Rainfarn – Tanacetum vulgare
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Trotz der Vergiftungsgefahr wurde Rainfarn früher bei Wurmerkrankungen, Stoffwechsel- und Verdauungsbeschwerden eingenommen. Die Droge gilt heute wegen fehlender klinischer Evidenz und thujonhaltigem ätherischem Öl als obsolet.
Tanacetum vulgare (syn. Chrysanthemum tanacetum, Chrysanthemum vulgare, Pyrethrum tanacetum, Tanacetum officinarum).
Rainfarn (syn. Dänneblomm, Knöpfchen, Raingerte, Wurmfarn [nicht zu verwechseln mit dem echten Dryopteris filix-mas], Wurmkraut, Wurmtod).
VORKOMMEN
Der Rainfarn hat eine eurasische Verbreitung. Die Pflanze ist mittlerweile ein Neophyt in den gemässigten Gebieten der übrigen Erdteile. Der Rainfarn wächst häufig und gesellig in staudenreichen Unkrautfluren, an Wegen, Schuttplätzen, Dämmen, gern an Brandstellen, auch an Ufern (Stromtalpflanze), auf sommerwarmen humosen Böden. Nach Ellenberg ist er eine Lichtpflanze, subozeanisch verbreitet, ein Frischezeiger, mässig stickstoffreiche Standorte anzeigend und eine Klassencharakterart ausdauernder Stickstoff-Krautfluren. Der Rainfarn ist ein Kulturbegleiter und Gartenflüchtling.
MERKMALE
Der Rainfarn wird 40–120 cm hoch, ist nur oben verzweigt, riecht aromatisch und hat einen etwas bitteren Geschmack. Die Blätter sind fiederschnittig, jederseits mit 7–15 schmal-lanzettlichen, eingeschnitten-gezähnten Abschnitten. Die Blütenköpfe sind goldgelb, ohne Zungenblüten und in dichten, doldigen Rispen angeordnet. Sie haben einen Durchmesser von etwa 1 cm. Die Hüllblätter sind hell berandet. Die Früchte sind 1,5–2 mm lang, meist fünfkantig und mit kurzem, gezähntem Rand.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Tanaceti flos (syn. Chrysanthemi vulgaris flos, Flores Tanaceti) – Rainfarnblüten, Wurmkrautblüten.
Tanaceti herba (syn. Chrysanthemi vulgaris herba, Herba Tanaceti) – Rainfarnkraut, Wurmkraut. Verwendet wurden die vorsichtig getrockneten, während der Blütezeit von Juli bis Oktober gesammelten oberirdischen Teile.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Tanaceti herba:
Ätherisches Öl:
Die frische Pflanze enthält bis zu 0,3 % ätherisches Öl;
luftgetrocknete Blätter enthalten bis 0,9 %, Blütenköpfchen bis 1,8 %;
der Ölgehalt der Stängel liegt unter 0,01 %. Das ätherische Öl besteht
aus etwa 50 Komponenten, von denen ungefähr 40 identifiziert worden
sind. Für die Wirkung relevant sind insbesondere Borneol, Campher,
1,8-Cineol, Dihydrocarvon, β-Thujon und α-Thujon, daneben
Artemisiaketon, Bornylacetat, Camphen, Carveol, Chrysanthenol,
Chrysanthenon, Limonen, Lyratol, Lyratylacetat, α-Pinen, Pinocarvon,
Piperiton, Sabinen und weitere Bestandteile.
Sesquiterpene:
Aus dem ätherischen Öl wurden die Ketone (+)-Vulgaron A (7,6 %) und
(+)-Vulgaron B (11,9 %) neben α-Bergamoten, γ-Cadinen, δ-Cadinen und
weiteren Stoffen isoliert. Die Droge enthält ferner die
nichtflüchtigen Sesquiterpenalkohole Tanacetol A und Tanacetol B.
