Echter Baldrian (Valeriana officinalis)
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung & Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Baldrianwurzel ist eine anerkannte Arzneidroge bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen. Die Wirkung ist pharmakologisch plausibel und für bestimmte Ethanolextrakte klinisch besser belegt als für einfache Hauszubereitungen. Baldrian wirkt mild sedierend bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen.
Baldrian (syn. Echter Baldrian, Arzneibaldrian, Gemeiner Baldrian, Katzenbaldrian, Katzenkraut).
Die Baldriane sind eine Sammelart mit grosser Formenvielfalt, Varietäten und Unterarten.
weitere Bilder:
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
VORKOMMEN
Der Echte Baldrian kommt in weiten Teilen Europas vor. Er ist frostbeständig und wächst in Sonne oder Halbschatten auf frischen bis feuchten Böden. Als Feuchtbodenpflanze findet man ihn häufig auf Wiesen entlang von Gewässern, an Gräben, in Auen und an anderen nährstoffreichen, feuchten Standorten.
MERKMALE
Valeriana officinalis ist eine ausdauernde krautige Pflanze mit unterirdischem Wurzelstock. Sie erreicht Höhen bis etwa 2 Meter. Der Stengel ist hohl, die Blätter sind gegenständig und gefiedert. Die hellrosa bis weissen Blüten stehen in lockeren endständigen Blütenständen und duften süsslich. Die Blütezeit reicht meist von Mai bis Juli.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Valerianae radix (syn. Radix Valerianae, Rhizoma Valerianae); Baldrianwurzel, die sorgfältig getrockneten unterirdischen Organe von Valeriana officinalis.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Ätherisches Öl: Baldrianwurzel enthält ätherisches Öl mit charakteristischem Geruch. Wichtige Bestandteile sind Monoterpene und Sesquiterpene, darunter Borneol, Bornylacetat, 1,8-Cineol, Valerenal, Valerenol und Valerensäure.
Phenolcarbonsäuren: Dazu gehören Chlorogensäure, Kaffeesäure und Isoferulasäure.
Valepotriate: Diese Iridoidester sind pharmakologisch interessant, jedoch chemisch instabil. Besonders valepotriatreiche Arten wie Valeriana edulis oder Valeriana wallichii werden heute nicht mehr zur Herstellung klassischer Baldrianwurzel-Drogen bevorzugt.

Weitere Inhaltsstoffe: Diskutiert werden unter anderem Lignane wie Olivil, Flavonoide wie Linarin sowie 6-Methylapigenin und Biapigenin. Das Alkaloid Actinidin trägt zur anziehenden Wirkung auf viele Katzen bei.
PHARMAKOLOGIE
Die pharmakologische Wirkung von Baldrian beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer Inhaltsstoffgruppen. Im Gegensatz zu stark sedierenden Arzneistoffen ist nicht ein einzelner Wirkstoff allein verantwortlich, sondern eine multifaktorielle Modulation neuronaler Signalwege.
GABAerges System
Experimentelle Daten sprechen dafür, dass Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel das GABAerge System beeinflussen. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf GABA-Abbau, Wiederaufnahme und GABA-A-Rezeptoren. Diese Mechanismen können zur beruhigenden Wirkung beitragen, erklären aber die klinische Wirkung nicht vollständig.
Valerensäuren und Sesquiterpene
Valerensäure, Acetoxyvalerensäure und weitere Sesquiterpene gelten als wichtige Beiträge zur Wirkung bestimmter standardisierter Extrakte. Der Gehalt und das Verhältnis dieser Inhaltsstoffe hängen stark von Droge, Herkunft, Verarbeitung und Extraktionsmittel ab.
Adenosin und weitere Signalwege
Neben GABA werden auch Effekte auf das Adenosin-System und weitere Neurotransmittersysteme diskutiert. Dies könnte erklären, weshalb Baldrian eher entspannend und schlaffördernd wirkt, aber normalerweise keine unmittelbare, starke Sedierung auslöst.
