Tollkirsche – Atropa belladonna
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Tollkirschenblätter haben heute keine anerkannte medizinische Anwendung mehr. Die Tollkirsche ist eine Arznei- und vor allem Giftpflanze und enthält stark wirksame Tropanalkaloide wie Scopolamin und Hyoscyamin, deren Reinstoffe bzw. Derivate medizinische Verwendung finden. Die Arzneidroge selbst spielt heute praktisch keine Rolle mehr. Ein unsachgemässer Gebrauch ist wegen der hohen Toxizität besonders gefährlich.
Atropa belladonna (syn. Atropa lethalis, A. lutescens).
Tollkirsche (syn. Judenkirsche, Schlafkirsche, Teufelsauge, Teufelskirsche, Todeskraut, Tollbeere, Tollkraut, Waldnachtschatten, Wolfsbeere, Wolfskirsche).
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VORKOMMEN
Man findet die Tollkirsche häufig auf Waldlichtungen von Laub- und Nadelwäldern, an Waldrändern und auf Brachflächen bis in Höhenlagen von etwa 1700 Metern in weiten Teilen Eurasiens. Atropa belladonna wird auch auf dem Balkan, in Indien, Pakistan, den USA und in Brasilien kultiviert. Als Zierpflanze ist sie nur mit grosser Vorsicht geeignet; in Gärten mit Kindern ist sie problematisch.
MERKMALE
Bei der Schwarzen Tollkirsche handelt es sich um eine ausdauernde, krautige Pflanze, die gewöhnlich Wuchshöhen zwischen 50 cm und 1,50 m erreicht. Die sommergrünen, ganzrandigen und ungeteilten Laubblätter können eine Länge von bis zu 15 cm und eine Breite von etwa 8 cm entwickeln. Sie sind oval geformt und laufen lanzettlich zugespitzt aus. Ebenso wie der Stängel zeigen auch die Blätter eine flaumige Behaarung. Die kugeligen Beeren besitzen eine schwarze, lackartig glänzende Oberfläche.
In Europa treten immer wieder einzelne Pflanzen auf, denen der Blütenfarbstoff (Anthocyan) fehlt; sie besitzen grünlichgelbe bis blassgelbe Blüten und gelb gefärbte Beeren. Diese Form ist als Atropa belladonna var. lutea auch taxonomisch beschrieben worden.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Belladonnae folium – (syn. Belladonnae herba, Folia Belladonnae, Herba Belladonnae); Belladonnablätter (syn. Tollkirschenblätter, Tollkrautblätter, Wolfsbeerenblätter, Wolfskirschenblätter, Tollkirschenkraut, Tollkraut).
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Die Tollkirsche enthält charakteristische Tropanalkaloide, vor allem Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin. Daneben wurden unter anderem Apoatropin, Belladonnin und Scopoletin beschrieben. In den Blättern befinden sich etwa 0,5 % bis 1,5 %, in den Wurzeln etwa 0,85 %, im Samen etwa 0,8 %, in den Früchten etwa 0,65 % und in den Blüten etwa 0,4 % Tropanalkaloide.
Siehe auch die tropanalkaloidhaltigen Heilpflanzen Stechapfel, Alraune, Bilsenkraut, Glockenbilsenkraut und Engelstrompeten.
PHARMAKOLOGIE
Atropa belladonna-Zubereitungen wirken als Parasympathikolytika bzw. Anticholinergika über eine kompetitive Antagonisierung der muskarinischen Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin. Der Antagonismus betrifft vorwiegend muskarinerge Effekte, weniger die nikotinischen Wirkungen an Ganglien und an der neuromuskulären Endplatte.
Atropa belladonna-Zubereitungen entfalten periphere, auf das vegetative Nervensystem und die glatte Muskulatur gerichtete sowie zentralnervöse Wirkungen. Infolge ihrer parasympathikolytischen Eigenschaften bewirken sie eine Erschlaffung glattmuskulärer Organe und eine Aufhebung spastischer Zustände, vor allem im Bereich des Gastrointestinaltraktes und der Gallenwege. Sie wirken am Herzen positiv chronotrop und positiv dromotrop.
Scopolamin unterscheidet sich pharmakologisch von Atropin durch seine stärker zentraldämpfende Wirkung. Die mydriatische und sekretionshemmende Wirkung von Scopolamin ist stärker als jene von Atropin. Die spasmolytische und herzfrequenzsteigernde Wirkung ist dagegen schwächer.
Atropin entsteht bei der Aufarbeitung der Droge aus dem genuin vorliegenden (S)-Hyoscyamin durch Racematbildung (Atropin = (R,S)-Hyoscyamin).
EVIDENZ
Die Tollkirsche ist vor allem eine historisch bedeutende Arznei- und Giftpflanze. Für die pflanzliche Droge selbst besteht heute keine anerkannte moderne phytotherapeutische Anwendung mehr. Die medizinische Bedeutung liegt vielmehr in den isolierten Tropanalkaloiden und deren Derivaten, insbesondere Atropin und Scopolamin.
Die publizierte Literatur befasst sich heute vor allem mit Pharmakologie, unerwünschten Wirkungen und der klinischen Verwendung der isolierten Alkaloide. Verwendet werden nicht traditionelle Belladonna-Zubereitungen, sondern definierte Reinstoffe und standardisierte Arzneimittel.
