Brennnessel – Urtica dioica
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die anerkannte medizinische Anwendung von Brennnesselkraut (Urticae herba) ist die Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege sowie die unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden. Extrakte aus Brennnesselwurzel (Urticae radix) werden zur symptomatischen Behandlung von Miktionsbeschwerden im Zusammenhang mit benigner Prostatahyperplasie eingesetzt.
Urtica dioica
(Synonyme: Urtica major, Urtica urens maxima);
Grosse Brennnessel (Synonyme: Haarnessel, Nesselkraut, Scharfnessel).
Kleine Brennnessel (Urtica urens)
VORKOMMEN
Die Grosse Brennnessel (Urtica dioica) ist auf der gesamten Nordhalbkugel weit verbreitet. Sie wächst bevorzugt auf stickstoffreichen, nährstoffreichen Böden, besonders an Wegrändern, Waldrändern, Schuttplätzen, Flussufern und in der Nähe menschlicher Siedlungen.
Ursprünglich war die Heilpflanze vermutlich vor allem in feuchten Auwäldern und an Ufersäumen heimisch. Heute gehört sie zu den häufigsten Wildpflanzen Mitteleuropas.
Die Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist dagegen deutlich seltener geworden. Durch die Asphaltierung von Hofplätzen und Wegen gingen viele typische Standorte verloren.
MERKMALE
Urtica dioica ist eine mehrjährige, zweihäusige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 70 bis 150 Zentimetern. Aus dem kriechenden Rhizom treiben zahlreiche aufrechte, beblätterte Stängel aus.
Die ganze Pflanze ist mit Brennhaaren besetzt. Beim Berühren brechen deren Spitzen ab, wodurch reizende Inhaltsstoffe in die Haut gelangen. Dies führt zu den typischen Quaddeln und dem brennenden Schmerz.
Die Blätter sind länglich-eiförmig bis lanzettlich und grob gesägt. Im Sommer erscheinen die kleinen grünlich-weissen Blütenstände in den oberen Blattachseln.
Nicht verwechseln mit den Taubnesseln, die keine Brennhaare besitzen.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
1. Urticae folium (syn. Urticae herba, Herba Urticae) – Brennnesselblätter, Brennnesselkraut.
2. Urticae radix (syn. Radix Urticae, Rhizoma Urticae) – Brennnesselwurzel.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
1. Urticae folium
Anorganische Verbindungen: Im getrockneten Kraut bis etwa 20 % Mineralstoffe. Der Kieselsäuregehalt liegt bis etwa 4,8 % SiO2.
Flavonoide: 1–2 % Quercetin- und Kämpferolglykoside.
Organische Säuren: Äpfelsäure, Ameisensäure, Bernsteinsäure, Chinasäure, Citronensäure, Essigsäure und weitere.
Cumarine: Scopoletin.
Amine: Histamin, Acetylcholin und Serotonin in den Brennhaaren.
Triterpene: Oleanolsäure.
Vitamine: Vitamin C sowie Vitamine der B-Gruppe und Vitamin A.
Steroide: β-Sitosterol und β-Sitosterol-3-O-β-D-glucosid.
Sonstige Verbindungen: Carotinoide, Chlorophyll, Proteine und geringe Mengen ätherischen Öls.
2. Urticae radix
Die Wurzel enthält Lektine, insbesondere das Urtica dioica Agglutinin (UDA), ausserdem Lignane, Phytosterole, Polysaccharide sowie weitere phenolische Verbindungen.
Pharmakologisch diskutiert werden besonders Phytosterole, Oleanolsäure und Ursolsäure.
PHARMAKOLOGIE
Brennnesselblätter besitzen einen leicht diuretischen Effekt und werden traditionell zur Durchspülung der Harnwege eingesetzt. Daneben werden entzündungshemmende Eigenschaften diskutiert.
Innerlich und äusserlich wird Brennnesselkraut zudem unterstützend bei rheumatischen Beschwerden verwendet.
Extrakte der Brennnesselwurzel werden bei Miktionsbeschwerden im Zusammenhang mit benigner Prostatahyperplasie eingesetzt. Die pharmakologischen Mechanismen sind nicht vollständig geklärt.
Diskutiert werden Einflüsse auf entzündliche Prozesse, Aromatasehemmung sowie Effekte auf Wachstumsfaktoren und Steroidstoffwechsel.
EVIDENZ
Die EMA/HMPC-Monographien stufen Brennnesselblätter (Urticae folium) und Brennnesselwurzel (Urticae radix) als traditionelle pflanzliche Arzneimittel ein.
Die Anwendungen beruhen vor allem auf langjähriger Erfahrung, pharmakologischer Plausibilität und teilweise klinischen Daten. Für Brennnesselwurzel liegen bei Miktionsbeschwerden zusätzliche klinische Hinweise vor, die Studienlage ist jedoch heterogen.
- Urticae folium (EMA / HMPC) – traditionelle Anwendung zur Durchspülung der Harnwege und unterstützend bei rheumatischen Beschwerden.
- Urticae radix (EMA / HMPC) – traditionelle Anwendung bei Miktionsbeschwerden im Zusammenhang mit benigner Prostatahyperplasie.
- Kommission E: positive Bewertung für Brennnesselblätter und Brennnesselwurzel.
- ESCOP – Monographien zu Brennnesselblatt und Brennnesselwurzel vorhanden.
- PubMed: Chrubasik et al. – Übersichtsarbeit zur Brennnesselwurzel bei benigner Prostatahyperplasie.
