Die heilenden Kräuter der Antike

Heilpflanzen wie Koriander, Kümmel und Kamille kannten bereits die alten Ägypter. Und der griechische Arzt Dioskorides schrieb um Christi Geburt ein Buch, das über viele Jahrhunderte hindurch als Standardwerk der Medizin galt.

Als vor 10 000 Jahren die Eisdecken schmolzen und sich der Meeres­spiegel hob, verschwanden riesige Gebiete unter dem Wasser. Der damalige Mensch sah sich mit der ersten grossen Umweltkatastrophe konfrontiert. Um zu überleben, war er gezwungen, seinen bisherigen Lebensstil zu ändern. Der Jäger und Sammler wurde zum ansässigen Hirten und Bauern. Das sicherte ihm zwar seine Existenz, aber gleichzeitig brachte die neue Lebensweise Gefahren von Infek­tions­krankheiten mit sich. Rinder, Pferde, Geflügel, Schweine und andere Haustiere beherbergten zahlreiche Krankheitserreger, die durch die Nähe zum Menschen auf ihn übertragen wurden. Durch Tierkot verunreinigtes Wasser wurde zur Infektionsquelle für Cholera und Typhus. Die Sesshaftigkeit lockte Insekten an, die sich an der Übertragung von Krankheiten beteiligten. Die Reaktionen auf diese Bedrohungen waren vermutlich die Anfänge von gezielten Heilmethoden, die aus Ritualen und der Anwendung von Heilkräutern bestanden. Die ersten Aufzeichnungen über angewandte Therapien und medizinische Praktiken stammen aus der frühen Bronzezeit, um 4000 v. Chr. Damals entstanden an den Flussufern der grossen Ströme Tigris, Euphrat und Nil die ersten Hochkulturen. Am Ufer des Euphrat gründeten die Sumerer ihr Reich. Flussaufwärts entstanden Babylonien und am Ufer des Tigris Assyrien mit seinem Zentrum Ninive. Die Königreiche hinterliessen in Form von Keilschrifttafeln Zeugnisse medizinischen Wissens. Der babylonische König Mardukapalidina (772-710 v. Chr.) liess in seinem Garten Gewürze und Kräuter für medizinische Zwecke züchten. Insbesondere Knoblauch, Zwiebel, Fenchel, Kümmel, Myrrhe und Mohn.

Schlafmohn

Mythos Hippokrates

HippokratesÜber Heilmittel und deren Anwendung im alten Ägypten geben die Papyri Aufschluss. Zu den wertvollsten zählen diejenigen, welche im 19. Jahrhundert von den Ägyptologen Edwin Smith und Georg Ebers entdeckt wurden. Der Papyrus «Smith» stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. Er befasst sich mit Knochenbrüchen, Wunden, Abszessen und deren medizinischer Versorgung. Im 20 Meter langen Papyrus «Ebers» aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. werden Krankheiten beschrieben und Vorschläge zur Behandlung gemacht. Die Ägypter wussten um die Vorzüge der Heilkräuter wie etwa Kümmel und Dill (gegen Krämpfe der Verdauungsorgane) oder den appetitanregenden Koriander. Gesammelt und verarbeitet wurden auch Laub- und Blütenblätter, Früchte, Wurzeln, Hölzer, Öle und Harze. Über die griechische Medizin aus der Zeit der ersten geschriebenen Texte, im 5. Jahrhundert v. Chr., ist nur wenig bekannt. Der oft zitierte Arzt Hippokrates (460-377 v. Chr.), der als Vater der Medizin bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine mit Legenden umgebene Gestalt, über die auch heutige Gelehrte kaum etwas Konkretes wissen. Es ist fraglich, ob Hippokrates selbst jemals etwas geschrieben hat. Der Verfasser des ersten ernst zu nehmenden europäischen Buches war der Arzt Pedianos Dioskorides (etwa 40-90 n. Chr.). Unter dem Titel «De materia medica» beschreibt er rund 600 Pflanzen, unter ihnen viele Heilkräuter, und er ergänzt den Text mit ganzseitigen farbigen Abbildungen. Das fünfbändige Scriptum galt bis zum 17. Jahrhundert als Standardwerk der Medizin.

Die römische Heilkunst

Die römische Heilkunst blieb nicht lange ohne Einfluss der griechischen. Obschon die Römer gerne über die Griechen spotteten und in ihren Ärzten Schwindler sahen, machte trotzdem mancher griechische Medikus in Rom Karriere. Das beste Beispiel dafür ist Galen. Der in Pergamon geborene Claudios Galenus (129-199 n. Chr.) begann seine Tätigkeit als Arzt an einer Gladiatorenschule. Später wurde er Leibarzt des Marcus Aurelius. Eines seiner grössten Verdienste bestand darin, dass er als Erster die Kombination von Wirkstoffen verschiedener Heilkräuter empfohlen hatte. Der Zweig der Pharmakologie, der sich mit der Herstellung von Arzneien befasst, wird zu seinen Ehren Galenik bezeichnet.

Talmudische Medizin

ParacelsusDer Schauplatz der talmudischen Medizin beginnt etwa 2000 Jahre v. Chr. Damals hat sich ein kleiner Haufen nomadisch lebender Hebräer in nächster Nachbarschaft der Babylonier, Assyrer und Ägypter niedergelassen. Inwieweit die Hebräer Ansätze von deren Erfahrungen übernommen haben, ist unklar. Die Arzneimittel des Talmuds entstammen grösstenteils dem Pflanzenreich. Neben den bis in unsere Tage bekannten Kräutern werden auch Früchte, Gemüse, Getreide, Gewürze und Pflanzenstoffe mit heilsamer Wirkung genannt. Umschläge aus Akaziensäften wurden gegen schmerzhafte Hämorrhoiden empfohlen. Die Kamille war in Form von Aufgüssen das Mittel bei krampfhaften Durchfällen. Äpfel, Trauben, Datteln und Feigen wurden Patienten nach überstandener Krankheit zur Stärkung des Körpers angeboten. Feigen wurden auch auf eiternde Wunden gelegt. Um lästige Würmer des Dünndarmes loszuwerden, wurde zu Gurken gegriffen, Mangold und viel Knoblauch angeraten. Von Kopfschmerzen befreite man sich mit Rosenwasser. Gurgeln mit Olivenöl liess Halsschmerzen abklingen. Zur Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens galten als beste Medizin Obstweine jeglicher Sorte.
Das Wissen der Antike ist dann im europäischen Frühmittelalter in der Versenkung verschwunden. Erst Leute wie etwa Hieronymus Bock oder Paracelsus haben im 15. Jahrhundert die heilende Wirkung der Kräuter «wiederentdeckt».

Letzte Änderung: 12.09.2017 / © W. Arnold