Pestwurz (Petasites hybridus) – Wirkung und Risiken

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Pestwurz im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Pestwurz darf innerlich ausschliesslich in Form geprüfter, standardisierter und PA-bereinigter Fertigarzneimittel verwendet werden. Rohe Droge, Teezubereitungen oder selbst hergestellte Auszüge sind wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide nicht geeignet. Klinische Daten gibt es vor allem zu standardisierten Extrakten bei allergischer Rhinitis und zur Migräneprophylaxe.

Petasites hybridus (L.) G. Gaertn., B. Mey. & Scherb. (syn. Petasites officinalis, P. vulgaris, Tussilago hybrida);
Gemeine Pestwurz (syn. Pestilenwurz, Wasserklette).

Pestwurz (Petasites hybridus) – Blätter und Habitus

Weitere Bilder:

Petasites hybridus (Gemeine Pestwurz) – Pflanzenbestand Gemeine Pestwurz (Petasites hybridus) – blühende Pflanzen Pestwurz (Petasites hybridus) – Standort und Wuchsform Pestwurz (Petasites hybridus) – Blütenstand

VORKOMMEN

Petasites hybridus ist in Europa weit verbreitet; in Nordamerika wurde die Art eingeführt. Die Pflanze wächst gesellig und bildet häufig grössere Bestände. Man findet sie vor allem an Ufern von Bächen und Flüssen, an sumpfigen Standorten, an feuchten Waldrändern und in Waldschluchten, auf zeitweise überschwemmten Wiesen sowie gelegentlich auf Schuttflächen.

Die Pestwurz kommt von der Ebene bis in die montane, seltener bis in die subalpine Stufe vor. Sie bevorzugt tiefgründige, nährstoffreiche, tonige oder lehmige Böden.

Verwechslungen: Huflattichblätter lassen sich in der Regel gut von Pestwurzblättern unterscheiden, da sie meist rot überlaufene Blattränder mit gezähnten Rändern aufweisen. Verwechslungen mit anderen Pestwurzarten sind jedoch möglich.

MERKMALE

Die Pestwurz besitzt einen eigentümlichen, schwach widerlichen Geruch. Die Blüten erscheinen unmittelbar nach der Schneeschmelze. Die ausdauernde, krautige Pflanze erreicht zur Blütezeit Wuchshöhen bis etwa 40 cm, zur Fruchtzeit bis rund 120 cm.

Das kurze, knollig-knorrige Rhizom liegt senkrecht oder leicht schräg im Boden, ist etwa 4 cm dick, bräunlich gefärbt und an den Gliederenden verdickt. Die rundlichen, sehr grossen Laubblattspreiten können einen Durchmesser von bis zu 70 cm erreichen. Die Blattunterseite ist charakteristisch grau-wollig behaart.

Die Blütenstände erscheinen zwischen März und Mai, noch vor der Ausbildung der Grundblätter. Der zusammengesetzte, traubige Blütenstand besteht aus zahlreichen, dicht stehenden rötlich-weissen bis rot-violetten Blütenköpfen. Die männlichen Blütenköpfe werden etwa 7–12 mm lang und sind damit etwa doppelt so gross wie die weiblichen.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Petasitidis folium (syn. Folia Petasites, Folia Petasitidis) – Pestwurzblätter.

Petasitidis rhizoma (syn. Radix Petasites, Rhizoma Petasitidis) – Pestwurzelstock.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Seit den 1960er-Jahren ist bekannt, dass Petasites hybridus in unterschiedlichen Chemovarietäten vorkommt. Für pharmazeutische Zwecke ist die Petasin-Chemovarietät von besonderer Bedeutung.

Die sogenannte Furanopetasin-Varietät enthält Furanoeremophilane und Eremophilan-Lactone, die in Pflanzen des Petasin-Typs nicht nachgewiesen werden. Die Petasin-Chemovarietät enthält unter anderem Petasin, Neopetasin und Isopetasin. Letzteres entsteht möglicherweise erst während der Lagerung. Darüber hinaus wurden Petasol, Neopetasol und Isopetasol identifiziert.

Petasin und Petasol – wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe der Pestwurz (Petasites hybridus)

Für pharmazeutische Zwecke wird ausschliesslich geeignetes, kontrolliertes Pflanzenmaterial verwendet. Neben den wirksamkeitsbestimmenden Sesquiterpenen können in Petasites hybridus Pyrrolizidinalkaloide (PA) vorkommen. Diese gelten als potenziell hepatotoxisch und genotoxisch. Für innere Anwendungen werden daher nur PA-bereinigte Extrakte akzeptiert.

