Wildes Stiefmütterchen - Viola tricolor
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Stiefmütterchenkraut (Violae herba cum flore) ist als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur symptomatischen Behandlung leichter seborrhoischer Hautzustände eingestuft. Die Anwendung beruht auf langjähriger traditioneller Verwendung, nicht auf einem klinisch gesicherten Wirksamkeitsnachweis im Sinne eines well-established use.
Feldstiefmütterchen (syn. Wildes Stiefmütterchen, Ackerveilchen, Dreifaltigkeitsblume, Dreifarbiges Veilchen, Stiefmütterchen).
VORKOMMEN
Das Wilde Stiefmütterchen kommt in Europa weit verbreitet vor, fehlt aber in den südlichsten und nördlichsten Regionen. Die alte Heilpflanze findet man auf Unkrautfluren, Dünen, Bergwiesen, Magerrasen, Äckern und an Wegrändern.
Vom grossblütigen Wilden Stiefmütterchen wird das kleinblütigere Ackerstiefmütterchen unterschieden. Die Fähigkeit von Viola tricolor, Blüten mit verschiedenen Farben zu entwickeln, hat schon früh die Aufmerksamkeit der Gärtner gefunden. Durch Kreuzung mit anderen wildwachsenden Arten wurde eine Fülle grossblütiger Gartenstiefmütterchen herangezüchtet.
MERKMALE
Der Artname tricolor bedeutet dreifarbig: Die Blüten des Wilden Stiefmütterchens können weiss, gelb oder blauviolett sein. Noch häufiger findet man Kombinationen dieser Farben in einer Blüte. Gelegentlich treten auch rötliche Töne hinzu.
Beim Wilden Stiefmütterchen sind die beiden seitlichen Kronblätter nach oben gerichtet. Der Sporn ist ungefähr halb so lang wie die Kronblätter, die Kelchblätter sind kürzer als die Kronblätter. Der Griffel hat eine kopfige Narbe. Während die Blätter eiförmig bis breit-lanzettlich sind, sind die Nebenblätter meist fiederspaltig. Die beblätterten, meist verzweigten Stängel tragen mehrere etwa 1,5 cm grosse Blüten. Die Pflanze wird normalerweise 10–40 cm hoch.
DROGEN
Violae herba cum flore beziehungsweise Violae tricoloris herba cum flore (syn. Herba Violae tricoloris); Feldstiefmütterchenkraut (syn. Dreifaltigkeitskraut, Freisamkraut), das zur Blütezeit gesammelte und getrocknete blühende Kraut.
Die Arzneidroge kann nach HMPC neben Viola tricolor auch entsprechende blühende oberirdische Teile von Viola arvensis und Viola vulgaris umfassen. Die Heilpflanze wird unter anderem in Holland und Frankreich kultiviert.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Flavonoide:
In der Droge konnten bis zu 3 % Flavonoide mit Quercetin,
Luteolin-7-glucosid und Luteolin identifiziert werden. Der höchste
Gehalt wurde in den Blüten mit Rutin als Hauptkomponente gefunden.
Weiterhin fand man die Glykoside Scoparin, Saponarin, Saponaretin,
Violanthin, Isoorientin und weitere Verbindungen.
Viola tricolor hat einen höheren Flavonoidgehalt als
Viola odorata.
Carotinoide:
Die Blüten der gelben Varietäten enthalten als Hauptpigment
Violaxanthin, weiterhin Violeoxanthin. Die Violaxanthine liegen
fast immer verestert vor. In geringeren Konzentrationen finden sich
Lutein, Luteinepoxid und Neoxanthin, die ebenfalls verestert
vorkommen können.
Anthocyane:
In den blauvioletten Blütenblättern wurde das Pigment Violanin
gefunden.
Phenolcarbonsäuren:
Etwa 0,2 % Phenolcarbonsäuren, als Kaffeesäure berechnet, wurden
gefunden, insbesondere Salicylsäuremethylester und Violutosid,
ferner p-Hydroxybenzoesäure, Protocatechusäure, Vanillinsäure und
Gentisinsäure.
Polysaccharide:
Das Wilde Stiefmütterchen enthält etwa 10 % Schleimstoffe,
bestehend unter anderem aus Glucose, Galactose, Arabinose und
Rhamnose.
Es ist sehr wenig ätherisches Öl vorhanden (< 0,01 %), das offenbar fast ausschliesslich aus Salicylsäuremethylester besteht. Im Gegensatz zu älteren Literaturangaben gelten Saponine nicht als gesichert; hämolytisch aktive Peptide, sogenannte Cyclotide, sind dagegen beschrieben.