Milder und oft verzögerter Wirkungseintritt
Baldrian wirkt in der Regel nicht wie ein starkes Schlafmittel. Die Wirkung entwickelt sich häufig erst nach mehrtägiger bis ein- bis zweiwöchiger regelmässiger Anwendung. Eine einzelne Einnahme kann subjektiv beruhigen, ist aber für eine verlässliche Beurteilung der Wirkung meist nicht ausreichend.
EVIDENZ
Die klinische Evidenz zu Baldrian ist insgesamt gemischt. Einige Übersichtsarbeiten berichten leichte Verbesserungen der subjektiven Schlafqualität oder der Einschlafzeit, andere finden keine klare oder konsistente Überlegenheit gegenüber Placebo. Hauptgründe sind unterschiedliche Extrakte, Dosierungen, Studiendauern, Studienqualität und Endpunkte.
Regulatorisch ist die Datenlage differenziert: Die EMA/HMPC bewertet bestimmte Baldrianwurzel-Ethanolextrakte als well-established use zur Linderung leichter nervöser Anspannung und von Schlafstörungen; andere Zubereitungen sind als traditionelle pflanzliche Arzneimittel eingestuft. Für einfache Teezubereitungen ist die klinische Evidenz schwächer als für definierte Extrakte.
- EMA / HMPC – Valerianae radix:
EMA – Valerianae radix – HTML-Übersichtsseite zu Baldrianwurzel mit HMPC-Bewertung; bestimmte Ethanolextrakte werden für leichte nervöse Anspannung und Schlafstörungen als well-established use beschrieben, andere Zubereitungen als traditional use. - HMPC:
HMPC – Committee on Herbal Medicinal Products – zuständiger Ausschuss der EMA für pflanzliche Arzneimittel. - Bent et al. 2006:
PubMed – systematischer Review und Meta-Analyse; die Autoren fanden Hinweise auf eine mögliche Verbesserung der Schlafqualität, betonten aber methodische Grenzen und Heterogenität. - Fernández-San-Martín et al. 2010:
PubMed – Meta-Analyse zur Wirksamkeit von Baldrian bei Insomnie; die qualitative Auswertung spricht für eine mögliche subjektive Besserung, ohne robuste objektive Bestätigung. - Shinjyo & Watanabe 2020:
PubMed – systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse; die Autoren beschreiben inkonsistente Studienergebnisse und ausgeprägte methodische Heterogenität.
ANWENDUNG
Baldrian wird bei nervöser Unruhe, innerer Anspannung und leichten Einschlafstörungen eingesetzt. In der modernen Phytotherapie werden vor allem standardisierte Extrakte verwendet. Tee und Tinkturen gehören ebenfalls zu den traditionellen Zubereitungen, sind aber hinsichtlich klinischer Evidenz weniger einheitlich dokumentiert.
Einsatzgebiete
- nervöse Unruhe
- leichte nervöse Anspannung
- Einschlafstörungen
- Schlafprobleme im Zusammenhang mit innerer Unruhe
Kombinationen
Baldrian wird häufig mit Hopfen (Humulus lupulus), Melisse (Melissa officinalis) oder Passionsblume (Passiflora incarnata) kombiniert. Solche Kombinationen sind pharmakologisch plausibel, müssen aber jeweils präparatespezifisch beurteilt werden.
ZUBEREITUNG & DOSIERUNG
Die Dosierung richtet sich nach der Zubereitung. In der Praxis werden Teezubereitungen, Tinkturen und standardisierte Trockenextrakte verwendet. Für Schlafstörungen erfolgt die Einnahme meist 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen; bei nervöser Anspannung kann die Anwendung auch früher am Abend oder tagsüber erfolgen.
- Tee: Baldrianwurzel als Aufguss oder Kaltauszug, je nach Tradition und Produktangabe.
- Tinktur: alkoholische Zubereitungen nach pharmakopöischer oder traditioneller Vorschrift.
