Schwalbenwurz - Vincetoxicum hirundinaria
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Vincetoxicum hirundinaria
(syn. Alexitoxicum vincetoxicum,
A. alba, Cynanchum vincetoxicum,
Vincetoxicum album, V. officinale,
V. vulgare)
Schwalbenwurz (syn. Sankt-Lorenz-Wurzel, Weisse Schwalbenwurz)
Die Schwalbenwurz ist eine frühere Arzneipflanze, wird heute aber in der wissenschaftlich begründeten Medizin nicht mehr verwendet. Die unterirdischen Pflanzenteile enthalten toxikologisch relevante Inhaltsstoffe. Eine Selbstanwendung als Tee, Pulver oder Tinktur ist nicht zu empfehlen.
VORKOMMEN
Die kalkliebende Schwalbenwurz ist in Europa weit verbreitet; in Deutschland kommt sie zerstreut vor, in Österreich ist sie in allen Bundesländern vertreten. Als Standort werden trocken-warme, lichte Wälder, Gebüsche, Waldsäume, Felsen und steinige Trockenrasen bevorzugt.
Nach der botanischen Referenz Plants of the World Online ist Vincetoxicum hirundinaria eine akzeptierte Art. Das natürliche Verbreitungsgebiet reicht von Europa bis Westsibirien und in die nördliche Türkei sowie nach Nordwestafrika.
MERKMALE
Die Schwalbenwurz wird 30–100 cm hoch. Stängel und Blattstiele sind flaumig behaart. Die Blätter sind gegenständig, eilanzettlich, lang zugespitzt, am Grunde gerundet oder herzförmig, ganzrandig und glänzend.
Die Blüten stehen in den oberen Blattwinkeln in gestielten, knäueligen Blütenständen. Die Krone mit Nebenkrone ist weiss bis gelbgrün, trichterförmig und fast bis zum Grund in fünf nach aussen umgerollte Zipfel geteilt. Die Früchte sind 3–5 cm lang, schlank-kegelförmig und zugespitzt. Die Samen besitzen einen seidigen Haarschopf.
DROGEN
Vincetoxici radix (syn. Radix Vincetoxici, Rhizoma Vincetoxici); Schwalbenwurzel (syn. Giftwurzel, St. Lorenzkrautwurzel), der getrocknete Wurzelstock und die Wurzeln.
Die Droge hat heute keine anerkannte therapeutische Bedeutung mehr. Ihre frühere Verwendung als harn- und schweisstreibendes Mittel ist obsolet.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Beschrieben sind 15-Oxasteroidglykoside mit den Aglyka Hirundigenin und Anhydrohirundigenin. Ferner finden sich geringe Mengen an Alkaloiden, darunter Tylophorin, sowie Triterpene, Sterole und Phenolcarbonsäurederivate wie Chlorogensäure und Sinapinsäure.
Das Steroidglykosidgemisch Vincetoxin wurde besonders in Samen und Wurzeln beschrieben. In älteren Drogenwerken werden Gehalte von etwa 0,5 % in den Samen und etwa 1 % in der Wurzel angegeben. Solche Angaben sind als drogenkundliche Richtwerte zu verstehen und ersetzen keine moderne toxikologische Bewertung.
PHARMAKOLOGIE
Früher wurde die Pflanze in der Heilkunde verwendet. Als pharmakologisch relevante Inhaltsstoffe gelten besonders die in den unterirdischen Organen vorkommenden Oxasteroidglykoside mit saponinähnlichen Eigenschaften sowie geringe Mengen an Alkaloiden wie Tylophorin.
Aus der Stoffgruppe der Phenanthroindolizidin-Alkaloide sind zytotoxische, antiinflammatorische und weitere biologische Effekte bekannt. Solche experimentellen Befunde begründen jedoch keine sichere oder anerkannte medizinische Anwendung der Schwalbenwurz. Zwischen isolierten Wirkstoffen, Extrakten und einer therapeutisch verwendbaren Arzneidroge muss klar unterschieden werden.
EVIDENZ
Für die Schwalbenwurz besteht heute keine anerkannte medizinische Anwendung. Die historische Nutzung als harn- und schweisstreibendes Mittel sowie als vermeintliches Gegengift gegen Schlangengift ist nicht durch moderne klinische Evidenz abgesichert. Die verfügbare Literatur betrifft vor allem Botanik, Inhaltsstoffe, experimentelle Pharmakologie und Toxikologie.
Die Evidenz spricht deshalb nicht für eine therapeutische Anwendung, sondern vor allem für Zurückhaltung. Wegen toxikologisch relevanter Inhaltsstoffe, fehlender klinischer Nutzenbelege und fehlender regulatorischer Anerkennung ist die Droge heute als obsolet zu bewerten.
- EMA/HMPC: European Union monographs and list entries. In der HMPC-Übersicht findet sich keine etablierte EU-Monographie zu Vincetoxicum hirundinaria. Dies stützt die Einstufung als nicht anerkannte Arzneidroge.
- Plants of the World Online: Vincetoxicum hirundinaria Medik.. Botanische Referenz zur akzeptierten Art, Nomenklatur und Verbreitung.
