Ingwer (Zingiber officinale)
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Ingwer im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Der Ingwerwurzelstock besitzt eine medizinisch anerkannte Anwendung zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Traditionell wird Ingwer ausserdem bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden, Blähungen und Völlegefühl verwendet. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind vor allem Magenbeschwerden, Aufstossen und Sodbrennen.
Zingiber officinale (syn. Amomum zingiber); Ingwer (syn. Ginger).
VORKOMMEN
Die Heimat der Ingwerpflanze liegt in Südostasien. Eine echte Wildform ist heute kaum sicher zu bestimmen. Ingwer wird seit langer Zeit in tropischen und subtropischen Regionen kultiviert, vor allem in Indien, China und weiteren asiatischen Ländern. Unter sehr günstigen Bedingungen kann Ingwer auch in unseren Breitengraden im Kübel oder Gewächshaus kultiviert werden.
MERKMALE
Zingiber officinale ist eine mehrjährige tropische Rhizompflanze, die bis etwa 1,5 m hoch werden kann. Die Blätter sind lineal-lanzettlich und wechselständig angeordnet. Die Blütenstände werden direkt aus dem Rhizom gebildet und tragen gelbliche bis grünliche Einzelblüten. Arzneilich bedeutsam ist das fleischige, aromatisch riechende Rhizom. Die Pflanze zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit Galgant (Alpinia officinarum).
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Zingiberis rhizoma (syn. Radix Zingiberis, Rhizoma Zingiberis);
Ingwerwurzelstock, das vollständige oder geschnittene Rhizom.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Ingwerwurzelstock enthält ein Oleoresin mit einer nicht wasserdampfflüchtigen Scharfstoff-Fraktion und einer ätherischen Öl-Fraktion. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen gehören:
Gingerole:
Hauptkomponenten der Scharfstoff-Fraktion sind die Gingerole, insbesondere [6]-Gingerol.
Diese Verbindungen tragen wesentlich zur Schärfe und zu den pharmakologischen Wirkungen bei.
Shogaole:
Shogaole entstehen durch Umwandlung der Gingerole, vor allem bei Trocknung und Lagerung.
[6]-Shogaol ist deutlich schärfer als [6]-Gingerol und wird ebenfalls als pharmakologisch relevant angesehen.
Diarylheptanoide:
Diese Gruppe wird auch als Curcuminoide bezeichnet. Zu den typischen Verbindungen gehört Hexahydrocurcumin.
Ätherisches Öl:
Ingwer enthält bis zu etwa 3 % ätherisches Öl. Hauptbestandteile sind unter anderem (-)-α-Zingiberen, ferner verschiedene Monoterpene und Sesquiterpene, die Geruch und Aroma mitprägen.
Weitere Verbindungen:
Zingeron, Dehydrogingerdione, Lipide, Glykolipide, Hydroxyzimtsäuren, Hydroxybenzoesäuren, Aminosäuren und Stärke.
PHARMAKOLOGIE
Die antiemetische Wirkung von Ingwer wird überwiegend durch eine direkte Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt erklärt. Diskutiert wird zudem eine Interaktion mit 5-HT3-Rezeptoren, die bei der Auslösung von Übelkeit und Erbrechen eine wichtige Rolle spielen.
Daneben werden für Ingwer sekretionsfördernde, motilitätsbeeinflussende und spasmolytische Effekte im Magen-Darm-Bereich beschrieben. Einzelne Inhaltsstoffe wie [6]-Gingerol zeigten in experimentellen Untersuchungen zudem entzündungsmodulierende Eigenschaften, etwa über COX-2-bezogene Mechanismen.
Diese pharmakologischen Wirkungen sind insgesamt plausibel, ihre klinische Relevanz hängt jedoch stark von Zubereitung, Dosis und Indikation ab.