PHARMAKOLOGIE

Die pharmakologische Wirkung der Petasine beruht vor allem auf spasmolytischen Effekten, die auf eine Hemmung des Calcium-Einstroms in glatte Muskelzellen zurückgeführt werden. Dadurch kommt es zu einer Relaxation der glatten Muskulatur, was die traditionelle Anwendung bei krampfartigen Beschwerden pharmakologisch erklärt.

Darüber hinaus zeigen Petasine entzündungshemmende Eigenschaften. Diese werden unter anderem mit einer Modulation der Leukotrien-Synthese in Verbindung gebracht und gelten als Grundlage für die Anwendung standardisierter Pestwurz-Extrakte bei allergischen Erkrankungen und in der Migräneprophylaxe.

Pyrrolizidinalkaloide sind Esteralkaloide. Als toxikologisch besonders relevant gelten 1,2-ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide. In der Leber können diese Substanzen zu reaktiven Metaboliten umgewandelt werden, die Lebergewebe schädigen können. Deshalb müssen entsprechende Alkaloide bei der Herstellung innerlich anzuwendender Phytopharmaka weitgehend entfernt werden.

EVIDENZ

Die klinische Evidenz zur Pestwurz ist indikationsabhängig. Für die arzneiliche Anwendung dürfen ausschliesslich standardisierte und PA-bereinigte Extrakte berücksichtigt werden. Aussagen zu Wirksamkeit und Sicherheit lassen sich nicht auf Tees, rohe Droge oder selbst hergestellte Auszüge übertragen.

Allergische Rhinitis:
Für einen standardisierten CO2-Extrakt aus Pestwurzblättern liegen randomisierte, kontrollierte klinische Studien vor. In einer doppelblinden Vergleichsstudie war der Extrakt bei saisonaler allergischer Rhinitis in der Wirksamkeit mit Cetirizin vergleichbar, bei guter Verträglichkeit.

Migräneprophylaxe:
Für die Migräneprophylaxe existieren kontrollierte klinische Studien mit standardisierten Pestwurz-Extrakten, insbesondere aus dem Rhizom. In einer placebokontrollierten Studie führte ein standardisierter Pestwurz-Extrakt zu einer signifikanten Reduktion der Migränehäufigkeit im Vergleich zu Placebo.

Sicherheitsgrenze der Evidenz:
Die klinischen Daten beziehen sich auf bestimmte, standardisierte und gereinigte Extrakte. Wegen der möglichen Belastung mit Pyrrolizidinalkaloiden ist die Sicherheit nicht automatisch auf andere Pestwurzprodukte übertragbar. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis hängt daher wesentlich von Qualität, PA-Entfernung und regulatorischer Kontrolle des Präparats ab.

Zusammenfassend ist Pestwurz pharmakologisch interessant und für bestimmte PA-bereinigte Extrakte klinisch untersucht. Die Anwendung bleibt jedoch sicherheitskritisch: Ohne geprüfte PA-Entfernung ist Pestwurz nicht für die Selbstmedikation geeignet.

ANWENDUNG

Vor Zubereitungen als Tee aus Pestwurzblättern oder -wurzeln wird ausdrücklich gewarnt. Im Naturzustand kann die Pflanze Pyrrolizidinalkaloide enthalten, die als potenziell lebertoxisch und genotoxisch gelten.

Für standardisierte Fertigarzneimittel werden kontrollierte Rohstoffe und geeignete Extraktions- und Reinigungsverfahren eingesetzt. Nur solche Präparate können hinsichtlich Nutzen und Risiko beurteilt werden.

Pestwurz-Extrakte wurden bei spasmolytischen Beschwerden, allergischer Rhinitis und Migräneprophylaxe untersucht oder traditionell eingesetzt. Die Anwendung sollte sich immer an der zugelassenen Indikation des jeweiligen Fertigarzneimittels orientieren.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Pestwurz darf innerlich ausschliesslich in Form standardisierter, PA-bereinigter Fertigarzneimittel angewendet werden. Die Dosierung richtet sich nach Extrakt, Darreichungsform und Packungsinformation.

Teezubereitungen, Pulver aus getrockneten Blättern oder Wurzeln sowie selbst hergestellte Tinkturen oder Auszüge sind wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide nicht geeignet.

SICHERHEIT

Die Sicherheit der Pestwurz hängt entscheidend von der Entfernung der Pyrrolizidinalkaloide ab. Rohe Pflanzenteile und unzureichend geprüfte Produkte können potenziell hepatotoxische und genotoxische Pyrrolizidinalkaloide enthalten. Eine Selbstmedikation mit nicht geprüften Pestwurzprodukten ist deshalb nicht vertretbar.

