Liebstöckel, Maggikraut - Levisticum officinale
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | EVIDENZ | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Status | Liebstöckel im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Liebstöckelwurzel wird traditionell zur Erhöhung der Harnmenge und damit zur Durchspülung der Harnwege bei leichten Harnwegsbeschwerden verwendet. Die klinische Evidenz ist begrenzt; die HMPC-Einstufung beruht auf traditioneller Anwendung. Nicht anwenden bei eingeschränkter Nieren- oder Herzfunktion mit notwendiger Flüssigkeitsbegrenzung.
Levisticum officinale (syn. Angelica levisticum, Angelica paludapifolia);
Liebstöckel (syn. Badekraut, Gebärmutterkraut, Gichtwurz, Labstockwurzel, Maggikraut, Sauerkrautwurz, Wasserkräutel).
VORKOMMEN
Liebstöckel ist wahrscheinlich in Westasien beheimatet und wurde schon früh in den Mittelmeerraum und nach Mitteleuropa eingeführt. Heute wird die Pflanze in vielen Regionen Europas als Gewürz- und Arzneipflanze kultiviert und tritt stellenweise verwildert auf. Wildbestände sind in Europa deutlich seltener als Kulturpflanzen.
MERKMALE
Levisticum officinale ist eine ausdauernde, kräftige, aromatisch riechende Staude mit Wuchshöhen bis etwa 2 m. Sie bildet ein starkes Rhizom mit kräftigen Wurzeln. Der Stängel ist aufrecht, hohl und verzweigt. Die Blätter sind gross, glänzend und zwei- bis dreifach gefiedert. Die Blüten stehen in Doppeldolden und sind gelblich bis hellgrün. Die Blütezeit reicht von Juni bis August.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Levistici radix (syn. Radix Levistici, Radix Ligustici); Liebstöckelwurzel. Verwendet werden der getrocknete Wurzelstock und die Wurzeln.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Ätherisches Öl:
Die Wurzel enthält ätherisches Öl mit charakteristischen Phthaliden als wichtigen Geruchsträgern, darunter vor allem Ligustilid sowie weitere Alkylphthalide. Daneben kommen Monoterpene wie α-Pinen, β-Pinen und β-Phellandren vor.
Cumarine:
Enthalten sind unter anderem Umbelliferon sowie Furanocumarine wie Bergapten und Psoralen.
Sonstige Inhaltsstoffe:
Weiter beschrieben sind Polyacetylene wie Falcarindiol, Hydroxyzimtsäure-Derivate und Phytosterole.

PHARMAKOLOGIE
Liebstöckelwurzel wird pharmakologisch vor allem als traditionell verwendete harnwegsbezogene Arzneidroge eingeordnet. Diskutiert werden eine milde diuretische Wirkung sowie antimikrobielle und sekretionsanregende Eigenschaften einzelner Inhaltsstoffe. Die pharmakologische Plausibilität ist vorhanden, reicht aber nicht aus, um eine gut gesicherte klinische Wirksamkeit zu belegen.
EVIDENZ
Die Evidenz für Liebstöckelwurzel ist insgesamt begrenzt. Die HMPC-Monographie führt Levistici radix als traditional use zur Erhöhung der Harnmenge und als Unterstützung bei leichten Harnwegsbeschwerden; ein well-established use besteht nicht.
Entscheidend ist, dass im HMPC-Assessment ausdrücklich festgehalten wird, dass keine klinischen Studiendaten für eine belastbare Wirksamkeitsbeurteilung vorliegen. Die heutige regulatorische Anerkennung stützt sich daher primär auf langjährige traditionelle Anwendung und Plausibilität, nicht auf moderne randomisierte klinische Studien.
- HMPC: Europäischer Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel. Zentrale Referenzstelle für EU-Pflanzenmonographien.
- EMA Assessment Report zu Levistici radix: Bewertet traditionelle Anwendung, Sicherheit und Datenlage; klinische Studien fehlen.
- EMA Addendum 2021: Überprüfung neuer Daten; keine relevanten neuen Erkenntnisse, daher keine Revision der Monographie.
- EMA Monographie zu Species diureticae: Zeigt den traditionellen Einsatz von Liebstöckelwurzel auch in Teemischungen zur Durchspülung.
- Yarnell E. Botanical medicines for the urinary tract: Übersicht zu pflanzlichen Diuretika, einschliesslich Levisticum officinale; beschreibt die traditionelle Anwendung bei Harnwegsbeschwerden, jedoch ohne klinische Wirksamkeitsnachweise.
