Hirtentäschel - Capsella bursa-pastoris

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Hirtentäschelkraut wird traditionell zur Verminderung starker Menstruationsblutung bei erwachsenen Frauen mit regelmässigem Zyklus verwendet, wenn ernsthafte Ursachen ärztlich ausgeschlossen wurden. Die regulatorische Einstufung beruht auf langjähriger Anwendung; die klinische Evidenz ist begrenzt.

Capsella bursa-pastoris (syn. Bursa pastoris, Capsella polymorpha, Iberis bursa-pastoris); Hirtentäschel (syn. Bauernsenf, Echtes Hirtentäschel, Gänsekresse).

Hirtentäschel mit Blattrosette und schmalem Blütenstand

Blüten und typische herzförmige Schötchen des Hirtentäschels

Hirtentäschelkraut als arzneilich verwendete oberirdische Pflanzenteile

VORKOMMEN

Hirtentäschel ist nahezu weltweit verbreitet und in Mitteleuropa sehr häufig. Die Pflanze wächst an Ruderalstellen, in Kiesgruben, auf Äckern, an Wegrändern sowie in Gärten. Sie steigt bis ins Hochgebirge auf und gilt wegen ihrer Anspruchslosigkeit oft als Begleitpflanze gestörter Standorte.

MERKMALE

Das Gewöhnliche Hirtentäschel ist eine ein- bis zweijährige krautige Pflanze mit einfacher, spindelförmiger Wurzel und aufrechtem Stängel. Es bleibt meist 10 bis 40 cm hoch. Die grundständigen Blätter stehen in einer Rosette; sie sind ungeteilt bis fiederteilig. Die kleinen weissen Blüten erscheinen oft während eines langen Zeitraums. Besonders typisch sind die flach gedrückten, dreieckig bis verkehrt herzförmigen Schötchen, die an eine kleine Hirtentasche erinnern.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Bursae pastoris herba (syn. Herba Bursae pastoris); Hirtentäschelkraut, verwendet werden die oberirdischen Teile.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Stickstoffhaltige Verbindungen:
Hirtentäschelkraut enthält einen relativ hohen Anteil an Aminosäuren und Proteinen. Das Vorkommen biogener Amine wie Cholin, Acetylcholin und Tyramin wurde beschrieben, ist aber nicht in allen Quellen gleich gesichert. Zudem kommen Spuren von Alkaloiden vor.

Flavonoide:
Glykoside von Kämpferol, Luteolin, Diosmetin und Quercetin, darunter Rutin, Luteolin-7-rutinosid und Diosmin.

Strukturformel von Diosmin als Flavonoid des Hirtentäschels

Organische Säuren:
Chinasäure, Chlorogensäure, Syringasäure, Vanillinsäure und Fumarsäure.

Weitere Bestandteile:
Vitamin C, β-Sitosterol, Triterpene sowie Kalzium- und Kaliumsalze. Diskutiert wird ausserdem das Vorkommen peptidischer Bestandteile mit möglicher blutstillender Wirkung.

PHARMAKOLOGIE

Für Hirtentäschelkraut werden traditionell blutungsvermindernde Effekte angenommen. Beschrieben wurden ferner uterotone, gefässwirksame und adstringierende Eigenschaften. Die Zuordnung einzelner Wirkungen zu klar definierten Inhaltsstoffen ist jedoch nur teilweise gesichert. Pharmakologisch ist die Anwendung bei Blutungen plausibel, die Datenlage bleibt aber insgesamt begrenzt und heterogen.

EVIDENZ

Die heutige regulatorische Einordnung stützt sich vor allem auf traditionelle Anwendung und langjährige Erfahrung. Klinische Daten sind vorhanden, aber begrenzt; die Studienlage ist klein und methodisch nicht stark genug, um eine gut gesicherte Wirksamkeit abzuleiten. Insgesamt ist die Anwendung pharmakologisch plausibel, klinisch jedoch nur vorsichtig zu bewerten.

  • EMA/HMPC: Bursae pastoris herba – öffentliche Zusammenfassung zur traditionellen Anwendung bei starker Menstruationsblutung.
  • EMA/HMPC Community herbal monograph – Monographie mit Indikation, Dosierung, Warnhinweisen und traditioneller Einstufung.
  • Naafe et al. (2018), PubMed – randomisierte klinische Studie zu hydroalkoholischem Extrakt bei starker Menstruationsblutung; Hinweis auf möglichen Nutzen, aber keine ausreichende Grundlage für eine gesicherte Gesamtbewertung.
  • Łukaszyk et al. (2024), PMC – Übersichtsarbeit zu traditionellen Anwendungen, Inhaltsstoffen und neueren Befunden; nützlich für die Einordnung der pharmakologischen Plausibilität.

