinisch nicht verwendet.

EVIDENZ

Die am besten abgesicherte medizinische Anwendung von Wermut (Artemisia absinthium) liegt im Bereich der traditionellen Phytotherapie bei vorübergehender Appetitlosigkeit sowie bei dyspeptischen beziehungsweise gastrointestinalen Beschwerden. Die Plausibilität der Wirkung wird vor allem auf den hohen Gehalt an Bitterstoffen zurückgeführt.

Das HMPC (Herbal Medicinal Products Committee) der European Medicines Agency (EMA) stuft Wermutkraut (Absinthii herba) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein. Die Anwendung wird insbesondere bei vorübergehendem Appetitverlust sowie bei milden dyspeptischen oder gastrointestinalen Beschwerden beschrieben (siehe EU-Herbal Monograph).

Der wissenschaftliche Hintergrund sowie pharmakologische und toxikologische Daten sind im ausführlichen Assessment Report der EMA zusammengefasst.

Klinische Studien mit moderner Evidenzstärke sind im Vergleich zu etablierten Arzneimitteln begrenzt. Die Bedeutung von Wermut liegt daher in erster Linie in seiner gut begründbaren traditionellen Verwendung als bitterstoffhaltiges Verdauungsmittel.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Anwendung:

  • ESCOP und Kommission E: bei Appetitlosigkeit sowie bei dyspeptischen Beschwerden mit leichten Krämpfen im Magen-Darm-Bereich.
  • Das HMPC stuft Wermutkraut (Absinthii herba) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein. Es kann zur Behandlung von vorübergehendem Appetitverlust sowie bei milden dyspeptischen oder gastrointestinalen Beschwerden verwendet werden.

Wermut wird traditionell als appetitanregendes und verdauungsförderndes Bittermittel eingesetzt. Die enthaltenen Sesquiterpenlactone und weiteren Bitterstoffe regen reflektorisch die Sekretion von Speichel und Verdauungssäften an. Dadurch wird der Appetit angeregt und die Verdauung unterstützt. Typische Anwendungsgebiete sind funktionelle Verdauungsbeschwerden, Völlegefühl und eine verminderte Esslust.

In der Phytotherapie wird Wermut häufig in Kombination mit anderen verdauungsfördernden Heilpflanzen eingesetzt, beispielsweise mit Anis, Tausendgüldenkraut, Fenchel, Gelber Enzian, Wacholder, Kamille, Melisse, Fieberklee, Rosmarin oder Baldrian.

Neben der innerlichen Anwendung wurde Wermut in der traditionellen Volksmedizin gelegentlich auch äusserlich verwendet. Im heutigen medizinischen Gebrauch steht jedoch die Anwendung als Bittermittel zur Unterstützung von Appetit und Verdauung im Vordergrund.

WARNUNG

Vergiftungserscheinungen können bei starker Überdosierung auftreten und sind vor allem auf die toxische Wirkung des Thujons zurückzuführen. Mögliche Symptome sind Benommenheit, Erbrechen, Bauchschmerzen und in schweren Fällen Nierenschäden sowie Störungen des Zentralnervensystems.

Im Gegensatz zu alkoholischen Auszügen enthalten wässrige Aufgüsse in der Regel deutlich geringere Mengen an Thujon. Das reine ätherische Öl des Wermuts wird wegen seines hohen Thujongehalts in der Phytotherapie nicht verwendet.

Bei anhaltenden oder unklaren Magen-Darm-Beschwerden, bei Gallenwegserkrankungen oder bei Überempfindlichkeit gegenüber Korbblütlern sollte vor einer Anwendung eine fachliche Abklärung erfolgen.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Wermutkraut wird traditionell als Tee (Aufguss) angewendet. In der Phytotherapie werden ausserdem verschiedene Fertigarzneimittel mit Wermutkraut oder Wermutextrakten verwendet, häufig in Kombination mit anderen bitterstoffhaltigen Heilpflanzen.

Teebereitung:
Etwa 1,5 g fein geschnittenes Wermutkraut (= etwa 1 Teelöffel) mit einer Tasse siedendem Wasser übergiessen und bedeckt etwa 10 bis 15 Minuten ziehen lassen. Danach abseihen.

Zur Appetitanregung wird der Tee traditionell etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten getrunken. Bei Verdauungsbeschwerden kann die Einnahme auch nach den Mahlzeiten erfolgen.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung
  • ESCOP: positive Bewertung
  • HMPC: als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Absinthii herba)

WERMUT IM GARTEN

Die Staude bevorzugt einen trockenen, eher steinigen und kalkhaltigen Standort. Sie ist eine typische Ruderalpflanze und insgesamt anspruchslos. Artemisia absinthium kann aus Samen oder Stecklingen herangezogen werden; meist ist der Kauf einer Jungpflanze in der Kräutergärtnerei jedoch einfacher. Wermut liebt einen vollsonnigen Standort.

Auch als Kübelpflanze ist Wermut gut geeignet, benötigt dann aber Schutz vor starkem Frost. Im Herbst kann eine mässige Kompostgabe sinnvoll sein. Bei geeigneter Lage bleibt die Pflanze viele Jahre vital und aromatisch.

Blühender Zweig der Wermutpflanze

SONSTIGES

Wermut ist seit Jahrtausenden eine geschätzte Heil- und Bitterpflanze. Schon in der Antike und im Mittelalter wurde er als Magenmittel, Wurmmittel und tonisierende Arznei beschrieben. Hildegard von Bingen erwähnte Wermut ebenfalls. Neben seiner medizinischen Bedeutung wurde die Pflanze auch kulturgeschichtlich bekannt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Absinth.

Der alte bergische Spruch „Wermot ist för alles got“ verweist auf die frühere hohe Wertschätzung dieser Pflanze. Aus heutiger Sicht ist Wermut vor allem als stark bitteres traditionelles Verdauungsmittel von Bedeutung.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

Weitere bitterstoffhaltige Heilpflanzen mit traditioneller Anwendung bei Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden:

FAQ ZU WERMUT

Wofür wird Wermut verwendet?
Wermut wird traditionell bei vorübergehender Appetitlosigkeit und bei dyspeptischen Beschwerden eingesetzt. Typisch sind Völlegefühl, leichte Magen-Darm-Krämpfe und eine träge Verdauung.

Wie wirkt Wermut?
Die Wirkung beruht vor allem auf bitteren Sesquiterpenlactonen wie Absinthin. Bitterstoffe regen reflektorisch die Bildung von Speichel und Verdauungssäften an und fördern damit Appetit und Verdauung.

Ist Wermuttee sinnvoll?
Ja, Wermuttee ist eine klassische traditionelle Zubereitung. Entscheidend ist die massvolle Dosierung, da Wermut Bestandteile des ätherischen Öls mit toxikologischer Relevanz enthält.

Ist Wermut giftig?
In normaler Dosierung als Tee oder Fertigpräparat steht die Bitterwirkung im Vordergrund. Problematisch wird Wermut bei Überdosierung oder bei konzentrierten alkoholischen beziehungsweise ätherischen Zubereitungen, weil Thujon neurotoxisch wirken kann.

Letzte Änderung: 08.03.2026 / © W. Arnold