Der HMPC der EMA hat für Atropa belladonna als pflanzliche Droge keine etablierte EU-Herbal-Monographie veröffentlicht. Eine aktuelle phytotherapeutische Relevanz im Sinne moderner Standardanwendungen besteht nicht.
Quellen: HMPC / EMA, PubMed: Belladonna, PubMed: Atropa belladonna.
ANWENDUNG
Die Tollkirsche selbst wird heute als Heilpflanze praktisch nicht mehr verwendet. Medizinisch bedeutsam sind jedoch die aus ihr gewonnenen oder daran orientierten Reinalkaloide. Atropin besitzt eine ausgeprägte anticholinerge Wirkung und wird in der Medizin weiterhin eingesetzt.
Anwendungen betreffen unter anderem die Notfallmedizin, bestimmte Vergiftungssituationen, sowie die Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung. Auch präoperative Anwendungen zur Verminderung von Sekreten gehören zu den klassischen Einsatzgebieten.
Historisch wurden Belladonna-Zubereitungen bei krampfartigen Beschwerden des Gastrointestinaltrakts und der Gallenwege verwendet. Heute werden dafür in der Regel besser steuerbare und weniger problematische Wirkstoffe bevorzugt.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
In der Medizin werden hauptsächlich Arzneimittel mit dem Reinalkaloid Atropin (= (R,S)-Hyoscyamin) verwendet. Standardisierte Extrakte aus den Blättern werden heute kaum noch verwendet.
Nur unter ärztlicher Kontrolle – die Tollkirsche ist eine starke Giftpflanze.
Ein unsachgemässer Gebrauch ist wegen der hohen Toxizität besonders gefährlich. Bereits geringe Mengen können ausgeprägte Beschwerden verursachen.
Hinweis zur Giftigkeit:
Alle Pflanzenteile sind stark wirksam.
Besondere Vorsicht ist bei Kindern geboten, da schon kleine Mengen problematisch sein können.
STATUS
TOLLKIRSCHE IM GARTEN
Die robuste und winterfeste Tollkirsche lässt sich grundsätzlich ohne grossen Pflegeaufwand kultivieren. In der Natur ist sie häufig an Waldlichtungen anzutreffen; entsprechend bevorzugt sie im Garten einen halbschattigen bis sonnigen Standort. Die buschige Pflanze verträgt keinen starken Wind, ist relativ zerbrechlich und sollte deshalb windgeschützt gepflanzt werden. Sie benötigt einen nährstoffreichen, gut wasserdurchlässigen Boden.
Auch die gelbe Varietät kann im Garten wachsen. Wegen der attraktiven, aber stark problematischen Beeren ist jedoch grosse Vorsicht geboten. In Gärten mit Kindern ist von einer Anpflanzung eher abzuraten.
SONSTIGES
Im Volksglauben galt die Schwarze Tollkirsche als alte Zauberpflanze, der magische Kräfte zugeschrieben wurden. Im Umgang mit der Pflanze waren nach überlieferten Vorstellungen häufig bestimmte Zeremonien einzuhalten. So berichtet Christian Rätsch von frühen osteuropäischen Liebeszaubern, bei denen die Wurzel der Tollkirsche eine Rolle spielte.
Auch als Bestandteil sogenannter Hexensalben wurde die Tollkirsche häufig erwähnt. Solche Überlieferungen sind kulturhistorisch interessant, ändern jedoch nichts an der erheblichen Giftigkeit der Pflanze.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Stechapfel (Datura stramonium) – ebenfalls stark wirksame Nachtschattenpflanze mit Tropanalkaloiden.
- Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) – historisch verwendete, heute vor allem pharmakologisch interessante Art.
- Alraune (Mandragora officinarum) – kulturhistorisch bedeutende Solanacee mit ähnlicher Alkaloidproblematik.
- Glockenbilsenkraut (Scopolia carniolica) – tropanalkaloidhaltige Arznei- und Giftpflanze.
- Engelstrompeten (Brugmansia) – Zierpflanzen mit hohem Vorsichtsbedarf.
FAQ ZUR TOLLKIRSCHE
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Ist die Tollkirsche eine anerkannte Heilpflanze?
Nein. Die Tollkirsche hat heute als pflanzliche Arzneidroge keine anerkannte medizinische Bedeutung mehr. Verwendet werden vor allem definierte Reinstoffe wie Atropin oder Scopolamin. -
Welche Inhaltsstoffe sind medizinisch besonders wichtig?
Entscheidend sind die Tropanalkaloide Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin. Sie wirken stark anticholinerg. -
Wofür wird Atropin heute verwendet?
Atropin wird als Arzneistoff in der Notfallmedizin, bei bestimmten Vergiftungen, in der Augenheilkunde und in weiteren spezialisierten medizinischen Situationen eingesetzt. -
Sind die Beeren problematisch?
Ja. Die Beeren wirken auffällig und können insbesondere für Kinder gefährlich sein. -
Eignet sich die Tollkirsche für den Familiengarten?
Wegen der Giftigkeit und der attraktiven Beeren ist sie für Gärten mit Kindern nur sehr eingeschränkt geeignet.
Letzte Änderung: 27.03.2026 / © W. Arnold


