Giftlattich – Lactuca virosa
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Giftlattich hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Historische und volkstümliche Anwendungen als Beruhigungs- oder Hustenmittel sind beschrieben, die Wirksamkeit ist jedoch klinisch nicht belegt. Bei höherer Aufnahme sind Vergiftungserscheinungen möglich.
Lactuca virosa (syn. Lactuca altissima, L. lactucarii, L. sylvestris);
Giftlattich (syn. Giftsalat, Stinksalat).




VORKOMMEN
Der Giftlattich stammt aus Mittel- und Südeuropa, Nordafrika und Westasien; in anderen Gebieten wurde er eingebürgert oder zeitweise kultiviert. Als wärmeliebende Pflanze wächst er bevorzugt in trockenen, nährstoffreichen Staudenfluren, an Wegrändern, Schuttplätzen und ruderalen Standorten. In Mitteleuropa ist er insgesamt eher zerstreut und lokal.
MERKMALE
Der Giftlattich ist eine ein- oder zweijährige, meist 60 bis 150 cm hohe Pflanze mit kräftiger Pfahlwurzel und bitterem, unangenehmem Geruch. Der Stengel ist aufrecht, rund, weisslich bis rötlich überlaufen, kahl und im oberen Teil rispig verzweigt. Die Laubblätter sind bläulichgrün, steif, unterseits am Mittelnerv stachelig und am Rand fein dornig gezähnt. Die hellgelben Zungenblüten stehen in zahlreichen kleinen Körbchen in einem pyramidenförmig-rispigen Gesamtblütenstand. Nach der Samenreife stirbt die Pflanze ab.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Lactucae folium - Lactuca-virosa-Blätter (Giftlattichblätter).
Lactucarium germanicum - Deutsches Lactucarium (Giftlattichsaft), der zur Blütezeit gesammelte und eingetrocknete Milchsaft.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Im Vordergrund stehen bitter schmeckende Sesquiterpenlactone, insbesondere Lactucin und Lactucopicrin. Daneben wurden weitere Guaianolid-Derivate sowie Triterpene und Sterole beschrieben. Historisch wurde vor allem der Milchsaft (Lactucarium) als wirksamer Bestandteil angesehen.

PHARMAKOLOGIE
Die pharmakologische Bewertung des Giftlattichs bleibt unsicher. In der älteren Literatur wurde eine schwach sedierende, antitussive und analgetische Wirkung beschrieben. Neuere tierexperimentelle Arbeiten sprechen dafür, dass einzelne Sesquiterpenlactone, vor allem Lactucin und Lactucopicrin, im Mausversuch sedierende und antinozizeptive Effekte auslösen können. Daraus lässt sich jedoch keine klinisch gesicherte Wirksamkeit beim Menschen ableiten.
Historische Angaben zu Lactucarium als Opiumersatz sind kritisch zu beurteilen. Die Droge ähnelt dem Opium äusserlich, in Geruch und Geschmack, erreicht dessen pharmakologische Bedeutung aber nicht. Die heute verfügbaren Daten sprechen eher für eine schwache bis mässige zentrale Wirkung einzelner Inhaltsstoffe als für einen verlässlichen therapeutischen Nutzen.

