Purgier-Kreuzdorn – Rhamnus cathartica
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung & Dosierung | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die traditionelle medizinische Verwendung der Kreuzdornbeeren betrifft Obstipation (Verstopfung). Stimulierende anthranoidhaltige Abführmittel sollen nur kurzfristig und nicht ohne ärztlichen Rat über längere Zeit eingenommen werden.
Rhamnus cathartica L. (syn. Cervispina cathartica);
Purgier-Kreuzdorn (syn. Kreuzdorn, Wegdorn, Hirschdorn, Stechdorn, Purgierbeeren).


VORKOMMEN
Der Purgier-Kreuzdorn ist in grossen Teilen Europas heimisch und kommt zudem in Nordwestafrika sowie in Westasien vor. Er bevorzugt kalkreiche Standorte, ist insgesamt aber ökologisch anpassungsfähig. Man findet ihn in Hecken, an Waldrändern, in Auen, an Wegrändern und an trockenen bis frischen Hängen. In Mitteleuropa ist die Art vor allem in wärmeren, basenreichen Lagen verbreitet. Ökologisch bemerkenswert ist ihre Bedeutung als Nahrungspflanze für verschiedene Schmetterlingsraupen, darunter der Zitronenfalter.
MERKMALE
Der Purgier-Kreuzdorn ist ein bis etwa 3 m hoher, dorniger Strauch, seltener ein kleiner Baum. Die Zweige stehen oft gegenständig oder fast gegenständig und laufen häufig in einen Dorn aus. Die Blätter sind breit-oval bis rundlich, fein gesägt und meist mit 3 bis 4 deutlich nach vorn gebogenen Seitennerven versehen. Die kleinen Blüten sind gelbgrün und vier- bis fünfzählig; sie stehen in kleinen Büscheln in den Blattachseln. Die Blütezeit liegt vorwiegend im Mai. Die reifen Früchte sind schwarz, rundlich und etwa 6 bis 8 mm gross.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Rhamni cathartici fructus (syn. Rhamni catharticae fructus);
Kreuzdornbeeren, also die getrockneten reifen Früchte.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Die Früchte enthalten Anthranoide beziehungsweise Anthrachinonderivate, deren laxierende Wirkung für die traditionelle Verwendung wesentlich ist. Genannt werden Anthrachinonglykoside, berechnet als Glucofrangulin A, mit Emodin-, Anthron- und weiteren Anthrachinon-Derivaten als wichtigen Aglyka beziehungsweise Metaboliten. Daneben kommen Flavonoide sowie Gerbstoffe vor.
PHARMAKOLOGIE
Anthranoid-haltige Drogen wirken laxierend. Der Mechanismus beruht im Wesentlichen auf einer Beeinflussung der Colonmotilität mit Förderung der propulsiven Kontraktionen und Hemmung stationärer Bewegungen. Zusätzlich wird die Resorption von Wasser und Elektrolyten vermindert beziehungsweise die Sekretion in das Darmlumen gefördert. Dadurch wird der Darminhalt weicher und die Darmpassage beschleunigt.
Wie bei anderen anthranoid-haltigen Laxanzien handelt es sich bei einem Teil der Inhaltsstoffe um Prodrugs, die im oberen Gastrointestinaltrakt nur begrenzt resorbiert werden und erst im Dickdarm durch bakterielle Enzyme in wirksame Metaboliten überführt werden. Klinisch relevant ist vor allem die kurzfristige stimulierende Wirkung auf den Dickdarm.
EVIDENZ
Für Kreuzdornbeeren (Rhamni cathartici fructus) besteht eine traditionelle Anwendung als stimulierendes pflanzliches Laxans bei Obstipation. Die Evidenz basiert primär auf älteren Monographien, pharmakologischen Untersuchungen und der gut etablierten Wirkstoffklasse der anthranoid-haltigen Laxanzien.
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Kommission E (historische Bewertung):
Positive Monographie für „Buckthorn berry“ (Kreuzdornbeeren) zur kurzfristigen Behandlung der Obstipation.
Kommission E Monographie (American Botanical Council) -
Pharmakologisch belegter Wirkmechanismus:
Anthranoide (Anthrachinon-Derivate wie Emodin und Physcion) wirken laxierend über Stimulation der Colonmotilität sowie Hemmung der Wasserresorption im Darm.
PubMed: Anthraquinone profile and biological activity of Rhamnus catharticus -
Chemische und pharmakognostische Daten:
In Rhamnus cathartica wurden verschiedene Anthrachinone (z.B. oxyprenylierte Emodin-Derivate) analytisch nachgewiesen.
PubMed: Anthraquinones in Rhamnus species -
Regulatorische Bewertung der Stoffklasse:
Hydroxyanthracen-Derivate (Anthranoide) zeigen eine gesicherte abführende Wirkung, stehen jedoch aufgrund möglicher genotoxischer und karzinogener Effekte bei langfristiger Anwendung in kritischer Bewertung.
EFSA: Safety of hydroxyanthracene derivatives -
HMPC / EMA:
Eine eigenständige EU-Herbal-Monographie für Rhamnus cathartica liegt nicht vor. Für verwandte anthranoid-haltige Drogen (z.B. Frangulae cortex, Rhamni purshianae cortex) bestehen HMPC-Monographien mit klarer Beschränkung auf kurzfristige Anwendung.
