Rizinus, Wunderbaum - Ricinus communis

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Status | Toxikologie | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Ricinus communis (syn. Croton spinosus, Palma christi, Ricinus africanus, R. inermis, R. laevis, R. lividus, R. persicus, R. speciosus, R. spectabilis, R. viridis, R. vulgaris).
Rizinus (syn. Christuspalme, Hundsbaum, Läusebaum, Römische Bohne, Wunderbaum).

Verwendet wird das fette Öl (Rizinusöl), das aus den Samen des Wunderbaums durch Kaltpressung gewonnen wird. Rizinusöl wird kurzfristig bei gelegentlicher Verstopfung angewendet. Die Samen selbst sind stark giftig. Das hochtoxische Protein Ricin ist im fachgerecht gewonnenen Rizinusöl nicht enthalten.

Rizinus - Blüten, Blätter und Samenstände

Ricinus communis - Rizinus, Wunderbaum

Wunderbaum - Rizinus (Ricinus communis)

Rizinussamen - einzelne gefleckte Samen des Rizinus

VORKOMMEN

Ursprünglich wohl aus Afrika oder Indien stammend, ist die Pflanze heute weltweit in den Tropen und Subtropen verbreitet sowie in der gemässigten Zone, soweit der Maisanbau reicht. Sie kommt wild, meist aber in Kultur vor, bis in 2000 m Höhe, ist jedoch sehr frostempfindlich. In Mitteleuropa wird sie vor allem als Zierpflanze kultiviert und blüht je nach Standort im Sommer bis Herbst.

Ricinus communis wird seit sehr alten Zeiten kultiviert; Samenfunde aus ägyptischen Gräbern sind bekannt. Die Pflanze bevorzugt fruchtbare Böden mit guter Wasserversorgung, gedeiht aber auch auf ärmeren Standorten und übersteht Trockenperioden besser als viele andere krautige Kulturpflanzen. Bedeutende Anbaugebiete liegen vor allem in warmen Regionen Asiens, Afrikas und Südamerikas.

MERKMALE

Man unterscheidet zahlreiche Formen und Varietäten nach Form, Grösse und Bestachelung der Früchte sowie nach Farbe und Zeichnung der Samen. In gemässigten Klimazonen wächst der Rizinus meist einjährig krautig, in tropischem Klima dagegen mehrjährig und verholzend.

Die Pflanze ist ausgesprochen schnellwüchsig und kann innerhalb weniger Monate mehrere Meter Höhe erreichen. Die wechselständig stehenden Laubblätter sind gross, glänzend und handförmig fünf- bis elflappig. Je nach Sorte sind sie grün bis rotpurpurn gefärbt. Die Blüten sind eingeschlechtig, unscheinbar und stehen in endständigen Blütenständen. Daraus entwickeln sich dreifächerige Kapselfrüchte mit oft weich bestachelter Oberfläche. Die Samen sind bohnenförmig, glänzend und charakteristisch marmoriert.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

1. Ricini oleum - Rizinusöl (syn. Castoröl, Kastoröl), das aus den Samen durch Pressen ohne Wärmezufuhr erhaltene fette Öl.

2. Ricini semen - Rizinussamen, die reifen Samen der Pflanze.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

1. Ricini oleum - Hauptbestandteil ist das Glycerid der Ricinolsäure. Der Anteil der Ricinolsäure an der Fettsäurefraktion liegt sehr hoch und verleiht dem Öl seine charakteristischen pharmakologischen Eigenschaften. Daneben kommen geringere Mengen weiterer Fettsäuren vor.

2. Ricini semen - Die Samen enthalten 42 bis 55 % fettes Öl, ausserdem Proteine, Lectine, das hochtoxische Glykoprotein Ricin sowie Alkaloide, darunter Ricinin als typischer Biomarker von Ricinus communis.

Ricinin - ein Inhaltsstoff des Rizinus

PHARMAKOLOGIE

1. Ricini oleum - Nach Spaltung der Triglyceride im Dünndarm wird Ricinolsäure freigesetzt. Diese vermindert die Resorption von Wasser und Elektrolyten und steigert die Darmmotilität. Dadurch wirkt Rizinusöl rasch und zuverlässig abführend. Heute gilt als gut belegt, dass Ricinolsäure über Prostaglandinrezeptoren, vor allem EP3, an der glatten Muskulatur des Darms pharmakologisch wirksam ist.

2. Ricini semen - Die frühere Verwendung pulverisierter Samen für äussere Anwendungen ist wegen der hohen Toxizität strikt abzulehnen. Bereits wenige Samen können schwere Vergiftungen verursachen. Ricin hemmt durch Inaktivierung ribosomaler Strukturen die Proteinsynthese in der Zelle. Das Toxin zählt zu den stärksten pflanzlichen Giften.

Ricin ist ein Protein mit zwei funktionell verschiedenen Ketten, einer bindenden B-Kette und einer enzymatisch aktiven A-Kette. Nach Bindung an die Zelloberfläche und Aufnahme in die Zelle blockiert die A-Kette die Proteinsynthese. Dies führt zu schweren Zellschäden bis zum Zelltod.

Ricin - schematische Struktur

EVIDENZ

Für Ricini oleum liegt eine europäische HMPC-Monographie vor. Danach kann Rizinusöl zur kurzfristigen Behandlung der gelegentlichen Verstopfung angewendet werden. Die Anwendung ist auf Erwachsene beschränkt; eine längere Anwendung ohne medizinische Überwachung ist nicht vorgesehen.

Der pharmakologische Wirkmechanismus ist experimentell gut untersucht. Ricinolsäure, der aktive Metabolit des Rizinusöls, aktiviert Prostaglandinrezeptoren und vermittelt so die laxierende Wirkung. Damit ist die traditionelle Anwendung des Öls durch moderne pharmakologische Daten gut gestützt.

