Erdrauch – Fumaria officinalis

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | EVIDENZ | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Status | Im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Erdrauchkraut wird traditionell bei Verdauungsbeschwerden im Zusammenhang mit Leber-Galle-Störungen verwendet, insbesondere bei Völlegefühl, Flatulenz und verlangsamter Verdauung. Die pharmakologische Plausibilität ist vorhanden, die klinische Evidenz ist jedoch begrenzt. Unerwünschte Wirkungen sind selten und meist mild.

Fumaria officinalis (syn. Fumaria media, Fumaria vulgaris);
Erdrauch (syn. Ackerraute, Echter Erdrauch, Gemeiner Erdrauch, Krätzheil, Traubenkerbel).

Blühender Echter Erdrauch mit rosa Blütenständen

Gemeiner Erdrauch mit fein gefiederten graugrünen Blättern

Mehrere Erdrauchpflanzen im natürlichen Standort

VORKOMMEN

Der Erdrauch ist ursprünglich in der gemässigten und mediterranen Zone Eurasiens beheimatet. Heute ist die Pflanze in vielen Regionen verschleppt und eingebürgert. Sie wächst bevorzugt auf nährstoffreichen, lockeren Böden und war früher häufig auf Äckern, in Gärten und Weinbergen zu finden. Durch intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Herbiziden sind die Bestände regional rückläufig.

MERKMALE

Der einjährige Erdrauch bildet aufsteigende bis aufrechte Stängel und erreicht meist 10 bis 40 cm Höhe. Charakteristisch sind die fein zerteilten, graugrünen Blätter und die traubig angeordneten rosa bis rötlichen Blüten mit dunkleren Spitzen. Die Blütezeit reicht in der Regel von April bis Oktober. Die Frucht ist klein, annähernd kugelig und einsamig.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Fumariae herba (syn. Herba Fumariae); Erdrauchkraut, das getrocknete oberirdische Kraut der blühenden Pflanze.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Alkaloide:
Etwa 1 % Gesamtalkaloide, vor allem Benzylisochinolinderivate vom Protopin-Typ sowie weitere Isochinolin-Alkaloide. Protopin gilt als Hauptalkaloid. Daneben kommen unter anderem Scoulerin, Sinactin, Cryptopin, Stypolin, Fumaritin, Fumarofin, Fumaricin, Fumarilin und Fumarophycin vor.

Flavonoide:
Rutin, Quercetin-Glykoside sowie geringe Mengen weiterer Flavonoide.

Pflanzensäuren:
Fumarsäure, Äpfelsäure, Kaffeesäure, Chlorogensäure und verschiedene Hydroxyzimtsäure-Äpfelsäureester.

Weitere Bestandteile:
Schleimstoffe, Cholin und geringe Mengen Vitamin C.

Strukturformel des Alkaloids Protopin aus Erdrauch

PHARMAKOLOGIE

Für Erdrauch werden vor allem eine leichte spasmolytische Wirkung am oberen Verdauungstrakt sowie Effekte auf Gallebildung und Gallefluss diskutiert. In vitro und in vivo wurden glattmuskelrelaxierende, choleretische und hepatobiliäre Wirkungen beschrieben. Die oft zitierte amphicholeretische Wirkung, also eine regulierende Beeinflussung des Galleflusses, ist pharmakologisch plausibel, klinisch aber nur begrenzt dokumentiert.

Einzelne experimentelle Arbeiten weisen zudem auf antioxidative und immunmodulatorische Effekte hin. Solche Befunde sind interessant, begründen aber für sich allein noch keine gesicherte therapeutische Anwendung ausserhalb des traditionellen Verdauungsbereichs.

EVIDENZ

Die Evidenz zu Fumaria officinalis ist insgesamt mässig. Die pharmakologische Plausibilität für eine Anwendung bei funktionellen Verdauungsbeschwerden im Zusammenhang mit Leber-Galle-Störungen ist vorhanden, und regulatorische Monographien stützen diese traditionelle Verwendung. Die klinischen Daten sind jedoch überwiegend älter und methodisch begrenzt, weshalb Erdrauch eher als traditionell begründete als als stark klinisch belegte Heilpflanze einzustufen ist.