EVIDENZ
Die klinische Evidenz für Ingwer ist am besten bei Übelkeit und Erbrechen belegt, insbesondere zur Vorbeugung der Symptome der Reisekrankheit. Für weitere Anwendungsgebiete wie leichte Magen-Darm-Beschwerden oder Arthrose liegen teils positive, aber heterogene Daten vor. Insgesamt ist die Evidenz für einzelne standardisierte Anwendungen gut, für viele traditionelle Anwendungen jedoch begrenzt bis mässig.
- HMPC (EMA): wissenschaftliche Bewertung von Zingiberis rhizoma; medizinisch allgemein anerkannte Anwendung bei Reisekrankheit sowie traditionelle Anwendungen bei leichten Magen-Darm-Beschwerden.
- HMPC Assessment Report: ausführliche Bewertung zu Pharmakologie, klinischer Evidenz und Sicherheit.
- ESCOP: Monographie mit Zusammenfassung zu Wirksamkeit, Dosierung und Sicherheit.
- Meta-Analyse (2006): Hinweise auf eine signifikante antiemetische Wirkung von Ingwer.
- Systematische Übersichtsarbeit (2020): bestätigt eine Wirksamkeit bei verschiedenen Formen von Übelkeit bei heterogener Datenlage.
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Anwendung
Angaben der Kommission E:
- Anwendungsgebiete: dyspeptische Beschwerden (diffuse Oberbauchbeschwerden); Verhütung der Symptome der Reisekrankheit.
- Gegenanzeigen: bei Gallensteinleiden nur nach Rücksprache mit einem Arzt anwenden;
Hinweis: keine Anwendung bei Schwangerschaftserbrechen. - Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit anderen Mitteln: keine bekannt.
- Dosierung: Tagesdosis 2 g Droge; Zubereitungen entsprechend.
- Art der Anwendung: zerkleinerte Droge und Trockenextrakte zur Herstellung von Aufgüssen; andere galenische Zubereitungen zum Einnehmen.
- Wirkungen: antiemetisch, Förderung der Speichel- und Magensaftsekretion, cholagog; beim Tier spasmolytisch; beim Menschen Steigerung von Tonus und Peristaltik des Darms.
ESCOP: positive Monographie vorhanden.
HMPC: Für Zingiberis rhizoma besteht eine HMPC-Monographie. Medizinisch allgemein anerkannt ist die Anwendung zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Traditionell werden Ingwerzubereitungen ausserdem bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden, Blähungen und Flatulenz, bei vorübergehendem Appetitverlust, leichten Gelenkschmerzen sowie zur Linderung von Erkältungssymptomen verwendet.
Weitere Anwendungen
Ingwer wird traditionell in verschiedenen Medizinsystemen auch bei Erkältungen, Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie zur Unterstützung der Verdauung eingesetzt.
Solche Anwendungen sind pharmakologisch plausibel, klinisch aber je nach Indikation unterschiedlich gut abgesichert.
Ingwer ist Bestandteil verschiedener traditioneller pflanzlicher Kombinationszubereitungen zur Unterstützung der Verdauung. Häufig wird er mit anderen Arzneipflanzen wie Melisse, Alant, Enzian, Bitterorange, Engelwurz, Muskatnuss, Kardamom und Pfeffer kombiniert.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Ingwer wird vor allem in Form von Kapseln, Tabletten und anderen Fertigarzneimitteln angewendet. Auch standardisierte Präparate sind im Handel erhältlich. Die Teezubereitung ist möglich, spielt aber in der medizinischen Standardanwendung eine geringere Rolle.
Zur Vorbeugung der Symptome der Reisekrankheit:
Etwa 2 g gepulverte Droge mit einem Glas Wasser einnehmen beziehungsweise entsprechend dosierte standardisierte Präparate verwenden.
SICHERHEIT
Ingwer gilt in üblicher Dosierung insgesamt als gut verträglich. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind Magenbeschwerden, Aufstossen, Dyspepsie, Sodbrennen und Übelkeit. Selten beziehungsweise mit unbekannter Häufigkeit sind Überempfindlichkeitsreaktionen beschrieben.
