Mistel (Viscum album)
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung & Dosierung | Warnung | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Die Mistel wurde von der Kommission E als Injektionspräparat zur Segmenttherapie bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen sowie als unspezifische Reiztherapie in der palliativen Krebsbehandlung bewertet. Nach heutiger Einordnung ist jedoch nicht belegt, dass Mistelpräparate das Tumorwachstum hemmen oder die Überlebenszeit von Krebspatientinnen und Krebspatienten zuverlässig verlängern. Eine Anwendung kommt, wenn überhaupt, nur als begleitende Massnahme unter ärztlicher Kontrolle in Betracht.
Mistel (Syn. Laubholz-Mistel, Affolter, Drudenfuss, Elfklatte, Geisskrut, Hexenbesen, Hexenkrut, Hexennest, Immergrüne, Marentaken, Mischgle, Mischgelt, Mistelsenker, Nistle, Vogelchrut, Vogelkläb, Vogellim, Vogelmistel, Wintergrün, Wispel, Wispen).
Dem Namen nach wird die Mistel oft mit der Mispel verwechselt.
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VORKOMMEN
Das Verbreitungsgebiet der weissbeerigen Mistel umfasst die wintermilden Regionen Südskandinaviens sowie Mittel- und Südeuropas. Sie wächst zerstreut auf verschiedenen Laubbäumen wie Obstbäumen, Linden, Ahorn oder Weissdorn und bevorzugt basenreiche Standorte.
MERKMALE
Viscum album ist ein immergrüner Halbschmarotzer, der auf den Ästen von Laubbäumen sitzt und Wasser sowie darin gelöste Mineralsalze aus dem Holzteil des Wirts entzieht. Im Laufe der Jahre entstehen häufig kugelige Büschel, die bis zu einem Meter Durchmesser erreichen können. Die gleichmässig gabelig verzweigten Sprosse tragen lederige, mehrjährige Blätter. Die unscheinbaren eingeschlechtlichen Blüten sitzen in den Gabeln der Zweige. Die Früchte sind weisse, rundliche Scheinbeeren mit klebrigem Fruchtfleisch, wodurch die Verbreitung durch Vögel erleichtert wird.

Nach der Bindung an unterschiedliche Wirtsbaumarten werden innerhalb der Art Viscum album mehrere Unterarten oder Wirtsrassen unterschieden:
- Laubholz-Mistel (Viscum album subsp. album; synonym Viscum album)
- Tannen-Mistel (Viscum album subsp. abietis; synonym Viscum abietis)
- Kiefern-Mistel (Viscum album subsp. austriacum; synonym Viscum laxum)
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Visci albi herba (syn. Herba Albi visci, Herba Visci, Herba Visci albi, Visci herba); Mistelkraut, die vor der Fruchtbildung gesammelten Blätter und Zweige.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Die pharmakologisch wichtigsten Inhaltsstoffe der Mistel sind die Mistellektine, eine Gruppe von Glykoproteinen mit spezifischem Bindungsvermögen für Kohlenhydratstrukturen auf Zelloberflächen. Besonders untersucht sind die Mistellektine I, II und III.
Daneben enthält Viscum album sogenannte Viscotoxine, kleine zytotoxische Polypeptide aus 46 Aminosäuren, die in verschiedenen Pflanzenteilen vorkommen und zur biologischen Aktivität der Extrakte beitragen.

Weitere Inhaltsstoffe sind Polysaccharide, biogene Amine, Flavonoide, Phenylpropanoide, Lignane, Cyclitole wie Viscumitol sowie verschiedene Phenolcarbonsäuren. Das Flavonoidprofil kann zur chemotaxonomischen Differenzierung von Mistel-Unterarten herangezogen werden.
PHARMAKOLOGIE
Mistel-Extrakte zeigen in vitro und in tierexperimentellen Modellen immunmodulatorische, zytotoxische und entzündungsmodulierende Effekte. Dabei werden insbesondere Mistellektine und Viscotoxine als wirksame Komponenten diskutiert. Diese experimentellen Befunde lassen sich jedoch nicht direkt in einen gesicherten klinischen Nutzen bei Krebserkrankungen übersetzen.