Sesquiterpenlactone:
Bisher sind mehr als 20 Sesquiterpenlactone identifiziert worden. Sie
gehören den Germacranoliden, Eudesmanoliden und Guaianoliden an.
Monoterpenglykoside:
Die Monoterpenalkohole kommen genuin meistens als nichtflüchtige
Glykoside vor.
Flavonoide:
Identifiziert wurden die Aglykone Acacetin, Apigenin, Axillarin,
Chrysoeriol, Diosmetin, Hispidulin, Isorhamnetin, Jaceidin,
Jaceosidin, Luteolin, Orientin und Quercetin sowie die Glykoside
Apigenin-7-O-glucosid, Cosmosiin, Cynarosid,
Luteolin-7-O-glucosid, Quercimeritrin und Tilianin.
Cumarine:
Isofraxidin und Scopoletin wurden nachgewiesen.
Phenolcarbonsäuren:
Chlorogensäure, Isochlorogensäure und Kaffeesäure.
Sterole und Triterpene:
33 % des UA bestehen aus Sterolen und Triterpenen. Die Sterole setzen
sich aus 63 % β-Sitosterol, 22 % Stigmasterol, 8 % Campesterol und
5 % Cholesterol zusammen. Der Triterpenanteil besteht aus α-Amyrin,
β-Amyrin, Taraxasterol und Pseudotaraxasterol.
Kohlenhydrate:
Die Blätter enthalten sehr wenig Vibumitol. Der Pektinkomplex der
Blüten besteht aus zwei verschiedenen Polysacchariden I und II im
Verhältnis 6:1. Polysaccharid I setzt sich aus 70 %
Galacturonsäure sowie Galactose, Glucose, Arabinose, Xylose und
Rhamnose (2:1:2:2:1) zusammen. Polysaccharid II besteht aus
20 % Galacturonsäure sowie Galactose, Glucose, Arabinose, Xylose und
Rhamnose (10:8:3:1:2). Polysaccharid II ergibt bei weiterer
Fraktionierung Polysaccharid III mit 30 % Uronsäure sowie Galactose,
Glucose, Arabinose, Xylose und Rhamnose (9:5:2:1:4) sowie
Polysaccharid IV mit 18 % Uronsäure sowie Galactose, Glucose,
Arabinose, Xylose und Rhamnose (8:7:2:1:1).
Thiophene:
Wie Pyrethrum enthält auch die handelsübliche Droge
Tanaceti herba relativ grosse Mengen an phototoxischen
Di- und Terthiophenen (136 µg/g), davon über 80 µg/g
5-(4-Acetoxy-1-butenyl)-2,2'-bithienyl.
Sonstige Inhaltsstoffe:
Aus frischen Wurzeln wurden geringe Mengen Anthracen neben Pyren und
Fluoranthren isoliert. In Gewebekulturen wurden Carotinoide
nachgewiesen. Das ätherische Öl enthält anscheinend auch das
Phenylpropanderivat Elemicin (siehe
Muskatnuss).
In den Blüten finden sich Tannine vom Catechin- und
Leukoanthocyanintyp. Aus dem Kraut wurden ausserdem Stearinsäure und
n-Decylglucosid isoliert.
Tanaceti flos:
Ätherisches Öl mehr als 0,8 %, ansonsten siehe
Tanaceti herba.
PHARMAKOLOGIE
Rainfarn besitzt antimikrobielle, antiparasitäre, antivirale und entzündungsmodulierende Eigenschaften. Verantwortlich dafür sind vor allem Bestandteile des ätherischen Öls, Sesquiterpenlactone, Flavonoide und Phenolcarbonsäuren.
Das ätherische Öl wirkt in experimentellen Untersuchungen antibakteriell und fungistatisch. Für einzelne Inhaltsstoffe wurden ausserdem insektizide und antiparasitäre Wirkungen beschrieben. Diese Effekte erklären teilweise die historische Anwendung gegen Würmer und Ungeziefer.