Während der Schwangerschaft soll die Anwendung vermieden werden. Für die Stillzeit liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor, weshalb die Anwendung auch dann nicht empfohlen wird. Bei Gallensteinleiden sollte Ingwer nur nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: positive Monographie
- HMPC: Monographie vorhanden (Zingiberis rhizoma)
INGWER IM GARTEN
Der wärmeliebende Ingwer lässt sich auch in unseren Breitengraden kultivieren, am besten in Töpfen, Kübeln oder im Gewächshaus. Handelsübliche Rhizome mit gut entwickelten Triebspitzen können über Nacht in warmem Wasser eingeweicht und anschliessend in Stücke geteilt werden. Die Rhizomstücke werden flach in durchlässige, nährstoffreiche Erde gesetzt und nur dünn bedeckt.
Die Pflanzung erfolgt idealerweise im Frühjahr. Für gutes Wachstum sind Wärme, gleichmässige Feuchtigkeit und Staunässefreiheit wichtig. Kalkarmes Wasser, zum Beispiel Regenwasser, ist günstig. Die Kulturperiode ist lang, sodass eine Ernte erst nach mehreren Monaten zu erwarten ist.
SONSTIGES
Bei Indern und Chinesen wurde Ingwer seit dem Altertum angebaut und zunächst vor allem als Gewürz genutzt. Der Gattungsname Zingiber stammt aus älteren orientalischen Sprachformen. Der Artname officinalis weist darauf hin, dass es sich um eine seit Langem in Apotheken verwendete Arzneipflanze handelt.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Pfefferminze (Mentha piperita) – bei dyspeptischen Beschwerden und Übelkeit.
- Kamille (Matricaria chamomilla) – entzündungshemmend und krampflösend im Magen-Darm-Trakt.
- Fenchel (Foeniculum vulgare) – bei Verdauungsbeschwerden und Blähungen.
- Kümmel (Carum carvi) – karminativ und krampflösend bei Magen-Darm-Beschwerden.
- Kurkuma (Curcuma longa) – traditionell bei Verdauungsbeschwerden und mit pharmakologisch plausiblen entzündungsmodulierenden Effekten.
FAQ
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Wofür wird Ingwer medizinisch anerkannt angewendet?
Medizinisch allgemein anerkannt ist die Anwendung von Ingwerpulver zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Traditionell werden Ingwerzubereitungen ausserdem bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden, Völlegefühl und Blähungen verwendet. -
Wirkt Ingwer tatsächlich gegen Übelkeit?
Ja. Klinische Studien und Übersichtsarbeiten zeigen eine antiemetische Wirkung von Ingwer, insbesondere bei Reisekrankheit und weiteren Formen von Übelkeit. Die Wirksamkeit ist jedoch präparate- und dosisabhängig. -
Wie wird Ingwer richtig dosiert?
Zur Vorbeugung der Symptome der Reisekrankheit werden traditionell etwa 2 g pulverisierte Droge eingenommen. Bei standardisierten Präparaten sind die Herstellerangaben beziehungsweise die Fachinformation zu beachten. -
Welche Nebenwirkungen kann Ingwer haben?
Ingwer gilt insgesamt als gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind Magenbeschwerden, Aufstossen, Dyspepsie, Sodbrennen, Übelkeit sowie selten Überempfindlichkeitsreaktionen. -
Gibt es wichtige Vorsichtsmassnahmen?
Bei Gallensteinleiden sollte Ingwer nur nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden. Bei bestehenden Erkrankungen oder gleichzeitiger Medikamenteneinnahme kann ebenfalls eine fachliche Abklärung sinnvoll sein. -
Darf Ingwer in der Schwangerschaft angewendet werden?
Während der Schwangerschaft soll die Anwendung vermieden werden. Für die Stillzeit liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor, weshalb die Anwendung auch dann nicht empfohlen wird.
Letzte Änderung: 14.04.2026 / © W. Arnold