Standardisierte Mistelpräparate werden überwiegend subkutan injiziert. Dabei können lokale Entzündungsreaktionen, Fieber und systemische Immunreaktionen auftreten. Ein Teil der klinischen Anwendung beruht auf dieser unspezifischen Reizwirkung.
EVIDENZ
Extrakte aus Viscum album wurden in zahlreichen klinischen Studien untersucht. Einzelne systematische Reviews und Meta-Analysen berichten Hinweise auf eine mögliche Verbesserung der Lebensqualität, insbesondere hinsichtlich therapiebedingter Beschwerden. Die Aussagekraft wird jedoch durch heterogene Präparate, offene Studiendesigns und weitere methodische Schwächen deutlich eingeschränkt. Ein gesicherter Nutzen auf Tumorwachstum oder Überleben ist nach heutigem Stand nicht robust belegt.
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EMA / HMPC:
Für Visci albi herba liegt keine HMPC-Monographie vor, sondern ein Public Statement bzw. Assessment Report. Ein allgemein anerkannter europäischer Standardstatus als traditionelles pflanzliches Arzneimittel oder als well-established use besteht damit nicht.
HMPC – Committee on Herbal Medicinal Products
EMA – Visci albi herba -
NCI / PDQ:
Die NCI-Evidenzübersicht beschreibt wiederholt berichtete Verbesserungen der Lebensqualität und in einzelnen Studien auch des Überlebens, betont jedoch erhebliche methodische Schwächen vieler Studien und bewertet die Zuverlässigkeit der Ergebnisse als eingeschränkt.
NCI PDQ – Mistletoe Extracts -
Loef & Walach 2020:
Systematischer Review und Meta-Analyse zur Lebensqualität bei Krebspatientinnen und -patienten unter Misteltherapie. Es wurde ein statistisch signifikanter Vorteil berichtet; die Autoren weisen jedoch auf Heterogenität und Bias-Risiken hin.
PubMed -
Tröger et al. 2013:
Randomisierte Studie bei fortgeschrittenem Pankreaskarzinom mit berichteten Vorteilen hinsichtlich Überleben und Symptomen. Solche Einzelstudien reichen jedoch nicht aus, um eine generelle therapeutische Empfehlung abzuleiten.
PubMed
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Bewertung
Die Kommission E bewertete Mistel in den 1980er-Jahren als Injektionspräparat zur sogenannten Segmenttherapie bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen sowie als unspezifische Reiztherapie im Rahmen der palliativen Krebsbehandlung. Diese Bewertung ist historisch bedeutsam, entspricht jedoch nicht automatisch der heutigen evidenzbasierten Einordnung.
Moderne medizinische Anwendung
Heute werden Mistelpräparate fast ausschliesslich als standardisierte Extrakte zur subkutanen Injektion im Rahmen der komplementären Onkologie eingesetzt. Ziel ist nicht eine gesicherte Tumorhemmung, sondern allenfalls eine mögliche Verbesserung der Lebensqualität oder der Verträglichkeit konventioneller Therapien.
Volksmedizinische Anwendung
In der Volksmedizin wurden Misteltee und orale Auszüge traditionell bei Kreislaufbeschwerden, Neigung zu erhöhtem Blutdruck und zur Unterstützung bei Arteriosklerose verwendet. Für diese Indikationen liegt kein ausreichender Wirksamkeitsnachweis vor; sie sind heute medizinisch nicht etabliert.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Mistel wird medizinisch heute fast ausschliesslich in Form standardisierter Extrakte zur parenteralen Anwendung eingesetzt, vor allem als subkutane Injektion. Die Dosierung erfolgt individuell und unter ärztlicher Kontrolle, meist mit langsam ansteigenden Dosen.
Eine orale Anwendung, etwa als Tee oder Tinktur, gilt wegen der Toxizität der Pflanze und der unzureichenden klinischen Evidenz nicht als sinnvoll und wird nicht empfohlen.