- Trockenextrakte: standardisierte Extrakte in Tabletten oder Kapseln; klinische Daten beziehen sich vor allem auf definierte Extrakte.
- Wirkungseintritt: meist nicht sofort, sondern häufig erst nach mehreren Tagen regelmässiger Anwendung.
SICHERHEIT
Baldrian gilt insgesamt als gut verträglich. Gelegentlich können Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Die gleichzeitige Einnahme mit Alkohol oder anderen sedierenden Arzneimitteln kann dämpfende Effekte verstärken.
Für Kinder unter 12 Jahren sowie für Schwangerschaft und Stillzeit ist die Datenlage begrenzt; hier ist Zurückhaltung angezeigt. Bei anhaltenden oder sich verschlechternden Schlafstörungen, ausgeprägter Tagesmüdigkeit, Atemaussetzern im Schlaf oder psychischen Begleitsymptomen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Nach Einnahme sedierender Zubereitungen kann die Reaktionsfähigkeit vermindert sein. Dies ist besonders beim Lenken von Fahrzeugen, beim Bedienen von Maschinen und bei Tätigkeiten mit erhöhter Aufmerksamkeit zu beachten.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: Monographie vorhanden
- HMPC: Monographie vorhanden (Valerianae radix); traditionelle Anwendung bei leichten Symptomen von mentalem Stress und zur Unterstützung des Schlafs
GARTEN
Echter Baldrian kann auf tiefgründigen, humosen und nicht staunassen Böden angepflanzt werden. Er wächst an sonnigen bis halbschattigen Plätzen und ist winterhart. Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat oder Teilung. Als alte Heilpflanze passt er gut in Natur- und Heilpflanzengärten.
SONSTIGES
Baldrian gehört seit Jahrhunderten zum europäischen Arzneischatz. Historisch wurde er in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen genutzt; heute steht seine Anwendung bei nervöser Unruhe und leichten Schlafstörungen im Vordergrund.
Der charakteristische Geruch der Wurzel entwickelt sich besonders beim Trocknen. Viele Katzen reagieren auf Baldrianwurzel ähnlich aufmerksam wie auf Katzenminze.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Hopfen (Humulus lupulus) – wird traditionell bei Unruhe und Schlafstörungen eingesetzt und häufig mit Baldrian kombiniert.
- Melisse (Melissa officinalis) – mild beruhigend bei nervöser Unruhe und funktionellen Verdauungsbeschwerden.
- Passionsblume (Passiflora incarnata) – traditionell bei nervöser Unruhe und stressbedingten Beschwerden verwendet.
- Lavendel (Lavandula angustifolia) – aromatische Heilpflanze bei nervöser Anspannung und Unruhe.
FAQ
- Macht Baldrian wirklich müde?
Baldrian wirkt nicht wie ein klassisches Schlafmittel. Er wirkt mild sedierend, fördert vor allem Entspannung und kann das Einschlafen erleichtern. - Wie lange dauert es, bis Baldrian wirkt?
Die Wirkung entwickelt sich häufig allmählich. Bei regelmässiger Anwendung wird eine Besserung oft erst nach mehreren Tagen bis ein bis zwei Wochen beurteilt. - Kann man Baldrian täglich einnehmen?
Baldrian kann je nach Zubereitung über mehrere Wochen täglich angewendet werden. Bei anhaltenden oder sich verschlechternden Beschwerden sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. - Ist Baldrian sicher?
Baldrian gilt insgesamt als gut verträglich. Gelegentlich können Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Beschwerden auftreten. - Darf Baldrian mit anderen Beruhigungsmitteln kombiniert werden?
Die gleichzeitige Einnahme mit Alkohol oder anderen sedierenden Arzneimitteln kann die dämpfende Wirkung verstärken und sollte nur nach fachlicher Rücksprache erfolgen.
Letzte Änderung: 28.04.2026 / © W. Arnold










