Roter Fingerhut - Digitalis purpurea

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Giftpflanze!
Die Blätter des Roten Fingerhutes enthalten stark wirksame Cardenolide.
Die Pflanze selbst darf nicht phytotherapeutisch verwendet werden.
Medizinische Bedeutung besitzen nur standardisierte bzw. isolierte Herzglykoside als Fertigarzneimittel unter ärztlicher Kontrolle.
Tees, Tinkturen oder andere Zubereitungen aus Pflanzenteilen dürfen aufgrund der hohen Toxizität nicht angewendet werden.

Digitalis purpurea L. (syn. Digitalis speciosa, Digitalis thapsi);
Roter Fingerhut (syn. Fingerhut, Fingerkraut, Unserer-lieben-Frauen-Handschuh, Waldglöckchen).

Roter Fingerhut

Roter Fingerhut (Pflanzen)

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea)

VORKOMMEN

Der auffallend schöne Rote Fingerhut ist in Westeuropa sowie im westlichen Süd-, Mittel- und Nordeuropa und in Marokko beheimatet. In Nord- und Südamerika ist die Pflanze gebietsweise eingeschleppt.

Der Rote Fingerhut wächst oft in Massenbeständen auf Kahlschlägen, an Waldrändern und in Waldlichtungen. Er bevorzugt eher kalkarme, humose und meist stickstoffreiche Böden. Die roten, innen dunkel gefleckten Blüten ähneln einem Fingerhut. Sie bilden lange Trauben, die von unten nach oben aufblühen. Eine Traube kann aus 50 bis 200 Blüten bestehen. Bestäubt wird die Pflanze vor allem von Hummeln. Fehlen Insekten, ist auch Selbstbestäubung möglich. Aus den Samen entwickelt sich zunächst eine Blattrosette; der Blütenspross erscheint meist erst im zweiten Jahr. Danach stirbt die Pflanze in der Regel ab, kann jedoch gelegentlich nochmals austreiben.

MERKMALE

Die aufrechte, behaarte Pflanze ist meist unverzweigt. An der Basis bilden die ei-lanzettlichen, unterseits graufilzigen und am Rand etwas gekerbten Blätter eine Rosette. Die unteren Blätter sind gestielt und am Stiel geflügelt. Die hellpurpurroten Blüten sind innen dunkel punktiert und gefleckt; die Punkte und Flecken sind von einem weissen Hof umgeben. Der Saum der Kronröhre ist undeutlich und ungleich fünflappig. Der Rote Fingerhut wird bis etwa 150 cm hoch und blüht gewöhnlich von Juni bis August.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Digitalis purpureae folium (syn. Folia Digitalis purpureae);
Digitalis-purpurea-Blätter (syn. Digitalisblätter, Fingerhutblätter), die getrockneten Blätter.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Cardenolidglykoside (bis ca. 0,6 %). Es wurden mehr als 30 Vertreter gefunden, vor allem Purpureaglykoside A und B, Digitoxin, Gitoxin, Gitaloxin und Verodoxin. Die entsprechenden Aglyka sind Digitoxigenin, Gitoxigenin und Gitaloxigenin. Digoxin ist in Digitalis lanata enthalten, nicht jedoch in Digitalis purpurea. Ausserdem sind etwa 1 % Digitanolglykoside und bis 1 % Steroidsaponine vorhanden.

Struktur von Purpureaglykosid A

PHARMAKOLOGIE

Die Cardenolidglykoside hemmen die membranständige Na+/K+-ATPase. Dadurch kommt es indirekt zu einem Anstieg des intrazellulären Calciumspiegels und damit zu einer Verstärkung der Kontraktionskraft des Herzmuskels (positiv inotrope Wirkung). Zusätzlich beeinflussen Digitalisglykoside die Erregungsleitung und die Herzfrequenz.

Die therapeutische Breite ist jedoch sehr gering. Schon geringe Dosisabweichungen können zu Intoxikationen mit Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen und gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen. Aus diesem Grund wird die Pflanze selbst heute nicht als Phytotherapeutikum eingesetzt.

EVIDENZ

Für Digitalis purpurea als Pflanze besteht heute keine rationale phytotherapeutische Anwendung. Die medizinische Bedeutung liegt in den aus Digitalis-Arten abgeleiteten und standardisierten Herzglykosiden, deren pharmakologische Eigenschaften und klinische Anwendung gut untersucht sind.