- Sargazi ML et al. (2024): Experimentelle Studie zu antiinflammatorischen und zellbiologischen Effekten von Levisticum officinale; zeigt pharmakologische Aktivität in vitro, jedoch keine direkte klinische Relevanz für Harnwegserkrankungen.
ANWENDUNG
Medizinisch verwendet wird vor allem die Wurzel. Traditionell dient Liebstöckelwurzel dazu, die Harnmenge zu erhöhen und dadurch die Harnwege bei leichten Beschwerden durchzuspülen.
Die Kommission E beschreibt die Anwendung als Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege sowie zur Vorbeugung von Nierengriess. Der HMPC bewertet Levistici radix als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Erhöhung der Harnmenge, um die Harnwege unterstützend bei leichten Harnwegsbeschwerden durchzuspülen.
In der Volksheilkunde wird Liebstöckel zusätzlich bei Verdauungsbeschwerden, Blähungen oder Menstruationsbeschwerden verwendet. Für diese Anwendungen liegt jedoch keine ausreichend gesicherte klinische Evidenz vor.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Tee:
2 bis 3 g geschnittene Liebstöckelwurzel mit 150 ml siedendem Wasser übergiessen und etwa 10 bis 15 Minuten ziehen lassen. Üblich ist die Anwendung zweimal täglich.
Für Durchspülungsanwendungen ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr erforderlich. Bei Fieber, Schmerzen, Blut im Urin oder anhaltenden Beschwerden ist ärztliche Abklärung notwendig.
Liebstöckelwurzel wird ausserdem traditionell in urologischen Teemischungen verwendet, häufig zusammen mit Hauhechel, Bärentraube, Birkenblättern, Wacholder oder Katzenbart.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Levistici radix)
LIEBSTÖCKEL IM GARTEN
Liebstöckel bevorzugt einen nährstoffreichen, tiefgründigen und humosen Boden. Der Standort darf sonnig bis halbschattig sein. Die Pflanze benötigt eine gute Wasserversorgung, verträgt jedoch keine Staunässe.
Der Anbau erfolgt durch Aussaat, vorkultivierte Jungpflanzen oder Teilung älterer Wurzelstöcke. Im Garten ist Liebstöckel robust, winterhart und mehrjährig. Da die Pflanze kräftig wächst, sollte ausreichend Platz eingeplant werden.
Als starkwüchsige Würz- und Arzneipflanze profitiert Liebstöckel von humusreicher Erde und regelmässiger Nährstoffversorgung, etwa durch Kompost. Im Topf ist auf gleichmässige Feuchtigkeit besonders zu achten.
SONSTIGES
Die frischen oder getrockneten Blätter von Liebstöckel sind ein klassisches Würzkraut. Das intensive Aroma passt zu Suppen, Gemüsegerichten, Kartoffeln und kräftigen Speisen. Trotz des Namens besteht kein Zusammenhang mit industrieller Würzsauce; das charakteristische Aroma beruht auf den natürlichen Inhaltsstoffen der Pflanze.
Ähnliche Heilpflanzen
- Hauhechel (Ononis spinosa) – traditionell zur Durchspülung der Harnwege verwendet.
- Birke (Betula pendula) – harntreibende Arzneidroge in Durchspülungstees.
- Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) – klassische Harnwegsdroge mit anderer Wirkstoffbasis.
- Katzenbart (Orthosiphon aristatus) – traditionell bei leichten Harnwegsbeschwerden und zur Durchspülung.
FAQ
- Wofür wird Liebstöckel medizinisch verwendet?
Verwendet wird vor allem die Wurzel. Traditionell dient sie dazu, die Harnmenge zu erhöhen und die Harnwege bei leichten Beschwerden durchzuspülen. - Ist die Wirkung von Liebstöckel gut belegt?
Die regulatorische Anerkennung beruht überwiegend auf traditioneller Anwendung. Gute moderne klinische Studien zur Wirksamkeit fehlen. - Wann sollte Liebstöckel nicht angewendet werden?
Nicht bei akuten Nierenentzündungen sowie nicht bei Erkrankungen, bei denen die Flüssigkeitszufuhr eingeschränkt werden muss, insbesondere bei schwerer Herz- oder Nierenfunktionsstörung. - Wie wird Liebstöckelwurzel als Tee zubereitet?
Üblich sind 2 bis 3 g geschnittene Wurzel auf 150 ml siedendes Wasser mit etwa 10 bis 15 Minuten Ziehzeit.
Letzte Änderung: 14.04.2026 / © W. Arnold