Neuere Untersuchungen zeigen, dass Extrakte aus Rainfarn in vitro Herpesviren hemmen können. Für den antiviralen Effekt scheinen unter anderem Isochlorogensäure (3,5-Dicaffeoylchininsäure; 3,5-DCQA) sowie das Flavonoid Axillarin verantwortlich zu sein. Daneben wurden auch für weitere phenolische Verbindungen und Sesquiterpenlactone antivirale Eigenschaften beschrieben.
Polysaccharidfraktionen aus den Blüten zeigten in experimentellen Systemen immunmodulierende Effekte. Zusätzlich wurden antioxidative und entzündungsmodulierende Wirkungen beobachtet.
Die klinische Bedeutung dieser Befunde bleibt unklar, da belastbare klinische Studien fehlen. Wegen der neurotoxischen Eigenschaften von α- und β-Thujon ist eine therapeutische Anwendung von Rainfarn problematisch.
EVIDENZ
Die traditionelle Anwendung von Rainfarn bei Wurmerkrankungen, Verdauungsbeschwerden, Rheuma und Menstruationsstörungen ist historisch gut dokumentiert. Klinische Studien zur Wirksamkeit liegen jedoch kaum vor. Die Anwendung beruht überwiegend auf volksmedizinischer Erfahrung und pharmakologischer Plausibilität.
Experimentelle Untersuchungen zeigen antimikrobielle, antivirale, antiparasitäre und immunmodulierende Eigenschaften verschiedener Extrakte und Inhaltsstoffe von Tanacetum vulgare. Für einzelne Extrakte wurden Hemmwirkungen gegen Herpes-simplex-Viren beschrieben. Auch antioxidative und entzündungsmodulierende Effekte wurden in In-vitro- und Tiermodellen beobachtet.
Die pharmakologischen Eigenschaften werden unter anderem auf Sesquiterpenlactone, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren und Bestandteile des ätherischen Öls zurückgeführt. Die vorhandenen Daten reichen jedoch nicht aus, um eine medizinische Anwendung zu begründen.
Dem möglichen pharmakologischen Nutzen stehen erhebliche toxikologische Risiken gegenüber. Besonders problematisch ist der teilweise hohe Gehalt an α- und β-Thujon im ätherischen Öl. Wegen des ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses gilt Rainfarn heute als obsolet.
- PubMed: Anti-HSV-1-Aktivität von Extrakten aus Tanacetum vulgare und Parthenolid: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19152371/
- PubMed: In-vitro-Aktivität von Tanacetum vulgare-Extrakten gegen HSV-1 und HSV-2: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21171142/
- PubMed: Spiroketal-Enolether-Derivat aus Tanacetum vulgare mit Aktivität gegen HSV-1 und HSV-2: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25882624/
- PubMed: Review zu biologisch aktiven Inhaltsstoffen und pharmakologischem Potenzial von Tanacetum vulgare: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34015423/
- Kommission E Monographien; negative Bewertung wegen fehlender klinischer Evidenz und toxikologischer Risiken.
ANWENDUNG
Rainfarnzubereitungen wurden früher als Anthelminthikum, bei Migräne, Neuralgie, Rheuma, Meteorismus und Appetitmangel angewendet. Die Wirksamkeit bei den beanspruchten Anwendungsgebieten ist nicht belegt.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Da die Wirksamkeit von Rainfarnzubereitungen bei den beanspruchten Anwendungsgebieten nicht belegt ist, kann angesichts der Risiken eine therapeutische Verwendung nicht vertreten werden. Die Droge ist heute obsolet.
SICHERHEIT
Rainfarn enthält ätherisches Öl, das in der Regel thujonhaltig ist. Thujone besitzen neurotoxische Eigenschaften. Bei missbräuchlicher Verwendung grosser Mengen der Droge oder des ätherischen Öls als Abortivum wurden schwere Vergiftungen beschrieben.