HMPC (EMA)
Zusammenfassend beruht die Evidenz für Kreuzdornbeeren auf einer traditionellen Anwendung mit plausibler pharmakologischer Grundlage, während moderne klinische Studien begrenzt sind. Die Nutzen-Risiko- Bewertung entspricht derjenigen anderer anthranoid-haltiger Laxanzien: kurzfristig wirksam, langfristig kritisch zu beurteilen.
ANWENDUNG
Angaben der Kommission E:
- Anwendungsgebiet: Obstipation (Verstopfung).
- Gegenanzeigen: Darmverschluss, akut-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, Appendizitis, Bauchschmerzen unklarer Ursache, Schwangerschaft, Kinder unter 12 Jahren.
- Besondere Vorsicht: Stimulierende Abführmittel sollen ohne ärztlichen Rat nicht über längere Zeiträume eingenommen werden.
- Nebenwirkungen: Möglich sind krampfartige Magen-Darm-Beschwerden. Bei chronischem Gebrauch oder Missbrauch drohen Elektrolytverluste, insbesondere Kaliumverluste, mit möglicher Muskelschwäche und Beeinflussung der Herzfunktion. Beschrieben ist ausserdem eine reversible Pseudomelanosis coli.
ZUBEREITUNG & DOSIERUNG
Kreuzdornbeeren wurden traditionell in verschiedenen Zubereitungen als stimulierendes Laxans verwendet. Wegen der stark wirksamen anthranoid-haltigen Inhaltsstoffe und der möglichen Nebenwirkungen ist eine unkritische Selbstmedikation heute nicht zu empfehlen. Stimulierende Laxanzien sollen grundsätzlich nur kurzfristig eingesetzt werden.
Ältere Quellen nennen als Teezubereitung etwa 4 g Droge pro Tasse heisses Wasser. Aus heutiger Sicht steht jedoch weniger die traditionelle Teeanwendung als vielmehr die sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung im Vordergrund.
STATUS
Kommission E: positive Bewertung für
Kreuzdornbeeren bei Obstipation.
ESCOP: keine Monographie.
HMPC: keine EU-Herbal-Monographie für Rhamnus cathartica vorhanden;
siehe
Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC)
.
Die heutige Bewertung stützt sich deshalb vor allem auf die historische Monographielage, pharmakologische Daten zu anthranoid-haltigen Laxanzien und die traditionelle Anwendung der Droge. Moderne klinische Studien speziell zu Kreuzdornbeeren sind begrenzt.
Wie andere anthranoid-haltige Laxanzien sind Kreuzdornbeeren nur für die kurzfristige Anwendung geeignet. Bei längerem oder missbräuchlichem Gebrauch drohen insbesondere Elektrolytverluste und andere unerwünschte Wirkungen.
Schweiz: In der Swissmedic-Liste HAS ist Rhamnus catharticus (beziehungsweise Rhamnus cathartica) für homöopathische und anthroposophische Arzneimittel aufgeführt; daraus ergibt sich jedoch keine moderne phytotherapeutische Standardempfehlung für die Droge.
PURGIER-KREUZDORN IM GARTEN
Der Purgier-Kreuzdorn gedeiht in sonnigen bis leicht halbschattigen Lagen. Besonders gut geeignet sind kalkhaltige, eher schwere Böden. Die Art ist robust, schnittverträglich und als ökologisch wertvoller Heckenstrauch interessant. In naturnahen Gärten kann sie zusammen mit Sträuchern wie Weissdorn, Holunder oder Berberitze verwendet werden.
Zu beachten ist, dass die Früchte pharmakologisch wirksam sind und unreife Früchte, insbesondere für Kinder, problematisch sein können. Deshalb ist ein bewusster Standort sinnvoll.
SONSTIGES
Der Artname cathartica verweist auf die historisch bekannte reinigende beziehungsweise abführende Wirkung der Früchte. Pharmakognostisch gehört der Purgier-Kreuzdorn zu den klassischen anthranoid-haltigen Laxansdrogen, wird heute aber deutlich zurückhaltender beurteilt als in älteren Kräuter- und Drogenbüchern.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Frangula alnus – ebenfalls eine anthranoid-haltige Rhamnaceae-Droge mit laxierender Wirkung.
- Senna alexandrina – klassisches stimulierendes Laxans mit besser standardisierter moderner Anwendung.
- Rheum palmatum – anthranoidreiche Arzneidroge mit historischer Verwendung als Laxans.
FAQ
- Wofür werden Kreuzdornbeeren verwendet?
Traditionell als stimulierendes pflanzliches Laxans bei Obstipation. - Sind Kreuzdornbeeren für die Langzeitanwendung geeignet?
Nein. Stimulierende anthranoidhaltige Laxanzien sollen nur kurzfristig verwendet werden. - Gibt es eine HMPC-Monographie für Rhamnus cathartica?
Eine eigene HMPC-EU-Monographie für diese Art liegt nicht vor. - Sind unreife Früchte problematisch?
Ja. Der Verzehr unreifer Früchte kann vor allem bei Kindern zu Vergiftungserscheinungen führen.
Letzte Änderung: 02.04.2026 / © W. Arnold






