Süssdolde – Myrrhis odorata
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die Süssdolde hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Volksmedizinisch wurde sie unter anderem bei Husten, Verdauungsbeschwerden und als sogenanntes Blutreinigungsmittel verwendet. Diese Anwendungen sind klinisch nicht ausreichend belegt; im Vordergrund stehen heute die Bedeutung als aromatische Gewürz-, Duft- und Gartenpflanze.
Myrrhis odorata (L.) Scop. (syn. Chaerophyllum cicutaria, Lindera odorata, Scandix odorata, Selinum myrrhis); Aniskerbel, Myrrhenkerbel, Welscher Kerbel, Wilder Anis.


VORKOMMEN
Die Süssdolde kommt ursprünglich vor allem in Gebirgs- und Voralpenregionen Europas vor, unter anderem in den Alpen, Pyrenäen, Apenninen, auf der westlichen Balkanhalbinsel und im Kaukasus. Durch Kultur und Verwilderung ist sie heute in weiteren Teilen Europas eingebürgert; das ursprüngliche Areal lässt sich deshalb nicht überall eindeutig abgrenzen.
Die Art steigt im Gebirge bis etwa 1900 m auf. Sie wächst bevorzugt auf frischen bis feuchten, nährstoffreichen und oft kalkhaltigen Böden, zum Beispiel in Fettwiesen, Weiden, Hochstaudenfluren, an Waldrändern, in Grasgärten und gelegentlich in Auenwäldern.
MERKMALE
Die Süssdolde ist eine ausdauernde, aromatische Pflanze aus der Familie der Doldenblütler. Sie kann bis etwa 2 m hoch werden und duftet deutlich anisartig. Der Stängel ist rund, hohl und im oberen Teil verzweigt. Die wechselständigen Blätter sind zwei- bis vierfach gefiedert, weich behaart und besonders auf der Unterseite flaumig.
Die weissen Blüten stehen in vielstrahligen Dolden und erscheinen meist von Mai bis Juli. Die Früchte sind länglich, zugespitzt, seitlich zusammengedrückt, braun bis schwarz und glänzend. Zur Fruchtzeit richten sich die Doldenstrahlen auf. Der kräftige Anisduft der Pflanze ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal, ersetzt aber keine sichere botanische Bestimmung.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Herba Cerefolii hispanica – Spanisches Kerbelkraut, Anisdolde: das getrocknete Kraut der Süssdolde.
In der traditionellen Nutzung werden neben dem Kraut auch Blätter, Früchte und Wurzeln verwendet. Eine arzneilich anerkannte Droge mit geregelter therapeutischer Anwendung besteht für Myrrhis odorata nicht.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Die Süssdolde enthält ätherisches Öl mit einem anisartigen Aromaprofil. Als wichtige Bestandteile werden trans-Anethol, Estragol, Limonen, Myrcen, Caryophyllen, Germacren-D und weitere flüchtige Verbindungen beschrieben. Je nach Pflanzenteil, Herkunft, Entwicklungsstadium und Untersuchungsmethode kann die Zusammensetzung deutlich schwanken.
Weitere Inhaltsstoffgruppen umfassen Flavonoide und andere sekundäre Pflanzenstoffe. Für die Bewertung der Sicherheit sind besonders phenylpropanoide Aromastoffe wie trans-Anethol und Estragol von Bedeutung.
PHARMAKOLOGIE
Die pharmakologische Plausibilität der traditionellen Anwendung beruht vor allem auf dem ätherischen Öl und dem anisartigen Aromaprofil. Aromatische Drogen mit Anethol können sensorisch, sekretionsanregend und karminativ wirken. Für die Süssdolde selbst liegen jedoch keine ausreichenden klinischen Daten vor, die eine therapeutische Anwendung bei Husten, Magenschwäche, Blähungen oder anderen Beschwerden belegen.
Die Abgrenzung zu besser untersuchten Doldenblütlern ist wichtig. Obwohl Süssdolde nach Anis riecht und geschmacklich an Anis erinnert, kann die Evidenz für Anis, Fenchel oder Kümmel nicht ohne Weiteres auf Myrrhis odorata übertragen werden.
EVIDENZ
Die Evidenz für eine medizinische Anwendung der Süssdolde ist schwach. Es bestehen vor allem ältere phytochemische Untersuchungen und Angaben zur Zusammensetzung des ätherischen Öls. Kontrollierte klinische Studien zu konkreten therapeutischen Anwendungsgebieten sind nicht ausreichend verfügbar.
Die volksmedizinische Verwendung bei Husten, Verdauungsbeschwerden oder als sogenanntes Blutreinigungsmittel bleibt daher traditionell-historisch einzuordnen. Eine arzneiliche Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Praxis ist die Süssdolde vor allem als Gewürz-, Duft-, Bienen- und Gartenpflanze relevant.
Quellen zur Evidenz und Sicherheit:
- Sawicka W.: Myrrhis odorata (L.) Scop. as an anethole raw material. I. Oil content in different organs of Myrrhis odorata (L.) Scop. Acta Pol Pharm. 1969;26(6):565-568. Ältere Untersuchung zum ätherischen Öl und Anethol-Gehalt.
- Kudrzycka-Bieloszabska F.W., Sawicka W.: Myrrhis odorata (L.) Scop. as raw material for anethole. 3. Gas chromatography of the oil. Acta Pol Pharm. 1970;27(3):313-317. Untersuchung zur gaschromatographischen Analyse des ätherischen Öls.
- Dobravalskytė D. et al.: Essential oil composition of Myrrhis odorata (L.) Scop. leaves grown in Lithuania and France. Untersuchung zur Zusammensetzung des Blattöls mit hohem Anteil an E-Anethol und weiteren flüchtigen Komponenten.