ANWENDUNG

Anerkannte beziehungsweise regulatorisch abgestützte Anwendung:

  • Traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Verminderung starker Menstruationsblutung bei Frauen mit regelmässigem Menstruationszyklus.
  • Voraussetzung ist, dass ernsthafte Ursachen der Blutung ärztlich ausgeschlossen wurden.
  • Die Anwendung ist für erwachsene Frauen vorgesehen.

Kommission E: positive Monographie für die symptomatische Behandlung leichterer Menorrhagien und Metrorrhagien. Historisch wurden auch lokale Anwendungen erwähnt; für die heutige Hauptdarstellung sollte jedoch die konservative HMPC-Linie im Vordergrund stehen.

Volkstümliche Anwendung:
In der Volksheilkunde wurde Hirtentäschel ausserdem bei verschiedenen inneren und äusseren Blutungen, bei Beschwerden der Harnwege sowie in geburtshilflichen Zusammenhängen verwendet. Für diese Anwendungsgebiete liegen keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise vor.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Für die Zubereitung als Tee werden traditionell 1 bis 5 g fein zerkleinerte Droge pro Einzeldosis verwendet. Üblich sind zwei bis vier Anwendungen täglich. Die Anwendung beginnt traditionell 3 bis 5 Tage vor Beginn der Menstruation und wird während der Blutung fortgesetzt.

Praktisch kann ein Aufguss mit etwa 150 ml siedendem Wasser hergestellt und nach 10 bis 15 Minuten abgeseiht werden. Andere flüssige Zubereitungen sind ebenfalls beschrieben.

SICHERHEIT

  • Die Anwendung wird bei Jugendlichen unter 18 Jahren nicht empfohlen.
  • Bei Überempfindlichkeit gegen Hirtentäschelkraut sollte die Anwendung unterbleiben.
  • Wenn die Beschwerden anhalten, zunehmen oder unklare Blutungen auftreten, ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.
  • Zu Nebenwirkungen lagen dem HMPC zum Zeitpunkt der Bewertung keine gemeldeten Fälle vor; das bedeutet jedoch nicht, dass Risiken grundsätzlich ausgeschlossen sind.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden
  • HMPC: traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Bursae pastoris herba)

GARTEN

Hirtentäschel wächst gerne auf nährstoffreichen Böden und erscheint deshalb auch im Garten häufig spontan. Die Pflanze bevorzugt sonnige Lagen, sollte aber nicht völlig austrocknen. Trotz ihres Rufs als Unkraut ist sie eine zarte und botanisch interessante Wildpflanze. Im Garten erscheint sie oft zwischen anderen spontan wachsenden Arten wie Löwenzahn, Taubnessel, Mutterkraut und Gänseblümchen.

Hirtentäschel im Garten am Wegrand

SONSTIGES

Die Verwendung des Hirtentäschels als Heilpflanze lässt sich mindestens bis in das Spätmittelalter zurückverfolgen. Der wissenschaftliche Name Capsella bursa-pastoris leitet sich von den taschenförmigen Schötchen ab: capsa bedeutet Kapsel, bursa Tasche und pastor Hirt. Bereits in älteren europäischen Quellen werden vor allem Anwendungen bei Blutungen erwähnt.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Schafgarbe (Achillea millefolium) – traditionell bei Menstruationsbeschwerden und krampfartigen Unterleibsbeschwerden verwendet.
  • Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) – klassische Heilpflanze im Bereich zyklusbezogener Beschwerden.
  • Zaubernuss (Hamamelis virginiana) – adstringierende Droge mit Bezug zu kleineren Blutungen und Schleimhautreizungen.
  • Brennnessel (Urtica dioica) – traditionell vielseitig verwendete Heilpflanze; in der Frauenheilkunde gelegentlich begleitend eingesetzt.

FAQ

  • Wofür wird Hirtentäschel verwendet?
    Traditionell zur Verminderung starker Menstruationsblutung bei Frauen mit regelmässigem Zyklus nach ärztlichem Ausschluss ernster Ursachen.
  • Ist die Wirkung wissenschaftlich gesichert?
    Es gibt einzelne klinische Studien, die Gesamtevidenz bleibt aber begrenzt. Die regulatorische Einstufung beruht auf traditioneller Anwendung.
  • Wie wird Hirtentäschel als Tee angewendet?
    Traditionell 1 bis 5 g Droge pro Einzeldosis, zwei- bis viermal täglich. Die Anwendung beginnt üblicherweise einige Tage vor der Menstruation.
  • Ist Hirtentäschel für Jugendliche geeignet?
    Die Anwendung unter 18 Jahren wird in der HMPC-Monographie nicht empfohlen.

Letzte Änderung: 20.04.2026 / © W. Arnold