Bei Lebererkrankungen, erhöhten Leberwerten, Schwangerschaft, Stillzeit, Kindern sowie bei langfristiger Anwendung sollte Pestwurz nur nach fachlicher Abklärung verwendet werden. Bei Gelbfärbung der Haut oder Augen, dunklem Urin, starkem Juckreiz, ungeklärter Müdigkeit oder Oberbauchbeschwerden ist die Anwendung sofort zu beenden und ärztlicher Rat einzuholen.

Auch geprüfte Fertigarzneimittel sollten nur gemäss Packungsinformation und nicht länger als vorgesehen angewendet werden. Eine Anwendung über längere Zeiträume oder mit mehreren potenziell lebertoxischen Substanzen sollte vermieden werden.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung für den Wurzelstock; negative Bewertung für die Blätter.
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden
  • HMPC: keine Monographie vorhanden

PESTWURZ IM GARTEN

Wer die Pflanze im Garten haben will, muss sich das gut überlegen, denn sie kann sich ohne Rhizomsperre über den Wurzelstock stark vermehren. Die Heilpflanze liebt feuchte, kalkhaltige Böden an einem sonnigen bis halbschattigen Standort. Die imposante Pflanze ist winterhart und braucht kaum Pflege.

Im Garten wächst die Pestwurz gut neben feuchtigkeitsliebenden oder schattentoleranten Pflanzen wie Seidelbast, Haselwurz und Bärlauch.

SONSTIGES

Bereits in der Antike war die Pestwurz bekannt. Autoren aus dem griechisch-römischen Kulturkreis des 1. Jahrhunderts erwähnten die Pflanze im Zusammenhang mit Geschwülsten und anderen schweren Erkrankungen. Im Mittelalter wurde Pestwurz aufgrund der Signaturenlehre und ihres Namens volksmedizinisch auch im Zusammenhang mit der Pest verwendet, ohne dass hierfür ein therapeutischer Nutzen belegt ist.

In der Volksmedizin fanden unterschiedliche Zubereitungen der Pflanze Anwendung, unter anderem als schleimlösendes Mittel bei Husten sowie äusserlich als kühlendes Mittel bei Insektenstichen. Diese Anwendungen sind historisch überliefert, jedoch nicht evidenzbasiert.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Mutterkraut (Tanacetum parthenium) – traditionell bei Migräne und Kopfschmerzen verwendet.
  • Weide (Salix alba) – traditionelle Arzneipflanze bei Kopf- und Gliederschmerzen; enthält Salicylate.
  • Mädesüss (Filipendula ulmaria) – salicylathaltige Heilpflanze mit entzündungshemmender und schmerzlindernder Wirkung.
  • Brennnessel (Urtica dioica) – traditionelle Arzneipflanze bei allergischen und entzündlichen Beschwerden.
  • Augentrost (Euphrasia officinalis) – traditionell bei gereizten Augen und allergisch bedingten Beschwerden verwendet.

FAQ

  • Wofür werden Pestwurz-Extrakte verwendet?
    Standardisierte Pestwurz-Extrakte wurden bei allergischer Rhinitis und zur Migräneprophylaxe untersucht. Traditionell wurde die Wurzel auch bei krampfartigen Beschwerden verwendet.
  • Warum wird vor Pestwurz-Tee gewarnt?
    Pestwurz kann Pyrrolizidinalkaloide enthalten. Diese gelten als potenziell lebertoxisch und genotoxisch. Deshalb wird von Tee, roher Droge und Selbstmedikation ausdrücklich abgeraten.
  • Welche Inhaltsstoffe gelten als wirksamkeitsbestimmend?
    Als wichtige Inhaltsstoffe gelten Petasine wie Petasin, Isopetasin und Neopetasin sowie verwandte Sesquiterpene.
  • Was bedeutet PA-bereinigt bei Pestwurz-Präparaten?
    PA-bereinigt bedeutet, dass Pyrrolizidinalkaloide durch kontrollierten Anbau, geeignete Rohstoffwahl und spezielle Extraktions- oder Reinigungsverfahren weitgehend entfernt wurden.
  • Wie ist der Status in der Phytotherapie?
    Die Kommission E bewertete den Wurzelstock positiv und die Blätter negativ. ESCOP und HMPC haben keine Monographie zu Pestwurz.

Letzte Änderung: 07.05.2026 / © W. Arnold