Andorn – Marrubium vulgare

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Anerkannte medizinische Anwendung von Andornkraut: bei Appetitlosigkeit, bei leichten Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Flatulenz sowie traditionell als Expektorans bei erkältungsbedingtem Husten.

Marrubium vulgare (syn. Marrubium album, M. germanicum, Prasium marrubium);
Gemeiner Andorn (syn. Mauer-Andorn, Weisser Andorn, Weisser Dorant).

Blühender Andorn

Gemeiner Andorn – Marrubium vulgare

Andornpflanzen (Marrubium vulgare)

VORKOMMEN

Der Gewöhnliche Andorn ist in Mittel- und auch in Nordeuropa seit langer Zeit eingebürgert. Heimisch ist die Pflanze vom Mittelmeer bis Zentralasien. In Nord- und Südamerika, Südafrika und Australien wurde der Andorn eingeschleppt. In den wärmeren und trockeneren Landschaften Mitteleuropas war diese Pflanze früher besonders im Bereich von Dörfern häufig anzutreffen. Andorn wächst mit Vorliebe in trockenen Unkrautfluren, auf Schuttplätzen, an Wegrändern, Zäunen und auf Weiden. Der kräftige Geruch und der bittere Geschmack halten Weidetiere weitgehend von dieser Pflanze fern. Gerade die für Geruch und Geschmack verantwortlichen Stoffe haben den Andorn aber schon sehr früh zu einer vielseitig verwendeten Heilpflanze gemacht.

MERKMALE

Andorn ist eine 30 bis 60 cm hohe, dicht filzig behaarte Staude. Die vierkantigen Stängel tragen gegenständige Blätter und in den unteren Blattachseln kurze, nicht blühende Triebe. Die Blätter sind runzelig. Die annähernd kugeligen Scheinquirle folgen in beträchtlichen Abständen aufeinander und bestehen aus zahlreichen kleinen, weissen Blüten. Die Oberlippe der Blüte ist tief in zwei schmale Lappen geteilt. Die Unterlippe besitzt zwei kleine Seitenlappen und einen grossen, ausgerandeten Mittellappen. Die Staubfäden und Griffel sind nicht sichtbar, da sie in der Kronröhre eingeschlossen bleiben. Der Gewöhnliche Andorn blüht in Mitteleuropa von Juni bis September.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Marrubii herba (syn. Herba Marrubii, Herba Marrubii vulgaris);
Andornkraut (syn. Weisses Andornkraut), die Blätter und blühenden Spitzen.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Ätherisches Öl:
In Spuren (bis etwa 0,06 %) ätherisches Öl mit Monoterpenen wie Camphen, p-Cymol, Fenchen, Limonen, α-Pinen, Sabinen und α-Terpinen.

Diterpene:
Bitterstoffe der Labdanreihe mit der Hauptkomponente Marrubiin (0,1 bis 1 %) sowie Premarrubiin. Weitere Diterpene sind Marrubenol, Marrubiol, Peregrinol und Vulgarol.

Marrubiin – Inhaltsstoff von Andorn

Phenylethanoid-Derivate:
Bis zu 5 %, insbesondere Acteosid (= Verbascosid), Forsythosid B und weitere Derivate.

Acteosid beziehungsweise Verbascosid – Inhaltsstoff des Andorns

Gerbstoffe:
Bis zu 7 % nicht näher definierte Lamiaceen-Gerbstoffe und Hydroxyzimtsäurederivate mit Chlorogen-, Kaffee-, 1-Kaffeoylchina- und Kryptochlorogensäure. Rosmarinsäure wurde nicht nachgewiesen.

Flavonoide:
Flavon- und Flavonolglykoside sowie deren Aglyka, darunter Apigenin, Luteolin, Quercetin, Chrysoeriol, Vicenin II und Vitexin.

N-haltige Verbindungen:
Etwa 0,2 % Cholin und rund 0,3 % Betonicin neben Stachydrin.

Sonstige Inhaltsstoffe:
Kaliumsalze sowie reichliche mineralische Bestandteile.

PHARMAKOLOGIE

Neuere Arbeiten über Wirkung und pharmakologische Eigenschaften des Andornkrauts sind begrenzt. Aufgrund der Bitterstoffe wird angenommen, dass Andornkraut ähnlich wie andere Bitterstoffdrogen anregend auf die Speichel- und Magensaftsekretion sowie reflektorisch auf die Galleproduktion wirkt. Auch über antiödematöse und analgetische Effekte wurde berichtet. Die plausiblen Wirkungen passen somit zu den traditionellen Anwendungsgebieten als Bittermittel und Expektorans. Siehe dazu auch Gelber Enzian und Tausendgüldenkraut.

EVIDENZ

Die medizinische Anwendung von Andornkraut (Marrubii herba) ist heute vor allem traditionell begründet. Der HMPC der EMA führt Andornkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bei erkältungsbedingtem Husten sowie bei leichten dyspeptischen Beschwerden und vorübergehender Appetitlosigkeit.

Die Begründung stützt sich vor allem auf die langjährige Anwendung und auf pharmakologisch plausible Effekte der Bitterstoffe und weiterer Inhaltsstoffe. Eine starke moderne klinische Evidenz mit grossen randomisierten Studien steht dagegen nur begrenzt zur Verfügung.

Experimentelle Arbeiten beschreiben unter anderem analgetische, antiödematöse und weitere pharmakologische Effekte von Marrubiin und verwandten Inhaltsstoffen. Diese Befunde sind wissenschaftlich interessant, belegen aber für sich allein noch keine gesicherte klinische Wirksamkeit beim Menschen.

Insgesamt ist Andorn deshalb am besten als traditionell verwendete Bitter- und Hustendroge mit plausibler Pharmakologie, aber nur begrenzter klinischer Datenlage, einzuordnen.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Anwendung:

  • ESCOP und Kommission E: gegen Appetitlosigkeit und bei Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Flatulenz; ausserdem bei Katarrhen der oberen Luftwege.
  • Laut HMPC kann Andornkraut traditionell als Expektorans bei erkältungsbedingtem Husten eingesetzt werden sowie bei leichten dyspeptischen Beschwerden und zeitweilig auftretender Appetitlosigkeit.
  • Typische Nebenwirkungen und Gegenanzeigen sind in den gebräuchlichen Anwendungsbereichen nicht bekannt.

In der Schulmedizin ist die Droge weniger bekannt, obwohl sie als Bittermittel anregend auf Speichel-, Magensaft- und Gallensekretion wirken kann. Auch eine schleimlösende Wirkung wird beschrieben. In vielen Bronchialpastillen und Erkältungsmitteln ist Andorn mit anderen Heilpflanzen kombiniert, etwa mit Süssholz, Spitzwegerich, Efeu, Eukalyptus, Thymian, Anis, Fenchel, Sonnentau und Schlüsselblume.

Volksmedizinische Verwendung:
Traditionell bei akuter oder chronischer Bronchitis, Keuchhusten, unproduktivem Husten, Erkältungen, Durchfall, Gelbsucht, Schwächezuständen und weiteren Beschwerden. Ein Teil dieser sehr alten Anwendungen ist pharmakologisch plausibel, aber klinisch nur unzureichend belegt.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Teebereitung:
1–2 g fein geschnittenes Andornkraut mit einer Tasse siedendem Wasser übergiessen und nach etwa 10 Minuten abseihen.

Tagesdosis:
4,5 g Andornkraut.

Einnahme:
Zur Anregung von Appetit und Verdauung etwa 30 Minuten vor den Mahlzeiten trinken.

Hinweis:
Der Tee hat einen ausgeprägt bitteren Geschmack. Bei Bedarf kann er leicht gesüsst werden.

Kombination:
Andorn wird häufig mit anderen Heilpflanzen kombiniert, zum Beispiel mit Thymian, Spitzwegerich oder Süssholz.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung
  • ESCOP: positive Bewertung
  • HMPC: als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Marrubii herba)

ANDORN IM GARTEN

Die alte Heilpflanze ist anspruchslos und leicht zu kultivieren. Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat ab März bis April. Die Samen nur leicht mit Erde bedecken und feucht halten. Auch Jungpflanzen aus der Gärtnerei wachsen gut an. Marrubium vulgare benötigt lockere, durchlässige und kalkhaltige Böden. Die Pflanze bevorzugt sonnige, windgeschützte Standorte, toleriert aber auch Halbschatten. In unserem Garten sind seine Nachbarn der Echte Salbei, Rosmarin, Tausendgüldenkraut und die Wilde Malve. Andorn ist winterhart; junge Pflanzen sollten bei starkem Frost geschützt werden.

Blühender Andorn (Marrubium vulgare)

SONSTIGES

Seit über 2000 Jahren wird Andorn in der Naturheilkunde verwendet und ist kulturgeschichtlich eine interessante Heilpflanze, die auch unter medizinischen Aspekten zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist. In der Klostermedizin gehörte Andorn zu den wichtigen Pflanzen bei Magenproblemen und Erkältungen.

Der Gattungsname Marrubium wird meist vom hebräischen mar (= bitter) und rob (= viel) abgeleitet. Der Andorn zählt zu den ältesten überlieferten Heilpflanzen.

„In einem Kräuterbuch aus dem Jahre 1692 heisst es: Sirup aus den frischen grünen Blättern von Andorn und Zucker ist eine unübertreffliche Medizin gegen Husten und Lungenpfeifen.“

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

FAQ

  • Was ist Andorn?
    Andorn (Marrubium vulgare) ist eine bitter schmeckende Heilpflanze aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Verwendet wird das blühende Kraut.
  • Wogegen wird Andorn verwendet?
    Traditionell wird Andorn bei Appetitlosigkeit, leichten Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Flatulenz sowie bei erkältungsbedingtem Husten eingesetzt.
  • Welche Stoffe sind für die Wirkung wichtig?
    Hauptbedeutung haben die Bitterstoffe, insbesondere Marrubiin. Daneben enthält Andorn unter anderem Phenylethanoid-Derivate, Flavonoide, Gerbstoffe und geringe Mengen ätherisches Öl.
  • Wie bereitet man Andorntee zu?
    1 bis 2 g fein geschnittenes Andornkraut mit einer Tasse siedendem Wasser übergiessen, etwa 10 Minuten ziehen lassen und dann abseihen.
  • Ist Andorn wissenschaftlich gut belegt?
    Die traditionelle Anwendung ist monographisch gut dokumentiert. Moderne klinische Studien sind jedoch begrenzt, sodass die Evidenz insgesamt eher traditionell als stark klinisch abgesichert ist.
  • Gibt es bekannte Nebenwirkungen oder Gegenanzeigen?
    Für Andornkraut sind in den üblichen Anwendungsbereichen keine typischen Nebenwirkungen oder Gegenanzeigen bekannt. Wie bei anderen Bitterstoffdrogen sollte die individuelle Verträglichkeit beachtet werden.

Letzte Änderung: 26.03.2026 / © W. Arnold