- PubMed: Yarnell – Übersicht zu pflanzlichen Arzneimitteln für die Harnwege.
Insgesamt gilt Brennnessel als gut etablierte traditionelle Arzneipflanze mit plausiblen pharmakologischen Wirkungen und regulatorischer Anerkennung.
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Anwendungen:
-
Urticae folium / Urticae herba:
zur Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, unterstützend bei rheumatischen Beschwerden sowie traditionell bei Nierengriess. -
Urticae radix:
bei Miktionsbeschwerden im Zusammenhang mit benigner Prostatahyperplasie.
Die Anwendung der Brennnesselwurzel kann Harnfluss und Miktionsvolumen verbessern sowie Restharn vermindern.
Die Vergrösserung der Prostata selbst wird dadurch jedoch nicht beseitigt.
Brennnessel ist Bestandteil zahlreicher traditioneller Urologika, häufig in Kombination mit Goldrute, Birkenblättern, Schachtelhalm, Hauhechel oder Katzenbart.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Teeaufguss mit Brennnesselblättern
3–4 mal täglich eine Tasse Brennnesseltee trinken.
Mittlere Tagesdosis:
8–12 g Droge.
Teezubereitung mit Brennnesselwurzel
1,5 g zerkleinerte Brennnesselwurzel mit kaltem Wasser ansetzen, erhitzen und etwa 1 Minute leicht sieden lassen. Anschliessend 10 Minuten ziehen lassen und abseihen.
Tagesdosis:
4–6 g zerkleinerte Wurzel.
Standardisierte Extrakte sind wegen der gleichmässigen Wirkstoffzusammensetzung oft vorzuziehen.
SICHERHEIT
Brennnesselblätter und Brennnesselkraut gelten bei sachgemässer Anwendung allgemein als gut verträglich.
Bei Durchspülungstherapien ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten.
Bei Ödemen infolge eingeschränkter Herz- oder Nierenfunktion ist eine Durchspülungstherapie nicht geeignet.
Bei Fieber, Blut im Urin, Harnverhalt, starken Schmerzen oder anhaltenden Beschwerden sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Brennnesselwurzel kann gelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden verursachen.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: positive Bewertung
- HMPC: traditionelle pflanzliche Arzneimittel ( Urticae radix, Urticae folium )
GARTEN
Die Brennnessel bevorzugt nährstoffreiche, humose und eher feuchte Böden. Besonders gut gedeiht sie auf stickstoffreichen Standorten.
Die Grosse Brennnessel (Urtica dioica) wird mehrjährig angebaut, die Kleine Brennnessel (Urtica urens) einjährig.
Eine wenig begangene Ecke im Naturgarten eignet sich gut. Die Pflanze ist ökologisch wertvoll und dient zahlreichen Schmetterlingsarten als Nahrungspflanze.
Bei mir wächst die Grosse Brennnessel zwischen Schwarzer Johannisbeere, Mädesüss, Aronstab und Pestwurz.
Brennnesseljauche ist ein traditioneller Dünger. Man setzt etwa 1 kg frische Brennnesseln in 10 Liter Wasser an. Das Durchgären dauert ungefähr ein bis zwei Wochen. Die fertige Jauche wird als Dünger 1:10 verdünnt.
SONSTIGES
Der Gattungsname Urtica leitet sich vom lateinischen urere (= brennen) ab und bezieht sich auf die charakteristischen Brennhaare.
Die Brennnessel gehört zu den ältesten europäischen Nutz- und Heilpflanzen. Früher wurden aus den Bastfasern widerstandsfähige Textilien hergestellt. Junge Triebe dienten zudem als Wildgemüse.
Massenhaftes Auftreten der Brennnessel gilt als Hinweis auf stickstoffreiche Böden.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Goldrute (Solidago virgaurea) – traditionelle Heilpflanze zur Durchspülung der Harnwege.
- Birkenblätter (Betula pendula) – diuretisch bei Durchspülungskuren.
- Schachtelhalm (Equisetum arvense) – traditionell zur Durchspülung der Harnwege.
- Hauhechel (Ononis spinosa) – unterstützend bei Harnwegsbeschwerden.
- Katzenbart (Orthosiphon aristatus) – traditionelle Arzneipflanze zur Durchspülung.
- Sägepalme (Serenoa repens) – traditionell bei Beschwerden im Zusammenhang mit benigner Prostatahyperplasie.
- Kürbis (Cucurbita pepo) – traditionell bei Prostatabeschwerden.
FAQ
-
Wofür wird Brennnessel medizinisch angewendet?
Brennnessel wird vor allem zur Durchspülung der ableitenden Harnwege und unterstützend bei rheumatischen Beschwerden verwendet. -
Welche Pflanzenteile werden verwendet?
Medizinisch genutzt werden Brennnesselblätter, Brennnesselkraut sowie die Brennnesselwurzel. -
Wirkt Brennnessel harntreibend?
Ja. Brennnesselblätter besitzen einen leicht diuretischen Effekt. -
Ist Brennnessel bei Prostatabeschwerden sinnvoll?
Brennnesselwurzelextrakte können Beschwerden beim Wasserlassen bei benigner Prostatahyperplasie lindern. -
Wie wird Brennnessel als Tee angewendet?
Brennnesselblättertee wird meist 3–4 mal täglich getrunken. -
Ist Brennnessel gut verträglich?
Brennnessel gilt allgemein als gut verträglich. Gelegentlich können leichte Magen-Darm-Beschwerden auftreten.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold