Borretsch – Borago officinalis
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Inhaltsstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Borretsch hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Kraut und Blüten werden wegen möglicher Toxizität durch Pyrrolizidinalkaloide kaum mehr verwendet. Das Samenöl wird als Nahrungsergänzung eingesetzt; die klinische Evidenz ist jedoch begrenzt und uneinheitlich.
Borretsch (syn. Gurkenkraut, Wohlgemutkraut)
VORKOMMEN
Borretsch ist ursprünglich im Mittelmeergebiet beheimatet. Die Pflanze wird heute in Europa und Nordamerika kultiviert und ist stellenweise verwildert anzutreffen. Im späten Mittelalter gelangte sie nach Mitteleuropa und wurde seitdem häufig in Bauerngärten angebaut. Borago officinalis ist bis heute eine auffällige und beliebte Gartenpflanze.
MERKMALE
Die einjährige krautige Pflanze wird bis etwa 70 Zentimeter hoch und ist an Stängeln und Blättern borstig behaart. Die derben Blätter sind dunkelgrün, lanzettlich bis eiförmig und meist zehn bis fünfzehn Zentimeter lang. Von Mai bis September erscheinen die leuchtend blauen, selten auch rosa bis weisslichen Blüten. Sie sind fünfzählig, sternförmig und sitzen an relativ langen Blütenstielen.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
1. Boraginis flos – Borretschblüten.
2. Boraginis herba – Borretschkraut.
3. Boraginis oleum – Borretschsamenöl.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
1. Boraginis flos – Borretschblüten enthalten geringe Mengen Schleimstoffe, Allantoin sowie Mineralsalze, insbesondere Kaliumsalze.
2. Boraginis herba – Das Kraut enthält unter anderem Schleimstoffe, Gerbstoffe und Kieselsäure. Wichtiger aus toxikologischer Sicht ist jedoch der Gehalt an Pyrrolizidinalkaloiden. Beschrieben wurden vor allem ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide wie Amabilin und Supinidin, die als hepatotoxisch und potenziell kanzerogen gelten. Daneben wurden weitere Inhaltsstoffe wie Harzstoffe und ein cyanogenes Glykosid beschrieben.

3. Boraginis oleum – Die Samen enthalten bis zu etwa 40 % Öl. Es besteht vor allem aus Fettsäureglyceriden mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren, insbesondere γ-Linolensäure und Linolsäure. In öligen Nahrungsergänzungsmitteln wurden Pyrrolizidinalkaloide bislang deutlich seltener beziehungsweise nur in sehr geringen Mengen nachgewiesen.
PHARMAKOLOGIE
Für Borretschkraut und Borretschblüten steht heute nicht ein therapeutischer Nutzen, sondern vor allem der Sicherheitsaspekt im Vordergrund. Pyrrolizidinalkaloide werden im Organismus zu reaktiven Metaboliten umgewandelt und können lebertoxisch wirken. Für 1,2-ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide werden zudem genotoxische und potenziell kanzerogene Effekte diskutiert. Daher ist ein regelmässiger Verzehr von Borretschkraut aus toxikologischer Sicht nicht zu empfehlen.
Das aus den Samen gewonnene Borretschsamenöl enthält reichlich γ-Linolensäure. Diese Fettsäure ist pharmakologisch interessant, weil sie in den Eicosanoid-Stoffwechsel eingreift und deshalb insbesondere bei entzündlichen Hauterkrankungen untersucht wurde. Ein klarer klinischer Nutzen liess sich jedoch nicht konsistent zeigen.
EVIDENZ
- Kommission E: Für Borretschkraut und Borretschblüten liegt eine negative Bewertung vor. Ausschlaggebend sind fehlende belastbare Wirksamkeitsnachweise bei gleichzeitig bestehenden toxikologischen Risiken durch Pyrrolizidinalkaloide.
- BfR: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist darauf hin, dass Borretsch zu den Pflanzen gehört, die selbst 1,2-ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide bilden können. Ein regelmässiger Verzehr ist daher aus toxikologischer Sicht problematisch.
- HMPC / EMA: Beim HMPC ist für Borago officinalis keine europäische Monographie als anerkannte Arzneipflanze vorhanden. Das spricht gegen eine etablierte phytotherapeutische Verwendung.
- Samenöl: Borretschsamenöl wird wegen seines Gehalts an γ-Linolensäure als Nahrungsergänzung verwendet, besonders bei trockener Haut und atopischer Dermatitis. Die klinische Evidenz bleibt jedoch begrenzt und uneinheitlich. Zum Vergleich siehe auch Nachtkerze.
- Fazit: Für Kraut und Blüten besteht keine evidenzbasierte medizinische Anwendung. Beim Samenöl gibt es pharmakologische Plausibilität, aber keine konsistente klinische Bestätigung für eine anerkannte Standardanwendung.
ANWENDUNG
Beurteilung für Borretschblüten und Borretschkraut:
- Anwendungsgebiete: Für die traditionell beanspruchten Anwendungen wie Entwässerung, „Blutreinigung“, schleimlösende oder entzündungswidrige Wirkungen fehlt ein belastbarer Nachweis.
- Risiken: Die Pflanze enthält wechselnde Mengen toxischer Pyrrolizidinalkaloide. Diese sind insbesondere wegen möglicher lebertoxischer und genotoxischer Wirkungen problematisch.
- Fazit: Angesichts der unzureichenden Evidenz und der toxikologischen Risiken ist eine therapeutische Anwendung von Borretschkraut oder Borretschblüten nicht vertretbar.
Volkstümliche Anwendungen: Borretsch wurde früher unter anderem bei Fieber, verschleimten Atemwegen, Harnverhalten, Verstopfung, Durchfall, Gelenkbeschwerden und klimakterischen Beschwerden verwendet. Diese Anwendungen sind historisch interessant, aber nicht evidenzbasiert.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Borretschkraut und -blüten werden wegen der möglichen Toxizität heute kaum noch verwendet. Das Samenöl wird innerlich als Nahrungsergänzung eingesetzt, insbesondere im Zusammenhang mit trockener Haut oder atopischer Dermatitis. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine anerkannte medizinische Standardtherapie.
STATUS
- Kommission E: negative Beurteilung (Blüten und Kraut)
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: keine Monographie vorhanden
BORRETSCH IM GARTEN
Borago officinalis kann im späten Frühjahr direkt an Ort und Stelle ausgesät werden. Da Borretsch ein Dunkelkeimer ist, sollten die Samen mit Erde bedeckt werden. Er bevorzugt einen sonnigen Standort mit eher feuchtem, aber durchlässigem Boden. Die Pflanze ist attraktiv, pflegeleicht und sät sich oft selbst aus.
In einem naturnahen Garten passt Borretsch gut zu anderen Rauhblattgewächsen wie Beinwell, Lungenkraut, Natternkopf, Hundszunge, Ochsenzunge oder Steinsame.
SONSTIGES
Für Imker ist Borretsch eine wertvolle Bienenweide. Die auffälligen Blüten werden intensiv von Insekten besucht. Kulinarisch werden die Blüten gelegentlich noch dekorativ verwendet; beim regelmässigen Verzehr von Blättern ist wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide jedoch Zurückhaltung angezeigt.
Ähnliche Heilpflanzen
- Nachtkerze (Oenothera biennis) – ebenfalls eine Quelle für γ-Linolensäure in Samenöl.
- Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum) – Samenöl mit ungesättigten Fettsäuren, ebenfalls als Nahrungsergänzung verwendet.
- Beinwell (Symphytum officinale) – enthält ebenfalls Pyrrolizidinalkaloide und ist deshalb sicherheitstechnisch interessant.
FAQ
- Hat Borretsch eine anerkannte medizinische Anwendung?
Nein. Für Kraut und Blüten besteht keine anerkannte medizinische Anwendung. - Ist Borretsch giftig?
Borretsch kann Pyrrolizidinalkaloide enthalten. Diese gelten als lebertoxisch und potenziell kanzerogen, weshalb ein regelmässiger Verzehr nicht empfohlen wird. - Wofür wird Borretschsamenöl verwendet?
Borretschsamenöl wird als Nahrungsergänzung vor allem bei trockener Haut und atopischer Dermatitis verwendet. Die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch begrenzt und uneinheitlich. - Darf man Borretsch essen?
Kleine gelegentliche Mengen gelten als weniger problematisch als ein regelmässiger Verzehr. Wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide ist Zurückhaltung sinnvoll.
Letzte Änderung: 13.04.2026 / © W. Arnold









