Gemeines Immergrün - Vinca minor
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Das Gemeine Immergrün hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Die Anwendung der Immergrünblätter ist heute obsolet. Vinca minor enthält zahlreiche Indolalkaloide, darunter Vincamin; die Pflanze gilt als giftig und ist nicht zur Selbstmedikation geeignet.
Vinca minor L.
(syn. Pervinca minor);
Gemeines Immergrün
(syn. Immergrün, Kleines Immergrün).
VORKOMMEN
Das Kleine Immergrün kommt in Mittel- und Südeuropa sowie in Kleinasien vor und wächst von der collinen bis zur montanen Höhenstufe bis in Höhenlagen von etwa 1000 Metern. Es kommt zerstreut, aber gesellig, wild oder verwildert in artenreichen Laub- oder Buchen-Mischwäldern vor. Heute wird die Pflanze gerne als Bodendecker für schattige oder halbschattige Standorte im Garten gepflanzt.
MERKMALE
Das Kleine Immergrün ist ein immergrüner, niedriger Halbstrauch mit einer Wuchshöhe von höchstens 15 Zentimetern. Die vegetativen Triebe können sich an den Knoten bewurzeln und pro Jahr bis zu 2 Meter lang werden. Die Blühtriebe stehen aufrecht. Die gegenständig angeordneten Laubblätter sind eiförmig, ganzrandig, lederartig, dunkelgrün und auf der Rückseite heller bis gelblich. Sie werden bis etwa 4 Zentimeter lang. Die Blattstiele sind an der Basis verwachsen.
Die zwittrigen, fünfzähligen Blüten stehen einzeln und lang gestielt in den Blattachseln diesjähriger, aufrechter Triebe. Sie haben einen Durchmesser von 2 bis 3 Zentimetern. Die Kronblätter sind zu einer etwa 11 Millimeter langen Röhre verwachsen. Bei den Wildformen sind die Blüten hellblau bis violett.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Vincae minoris folium
(syn. Herba Vincae pervincae, Folia Vincae);
Immergrünblätter
(syn. Sinngrünblätter), die getrockneten Blätter bzw. das Kraut des Kleinen Immergrüns.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Das Kleine Immergrün ist in allen Teilen giftig. Es enthält zahlreiche Monoterpen-Indolalkaloide; in älterer Literatur werden mehr als 40 Alkaloide beschrieben. Der Gesamtalkaloidgehalt wird je nach Pflanzenteil, Herkunft und Erntezeitpunkt mit etwa 0,2 bis 0,7 Prozent angegeben.
Wichtige Alkaloide sind Vincamin und Eburnamenin sowie weitere verwandte Vinca-Alkaloide. Zusätzlich wurden Phenole, Phenolcarbonsäuren und Flavonoide beschrieben. Vincamin ist pharmakologisch von besonderem Interesse, der Gehalt in der Droge ist jedoch gering und schwankt stark.

PHARMAKOLOGIE
Im Tierversuch führte die Verabreichung von Immergrünkraut zu Blutbildveränderungen wie Leukozytopenie, Lymphozytopenie und Veränderungen von Serumproteinfraktionen. Diese Befunde wurden als Hinweis auf mögliche immunsuppressive oder hämatologische Effekte gewertet. Der Vincamingehalt der Droge ist gering und starken Schwankungen unterworfen.
Vincamin ist ein Indolalkaloid mit pharmakologischen Wirkungen auf die zerebrale Durchblutung und den neuronalen Stoffwechsel. Für eine Behandlung mit Immergrünkraut ist dies jedoch nicht ausreichend, da Droge und Zubereitungen nicht standardisiert, toxikologisch problematisch und therapeutisch nicht belegt sind. Moderne Untersuchungen befassen sich vor allem mit der Biochemie, Biosynthese und Pharmakologie einzelner Alkaloide, nicht mit einer gesicherten Anwendung der Droge als Heilpflanze.
EVIDENZ
Für das Gemeine Immergrün besteht keine anerkannte medizinische Anwendung. Die Anwendung der Immergrünblätter ist heute obsolet. Die Kommission E bewertete Immergrünkraut negativ, weil die Wirksamkeit bei den beanspruchten Anwendungsgebieten nicht ausreichend belegt war und Sicherheitsbedenken bestanden.
Die heutige wissenschaftliche Literatur bestätigt die pharmakologische Bedeutung einzelner Inhaltsstoffe, insbesondere von Vincamin, sowie das Vorkommen zahlreicher monoterpener Indolalkaloide in Vinca minor. Diese Befunde stützen aber keine therapeutische Selbstanwendung der Droge. Die Bewertung bleibt daher klar: pharmakologisch interessante Alkaloidpflanze, aber keine anerkannte Heilpflanzenanwendung; Immergrünkraut ist wegen fehlender Wirksamkeitsbelege und möglicher Risiken nicht geeignet.
- PMC: Ren Y et al. Vincamine, from an antioxidant and a cerebral vasodilator to its anticancer potential. Übersicht zur Pharmakologie von Vincamin: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10530545/
- PubMed: Stander EA et al. The Vinca minor genome highlights conserved evolutionary traits in monoterpene indole alkaloid synthesis. Genomische und biochemische Arbeit zu Indolalkaloiden in Vinca minor: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36200869/
- PMC: Stander EA et al. Identifying Genes Involved in Alkaloid Biosynthesis in Vinca minor. Untersuchung zur Alkaloidbiosynthese von Vinca minor: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7761029/
- PubMed: Khanavi M et al. Cytotoxicity of Vinca minor. Präklinische Untersuchung zu zytotoxischen Wirkungen von Alkaloidfraktionen: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20645762/
- ABDA / Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker: Bedenkliche Rezepturarzneimittel. Hinweis zu Immergrünkraut (Vinca minoris herba) mit Verdacht auf Blutbildschäden bei nicht belegter Wirksamkeit: https://www.abda.de/fuer-apotheker/arzneimittelkommission/amk-nachrichten/detail/36-13-information-bedenkliche-rezepturarzneimittel/
- EMA/HMPC: Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Zentrale EMA-Seite des HMPC; für Vincae minoris folium ist keine EU-Herbal-Monographie vorhanden: https://www.ema.europa.eu/en/committees/committee-herbal-medicinal-products-hmpc
ANWENDUNG
Historische und volksmedizinische Anwendungen:
Immergrünkraut wurde früher bei Durchblutungsstörungen, cerebralen Durchblutungsstörungen, zur Unterstützung des Hirnstoffwechsels, zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Gehirns, zur Vorbeugung von Gedächtnis- und Konzentrationsschwäche, als Geriatricum, Sedativum und blutdrucksenkendes Mittel beschrieben. Weitere traditionelle Anwendungen betrafen Katarrhe, Schwächezustände, Durchfall, Weissfluss, Halsleiden, Mandelentzündungen, Darmentzündungen, Zahnschmerzen, Wassersucht, Wundheilung, Blutstillung und Bittermittelanwendungen.
Die Wirksamkeit bei diesen beanspruchten Anwendungsgebieten ist nicht ausreichend belegt. Eine therapeutische Verwendung von Immergrünkraut kann deshalb nicht empfohlen werden. Reines Vincamin ist von der Droge zu unterscheiden; seine pharmakologische oder arzneiliche Verwendung rechtfertigt keine Selbstanwendung von Vinca minor.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Die Anwendung der Immergrünblätter ist heute obsolet. Eine Dosierung für Tee, Tinktur, Pulver oder andere Eigenzubereitungen kann nicht empfohlen werden. Wegen der Giftigkeit der Pflanze und der unsicheren Alkaloidgehalte ist eine Selbstmedikation nicht vertretbar.
SICHERHEIT
Vinca minor ist eine Giftpflanze. Die Droge enthält pharmakologisch wirksame Indolalkaloide mit potenziellen Wirkungen auf Kreislauf, Nervensystem und Blutbild. Für Immergrünkraut wurden Sicherheitsbedenken geäussert, insbesondere im Zusammenhang mit möglichen Blutbildveränderungen bei nicht belegter Wirksamkeit.
Die Anwendung ist in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Kindern, bei Blutbildveränderungen, schweren Allgemeinerkrankungen, gleichzeitiger Arzneimitteleinnahme oder chronischen Beschwerden nicht geeignet. Bei versehentlicher Einnahme grösserer Mengen, unklaren Symptomen oder Verdacht auf Vergiftung ist eine medizinische Abklärung erforderlich.
Die onkologisch wichtigen Vinca-Alkaloide Vinblastin und Vincristin stammen nicht aus dem Kleinen Immergrün, sondern aus dem Madagaskar-Immergrün (Catharanthus roseus). Diese hochwirksamen Arzneistoffe sind nicht mit einer Anwendung von Vinca minor als Heilpflanze gleichzusetzen.
STATUS
Giftpflanze.
- Kommission E: negative Bewertung - die Wirksamkeit bei den beanspruchten Anwendungsgebieten war nicht ausreichend belegt; Sicherheitsbedenken bestanden.
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: keine EU-Herbal-Monographie zu Vincae minoris folium vorhanden
GARTEN
Das Kleine Immergrün ist sehr anpassungsfähig und wächst beinahe überall, ist dabei aber eine sehr gesellige Pflanze. Es verbreitet sich stetig durch lange Triebe und ist daher ein beliebter Bodendecker. Das Immergrün wächst bevorzugt in humusreichem, lockerem Boden. Ein Platz im Halbschatten ist ideal, doch auch andere Standorte bereiten Vinca minor meist kaum Probleme.
Düngung benötigt das Immergrün in der Regel nicht. Jungpflanzen sollten regelmässig gegossen werden; hat sich ein Pflanzenteppich gebildet, ist Bewässerung nur in längeren trockenen Perioden nötig. Besonders schön zur Geltung kommt das Kleine Immergrün im Vordergrund von Traubensilberkerze, Fingerhut oder Eisenhut.
SONSTIGES
In Mitteleuropa ist das Kleine Immergrün als Kulturrelikt zu bewerten. Sein Auftreten kann auf alte Siedlungsplätze, Gärten und Verwilderungen hinweisen. Der Name Immergrün bezieht sich auf die immergrünen Blätter der Pflanze.
Von grosser Bedeutung für die Krebstherapie sind nicht die Inhaltsstoffe des Kleinen Immergrüns, sondern Vinblastin und Vincristin aus dem Madagaskar-Immergrün (Catharanthus roseus).
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Madagaskar-Immergrün (Catharanthus roseus) - wichtige Alkaloidpflanze; Quelle der onkologisch verwendeten Alkaloide Vincristin und Vinblastin.
- Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) - stark wirksame Giftpflanze mit historisch und pharmakologisch bedeutsamen Herzglykosiden.
- Blauer Eisenhut (Aconitum napellus) - hochgiftige Alkaloidpflanze ohne sichere Selbstanwendung.
- Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) - Arzneipflanze mit anderer Indikation und deutlich anderer Evidenzlage.
FAQ
-
Hat Gemeines Immergrün eine anerkannte medizinische Anwendung?
Nein. Die Anwendung der Immergrünblätter ist heute obsolet. Die Kommission E bewertete Immergrünkraut negativ. -
Warum ist Vinca minor problematisch?
Die Pflanze enthält zahlreiche pharmakologisch wirksame Indolalkaloide. Die Wirksamkeit der Droge ist nicht belegt, gleichzeitig bestehen Sicherheitsbedenken. -
Was ist Vincamin?
Vincamin ist ein Indolalkaloid aus Vinca minor. Es ist von der Anwendung der ganzen Droge zu unterscheiden; seine Bedeutung rechtfertigt keine Selbstanwendung von Immergrünkraut. -
Stammen Vincristin und Vinblastin aus Vinca minor?
Nein. Diese onkologisch wichtigen Alkaloide stammen aus dem Madagaskar-Immergrün (Catharanthus roseus), nicht aus dem Kleinen Immergrün.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold








