Glockenbilsenkraut – Scopolia carniolica

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Die Wurzel von Glockenbilsenkraut (Scopoliae radix) enthält stark wirksame Tropanalkaloide wie Hyoscyamin und Scopolamin und wirkt anticholinerg (parasympathicolytisch). Historisch wurde sie bei Spasmen des Magen-Darm-Trakts, der Gallenwege und der ableitenden Harnwege verwendet. Aufgrund der hohen Toxizität erfolgt die Anwendung heute praktisch nur noch in Form isolierter Alkaloide unter ärztlicher Kontrolle.

Glockenbilsenkraut (syn. Skopoliakraut, Krainer Tollkraut)

Scopolia carniolica - Glockenbilsenkraut

Scopolia carniolica - Glockenbilsenkraut

Scopolia carniolica - Glockenbilsenkraut

VORKOMMEN

Das Glockenbilsenkraut ist im östlichen und südöstlichen Europa heimisch, besonders in Slowenien, Kroatien, Ungarn und Rumänien. In Schlesien und Ostpreussen ist die Pflanze verwildert anzutreffen. Sie wächst bevorzugt in feuchten, humusreichen Laubwäldern und schattigen Berglagen. Trotz ihrer Giftigkeit ist sie auch eine auffallend schöne Gartenpflanze.

MERKMALE

Das Glockenbilsenkraut wird 30 bis 60 cm hoch. Der Stängel ist aufrecht, an seinem Grund mit schuppenartigen Niederblättern versehen, gabelig verzweigt, etwas fleischig, kahl oder zerstreut behaart. Die Blätter sind trübgrün, verkehrt eiförmig, ganzrandig und kahl. Die Blüten sind röhrig-glockig, 1 bis 2 cm lang, braunviolett bis grünlich-gelb, einzeln, achselständig, gestielt und nickend. Die Frucht ist eine zweifächerige, aufspringende Kapsel. Die Blütezeit reicht von April bis Mai.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Scopoliae carniolicae folium (syn. Folia Scopoliae carniolicae); Scopoliablätter.
Scopoliae radix (syn. Radix Scopoliae, Radix Scopoliae carniolicae, Rhizoma Scopoliae, Rhizoma Scopoliae carniolicae); Glockenbilsenkrautwurzel.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Scopoliae carniolicae folium:
Alkaloide wie in der Wurzel, jedoch in geringerer Menge. Der Anteil an Scopolamin beträgt 45 bis 66 % der Gesamtalkaloide; Tropin und Scopolin fehlen. Weiter wurden Rutin, Aesculetin, Chlorogensäure und Kaffeesäure gefunden.

Scopoliae radix:
Die Droge enthält bis zu 0,8 % Gesamtalkaloide, davon bis zu 0,4 % L-Hyoscyamin und bis zu 0,03 % Atropin; Scopolamin nur in Spuren, ferner Cuskhygrin und Pseudotropin. Ob Scopin und Tropin vorkommen, ist unsicher. Daneben enthält die Wurzel das Cumarinderivat Scopolin und dessen Aglykon Scopoletin (Methylaesculetin), Chlorogensäure sowie Aminosäuren, vor allem Arginin und Phenylalanin als Vorläufer der Tropanalkaloide.

Hyoscyamin, Scopolamin

Zu den Inhaltsstoffen siehe auch die tropanalkaloidhaltigen Heilpflanzen Tollkirsche, Stechapfel, Alraune, Bilsenkraut und Engelstrompeten.

PHARMAKOLOGIE

Glockenbilsenkrautwurzel wirkt als Parasympathicolyticum / Anticholinergicum über eine kompetitive Antagonisierung des Transmitters Acetylcholin. Dieser Antagonismus betrifft vorwiegend die muskarinähnlichen Wirkungen des Acetylcholins, weniger die nikotinähnlichen Wirkungen an Ganglien und an der neuromuskulären Endplatte.

Die Droge entfaltet periphere, auf das vegetative Nervensystem und die glatte Muskulatur gerichtete sowie zentralnervöse Wirkungen. Infolge ihrer parasympathicolytischen Eigenschaften bewirkt sie eine Erschlaffung glattmuskulärer Organe und die Aufhebung spastischer Zustände, vor allem im Bereich des Gastrointestinaltrakts und der Gallenwege. Zustände zentralnervös bedingten muskulären Tremors sowie muskulärer Rigidität werden gelöst. Am Herzen wirkt die Droge positiv chronotrop und dromotrop.

Siehe auch den Beitrag über die Tollkirsche (Atropa belladonna).

EVIDENZ

Die Wirkung von Scopolia carniolica ist pharmakologisch gut erklärbar. Verantwortlich sind vor allem Tropanalkaloide wie L-Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin, die als Anticholinergika bzw. Parasympathicolytika wirken. Sie hemmen kompetitiv muskarinische Acetylcholin-Rezeptoren und entfalten spasmolytische, sekretionshemmende und zentralnervöse Effekte.

