Physochlaina physaloides
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Physochlaina physaloides ist eine giftige Solanaceae-Art mit Tropanalkaloiden. Eine anerkannte medizinische Anwendung besteht nicht. Wegen möglicher schwerer anticholinerger Vergiftungen ist von jeder Selbstanwendung abzuraten.
Physochlaina physaloides (syn. Physochlaina orientalis, Hyoscyamus physaloides).
VORKOMMEN
Physochlaina physaloides kommt in temperierten Regionen Asiens vor. Das natürliche Verbreitungsgebiet reicht von Sibirien bis nach Nordchina; Angaben aus Zentralasien, der Mongolei, dem russischen Fernen Osten und angrenzenden Regionen werden ebenfalls beschrieben.
Die Pflanze wächst an offenen, steinigen Berghängen, auf Felsen, in Steppenbereichen und an trockenen, exponierten Standorten.
MERKMALE
Physochlaina physaloides ist eine ausdauernde krautige Pflanze. Sie bildet einen kriechenden bis aufsteigenden Wurzelstock. Die wenigen Stängel wachsen aufrecht und verzweigen sich durch Seitentriebe aus den Blattachseln.
Die Blütenstände stehen endständig und bilden traubenartige Gruppen. Der Kelch ist behaart und zur Fruchtzeit auffällig vergrössert. Die Krone ist violett, trichterförmig bis glockenförmig und besitzt einen breiten, fünflappigen Saum.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Traditionell beschrieben wird vor allem die Wurzel. Eine moderne, in Europa anerkannte Arzneidroge besteht für Physochlaina physaloides nicht.
Wegen der enthaltenen Tropanalkaloide handelt es sich um eine Giftdroge mit enger Sicherheitsmarge.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Arten der Gattung Physochlaina enthalten Tropanalkaloide. Für Physochlaina physaloides wurden unter anderem Hyoscyamin, Scopolamin, 6β-Hydroxyhyoscyamin und verwandte Tropanalkaloide beschrieben.
Ähnliche Inhaltsstoffgruppen kommen auch bei anderen giftigen Nachtschattengewächsen vor, etwa bei Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel und Engelstrompeten.
PHARMAKOLOGIE
Tropanalkaloide wie Hyoscyamin und Scopolamin wirken parasympatholytisch beziehungsweise anticholinerg. Sie hemmen die muskarinischen Acetylcholinrezeptoren und können dadurch die glatte Muskulatur entspannen, Sekretionen vermindern und zentrale Wirkungen auslösen.
Die pharmakologischen Effekte erklären historische Anwendungen als Spasmolytikum oder Narkotikum. Gleichzeitig sind sie für die erhebliche Giftigkeit verantwortlich.
EVIDENZ
Für Physochlaina physaloides besteht keine anerkannte medizinische Anwendung. Eine HMPC-Monographie ist nicht vorhanden.
Die publizierte Evidenz betrifft vor allem Botanik, Phytochemie, Tropanalkaloid-Biosynthese und Zell- beziehungsweise Wurzelkulturen. Klinische Studien, welche eine sichere und wirksame Anwendung beim Menschen belegen, fehlen.
Die traditionelle Verwendung in tibetischen, mongolischen und sibirischen Kontexten ist ethnomedizinisch interessant, rechtfertigt aber wegen der Tropanalkaloide keine Selbstmedikation.
- PubMed: Tropane alkaloids in auxin-independent root cultures of Physochlaina physaloides – Nachweis hoher Tropanalkaloid-Gehalte in Wurzelkulturen.
- PubMed: Tropane alkaloids in adventitious root cultures of Physochlaina physaloides – Untersuchung zu Wachstum und Alkaloidproduktion.
- PubMed: A Review on the Traditional Applications, Phytochemistry and Pharmacology of the Genus Physochlaina – aktuelle Übersicht zur Gattung Physochlaina.
- PMC: Tropane Alkaloids: Chemistry, Pharmacology, Biosynthesis and Production – Übersicht zu Tropanalkaloiden, Pharmakologie und Toxikologie.
- Kew Plants of the World Online: Physochlaina physaloides – taxonomische Einordnung und Verbreitungsangaben.
- HMPC – europäischer Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel; keine Monographie zu Physochlaina physaloides vorhanden.
- ESCOP – europäische Fachorganisation für pflanzliche Arzneimittel; keine Monographie vorhanden.
- Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen; Springer Medizin Verlag.
- Wichtl: Teedrogen und Phytopharmaka; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
ANWENDUNG
In traditionellen Medizinsystemen Zentral- und Ostasiens wurden Physochlaina-Arten als stark wirksame Pflanzen beschrieben, unter anderem als spasmolytische, sedierende oder narkotische Drogen.
Eine moderne medizinische Anwendung von Physochlaina physaloides ist in Europa nicht anerkannt. Wegen der Giftigkeit darf die Pflanze nicht zur Selbstbehandlung verwendet werden.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Keine Selbstanwendung. Für Physochlaina physaloides besteht keine sichere Dosierungsempfehlung für Laien.
Bereits geringe Fehldosierungen tropanalkaloidhaltiger Pflanzen können schwere Vergiftungen verursachen. Eine Anwendung gehört nicht in die Hausmedizin.
SICHERHEIT
Die Pflanze ist in allen Teilen als giftig einzustufen. Mögliche Vergiftungssymptome durch Tropanalkaloide sind Mundtrockenheit, Pupillenerweiterung, Sehstörungen, Herzrasen, Harnverhalt, trockene heisse Haut, Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen, Krämpfe und Bewusstseinsstörungen.
Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Glaukom, Prostatabeschwerden oder neurologischen Erkrankungen.
Bei Verdacht auf Aufnahme von Pflanzenteilen ist unverzüglich medizinische Hilfe oder ein Toxikologisches Informationszentrum zu kontaktieren.
STATUS
- Kommission E: keine Monographie vorhanden
- ESCOP : keine Monographie vorhanden
- HMPC : keine Monographie vorhanden
SONSTIGES
Physochlaina physaloides gehört zur Familie der Nachtschattengewächse. Die Gattung ist botanisch und phytochemisch interessant, insbesondere wegen ihrer Tropanalkaloide.
Die Pflanze sollte in Gärten nur mit grosser Vorsicht kultiviert werden, wenn Kinder oder Haustiere Zugang haben.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) – giftige Solanaceae-Art mit Tropanalkaloiden.
- Tollkirsche (Atropa belladonna) – stark giftige Pflanze mit Atropin und Hyoscyamin.
- Stechapfel (Datura stramonium) – giftige Tropanalkaloid-Pflanze mit hohem Vergiftungsrisiko.
- Engelstrompeten (Brugmansia) – sehr giftige Zierpflanzen mit Tropanalkaloiden.
FAQ
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Hat Physochlaina physaloides eine anerkannte medizinische Anwendung?
Nein. Für diese Pflanze gibt es keine anerkannte medizinische Anwendung und keine HMPC-Monographie. -
Warum ist die Pflanze gefährlich?
Sie enthält Tropanalkaloide wie Hyoscyamin und Scopolamin, die schwere anticholinerge Vergiftungen auslösen können. -
Kann die Pflanze selbst dosiert werden?
Nein. Wegen der engen Sicherheitsmarge ist jede Selbstanwendung abzulehnen. -
Welche Pflanzenteile enthalten Wirkstoffe?
Besonders die Wurzel ist phytochemisch untersucht; die Pflanze ist jedoch insgesamt als giftig einzustufen. -
Was ist bei Vergiftungsverdacht zu tun?
Sofort medizinische Hilfe oder ein Toxikologisches Informationszentrum kontaktieren.
Letzte Änderung: 08.05.2026 / © W. Arnold