  • HMPC: Fumariae herba – EMA-Produktseite mit aktueller EU-Monographie und Assessment Report; Einordnung im Bereich gastrointestinaler Beschwerden.
  • EU Herbal Monograph, Revision 1 – aktuelle HMPC-Monographie zur traditionellen Anwendung von Fumaria officinalis.
  • HMPC Assessment Report, Revision 1 – wissenschaftliche Begründung, Literaturbasis, Sicherheits- und Wirksamkeitsbewertung.
  • Hentschel C. et al. (1995) – Übersichtsartige klinische Darstellung zu Anwendungen von Erdrauch; historisch relevant, methodisch jedoch nicht mit moderner Evidenzstufe vergleichbar.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Anwendung (Kommission E):

  • Anwendungsgebiete: Krampfartige Beschwerden im Bereich der Gallenblase und der Gallenwege sowie des Magen-Darm-Traktes.
  • Wirkungen: Ausreichend gesichert ist eine leichte spasmolytische Wirkung am oberen Verdauungstrakt.
  • Gegenanzeigen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen: Keine bekannt.
  • Art der Anwendung: Zerkleinerte Droge und deren galenische Zubereitungen zum Einnehmen.
  • Dosierung: Soweit nicht anders verordnet, mittlere Tagesdosis 6 g Droge; Zubereitungen entsprechend.

ESCOP (ESCOP): Verdauungsbeschwerden wie Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl und Flatulenz im Zusammenhang mit Leber-Galle-Störungen.

HMPC: Erdrauchkraut ist als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft. Die Monographie zu Fumariae herba nennt die traditionelle Anwendung zur Linderung von Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Flatulenz und verlangsamter Verdauung im Zusammenhang mit Störungen des Leber-Galle-Systems.

Volksmedizin:
In der Volksheilkunde wurde Erdrauch auch äusserlich bei Hautproblemen und innerlich bei sehr unterschiedlichen Beschwerden verwendet. Für diese Anwendungen besteht keine ausreichende klinische Absicherung.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Erdrauch wird heute vor allem in Fertigarzneimitteln oder Mischpräparaten verwendet. Als Teeaufguss kann mehrmals täglich eine Tasse vor oder zu den Mahlzeiten getrunken werden. Als traditionelle Tagesdosis gelten 6 g Droge beziehungsweise entsprechende Zubereitungen.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung
  • ESCOP: positive Bewertung
  • HMPC: traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Fumariae herba)

ERDRAUCH IM GARTEN

Der Erdrauch bevorzugt sonnige bis halbschattige Standorte und eher lockere, stickstoffreiche Böden. Als einjährige Pflanze versamt er sich unter günstigen Bedingungen selbst. In naturnahen Gärten ist er eine interessante Begleitpflanze, besonders wenn spontane Wildkrautflora erwünscht ist.

Erdrauchpflanze im Garten mit fein gefiedertem Laub

SONSTIGES

Der Name Erdrauch wird häufig auf die rauchig graugrüne Färbung der Blätter zurückgeführt. Eine weitere Deutung bezieht sich auf den reizenden Pflanzensaft, der bei Kontakt mit den Augen Tränen hervorrufen kann. Erdrauch ist bereits seit der Antike als Heilpflanze bekannt.

Ähnliche Heilpflanzen

  • Schöllkraut (Chelidonium majus) – traditionell bei krampfartigen Beschwerden im Bereich von Galle und Verdauung verwendet.
  • Wermut (Artemisia absinthium) – Bitterstoffpflanze zur Unterstützung der Verdauung bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden.
  • Schafgarbe (Achillea millefolium) – traditionell bei Verdauungsbeschwerden und krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden genutzt.
  • Pfefferminze (Mentha x piperita) – bewährte Heilpflanze bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden und Blähungen.

FAQ

  • Wofür wird Erdrauch verwendet?
    Erdrauch wird traditionell bei Verdauungsbeschwerden im Zusammenhang mit Leber-Galle-Störungen verwendet, besonders bei Völlegefühl, Flatulenz und verlangsamter Verdauung.
  • Ist die Wirkung gut belegt?
    Die Wirkung ist pharmakologisch plausibel und regulatorisch anerkannt, die klinische Studienlage ist aber begrenzt und nicht sehr robust.
  • Wie wird Erdrauch dosiert?
    Traditionell werden 6 g Droge pro Tag oder entsprechende Zubereitungen genannt.
  • Gibt es bekannte Nebenwirkungen?
    In den Monographien werden nur wenige und meist milde unerwünschte Wirkungen beschrieben. Bei unklaren oder anhaltenden Beschwerden ist ärztliche Abklärung sinnvoll.

Letzte Änderung: 13.04.2026 / © W. Arnold