Für die historische Anwendung der Wurzel (Scopoliae radix) bei Krämpfen des Magen-Darm-Trakts, der Gallenwege und der ableitenden Harnwege besteht eine klare pharmakologische Plausibilität. Die moderne therapeutische Nutzung erfolgt heute jedoch nicht mehr mit der Droge selbst, sondern mit isolierten oder standardisierten Tropanalkaloiden.

Eine Monographie des HMPC/EMA zu Scopolia carniolica liegt derzeit nicht vor. Die Bewertung stützt sich daher auf die bekannte Pharmakologie der Inhaltsstoffe, auf ältere pharmakognostische Literatur sowie auf historische arzneipflanzliche Anwendungen.

ANWENDUNG

Angaben der Kommission E (nur Scopoliae radix):

  • Bestandteile des Arzneimittels: Die getrockneten Wurzelstöcke von Scopolia carniolica Jacquin sowie deren Zubereitungen in wirksamer Dosierung. Die Droge enthält 0,3 bis 0,8 % Alkaloide, darunter bis 0,4 % L-Hyoscyamin und in Spuren Scopolamin.
  • Anwendungsgebiete: Spasmen des Magen-Darm-Kanals, der Gallengänge und der ableitenden Harnwege bei Erwachsenen und Schulkindern.
  • Gegenanzeigen: Engwinkelglaukom, Prostata-Adenom mit Restharn, Tachykardien, mechanische Stenosen im Bereich des Magen-Darm-Kanals, Megacolon.
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Schweissverminderung, Hautrötung, Akkommodationsstörungen, Wärmestau, Tachykardie, Miktionsbeschwerden; ein Glaukomanfall kann ausgelöst werden.
  • Wechselwirkungen mit anderen Mitteln: Wirkungsverstärkung bei gleichzeitiger Gabe von trizyklischen Antidepressiva, Amantadin, Chinidin.
  • Dosierung:
    Mittlere Tagesdosis entsprechend 0,25 mg Gesamtalkaloide, berechnet als Hyoscyamin; maximale Einzeldosis entsprechend 1,0 mg Gesamtalkaloide, berechnet als Hyoscyamin; maximale Tagesdosis entsprechend 3,0 mg Gesamtalkaloide, berechnet als Hyoscyamin.
  • Art der Anwendung: Geschnittene Droge, Drogenpulver sowie andere galenische Zubereitungen zum Einnehmen.

Die Wurzeldroge galt früher als wertvolles Mittel gegen spastische Zustände und wurde auch zur Gewinnung von Alkaloiden verwendet. Historisch fanden ausserdem Extrakte, Pflaster, Tinkturen und Salben Verwendung. In der Volksmedizin wurde die Pflanze unter anderem gegen Rheumatismus, Gicht und Koliken eingesetzt; solche Anwendungen sind heute wegen der Toxizität obsolet.

Die Anwendung von Scopoliae carniolicae folium entspricht grundsätzlich jener von Folia Belladonnae. Aufgrund des höheren Scopolamin-Gehalts sollten die Blätter jedoch nicht als gleichwertiger Ersatz angesehen werden.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Die Wurzeldroge wird heute nur noch selten angewendet. In der modernen Medizin werden vor allem die reinen bzw. standardisierten Alkaloide verwendet. Selbstmedikation ist wegen der geringen therapeutischen Breite nicht vertretbar.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung (Scopoliae radix)
  • ESCOP: keine Monographie
  • HMPC: keine Monographie

SONSTIGES

Der Gattungsname erinnert an den Naturkundler Antonio Scopoli (1723–1788), der die Flora Sloweniens als einer der Ersten wissenschaftlich beschrieb. In Litauen und auf dem Balkan wurde das Krainer Tollkraut ähnlich wie die Alraune (Mandragora officinarum) gesammelt und für magische Zwecke genutzt.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

FAQ

  • Ist Glockenbilsenkraut giftig?
    Ja. Alle Pflanzenteile sind giftig. Besonders wichtig sind die Tropanalkaloide Hyoscyamin und Scopolamin.
  • Wofür wurde Glockenbilsenkraut medizinisch verwendet?
    Historisch vor allem bei Spasmen des Magen-Darm-Kanals, der Gallenwege und der ableitenden Harnwege.
  • Wird die Pflanze heute noch verwendet?
    Die Droge selbst wird heute nur noch selten eingesetzt. Verwendet werden eher isolierte und standardisierte Alkaloide.
  • Welche Stoffe bestimmen die Wirkung?
    Hauptverantwortlich sind Tropanalkaloide wie L-Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin.

Letzte Änderung: 28.03.2026 / © W. Arnold