PHARMAKOLOGIE
Die traditionelle Anwendung bei leichten seborrhoischen Hautzuständen wird mit den enthaltenen Schleimstoffen, Flavonoiden, Phenolcarbonsäuren und Cyclotiden in Verbindung gebracht. Eine reizlindernde, entzündungsmodulierende und hautberuhigende Wirkung ist pharmakologisch plausibel, klinisch aber nur begrenzt belegt.
Experimentelle Arbeiten zeigen immunmodulierende und antiinflammatorische Effekte von Extrakten beziehungsweise cyclotidreichen Fraktionen aus Viola tricolor. Solche Daten unterstützen die Plausibilität der traditionellen Anwendung, ersetzen aber keine kontrollierten klinischen Studien.
EVIDENZ
Die beste regulatorische Grundlage ist die HMPC-Einstufung von Violae herba cum flore als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur symptomatischen Behandlung leichter seborrhoischer Hautzustände. Diese Einstufung beruht auf langjähriger medizinischer Verwendung und Plausibilität, nicht auf einer klinisch ausreichend gesicherten Wirksamkeit im Sinne eines well-established use.
Insgesamt ist die Evidenz für die äusserliche Anwendung bei leichten seborrhoischen Hautzuständen traditionell und regulatorisch abgestützt. Für weitere volksmedizinische Anwendungen, etwa bei Atemwegskatarrhen, Halsentzündungen, Keuchhusten oder fiebrigen Erkältungen, ist die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt.
- EMA/HMPC: Violae herba cum flore. Offizielle HMPC-Seite zur europäischen Monographie und zum Assessment Report; traditionelle Anwendung bei leichten seborrhoischen Hautzuständen.
- PubMed: Hellinger R et al. Immunosuppressive activity of an aqueous Viola tricolor herbal extract. J Ethnopharmacol. 2014. Experimentelle Arbeit zu immunmodulierenden Wirkungen; relevant für die pharmakologische Plausibilität.
- PMC: Retzl B et al. Exploring immune modulatory effects of cyclotide-enriched Viola tricolor preparations. 2023. Neuere experimentelle Arbeit zu cyclotidreichen Präparationen und Immunmodulation.
- PubMed: Piana M et al. Antiinflammatory effects of Viola tricolor gel in a model of sunburn. J Ethnopharmacol. 2013. Präklinische Untersuchung zu entzündungshemmenden Effekten eines Gels; stützt Plausibilität, ersetzt aber keine klinische Wirksamkeitsprüfung.
- PubMed: Svangård E et al. Cytotoxic cyclotides from Viola tricolor. J Nat Prod. 2004. Naturstoffchemische Arbeit zu Cyclotiden; relevant für Inhaltsstoffe und Wirkstoffforschung.
- ESCOP: Violae herba cum flore. ESCOP-Monographie zu Wild Pansy; ergänzende europäische Fachreferenz.
ANWENDUNG
Anerkannte beziehungsweise traditionell bewertete Anwendungen:
- Kommission E: äusserliche Anwendung bei leichten seborrhoischen Hauterkrankungen sowie Milchschorf der Kinder.
- ESCOP: Hautprobleme wie Ekzeme, Seborrhoe, Akne, Milchschorf und Windeldermatitis bei Kindern, innerlich und äusserlich.
- HMPC: Violae herba cum flore als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur symptomatischen Behandlung leichter seborrhoischer Hautzustände.
Volkstümliche Anwendungen:
Das Kraut wird äusserlich insbesondere bei Hautaffektionen wie
nassen und trockenen Exanthemen, Ekzemen und Akne verwendet. In der
älteren Volksmedizin verwendete man die Droge auch bei Katarrhen der
Atemwege, Halsentzündungen, Keuchhusten und fiebrigen Erkältungen.
Die Wirksamkeit der Droge bei diesen zusätzlichen Indikationen ist
nicht ausreichend belegt.
Die Droge findet sich in traditionellen Erkältungstees gelegentlich in Kombination mit zum Beispiel Spitzwegerich, Süssholz, Fenchel, Hagebutte und Lungenkraut.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Teebereitung: 1 Esslöffel Droge mit 1 Tasse kochendem Wasser überbrühen und nach 10 Minuten abfiltrieren. Im Laufe des Tages nach den Mahlzeiten trinken.
