Heilpflanzen: Die Kraft der Kräuter

Gegen viele Krankheiten ist ein Kraut gewachsen

Bereits im frühen Mittelalter kurierten Mönche die Leiden der Bevölkerung mit Heilpflanzen, die sie in ihren Klostergärten züchteten. Die moderne Pflanzenheilkunde bestätigt jetzt teilweise das überlieferte Wissen.

Goldmelisse

Um 10.00 Uhr morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Morgentau getrocknet haben, geht Franziskaner­schwester Leandra in ihren Kräutergarten und erntet Gesundheit für den Tag. Sie pflückt Blätter von Ananassalbei, Zitronenmelisse oder Indianernessel und bereitet daraus den Tee für ihre 80 Ordensschwestern zu. Leandra schwört auf die Kraft der Kräuter. 15 Teesorten baut die 69-jährige Ordensfrau im Garten des bayerischen Klosters Oberzell an. An Salbei schätzt sie die heilenden Inhaltsstoffe gegen Halsentzündungen, Zahnfleischbluten und Schweissausbrüche. Mit der Kräuterkunde hat die Ordensfrau vor elf Jahren begonnen. Damals hatte sie ein "kleines Fleckchen Land". Inzwischen ist ihr Garten gross "wie ein Tanzsaal".

Während sie im Klostergarten die Blätter für den Tee zupft, isst Leandra gerne die Blüten der Kapuzinerkresse, die über die Klostermauern rankt. "Diese Heilpflanze hat viele Vitamine, stärkt die Abwehrkräfte und hilft bei Atemwegserkrankungen", erzählt sie. Seitdem sie sich auf die heilenden Kräfte der Kräuter verlasse, werde sie im Winter nicht mehr krank.

Der Benediktiner Frater Vitalis Maria braut in der Destillerie im Kloster Ettal nach streng gehüteten Rezepturen, die aus dem 16. Jahrhundert stammen, die beliebten Ettaler Kräuterliköre. Der grüne Likör soll Magenverstimmungen und Durchfall lindern, der gelbe Frauenleiden und grippale Infekte. Die hochprozentigen Kräuterschnäpse enthalten etwa 50 verschiedene Kräuter, und die Abtei verkauft jährlich 80 000 Liter Likör. Heutzutage müsse das Kloster seinen grünen oder gelben Likör wegen der strengen Richtlinien im Arzneimittelgesetz allerdings als Genussmittel anbieten. Bis 1803 hatte die Benediktinerabtei eine Apotheke, und noch heute versorgt ein Mönch kranke Ordensbrüder in der klostereigenen Krankenstation.

Schöllkraut

Im Mittelalter waren es die Mönche und Ordensfrauen, die sich als Erste mit der Pflanzenmedizin beschäftigten. Krankheit wurde als Ungleichgewicht der Säfte verstanden, das durch Kräuter ins Gleichgewicht gebracht werden musste. Die Säftelehre unterschied zwischen Schleim, Blut, gelber und schwarzer Galle. Den vier Elementen der griechischen Antike (Wasser, Erde, Feuer und Luft) wurden Eigenschaften wie trocken/feucht und warm/kalt zugeordnet. Der gelbe Milchsaft des Schöllkrauts wurde so in Beziehung zur gelben Galle des Menschen gesetzt, woraus sich die Anwendung des Schöllkrauts als Gallenmittel ableitet. Allerdings haben die mittelalterlichen Heilkundler mit dieser Theorie manchmal ziemlich daneben gelegen. Der Tübinger Medizinprofessor und Botaniker Leonhart Fuchs beispielsweise. Er gab 1543 sein "New Kreüterbuch" heraus, in dem er die "Krafft und Würckung" von 517 Arzneipflanzen beschrieb. Den Fingerhut bezeichnete Fuchs als äussert wirksame Heilpflanze gegen Frauenleiden und Bronchitis. In Wahrheit ist der Fingerhut nicht nur herzstärkend, sondern auch äusserst giftig. Drei Blätter sind tödlich. Auch sein Rezept, "30 geschälte Ricinus-Samenkörner, zerstossen und getrunken" eingenommen, würden zähen Schleim vertreiben, ist nicht wirklich anzuraten. Bereits eine geringere Dosis ist tödlich. Dennoch gilt das "New Kreüterbuch" als Grundlage der modernen Phytotherapie.

Mariendistel - Silybum marianum

In Deutschland gibt es einen Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin. "Heute betrachtet man die Organe, sucht den Übeltäter und repariert mit Kräutermedizin", skizziert Bernhard Uehleke, Berliner Arzt und Phytotherapeut seine Arbeit. Eine Pflanze enthalte über 100 000 Stoffe, von denen viele zusammenwirken. Deshalb liege die Wahrheit bei der Kräutertherapie immer "irgendwie dazwischen". Moderne Pflanzenkundler arbeiten mit bis zu 100 Pflanzen. Giftige Kräuter gehören nicht dazu. Der pflanzliche "Drogenexperte" Uehleke hat viele Tipps parat: Weissdorn helfe bei Herzschwäche, Ginkgo lindere arteriellen Durchblutungsstörungen, Minzöl kuriere Kopfschmerzen, Enzian sei bei Bauchschmerzen und Unwohlsein angezeigt und Preiselbeeren bei Durchfall. Medizinische Wunder vollbringe Mariendistelexakt als Gegengift in Form von Infusionslösung bei Knollenblätterpilzvergiftungen. Es halbiere die Sterberate. Erfolge verzeichnen Ärzte auch bei der Krebstherapie mit dem aus der Eibe gewonnen Taxol. Bei der Behandlung von Hirntumoren werde Weihrauch eingesetzt.

Doch Uehleke warnt vor zu grosser Euphorie: "Man sollte eine Pflanze nicht über den grünen Klee loben.

Letzte Änderung: 12.09.2017 / © W. Arnold