EVIDENZ
- HMPC (EMA) - keine Monographie vorhanden. Damit besteht auf europäischer Ebene keine anerkannte Bewertung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel oder als Arzneipflanze mit well-established use.
- ESCOP - keine Monographie vorhanden. Eine klinisch etablierte phytotherapeutische Anwendung ist daraus nicht ableitbar.
- Wesołowska et al. 2006 (PubMed) - tierexperimentelle Daten zu Lactucin und Lactucopicrin mit analgetischen und sedierenden Effekten im Mausmodell; dies ist kein klinischer Wirksamkeitsnachweis.
- Ilgün et al. 2020 (PMC) - experimentelle Untersuchung von Lactuca-Latexen mit sedativen Effekten; bestätigt das historische Wirkspektrum nur präklinisch.
- Besharat et al. 2009 (PubMed) - Fallserie zur Toxizität von Lactuca virosa; dokumentiert klinisch relevante unerwünschte Wirkungen nach Einnahme.
Bewertung: Insgesamt ergibt sich für den Giftlattich keine tragfähige Evidenz für eine anerkannte medizinische Anwendung. Die Datenlage ist überwiegend historisch oder präklinisch; dem stehen dokumentierte Vergiftungserscheinungen gegenüber.
ANWENDUNG
Lactucae folium - volkstümliche Anwendungen und historische Anwendungsgebiete: bei Keuchhusten, Reizhusten, Dysmenorrhoe, Schlaflosigkeit, Unruhe und Erregbarkeit. Die Wirksamkeit bei diesen Indikationen ist nicht belegt.
Lactucarium germanicum - historisch als schwaches Sedativum, Analgetikum und als Opiumersatz beschrieben. Die Angaben beruhen weitgehend auf älterer Erfahrungsliteratur; eine moderne klinische Absicherung fehlt. Wegen unklarer Wirkung und möglicher Toxizität ist die Droge heute therapeutisch bedeutungslos.

AKUTE TOXIZITÄT
Bei Überdosierung oder missbräuchlicher Anwendung des Milchsaftes beziehungsweise von Zubereitungen aus Giftlattich können Magendruck, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Pupillenerweiterung, vegetative Symptome und Gangstörungen auftreten. In publizierten Fallberichten wurden auch Halluzinationen, Unruhe und ausgeprägte Kreislaufreaktionen beschrieben. Der Giftlattich ist daher keine harmlose Schlaf- oder Beruhigungspflanze.
STATUS
- Kommission E: keine Monographie vorhanden
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: keine Monographie vorhanden
GIFTLATTICH IM GARTEN
Giftlattich kann aus Samen gezogen werden. Die Aussaat erfolgt ab März an einem sonnigen, eher trockenen, durchlässigen Standort ohne stehende Nässe. Der Anbau ähnelt demjenigen anderer Lattich-Arten, die Pflanze wirkt im Garten jedoch deutlich robuster und wilder. Wegen des bitteren Milchsaftes und der möglichen Verwechslung mit essbaren Lattichen ist eine klare Kennzeichnung sinnvoll.
SONSTIGES
Lactucarium bezieht sich auf das lateinische Wort "lac" für Milch und bedeutet das milchig Ausgeschiedene. Medizinisch verwendet wurde die Droge bereits im Altertum. Bis ins 19. Jahrhundert hinein spielte sie vor allem als angeblicher Opiumersatz eine gewisse Rolle. Ihre tatsächliche pharmakologische Bedeutung blieb jedoch begrenzt, und mit dem Aufkommen besser definierter Arzneimittel verschwand sie weitgehend aus der Therapie.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Papaver somniferum – Schlafmohn; pharmakologisch wirksame Opiumquelle und historischer Bezug zum sogenannten „Opiumersatz“ Lactucarium.
FAQ
- Hat Giftlattich eine medizinisch anerkannte Wirkung?
Nein. Für Lactuca virosa gibt es keine anerkannte medizinische Anwendung. - Ist Giftlattich ein pflanzlicher Opiumersatz?
Historisch wurde das so beschrieben. Die Wirkung ist aber deutlich schwächer und klinisch nicht ausreichend belegt. - Ist Giftlattich giftig?
Ja. Bei höherer Aufnahme können zentrale und vegetative Vergiftungserscheinungen auftreten. - Kann man Giftlattich als Schlafmittel verwenden?
Davon ist abzuraten. Die Wirkung ist nicht zuverlässig belegt, während unerwünschte Wirkungen dokumentiert sind.
Letzte Änderung: 07.04.2026 / © W. Arnold






