Nachtkerze (Oenothera biennis)

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Nachtkerze im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Nachtkerzenöl wird von der EMA/HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen eingestuft. Das Öl enthält vor allem Linolsäure und γ-Linolensäure. Die klinische Evidenz bei atopischem Ekzem ist jedoch schwach; ein klarer Nutzen gegenüber Placebo ist in systematischen Übersichtsarbeiten nicht überzeugend belegt.

Oenothera biennis (syn. Oenothera communis, Oenothera graveolens, Oenothera vulgaris); Gemeine Nachtkerze (syn. Eierblume, Gelbe Rapunzel, Stolzer Heinrich, Weinblume).

Nachtkerze (Oenothera biennis) mit gelber Blüte

Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) mit gelben Blüten

Blühende Nachtkerze (Oenothera biennis) in Makroaufnahme

Gruppe von Gemeinen Nachtkerzen (Oenothera biennis) im Garten

VORKOMMEN

Die ursprüngliche Heimat der Gemeinen Nachtkerze (Oenothera biennis) liegt im östlichen und zentralen Nordamerika. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts ist die Nachtkerze auch in Europa eingebürgert. Sie wächst bevorzugt an trockenen, offenen Standorten wie Bahndämmen, Wegrändern, Böschungen, Schuttplätzen und Ruderalflächen.

Die Pflanze ist an sonnige, eher trockene und nährstoffarme Standorte angepasst. In Mitteleuropa tritt sie häufig verwildert auf und kann sich an geeigneten Standorten durch Selbstaussaat dauerhaft halten.

MERKMALE

Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) ist eine zweijährige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von bis zu 2 Metern. Im ersten Jahr bildet sie eine bodennahe Blattrosette mit einer kräftigen, fleischigen Pfahlwurzel. Im zweiten Jahr entwickelt sich daraus ein aufrechter, grüner oder im unteren Bereich rötlich überlaufener Stängel.

Die gelben, angenehm duftenden Blüten öffnen sich meist erst gegen Abend. Sie werden vor allem von Nachtfaltern und Schwärmern bestäubt. Die Blütezeit reicht meist von Juni bis September.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

1. Oenothera biennis herba (syn. Herba Oenotherae biennis) – das getrocknete Kraut.

2. Oenotherae oleum (syn. Oenothera biennis oleum, Oleum Oenotherae, Oleum Oenotherae biennis) – Nachtkerzenöl, das aus den Samen gewonnene fette Öl. Medizinisch steht heute vor allem das Samenöl im Vordergrund.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

1. Oenothera biennis herba: Das Kraut enthält unter anderem Flavonoide, Anthocyane wie Delphinidin und Cyanidin sowie verschiedene Phenolcarbonsäuren, darunter Kaffeesäure, Neochlorogensäure und p-Cumarsäure. Weiterhin werden Gerbstoffe, Phytosterole, Harze und Zucker beschrieben.

2. Oenotherae oleum: Das aus den Samen gewonnene fette Öl besteht vor allem aus Triglyceriden mit einem hohen Anteil an Linolsäure und als Besonderheit γ-Linolensäure. Weitere Fettsäuren sind Ölsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure. γ-Linolensäure ist pharmakologisch bedeutsam, weil sie in den Stoffwechsel mehrfach ungesättigter Fettsäuren eingebunden ist.

PHARMAKOLOGIE

Das aus den Samen gewonnene Nachtkerzenöl enthält Linolsäure und γ-Linolensäure. γ-Linolensäure kann im Organismus zu Dihomo-γ-Linolensäure metabolisiert werden, aus der entzündungsmodulierende Eicosanoide entstehen können. Daraus ergibt sich eine pharmakologische Plausibilität für Anwendungen bei trockener, juckender und entzündlich gereizter Haut.

Die pathophysiologische Begründung bei atopischem Ekzem beruht auf der Annahme, dass Störungen im Stoffwechsel essentieller Fettsäuren zur Hautbarrierestörung und zu entzündlichen Prozessen beitragen können. Diese Überlegung ist plausibel, führt klinisch jedoch nicht automatisch zu einer zuverlässig nachweisbaren Wirksamkeit.

Für das Kraut der Nachtkerze sind traditionelle Anwendungen beschrieben, die moderne medizinische Bedeutung ist im Vergleich zum Samenöl jedoch geringer.

EVIDENZ

Die klinische Evidenz zur Wirksamkeit von Nachtkerzenöl bei atopischem Ekzem ist insgesamt schwach. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit kam nach Auswertung zahlreicher Studien zum Schluss, dass weder Nachtkerzenöl noch das ebenfalls γ-Linolensäurereiche Borretschöl bei oraler Einnahme einen klaren klinischen Nutzen gegenüber Placebo zeigen.

Die regulatorische Einordnung durch die EMA/HMPC beruht deshalb nicht auf überzeugenden modernen Wirksamkeitsstudien, sondern auf traditioneller Anwendung. Nachtkerzenöl wird als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Juckreiz bei kurz- und langfristigen trockenen Hautzuständen eingestuft.

  • EMA – Oenotherae oleum – HMPC-Übersichtsseite zu Nachtkerzenöl; traditionelle Anwendung zur Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen.
  • HMPC – Committee on Herbal Medicinal Products – zuständiger Ausschuss der EMA für pflanzliche Arzneimittel.
  • PubMed – Cochrane-Review zu oralem Nachtkerzenöl und Borretschöl bei Ekzemen; kein überzeugender Nutzen gegenüber Placebo.
  • Cochrane Library – systematische Übersichtsarbeit zu Nachtkerzenöl und Borretschöl bei Ekzemen.