- EMA/HMPC: Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Für Myrrhis odorata liegt keine EU-Herbal-Monographie vor.
- EMA/HMPC: Public statement on the use of herbal medicinal products containing estragole. Relevante Sicherheitsbewertung für estragolhaltige pflanzliche Zubereitungen.
ANWENDUNG
Volksmedizinisch wurde die Süssdolde als aromatisches Kraut bei Husten, Magenschwäche und Verdauungsbeschwerden verwendet. Auch die Bezeichnung als Blutreinigungsmittel gehört zur traditionellen Volksheilkunde, ist aber medizinisch unscharf und wissenschaftlich nicht belegt.
Eine therapeutische Anwendung kann wegen fehlender ausreichender Wirksamkeitsbelege nicht empfohlen werden. Die Verwendung als Küchen- und Gewürzpflanze in üblichen Mengen ist davon zu unterscheiden.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Für Süssdolde besteht keine anerkannte medizinische Dosierung. Eine Anwendung als Arzneidroge oder Tee zu therapeutischen Zwecken ist nicht ausreichend belegt.
In der Küche werden junge Blätter, Früchte und teilweise Wurzeln in kleinen Mengen als aromatische Würze verwendet. Die Blätter besitzen einen süssen, anisähnlichen Geschmack und können frisch verwendet werden. Die Früchte werden als Gewürz geerntet, wenn sie ausgereift und fest geworden sind.
SICHERHEIT
Die übliche Verwendung kleiner Mengen als Gewürzpflanze ist von einer medizinischen Anwendung zu unterscheiden. Für konzentrierte Zubereitungen, ätherisches Öl oder regelmässige therapeutische Einnahme liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor.
- Estragol: Je nach Pflanzenteil und Ölzusammensetzung kann Estragol vorkommen. Für estragolhaltige pflanzliche Zubereitungen gelten toxikologische Vorsichtsmassnahmen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: mangels ausreichender Daten keine therapeutische Anwendung.
- Kinder: keine medizinische Selbstanwendung ohne fachliche Beurteilung.
- Verwechslungen: Doldenblütler können mit giftigen Arten verwechselt werden. Wildsammlung nur bei sicherer botanischer Kenntnis.
- Allergien: Bei bekannter Empfindlichkeit gegenüber Doldenblütlern ist Vorsicht angezeigt.
STATUS
- Kommission E: keine Monographie vorhanden.
- ESCOP: keine Monographie vorhanden.
- HMPC: keine Monographie vorhanden.
SÜSSDOLDE IM GARTEN
Die Süssdolde bevorzugt einen halbschattigen Platz in humosem, frischem bis feuchtem Gartenboden. Steht die Pflanze sehr schattig, bildet sie weniger Blüten. Sie ist winterhart, pflegeleicht und eignet sich gut für naturnahe Gehölzränder, Bauerngärten und halbschattige Staudenpflanzungen.
Die Pflanze versamt sich an geeigneten Standorten leicht. Wer eine Ausbreitung begrenzen möchte, kann die Fruchtstände vor der Samenreife zurückschneiden. Für Insekten sind die Doldenblüten wertvoll, da sie Nektar und Pollen für Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und andere Insekten anbieten.
SONSTIGES
Die Blätter sind essbar und können vom frühen Frühjahr bis in den Herbst geerntet werden. Alle Pflanzenteile besitzen einen süssen, anisähnlichen Geschmack. Blätter eignen sich zum Würzen von Salaten, Saucen, Fischgerichten und Kräuterquark. Die Früchte können Kohlgerichte und Gebäck aromatisieren.
In saurem Kompott können die aromatischen Früchte den Geschmack abrunden, sodass weniger Zucker nötig sein kann. Die Wurzeln wurden früher gelegentlich als Gemüse verwendet. Die Süssdolde ist ausserdem eine traditionelle Duft- und Gewürzpflanze und eignet sich für naturnahe Duftgärten.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Anis (Pimpinella anisum) – anisartig duftende Frucht mit traditioneller Anwendung bei Blähungen und Katarrhen der Atemwege.
- Fenchel (Foeniculum vulgare) – ätherischölhaltige Droge bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden und Husten.
- Kümmel (Carum carvi) – aromatische Frucht mit karminativer Anwendung bei Verdauungsbeschwerden.
- Kerbel (Anthriscus cerefolium) – aromatische Küchenpflanze aus der Familie der Doldenblütler.
- Liebstöckel (Levisticum officinale) – würzige Doldenblütler-Art mit traditioneller Verwendung im Verdauungs- und Harnwegsbereich.
FAQ
- Ist die Süssdolde eine anerkannte Heilpflanze?
Nein. Für Myrrhis odorata besteht keine anerkannte medizinische Anwendung; Kommission E, ESCOP und HMPC führen keine Monographie. - Wofür wurde Süssdolde traditionell verwendet?
Volksmedizinisch wurde sie bei Husten, Verdauungsbeschwerden und als sogenanntes Blutreinigungsmittel verwendet. Diese Anwendungen sind klinisch nicht ausreichend belegt. - Welche Inhaltsstoffe prägen den Geruch?
Der anisartige Geruch beruht vor allem auf trans-Anethol und weiteren Bestandteilen des ätherischen Öls. - Kann Süssdolde in der Küche verwendet werden?
Ja. Blätter, Früchte und junge Pflanzenteile werden traditionell als aromatische Würze verwendet. - Worauf ist bei Wildsammlung zu achten?
Doldenblütler können mit giftigen Arten verwechselt werden. Wildsammlung sollte nur bei sicherer botanischer Bestimmung erfolgen.
Letzte Änderung: 05.05.2026 / © W. Arnold