WARNUNG
Die rohe Mistelpflanze mit Beeren, Blättern und Zweigen ist aufgrund ihres Gehalts an Mistellektinen und Viscotoxinen als toxisch einzustufen. Besonders die Beeren können bei oraler Aufnahme zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bradykardie und in schweren Fällen zu neurologischen Symptomen führen. Eine Selbstmedikation mit Pflanzenteilen ist deshalb kontraindiziert.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen standardisierter Mistelpräparate gehören Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, lokale Entzündungsreaktionen an der Injektionsstelle, Kreislaufstörungen und allergische Reaktionen. In schweren Fällen sind ausgeprägte lokale Reaktionen möglich. Mistelpräparate sind nur unter fachkundiger Überwachung anzuwenden.
STATUS
- Kommission E: – positive Bewertung
- ESCOP: – keine Monographie vorhanden
- HMPC: – keine Monographie vorhanden; Public Statement / Assessment Report zu Visci albi herba vorhanden
GARTEN
Da Viscum album nicht wie eine gewöhnliche Gartenpflanze kultiviert werden kann, werden die Samen auf geeignete Wirtspflanzen ausgebracht. Eine Ansiedlung ist unter günstigen Bedingungen auf Apfelbäumen, Pappeln oder Ulmen möglich, bleibt aber schwierig und langwierig.
Die samenhaltigen Beeren werden auf Äste der Wirtsbäume – bevorzugt an Astunterseiten – gedrückt. Nach dem Antrocknen können die Samen im Frühjahr keimen. Die Mistel wächst langsam; innerhalb von 5 bis 6 Jahren wird meist erst ein kleiner Strauch erreicht.
Ich habe es bisher in meinem Garten auf Weiden, Weissdorn, Mehlbeere und Sanddorn versucht – bisher hatte ich aber keinen Erfolg.
11.2014: Endlich ist eine kleine Mistel auf einem Weissdorn gekeimt – nach unzähligen Versuchen.
08.2017: Die Mistel ist plötzlich eingegangen. Nach einer deutlichen Ausstülpung am Stamm des Weissdorns hat dieser den Halbschmarotzer offenbar abgestossen.

SONSTIGES
Viscum album war bereits in der Mythologie des Altertums bekannt und spielte insbesondere bei den keltischen Druiden eine kultische Rolle. Besonders seltene Misteln auf Eichen galten als heilig und wurden symbolisch mit Fruchtbarkeit, Lebenskraft und Unsterblichkeit verbunden.
Diese mythologischen Vorstellungen erklären die historische Bedeutung der Mistel in Volksmedizin und Ritualen, haben jedoch keinen Bezug zur modernen pharmakologischen oder klinischen Bewertung der Pflanze.
Ähnliche Heilpflanzen
- Echinacea purpurea – Heilpflanze mit immunologischer Forschung, jedoch anderer Indikation und anderer Evidenzlage als die Mistel.
- Panax ginseng – traditionelle Arzneipflanze zur Unterstützung der Leistungsfähigkeit; klinisch und pharmakologisch anders einzuordnen als Mistelpräparate.
- Arnica montana – klassische Arzneipflanze mit klar abgrenzbarer äusserlicher Anwendung und deutlich anderer therapeutischer Stellung.
FAQ
- Hilft Mistel bei Krebs?
Mistelpräparate werden in der komplementären Onkologie als Begleittherapie eingesetzt. Studien zeigen Hinweise auf eine Verbesserung der Lebensqualität; ein gesicherter Nutzen auf Tumorwachstum oder Überleben ist jedoch nicht belegt. - Gibt es klinische Studien zur Mistel?
Ja. Es existieren zahlreiche klinische Studien sowie systematische Reviews und Meta-Analysen zu Viscum album. Die Aussagekraft ist jedoch durch heterogene Präparate und methodische Schwächen vieler Studien begrenzt. - Was sagen Meta-Analysen zur Lebensqualität?
Meta-Analysen berichten einen möglichen Vorteil für die Lebensqualität. Diese Ergebnisse sind wegen der Heterogenität der Studien vorsichtig zu interpretieren. - Verbessert Mistel das Überleben?
Ein gesicherter Überlebensvorteil ist nach heutigem Stand nicht robust belegt. - Wird Mistel allgemein empfohlen?
Eine allgemeine therapeutische Empfehlung lässt sich aus der aktuellen Evidenz nicht ableiten. Falls Mistelpräparate eingesetzt werden, dann allenfalls als begleitende Massnahme unter ärztlicher Kontrolle.
Letzte Änderung: 11.04.2026 / © W. Arnold