Beschrieben wurden Erbrechen, Leibschmerzen, Gastroenteritis, starke Rötung des Gesichts, Bewusstlosigkeit, starke klonisch-tonische Krämpfe, beschleunigte Atmung, unregelmässige Herztätigkeit, Mydriasis, Pupillenstarre, Uterusblutungen, Abort, Nierenschädigung und Leberschädigung.
Die letale Dosis des ätherischen Öls wird für den Menschen mit etwa 15–30 g angegeben. Bei unkontrollierter Anwendung von Rainfarn können abhängig von der verwendeten Droge Thujonmengen aufgenommen werden, die auch bei normaler Dosierung toxisch sein können. Untersuchungen zur Toxizität thujonfreier Chemotypen liegen nicht ausreichend vor.
Rainfarn darf nicht während Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden. Auch Kinder, Personen mit Krampfleiden, Leber- oder Nierenerkrankungen sowie Personen mit bekannter Allergie gegen Korbblütler sollten Rainfarn meiden. Eine innerliche Anwendung von Rainfarnöl ist kontraindiziert.
STATUS
- Kommission E: negative Bewertung
- ESCOP: ESCOP – keine Monographie vorhanden.
- HMPC: HMPC – keine Monographie zu Tanacetum vulgare vorhanden.
RAINFARN IM GARTEN
Der Rainfarn ist ein Sonnenanbeter und fühlt sich in der Sonne oder an einem teilsonnigen Standort wohl. Hier benötigt er eher nährstoffreichen, feuchten, durchlässigen, aber nur mässig stickstoffreichen Boden. Der Rainfarn breitet sich stark aus, deshalb müssen rechtzeitig Wurzelausläufer entfernt werden. Der Rainfarn stellt an Hobbygärtner keine besonderen Ansprüche. Er ist mehrjährig, winterfest und sehr widerstandsfähig.
Wegen der Giftigkeit sollte Rainfarn nicht in Reichweite kleiner Kinder angebaut werden.
SONSTIGES
In den antiken Schriften ist der Rainfarn nicht zu finden. Die erste schriftliche Überlieferung findet sich im Capitulare Karls des Grossen. Rainfarn wurde früher bei Wurmerkrankungen eingesetzt. Grössere Mengen als 1 bis 3 g Rainfarn können jedoch Vergiftungserscheinungen hervorrufen, so dass heute bei Wurmerkrankungen auf andere, wirkungsvollere und sicherere Mittel zurückgegriffen wird.
Verbreitet war auch die Verwendung gegen Ungeziefer. Der Rainfarn wurde ausserdem als Färbepflanze verwendet.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Mutterkraut (Tanacetum parthenium) – nahe verwandte Art mit traditioneller Anwendung zur Migräneprophylaxe.
- Wermut (Artemisia absinthium) – ebenfalls thujonhaltige Bitterdroge mit deutlich zu beachtenden Sicherheitsaspekten.
- Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) – historisch als Wurmmittel verwendet, heute wegen toxikologischer Risiken obsolet.
FAQ
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Ist Rainfarn giftig?
Ja. Rainfarn enthält häufig thujonhaltiges ätherisches Öl und gilt als Giftpflanze. -
Wird Rainfarn heute noch medizinisch verwendet?
Nein. Wegen fehlender klinischer Evidenz und erheblicher toxikologischer Risiken gilt Rainfarn heute als obsolet. -
Welche Inhaltsstoffe sind für die Giftigkeit wichtig?
Toxikologisch besonders wichtig sind α- und β-Thujon im ätherischen Öl. Die Zusammensetzung des Öls schwankt je nach Chemotyp stark. -
Darf Rainfarnöl innerlich angewendet werden?
Nein. Rainfarnöl darf wegen möglicher schwerer Vergiftungen nicht innerlich angewendet werden. -
Kann Rainfarn Kontaktallergien auslösen?
Ja. Sesquiterpenlactone können bei empfindlichen Personen Kontaktallergien verursachen.
Letzte Änderung: 12.05.2026 / © W. Arnold