Äusserliche Anwendung: als Abkochung etwa 1,5 g Droge auf 1 Tasse Wasser. Für die traditionelle äusserliche Anwendung können Umschläge oder Waschungen mit frisch bereiteter, abgekühlter Zubereitung verwendet werden.
Nach HMPC sind für die traditionelle Anwendung auch Zubereitungen zum Einnehmen und zur Anwendung auf der Haut beschrieben. Die genaue Dosierung richtet sich nach Arzneiform und Produktinformation.
SICHERHEIT
Stiefmütterchenkraut gilt bei sachgemässer traditioneller Anwendung im Allgemeinen als gut verträglich. Bei empfindlicher Haut können jedoch Reizungen oder allergische Reaktionen auftreten. Bei Verschlechterung, starker Entzündung, Nässen, Eiterbildung, Fieber oder länger anhaltenden Hautveränderungen ist eine medizinische Abklärung erforderlich.
Die Anwendung bei Kindern sollte vorsichtig und altersgerecht erfolgen. Bei Säuglingen, grossflächigen Hautveränderungen, Windeldermatitis mit Entzündung, nässenden Ekzemen oder unklaren Hautbefunden ist ärztlicher Rat sinnvoll. Während Schwangerschaft und Stillzeit sollte eine Anwendung nur nach fachlicher Rücksprache erfolgen.
STATUS
- Kommission E: positive Bewertung für die äusserliche Anwendung bei leichten seborrhoischen Hauterkrankungen sowie Milchschorf der Kinder.
- ESCOP: positive Bewertung.
- HMPC: als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Violae herba cum flore).
WILDES STIEFMÜTTERCHEN IM GARTEN
Viola tricolor gedeiht am besten an sonnigen, aber auch an halbschattigen Standorten. Der Boden sollte gut durchlässig sein; ansonsten stellt die Pflanze keine besonderen Ansprüche und benötigt nahezu keine Pflege. Für die Selbstaussaat können einige Exemplare stehengelassen werden. Sehr hübsch wirken Schalen mit vielen verschiedenen Feldstiefmütterchen.
SONSTIGES
Der Name Stiefmütterchen wird im Volksglauben folgendermassen gedeutet: Die fünf bunten Blütenblätter werden von fünf Kelchblättern getragen. Das unterste, grosse und stark gefärbte Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern. Das ist die Stiefmutter. Links und rechts von ihr sitzen ihre zwei bunt gefärbten Töchter jeweils auf einem Kelchblatt. Die zwei oberen, meist einfach violettfarbenen Blütenblätter stellen die zwei Stieftöchter dar. Sie müssen sich mit einem Kelchblatt gemeinsam begnügen.
Viola tricolor ist ein typischer Begleiter des Roggens. Die Blüten des Wilden Stiefmütterchens können auch zur Dekoration von Kuchen oder Salaten verwendet werden.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Wohlriechendes Veilchen (Viola odorata) – verwandte Veilchenart mit traditioneller Anwendung bei Atemwegsbeschwerden, aber ohne entsprechende HMPC-Anerkennung für diese Droge.
- Wilde Malve (Malva sylvestris) – schleimstoffreiche Pflanze bei Reizungen im Mund- und Rachenraum.
- Hamamelis (Hamamelis virginiana) – gerbstoffreiche Pflanze zur äusserlichen Anwendung bei Haut- und Schleimhautbeschwerden.
- Kamille (Matricaria recutita) – entzündungshemmende Arzneipflanze für Haut, Schleimhaut und Magen-Darm-Bereich.
FAQ
-
Wofür wird Wildes Stiefmütterchen traditionell angewendet?
Stiefmütterchenkraut wird traditionell zur symptomatischen Behandlung leichter seborrhoischer Hautzustände angewendet. -
Ist Wildes Stiefmütterchen vom HMPC bewertet?
Ja. Violae herba cum flore ist vom HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft. -
Kann Wildes Stiefmütterchen bei Ekzemen verwendet werden?
Die traditionelle Anwendung betrifft leichte seborrhoische Hautzustände. Bei starken, entzündlichen, nässenden oder länger anhaltenden Hautveränderungen ist eine medizinische Abklärung erforderlich. -
Ist Viola tricolor dasselbe wie Viola odorata?
Nein. Viola tricolor ist das Wilde Stiefmütterchen. Viola odorata ist das Wohlriechende Veilchen und regulatorisch anders zu beurteilen.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold