Gottesgnadenkraut - Gratiola officinalis
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Das Gottesgnadenkraut hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Die Pflanze ist in allen Teilen stark giftig und wird wegen ihrer toxischen Inhaltsstoffe nicht zur Selbstanwendung empfohlen. Historische Anwendungen als Abführ-, Brech- und Harntreibemittel gelten heute als überholt und riskant.
Gnadenkraut (syn. Echtes Purgierkraut, Gichtkraut, Gottesgnadenkraut, Wilder Aurin).
VORKOMMEN
Das Gottesgnadenkraut kommt in Europa und Teilen West- bis Zentralasiens vor. Es fehlt in höheren Gebirgslagen und ist an feuchte, nährstoffarme bis mässig nährstoffreiche Standorte gebunden. Typische Wuchsorte sind Sumpfwiesen, Gräben, Teichränder, Flachmoore und zeitweise überflutete Uferbereiche.
In Mitteleuropa ist die Art vielerorts selten geworden. Der Rückgang hängt vor allem mit Entwässerung, Nutzungsänderungen und dem Verlust feuchter, extensiv bewirtschafteter Standorte zusammen.
MERKMALE
Gratiola officinalis ist eine ausdauernde, aufrechte, etwa 15 bis 35 cm hohe Pflanze mit vierkantigem Stengel. Die Blätter sind lanzettlich, gegenständig, sitzend oder kurz gestielt und am Rand fein gezähnt.
Die gestielten Blüten stehen einzeln in den Blattachseln. Sie sind trichterförmig, meist weiss bis blassrosa und innen gelblich oder violett gezeichnet. Die Frucht ist eine vielsamige Kapsel. Die Blütezeit reicht meist von Juni bis August.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Gratiolae herba (syn. Herba Gratiolae); Gnadenkraut (syn. Gottesgnadenkraut, Purgierkraut). Verwendet wurden früher die getrockneten, zur Blütezeit gesammelten oberirdischen Pflanzenteile.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Triterpenoide:
Für Gratiola officinalis sind Cucurbitacine und
verwandte Triterpenoide beschrieben. Genannt werden unter anderem
Gratiosid, Gratiogenin, Gratiolignin, 16-Hydroxygratiogenin,
Elaterinid, Desacetylelaterinid, Glykoside der Cucurbitacine I
und L sowie Betulinsäure.
Enzyme:
Im Presssaft von Gratiola officinalis wurde eine sehr
aktive Glucosidase nachgewiesen, auch Elaterase genannt. Sie
kann Cucurbitacinglykoside in Aglyka und Zucker spalten.
Flavone:
Beschrieben sind Flavon-C-glykoside und Flavon-O-glykoside.
Die Aglyka leiten sich unter anderem von Apigenin, Luteolin und
Luteolin-3'-O-methylether ab.
Phenolcarbonsäure-Derivate:
Arenariosid, Verbascosid.
Sonstige Inhaltsstoffe:
Ätherisches Öl in geringer Menge, Saponine und Mannitol. Auf
eine mögliche Anwesenheit von Bufadienoliden wurde hingewiesen.
PHARMAKOLOGIE
Als toxikologisch besonders wichtig gelten die Cucurbitacine. Diese stark bitteren Triterpenoide können lokal reizend, stark laxierend und zytotoxisch wirken. Für die früher genutzte abführende Wirkung ist damit keine sichere therapeutische Breite gegeben.
Für einzelne Inhaltsstoffe und Extrakte wurden experimentelle biologische Aktivitäten beschrieben, darunter zytotoxische Effekte in Zellmodellen. Solche Befunde sind pharmakologisch interessant, begründen aber keine medizinische Anwendung der Droge.
EVIDENZ
Die Evidenzlage stützt keine medizinische Anwendung von Gottesgnadenkraut. Historische Anwendungen als Purgans, Diuretikum oder Mittel bei Leber-, Gicht- und Hautleiden sind nicht durch belastbare klinische Studien abgesichert. Wegen der ausgeprägten Giftigkeit überwiegt das Risiko deutlich.
- PubMed: Quantitative determination of cucurbitacin E and cucurbitacin I in Gratiola officinalis – analytische Arbeit zu Cucurbitacinen in Gratiola officinalis; die Publikation weist auf Bitterkeit und Toxizität dieser Stoffgruppe hin.
- PubMed: Pharmacological and biological evaluation of extracts of Gratiola officinalis – experimentelle Untersuchung verschiedener Extrakte; für eine therapeutische Anwendung beim Menschen nicht beweisend.
- PMC: Gratiola officinalis alcoholic extract and colorectal cancer cell models – moderne Zellkulturarbeit zu experimentellen Effekten; daraus ergibt sich keine sichere oder anerkannte Anwendung der Pflanze.
- InfoFlora: Gratiola officinalis – botanische Verbreitungs- und Schutzinformationen zur Art in der Schweiz.
- InfoFlora: Merkblatt Artenschutz Gratiola officinalis – Artenschutz-Merkblatt zur Ökologie, Gefährdung und Wiederansiedlung.
ANWENDUNG
Das Gottesgnadenkraut wird wegen seiner Giftigkeit in der heutigen Medizin nicht verwendet. Frühere Anwendungen bei Verstopfung, Gicht, Leberleiden, Wassersucht, chronischen Hautleiden und als starkes Abführmittel sind historisch dokumentiert, aber nicht ausreichend belegt und toxikologisch problematisch.
Eine Selbstanwendung als Tee, Tinktur, Presssaft oder Auszug ist nicht zu empfehlen. Bei Vergiftungsverdacht ist medizinische Hilfe erforderlich.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Für Gottesgnadenkraut wird keine sichere Dosierung angegeben. Wegen der starken Giftigkeit und der fehlenden anerkannten Anwendung soll die Droge nicht als Tee, Pulver, Tinktur oder sonstige Zubereitung verwendet werden.
SICHERHEIT
Giftpflanze: Die ganze Pflanze gilt als stark giftig. Vergiftungen können mit Schleimhautreizung, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, krampfartigen Bauchschmerzen, starkem Flüssigkeitsverlust und Kreislaufbeschwerden einhergehen.
Besonders gefährdet sind Kinder, Schwangere, Stillende, ältere Menschen sowie Personen mit Herz-, Leber-, Nieren- oder Magen-Darm-Erkrankungen. Auch geringe Mengen können problematisch sein. Wildpflanzen sollen nicht gesammelt oder medizinisch verwendet werden.
STATUS
Giftpflanze!
- Kommission E: keine Monographie vorhanden
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: keine Monographie vorhanden
GOTTESGNADENKRAUT IM GARTEN
Das Gottesgnadenkraut liebt feuchte Standorte an Gewässern. Es wächst gut in Verlandungszonen von Gartenteichen, neben Kalmus, Mädesüss und Fieberklee. Die Pflanze bevorzugt kalkarme Böden und sonnige bis halbschattige Lagen.
In freier Natur ist das seltene Gottesgnadenkraut kaum mehr anzutreffen. Wegen der Giftigkeit und des Schutzstatus soll es nicht aus Wildbeständen entnommen werden.
SONSTIGES
Der Gattungsname Gratiola wird sprachlich vom lateinischen gratia = Gnade abgeleitet. Der Name erinnert daran, dass die Pflanze früher als besonders heilkräftig galt. Die historische Wertschätzung steht im deutlichen Gegensatz zur heutigen toxikologischen Beurteilung.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Fingerhut (Digitalis purpurea) – stark giftige Arzneipflanze mit herzwirksamen Glykosiden und enger therapeutischer Breite.
- Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) – sehr giftige Pflanze mit stark wirksamen Alkaloiden.
- Blauer Eisenhut (Aconitum napellus) – eine der giftigsten heimischen Arznei- und Giftpflanzen.
- Koloquinte (Citrullus colocynthis) – stark reizende und giftige Cucurbitacin-haltige Pflanze.
FAQ
-
Ist Gottesgnadenkraut eine Heilpflanze?
Historisch wurde die Pflanze als stark wirkendes Arzneimittel verwendet. Heute hat sie keine anerkannte medizinische Anwendung und gilt vor allem als Giftpflanze. -
Warum ist Gratiola officinalis giftig?
Wichtige toxische Inhaltsstoffe sind Cucurbitacine und verwandte Triterpenoide. Sie können stark reizend, abführend und zytotoxisch wirken. -
Darf Gottesgnadenkraut als Tee verwendet werden?
Nein. Wegen der starken Giftigkeit ist eine Anwendung als Tee, Tinktur, Pulver oder Presssaft nicht empfehlenswert. -
Hat Gottesgnadenkraut eine HMPC-Monographie?
Nein. Für Gottesgnadenkraut ist keine HMPC-Monographie vorhanden. -
Steht Gottesgnadenkraut unter Schutz?
Die Art ist selten und in mehreren Ländern oder Regionen geschützt beziehungsweise gefährdet. Wildbestände sollen nicht gesammelt werden.
Letzte Änderung: 03.05.2026 / © W. Arnold