Wichtig ist die klare Unterscheidung zwischen dem therapeutisch verwendeten Öl und den giftigen Samen: Das toxische Ricin verbleibt bei fachgerechter Ölgewinnung im Pressrückstand und ist im Rizinusöl nicht enthalten.

ANWENDUNG

1. Ricini oleum - Als rasch wirksames Abführmittel bei gelegentlicher Verstopfung. Darüber hinaus wird raffiniertes Rizinusöl auch als Hilfsstoff in pharmazeutischen Zubereitungen verwendet, etwa in bestimmten Augentropfen oder als technischer und kosmetischer Grundstoff. Hydriertes Rizinusöl ist als Castorwachs bekannt.

2. Ricini semen - Die Samen dienen vor allem der Ölgewinnung. Der Presskuchen und daraus gewonnene Produkte haben technische oder laboranalytische Bedeutung, sind aber wegen der toxischen Inhaltsstoffe mit besonderer Vorsicht zu behandeln.

STATUS

HMPC / EMA: Für Ricini oleum liegt eine positive europäische Monographie vor (well-established use) zur kurzfristigen Behandlung der gelegentlichen Verstopfung.
European Union herbal monograph on Ricinus communis L., oleum

ESCOP: Keine Monographie für Ricinus communis vorhanden.
ESCOP

Kommission E: Keine Monographie für Ricinus communis vorhanden.

TOXIKOLOGIE

Die Samen des Rizinus sind stark giftig. Verantwortlich ist vor allem das Toxin Ricin, daneben spielt auch Ricinin eine Rolle. Vergiftungen betreffen vor allem versehentliche orale Aufnahmen von Samen oder Expositionen gegenüber unzureichend behandelten Pressrückständen. Typisch sind gastrointestinale Beschwerden, schwere Flüssigkeitsverluste und systemische Vergiftungserscheinungen.

Das toxische Profil der Samen darf nicht mit der medizinischen Verwendung von Rizinusöl verwechselt werden. Das Öl selbst enthält bei korrekter Herstellung kein Ricin. Gerade diese klare Trennung zwischen toxischem Samen und therapeutisch eingesetztem Öl ist für die Bewertung der Pflanze entscheidend.

Die toxische Wirkung von Ricin ist stark vom Aufnahmeweg abhängig. Bei inhalativer oder parenteraler Exposition ist sie deutlich ausgeprägter als nach oraler Aufnahme. Das CDC Ricin Protocol (PDF) gibt für die Maus eine orale LD50 von etwa 20–30 mg/kg an.

Die parenterale (subkutan oder intravenös) bzw. inhalative Aufnahme gilt als wesentlich toxischer als die enterale Aufnahme, da das Protein im Gastrointestinaltrakt teilweise denaturiert und durch Proteasen abgebaut wird.

RIZINUS IM GARTEN

Ich halte den Rizinus als attraktive Terrassenpflanze in grossen Kübeln. Die Art ist sehr wärmeliebend und verlangt einen vollsonnigen Standort, einen gut drainierten, aber nährstoffreichen Boden sowie reichliche Wassergaben während der Hauptwachstumszeit. Im Topf entwickelt sie sich bei guter Versorgung ausgesprochen rasch und kann in einem Sommer über drei Meter hoch werden.

Der Wunderbaum ist nicht winterhart und wird bei uns als einjährige Kübel- oder Sommerpflanze kultiviert. Ich halte diese schöne Pflanze auf der Terrasse neben diversen Engelstrompeten, Myrte, Mönchspfeffer und dem Stechapfel. Wegen der Giftigkeit der Samen ist bei Haushalten mit Kindern oder Haustieren besondere Vorsicht nötig.

Rizinus mit Blütenstand und jungen Blättern

SONSTIGES

Die Verwendung des Wunderbaums als Medizinal- und Ölpflanze ist bereits im Papyrus Ebers belegt. Auch Samenfunde in ägyptischen Gräbern zeigen, dass Ricinus communis seit Jahrtausenden bekannt und genutzt wird. Die Art verbindet damit in ungewöhnlicher Weise kulturgeschichtliche Bedeutung, technische Nutzung, pharmakologische Relevanz und erhebliche Toxizität.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Agrostemma githago – giftige Samenpflanze mit toxischen Saponinen; keine anerkannte medizinische Anwendung.
  • Viscum album – enthält biologisch aktive Proteine (Lectine); medizinische Anwendung nur in standardisierten Zubereitungen.
  • Digitalis purpurea – Giftpflanze mit medizinisch bedeutsamen, aber hochwirksamen Inhaltsstoffen.

FAQ

  • Ist Rizinus eine Giftpflanze?
    Ja. Vor allem die Samen enthalten mit Ricin ein hochtoxisches Eiweiss und sind stark giftig.
  • Ist Ricin im Rizinusöl enthalten?
    Nein. Bei fachgerechter Ölgewinnung verbleibt Ricin im Pressrückstand und ist im Rizinusöl nicht enthalten.
  • Wofür wird Rizinusöl medizinisch verwendet?
    Rizinusöl wird kurzfristig als pflanzliches Abführmittel bei gelegentlicher Verstopfung verwendet.
  • Darf man Rizinussamen selbst verwenden?
    Nein. Die Samen sind wegen ihrer erheblichen Giftigkeit für die Selbstmedikation ungeeignet.
  • Kann man Rizinus im Garten ziehen?
    Ja, als dekorative Sommer- oder Kübelpflanze. Wegen der giftigen Samen ist aber Vorsicht geboten.

Letzte Änderung: 30.03.2026 / © W. Arnold