Die heutige Bewertung orientiert sich deshalb nicht an traditionellen Teezubereitungen oder anderen pflanzlichen Anwendungen, sondern an standardisierten Reinsubstanzen und deren klinischer Evidenz. Für die regulatorische Einordnung pflanzlicher Arzneimittel sind die Veröffentlichungen des HMPC/EMA massgeblich.

ANWENDUNG

Die Droge selbst wird kaum noch angewendet. Gründe sind die starke Beeinflussung der Wirkung der Cardenolidglykoside durch Begleitsubstanzen, die geringe therapeutische Breite und die schlechte Reproduzierbarkeit pflanzlicher Zubereitungen. Die frühere Verwendung von Digitalisblättern ist deshalb heute obsolet.

Therapeutisch eingesetzt werden standardisierte Herzglykoside wie Digitoxin beziehungsweise Digoxin in kontrollierter Dosierung. Diese Substanzen werden bei bestimmten Formen der Herzinsuffizienz und bei einzelnen Herzrhythmusstörungen verwendet.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Giftpflanze! Es dürfen ausschliesslich ärztlich verordnete Fertigarzneimittel verwendet werden. Die Blätter oder andere Pflanzenteile dürfen nicht als Tee zubereitet oder in anderer Form eingenommen werden.

STATUS

Digitalis purpurea wird nicht als pflanzliches Arzneimittel verwendet. Die Anwendung der Droge ist aufgrund der hohen Toxizität und der geringen therapeutischen Breite medizinisch nicht vertretbar.

Die medizinische Bedeutung der Pflanze liegt ausschliesslich in isolierten und standardisierten Herzglykosiden (z. B. Digitoxin), die als Fertigarzneimittel unter ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden.

Für die regulatorische Bewertung pflanzlicher Arzneimittel sind die Veröffentlichungen des HMPC massgeblich. Allgemeine Informationen zu wissenschaftlichen Bewertungen in der europäischen Phytotherapie bietet die ESCOP.

ROTER FINGERHUT IM GARTEN

Der Rote Fingerhut liebt einen hellen bis halbschattigen Standort und bevorzugt lockere, humose, eher saure Erde. Im Juli und August werden die Samen direkt ins Beet ausgesät und nur leicht mit Erde bedeckt. Jungpflanzen sind auch in Gärtnereien erhältlich. Die Pflanze vermehrt sich im Garten häufig durch Selbstaussaat und ist wegen ihrer eindrucksvollen Blütenstände eine beliebte, wenn auch giftige Zierpflanze.

Ich halte 3 weitere Digitalis-Arten als Zierpflanzen im Garten: Digitalis lanata (Wolliger Fingerhut), Digitalis lutea (Gelber Fingerhut) und Digitalis grandiflora (Grossblütiger Fingerhut).

Roter Fingerhut

SONSTIGES

Den Sagen nach wurde der Fingerhut vom Elfenvolk als Kopfbedeckung verwendet. Die Blüten seien von bösen Feen den Füchsen als Handschuhe geschenkt worden, damit diese lautlos die Hühnerställe plündern konnten. Die besondere Zeichnung der Blüten soll daher von den Fingerabdrücken dieser Feen herrühren.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

FAQ ZUM ROTEN FINGERHUT

  • Ist Roter Fingerhut eine Heilpflanze?
    Die Pflanze selbst wird heute nicht mehr phytotherapeutisch verwendet, weil sie hochgiftig ist. Medizinisch bedeutsam sind nur standardisierte Herzglykoside.
  • Darf man Fingerhut als Tee oder Hausmittel verwenden?
    Nein. Bereits geringe Mengen können zu schweren Vergiftungen führen.
  • Welche Stoffe machen die Pflanze so wirksam?
    Verantwortlich sind herzwirksame Cardenolidglykoside wie Purpureaglykoside und Digitoxin.
  • Wofür wurden Digitalisglykoside medizinisch verwendet?
    In standardisierter Form werden sie bei bestimmten Herzkrankheiten eingesetzt, etwa bei Herzinsuffizienz oder einzelnen Herzrhythmusstörungen.
  • Ist der Rote Fingerhut auch im Garten problematisch?
    Als Zierpflanze ist er attraktiv, aber alle Pflanzenteile sind giftig. In Gärten mit Kindern ist besondere Vorsicht angezeigt.

Letzte Änderung: 28.03.2026 / © W. Arnold