Bittersüsser Nachtschatten - Solanum dulcamara

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Bittersüsser Nachtschatten im Garten | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Solanum dulcamara L. (syn. Dulcamara flexuosa, Solanum laxum, S. lyratum, S. scandens).

Bittersüsser Nachtschatten (syn. Alpranke, Bittersüss, Hinschkraut, Pissranke, Rote Hundsbeere).

Die medizinisch relevante Droge sind die getrockneten Bittersüssstengel (Solani dulcamarae stipites). Die anerkannte bzw. traditionell belegte Anwendung betrifft vor allem die äusserliche unterstützende Behandlung leichter, chronischer Ekzeme. Wegen des Gehalts an Steroidalkaloiden ist die Pflanze toxikologisch bedeutsam; eine innerliche Selbstanwendung ist nicht zu empfehlen.

Bittersüsser Nachtschatten (Solanum dulcamara) mit violetten Blüten

Alpranke, Solanum dulcamara, kletternder Spross

Bittersüsser Nachtschatten mit roten Beeren

VORKOMMEN

Der Bittersüsse Nachtschatten ist in weiten Teilen Europas, Asiens und im nördlichen Nordamerika verbreitet. In Eurasien reicht das Verbreitungsgebiet von Spanien bis nach Sibirien und bis in das nördliche Japan.

Die Art wächst in gemässigtem Klima an feuchten, nährstoffreichen und oft offenen Standorten, besonders an Ufern, Gräben, Waldrändern, in Gebüschen, Auen und an feuchten Ruderalstellen. Obwohl die Pflanze im unteren Bereich etwas verholzt und kletternde oder rankende Triebe ausbildet, erreicht sie meist nicht die Kronenschicht, sondern wächst in Dickichten und zwischen niedriger Vegetation.

MERKMALE

Der Bittersüsse Nachtschatten ist ein ausdauernder Halbstrauch mit oft kletternden, 30 bis 150 cm langen Trieben. Die Stängel sind unten häufig etwas verholzt, kantig, kahl oder behaart. Die Blätter sind breit eilanzettlich, am Grund oft herzförmig oder mit 1 bis 2 seitlichen Teilblättchen versehen.

Die Blüten stehen in gestielten, rispigen Blütenständen. Die Krone ist violett, besitzt eine kurze Röhre und einen ausgebreiteten bis zurückgeschlagenen, fünfteiligen Saum. Die gelben Staubbeutel neigen zu einer Röhre zusammen. Die Frucht ist eine leuchtend rote, glänzende, eiförmige Beere von etwa 1 cm Länge.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Arzneilich verwendet werden die Bittersüssstengel: Solani dulcamarae stipites (syn. Dulcamarae stipes, Caule dulcamarae, Dulcamara, Dulcamarae stipites). Die Droge besteht aus den getrockneten, meist zwei- bis dreijährigen Stängeln, die im Frühjahr vor dem Austreiben der Blätter oder im Spätherbst nach dem Abfallen der Blätter gesammelt werden.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Alle Pflanzenteile enthalten Steroidalkaloide und verwandte Saponine. Nachgewiesen wurden unter anderem Glycoside der Spirosolanalkaloide Tomatidenol, Soladulcidin und Solasodin. Zu den beschriebenen Inhaltsstoffen gehören alpha-, beta- und gamma-Solamarine, Soladulcine A und B, Solasonin, Solamargin sowie Saponine wie Soladulcoside A und B. Weitere Inhaltsstoffe sind freie Sterole, Tigogenin und Carotinoide wie Lycopen.

Der Glycoalkaloidgehalt ist in grünen und gelb werdenden Beeren besonders hoch. Niedrigere Gehalte finden sich in Blättern und Stängeln; in vollreifen roten Früchten kann der Gehalt deutlich geringer sein. Toxikologisch sind insbesondere unreife Beeren und grüne Pflanzenteile bedeutsam.

PHARMAKOLOGIE

Für Zubereitungen aus Bittersüssstengeln werden entzündungshemmende, juckreizmindernde und immunmodulierende Eigenschaften beschrieben. Diese pharmakologische Plausibilität passt zur traditionellen äusserlichen Anwendung bei chronischen Hautentzündungen und Ekzemen.

Die Steroidalkaloide und Saponine der Pflanze sind jedoch zugleich für die toxikologische Bewertung wichtig. Pharmakologische Aktivität und Toxizität liegen bei Solanum-Arten eng beieinander; deshalb ist die Anwendung auf geeignete, kontrollierte Zubereitungen und auf klar begrenzte Anwendungsgebiete zu beschränken.

EVIDENZ

Die Evidenz für Bittersüssstengel beruht überwiegend auf traditioneller Anwendung, älteren Monographien und pharmakologischer Plausibilität. Für die unterstützende äusserliche Behandlung leichter, chronischer Ekzeme besteht eine traditionelle Einstufung durch das HMPC; eine gut abgesicherte klinische Evidenz im Sinne moderner randomisierter Studien ist jedoch begrenzt.

Die innere Anwendung ist wegen der Alkaloidtoxizität kritisch zu bewerten. Die therapeutische Relevanz liegt deshalb heute nicht in der Selbstmedikation mit der Droge, sondern allenfalls in kontrollierten, standardisierten äusserlichen Zubereitungen.

  • EMA/HMPC: HMPC führt Bittersüssstengel als traditionelle pflanzliche Droge; die spezifische Monographie ist unter Solani dulcamarae stipites aufgeführt.
  • Pharmakologische Grundlage: Kumar et al. untersuchten biologische Aktivitäten von Alkaloiden aus Solanum dulcamara und stützen die pharmakologische Plausibilität einzelner Inhaltsstoffgruppen. PubMed
  • Steroidale Glycoalkaloide: Übersichtsarbeiten zu steroidalen Glycoalkaloiden aus Solanum-Arten beschreiben entzündungsmodulierende und weitere biologische Effekte, ersetzen jedoch keine klinische Wirksamkeitsprüfung für Solanum dulcamara bei Ekzemen. PMC
  • Kommission E: positive Bewertung für die unterstützende Therapie bei chronischem Ekzem.

ANWENDUNG

Anerkannte bzw. traditionell belegte Anwendung der Bittersüssstengel:

  • Anwendungsgebiet: unterstützende äusserliche Behandlung leichter, chronischer Ekzeme.
  • Wirkungen: entzündungshemmend, juckreizmindernd, adstringierend und hautbezogen reizlindernd beschrieben.
  • Art der Anwendung: äusserlich als Aufguss, Abkochung, Waschung oder Umschlag; bevorzugt sind geprüfte, standardisierte Fertigzubereitungen.
  • Grenzen der Anwendung: keine Anwendung auf offenen, stark entzündeten oder grossflächig geschädigten Hautarealen ohne ärztliche Abklärung.

Volkstümlich wurde die Droge auch innerlich als sogenannter Blutreinigungstee, bei Rheuma, Übelkeit, chronischer Bronchitis und Asthma verwendet. Für diese Anwendungen fehlt eine ausreichende klinische Evidenz; wegen der Toxizität sind sie nicht zu empfehlen.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Für die äusserliche Anwendung werden traditionell Aufgüsse oder Abkochungen aus der zerkleinerten Droge verwendet. Historische Angaben nennen etwa 1 bis 2 g Droge auf ungefähr 250 ml Wasser für Waschungen oder Umschläge.

Aufgrund der Toxizität der Pflanze ist von einer innerlichen Selbstanwendung abzuraten. Bei medizinischer Anwendung sind standardisierte Fertigpräparate und die Angaben der jeweiligen Fach- oder Gebrauchsinformation zu bevorzugen. Die Anwendung sollte zeitlich begrenzt bleiben.

SICHERHEIT

Solanum dulcamara ist eine giftige Nachtschattenpflanze. Besonders unreife Beeren und grüne Pflanzenteile können relevante Mengen an Steroidalkaloiden enthalten. Mögliche Vergiftungssymptome nach Aufnahme grösserer Mengen sind Übelkeit, Erbrechen, Bauchbeschwerden, Durchfall, Schleimhautreizung, Benommenheit und neurologische Symptome.

  • Keine innerliche Selbstanwendung.
  • Nicht bei Kindern anwenden.
  • Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit anwenden.
  • Keine Anwendung bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Nachtschattengewächsen.
  • Bei Verschlechterung, Nässen, Infektion, starker Entzündung oder länger bestehendem Ekzem ärztlich abklären lassen.
  • Beeren wegen Vergiftungsgefahr von Kindern fernhalten.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung für die unterstützende Therapie bei chronischem Ekzem.
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden.
  • HMPC: als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft (Solani dulcamarae stipites).

BITTERSÜSSER NACHTSCHATTEN IM GARTEN

Der Bittersüsse Nachtschatten gedeiht sowohl an der Sonne als auch im Halbschatten. Nährstoffreiche, feuchte Gartenböden werden bevorzugt, doch kommt die Pflanze auch mit magereren, durchlässigen Böden zurecht. Sie verträgt zeitweise Staunässe und eignet sich für feuchte Gartenbereiche, Zäune, Spaliere oder naturnahe Randbereiche.

Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat, Ausläufer oder Stecklinge im Frühsommer. Der Halbstrauch ist winterhart, mehrjährig und robust. Wegen der giftigen Beeren sollte er jedoch nicht an Stellen gepflanzt werden, die für kleine Kinder leicht zugänglich sind.

Bittersüsser Nachtschatten im Garten

SONSTIGES

Der Gattungsname Solanum wird häufig mit dem lateinischen solamen (= Trost, Linderung) in Verbindung gebracht und bezieht sich auf die früher angenommene lindernde Wirkung einiger Solanum-Arten. Das Artepitheton dulcamara verbindet die lateinischen Wörter dulcis (= süss) und amarus (= bitter). Es beschreibt den Geschmackseindruck beim Kauen der Stängel: zunächst bitter, später zunehmend süsslich.

Diese Eigenschaft findet sich auch im deutschen Namen "Bittersüsser Nachtschatten" wieder. Botanisch gehört die Art zur Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), zu der zahlreiche arzneilich, toxikologisch und ernährungsphysiologisch bedeutsame Pflanzen gehören.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum) – nah verwandte Nachtschattenpflanze mit toxikologisch relevanten Glycoalkaloiden.
  • Tollkirsche (Atropa belladonna) – stark giftige Nachtschattenpflanze mit Tropanalkaloiden.
  • Stechapfel (Datura stramonium) – giftige Solanaceae-Art mit atropinartigen Alkaloiden.
  • Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) – historisch verwendete Arznei- und Giftpflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse.

FAQ

  • Wofür wird Bittersüsser Nachtschatten verwendet?
    Medizinisch relevant ist vor allem die traditionelle äusserliche Anwendung der Bittersüssstengel bei leichten, chronischen Ekzemen.
  • Ist Bittersüsser Nachtschatten giftig?
    Ja. Die Pflanze enthält Steroidalkaloide. Besonders unreife Beeren und grüne Pflanzenteile sind giftig.
  • Kann man Bittersüssen Nachtschatten als Tee trinken?
    Eine innerliche Selbstanwendung ist wegen der Toxizität nicht zu empfehlen.
  • Wie gut ist die Wirkung belegt?
    Die Anwendung bei Ekzemen ist traditionell anerkannt und pharmakologisch plausibel, aber klinisch nur begrenzt durch moderne Studien abgesichert.
  • Dürfen Kinder die Pflanze anwenden?
    Nein. Kinder sollten Bittersüssen Nachtschatten nicht anwenden; die Beeren stellen zudem ein Vergiftungsrisiko dar.

Letzte Änderung: 12.05.2026 / © W. Arnold