ANWENDUNG

1. Oenothera biennis herba: In der Volksheilkunde wurde das Kraut gelegentlich bei Durchfall und als sogenanntes Blutreinigungsmittel verwendet. Für diese Anwendungen liegen keine überzeugenden modernen Wirksamkeitsnachweise vor.

2. Oenotherae oleum: Nachtkerzenöl wird in Form von Weichkapseln oder als Öl verwendet. Die traditionelle medizinische Anwendung bezieht sich auf die Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen. Frühere und populäre Anwendungen bei atopischem Ekzem werden durch die klinische Evidenz nur unzureichend gestützt.

Nachtkerzenöl wird traditionell auch bei weiteren Beschwerden wie prämenstruellem Syndrom, Akne, Schuppenflechte, rheumatoider Arthritis, erhöhtem Cholesterinspiegel oder Hyperaktivität genannt. Für diese Anwendungsgebiete bestehen keine ausreichend belastbaren Wirksamkeitsnachweise.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

1. Oenothera biennis herba: Für das Kraut bestehen keine etablierten modernen Dosierungsempfehlungen.

2. Oenotherae oleum: Nachtkerzenöl wird meist in Form von Weichkapseln oder als Öl angewendet. Die Dosierung richtet sich nach dem jeweiligen Präparat. Traditionell werden mehrgrammige Tagesmengen verwendet, aufgeteilt auf mehrere Einnahmen.

Die Einnahme sollte vorzugsweise gemäss Packungsbeilage oder fachlicher Empfehlung erfolgen. Für eine Beurteilung der Verträglichkeit und eines möglichen Effekts ist eine regelmässige Anwendung über mehrere Wochen üblich.

SICHERHEIT

Nachtkerzenöl gilt in üblichen Dosierungen meist als gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, weicher Stuhl, Kopfschmerzen oder Hautreaktionen.

Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Nachtkerzenöl oder Bestandteile entsprechender Präparate sollte keine Anwendung erfolgen. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern sollte die Anwendung nur nach fachlicher Rücksprache erfolgen.

Bei schweren, nässenden, infizierten oder sich rasch verschlechternden Hautveränderungen ist eine ärztliche Abklärung angezeigt. Nachtkerzenöl ersetzt keine notwendige dermatologische Behandlung.

STATUS

  • Kommission E: keine Monographie vorhanden
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden
  • HMPC: Monographie vorhanden (Oenotherae oleum); traditionelle Anwendung zur Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen.

NACHTKERZE IM GARTEN

Die Nachtkerze ist anspruchslos und anpassungsfähig. Sie bevorzugt gut durchlässige, sandige bis lehmige und eher kalkhaltige Böden an sonnigen Standorten. Trockenheit verträgt sie gut, Schatten und Staunässe hingegen schlecht.

Die zweijährige Pflanze blüht erst im zweiten Jahr. Im ersten Jahr bildet sich eine flache Blattrosette am Boden. Die Nachtkerze eignet sich besonders für naturnahe Gartenanlagen und Bauerngärten und erhält sich an passenden Standorten durch Selbstaussaat.

Die gelben Blüten sind ein auffälliges Merkmal dieser Pflanze. Oenothera biennis blüht von Juni bis September. Die einzelnen Blüten öffnen sich am Abend und sind am nächsten Mittag meist bereits verblüht. Das Aufblühen kann innerhalb weniger Minuten erfolgen.

Blüte der Nachtkerze (Oenothera biennis) mit Nachtfalter

SONSTIGES

Die Nachtkerze verdankt ihren Namen dem Umstand, dass sie ihre Blüten erst in der Abenddämmerung öffnet. Der Duft der Blüten lockt vor allem nachtaktive Insekten an.

Nachtkerzenöl wird aufgrund seines Fettsäuremusters auch in kosmetischen Hautpflegeprodukten verwendet. Diese kosmetische Verwendung ist von einer medizinischen Wirksamkeit bei Hauterkrankungen zu unterscheiden.

Die Wurzel der jungen Pflanze wurde früher auch als Gemüse genutzt. Gekocht erinnert sie geschmacklich an Schwarzwurzel. Auch die Blüten sind essbar und können dekorativ verwendet werden.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Borretsch (Borago officinalis) – Samenöl mit γ-Linolensäure.
  • Ringelblume (Calendula officinalis) – äusserlich bei Hautreizungen und oberflächlichen Entzündungen.
  • Zaubernuss (Hamamelis virginiana) – adstringierend bei entzündlichen Haut- und Schleimhautbeschwerden.
  • Aloe vera (Aloe vera) – traditionell bei gereizter Haut und leichten Verbrennungen.
  • Kamille (Matricaria recutita) – entzündungshemmende Heilpflanze für Haut und Schleimhäute.

FAQ

  • Wofür wird Nachtkerzenöl verwendet?
    Nachtkerzenöl wird traditionell zur Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen verwendet. Es enthält Linolsäure und γ-Linolensäure.
  • Hilft Nachtkerzenöl bei Neurodermitis?
    Die klinische Evidenz ist schwach. Ein Cochrane-Review fand bei oraler Einnahme keinen klaren Nutzen von Nachtkerzenöl gegenüber Placebo.
  • Welche Wirkstoffe enthält Nachtkerzenöl?
    Das Öl enthält vor allem Linolsäure und γ-Linolensäure sowie kleinere Mengen Ölsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure.
  • Wann blüht die Nachtkerze?
    Die Gemeine Nachtkerze blüht meist von Juni bis September. Die Blüten öffnen sich in der Abenddämmerung und werden vor allem von Nachtfaltern bestäubt.
  • Ist die Nachtkerze im Garten leicht zu kultivieren?
    Ja. Die Nachtkerze bevorzugt sonnige Standorte und gut durchlässige, eher trockene Böden. Sie erhält sich im Garten meist durch Selbstaussaat.

Letzte Änderung: 28.04.2026 / © W. Arnold