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Der Benediktiner Frater Vitalis Maria
braut in der Destillerie im Kloster Ettal nach streng gehüteten Rezepturen, die aus dem
16. Jahrhundert stammen, die beliebten Ettaler Kräuterliköre. Der grüne Likör soll
Magenverstimmungen und Durchfall lindern, der gelbe Frauenleiden und grippale Infekte. Die
hochprozentigen Kräuterschnäpse enthalten etwa 50 verschiedene Kräuter, und die Abtei
verkauft jährlich 80 000 Liter Likör. Heutzutage müsse das Kloster seinen grünen oder
gelben Likör wegen der strengen Richtlinien im Arzneimittelgesetz allerdings als
Genussmittel anbieten. Bis 1803 hatte die Benediktinerabtei eine Apotheke, und noch heute
versorgt ein Mönch kranke Ordensbrüder in der klostereigenen Krankenstation.

Im Mittelalter waren es die Mönche und
Ordensfrauen, die sich als Erste mit der Pflanzenmedizin beschäftigten. Krankheit wurde
als Ungleichgewicht der Säfte verstanden, das durch Kräuter ins Gleichgewicht gebracht
werden musste. Die Säftelehre unterschied zwischen Schleim, Blut, gelber und schwarzer
Galle. Den vier Elementen der griechischen Antike (Wasser, Erde, Feuer und Luft) wurden
Eigenschaften wie trocken/feucht und warm/kalt zugeordnet. Der gelbe Milchsaft des
Schöllkrauts wurde so in Beziehung zur gelben Galle des Menschen gesetzt, woraus sich die
Anwendung des Schöllkrauts als Gallenmittel ableitet.

Allerdings haben die mittelalterlichen
Heilkundler mit dieser Theorie manchmal ziemlich daneben gelegen. Der Tübinger
Medizinprofessor und Botaniker Leonhart Fuchs beispielsweise. Er gab 1543 sein "New Kreüterbuch" heraus, in dem er die "Krafft und Würckung" von 517
Arzneipflanzen beschrieb. Den Fingerhut bezeichnete Fuchs als äussert wirksame
Heilpflanze gegen Frauenleiden und Bronchitis. In Wahrheit ist der Fingerhut nicht nur
herzstärkend, sondern auch äusserst giftig. Drei Blätter sind tödlich. Auch sein
Rezept, "30 geschälte Ricinus-Samenkörner, zerstossen und getrunken"
eingenommen, würden zähen Schleim vertreiben, ist nicht wirklich anzuraten. Bereits eine
geringere Dosis ist tödlich. Dennoch gilt das "New Kreüterbuch" als Grundlage
der modernen Phytotherapie.

In Deutschland gibt es einen Lehrstuhl
für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin. "Heute betrachtet man die
Organe, sucht den Übeltäter und repariert mit Kräutermedizin", skizziert Bernhard
Uehleke, Berliner Arzt und Phytotherapeut seine Arbeit. Eine Pflanze enthalte über 100
000 Stoffe, von denen viele zusammenwirken. Deshalb liege die Wahrheit bei der
Kräutertherapie immer "irgendwie dazwischen". Moderne Pflanzenkundler arbeiten
mit bis zu 100 Pflanzen. Giftige Kräuter gehören nicht dazu.

Der
pflanzliche "Drogenexperte" Uehleke hat viele Tipps parat: Weissdorn helfe bei
Herzschwäche, Ginkgo lindere arteriellen Durchblutungsstörungen, Minzöl kuriere
Kopfschmerzen, Enzian sei bei Bauchschmerzen und Unwohlsein angezeigt und Preiselbeeren
bei Durchfall. Medizinische Wunder vollbringe
Mariendistelexakt als Gegengift in Form von
Infusionslösung bei Knollenblätterpilzvergiftungen. Es halbiere die Sterberate. Erfolge
verzeichnen Ärzte auch bei der Krebstherapie mit dem aus der Eibe gewonnen Taxol. Bei der
Behandlung von Hirntumoren werde Weihrauch eingesetzt. Doch Uehleke warnt vor zu grosser
Euphorie: "Man sollte eine Pflanze nicht über den grünen Klee loben. |