- PubMed: Hess MO. A case of suspected swallow wort toxicity in a cat. J Small Anim Pract. 2014. Fallhinweis auf mögliche Toxizität nach Aufnahme von Schwalbenwurz; für den Menschen nicht direkt übertragbar, aber toxikologisch relevant.
- PubMed: Slapsyte G et al. Genotoxic properties of selected plant extracts including Vincetoxicum hirundinaria. Food Chem Toxicol. 2019. Experimentelle Untersuchung zur Genotoxizität ausgewählter Pflanzenextrakte; relevant für die Sicherheitsbewertung, aber keine Grundlage für eine therapeutische Anwendung.
- Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen; Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 2008. Drogenkundliche Referenz zu Inhaltsstoffen und früherer Verwendung.
- Wichtl: Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2015. Standardwerk zur Bewertung von Arzneidrogen und Phytopharmaka.
ANWENDUNG
Heute wird die Schwalbenwurz in der Schulmedizin nicht mehr genutzt. Die frühere Anwendung der unterirdischen Teile als harn- und schweisstreibendes Mittel ist veraltet. Allein der Name erinnert an den ursprünglichen Gebrauch als vermeintliches Antidot gegen Schlangengift.
Eine Anwendung bei Infektionen, Entzündungen, Schlangenbissen, Stoffwechselbeschwerden oder als allgemeines Entgiftungsmittel ist nicht durch belastbare klinische Daten belegt. Bei Vergiftungen, Tierbissen oder Schlangenbissen ist immer sofort medizinische Hilfe erforderlich.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Keine Anwendung. Die Schwalbenwurz gilt als Giftpflanze und ist für Teezubereitungen, Pulver, Tinkturen oder andere Formen der Selbstmedikation nicht geeignet.
SICHERHEIT
Wegen der enthaltenen Oxasteroidglykoside und Alkaloide ist bei der Schwalbenwurz besondere Vorsicht geboten. Die Pflanze sollte nicht innerlich angewendet werden. Auch eine äusserliche Anwendung ist ohne klare medizinische Indikation nicht sinnvoll.
Mögliche Risiken betreffen vor allem Reizwirkungen und toxische Effekte nach Aufnahme von Pflanzenteilen. Besonders Kinder, Schwangere, Stillende, ältere Menschen und Haustiere sollten keinen Kontakt mit zubereiteten Pflanzenteilen oder Extrakten haben.
STATUS
- Kommission E: keine Monographie vorhanden.
- ESCOP: keine Monographie vorhanden.
- HMPC: keine Monographie vorhanden.
SCHWALBENWURZ IM GARTEN
Die Weisse Schwalbenwurz liebt kalkhaltigen, mageren und trockenen Boden sowie viel Sonne. Die Pflanze ist somit gut geeignet für den Steingarten. Die mehrjährige und winterharte Schwalbenwurz braucht keine weitere Pflege.
Wegen der Giftigkeit sollte die Pflanze im Garten so platziert werden, dass Kinder und Haustiere keine Pflanzenteile aufnehmen. Abgeschnittenes Pflanzenmaterial sollte nicht mit Küchenkräutern oder Teepflanzen verwechselt werden.
SONSTIGES
Der Gattungsname Vincetoxicum leitet sich vom lateinischen vincere (besiegen) und toxicum (Gift) ab und bezeichnet eine Pflanze, die traditionell als Gegengift verstanden wurde. Der Name Schwalbenwurz ist aus dem mittellateinischen Namen der Pflanze hirundinaria beziehungsweise vom lateinischen hirundo (Schwalbe) abgeleitet. Er bezieht sich auf die mit einem Haarschopf versehenen Samen, die an fliegende Schwalben erinnern können.
Weitere Trivialnamen sind Sankt-Lorenz-Wurzel, Sankt-Lorenzkraut und Weisse Schwalbenwurz.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Weisser Germer (Veratrum album) – stark giftige Pflanze mit früherer, heute obsoleter Arzneiverwendung.
- Schöllkraut (Chelidonium majus) – alkaloidreiche Pflanze mit pharmakologischer Wirkung und relevanten Sicherheitsfragen.
- Weinraute (Ruta graveolens) – frühere Arznei- und Gewürzpflanze mit toxikologisch relevanten Inhaltsstoffen.
- Bittersüsser Nachtschatten (Solanum dulcamara) – giftige Nachtschattenpflanze mit begrenzter historischer Arzneibedeutung.
FAQ
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Ist Schwalbenwurz eine anerkannte Heilpflanze?
Nein. Für Schwalbenwurz besteht heute keine anerkannte medizinische Anwendung. Die frühere Nutzung der Wurzel ist obsolet. -
Warum gilt Schwalbenwurz als Giftpflanze?
Die Pflanze enthält unter anderem Oxasteroidglykoside und Alkaloide. Diese Inhaltsstoffe können toxikologisch relevant sein. -
Wurde Schwalbenwurz früher gegen Schlangengift verwendet?
Ja, historisch wurde die Pflanze als vermeintliches Gegengift betrachtet. Für eine solche Wirkung gibt es keine belastbare moderne klinische Evidenz. -
Darf Schwalbenwurz als Tee verwendet werden?
Nein. Eine Teeanwendung ist wegen fehlender anerkannter Wirksamkeit und wegen der Giftigkeit der Pflanze nicht angezeigt.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold