Lein, Flachs – Linum usitatissimum

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Die anerkannte medizinische Anwendung von Leinsamen ist die Behandlung der habituellen Verstopfung und die Anwendung bei Zuständen, bei denen ein weicher Stuhl erwünscht ist. Traditionell werden Leinsamen auch zur Linderung leichter Magen-Darm-Beschwerden verwendet. Äusserlich werden Leinsamenmehl-Zubereitungen als feucht-heisse Umschläge bei lokalen Hautentzündungen eingesetzt.

Linum usitatissimum L.; Lein, Flachs.

Lein, Flachs (Linum usitatissimum)

Leinpflanzen (Linum usitatissimum)

Blühender Flachs, Lein (Linum usitatissimum)

VORKOMMEN

Flachs oder Lein ist eine sehr alte Kulturpflanze, von der heute keine ursprünglichen Wildformen mehr existieren. Mit Ausnahme der äquatorialen Länder gedeiht Lein weltweit bis über den Polarkreis hinaus.

Die Pflanze stellt keine besonderen Ansprüche an den Boden, verträgt aber keine Staunässe. Für den Anbau sind sonnige, warme und gut durchlässige Standorte günstig.

MERKMALE

Lein wird meist 40 bis 80 cm hoch. Die Stängel stehen einzeln, sind schlank und im oberen Bereich verzweigt. Die Blätter sind schmal, lanzettlich, ganzrandig und bis etwa 4 cm lang.

Die Blüten sind meist hellblau, seltener weisslich. Die Knospen stehen aufrecht. Die Kelchblätter sind lang zugespitzt, mit Hautrand und vorne fein bewimpert. Die Kronblätter werden etwa 12 bis 15 mm lang. Die Frucht ist eine aufrechte, kugelige Kapsel mit glatten, glänzenden Samen.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

1. Lini semen (syn. Semen Lini); Leinsamen (syn. Flachssamen, Flachslinsen, Haarlinsen, Leinwanzen, Hornsamen), die reifen, getrockneten Samen.

2. Oleum Lini (syn. Lini oleum); Leinöl, erhalten durch kalte Pressung aus reifen, zerkleinerten Leinsamen.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

1. Lini semen (Leinsamen)
Die Hauptbestandteile sind:

  • 30 bis 45 % fettes Öl mit Linolsäure und alpha-Linolensäure
  • 20 bis 27 % Rohprotein
  • etwa 25 % Gesamtballaststoffe, davon 3 bis 6 % Schleimstoffe und 4 bis 7 % Rohfaser
  • 3 bis 5 % Mineralstoffe
  • etwa 0,7 % Phosphatide, darunter Lecithine und Kephaline
  • Phytosterole und Lignan-Vorläufer
  • cyanogene Glykoside, darunter Linustatin und Neolinustatin
  • Enzyme wie Linamarase und Linustatinase
  • Vitamine, darunter B1, B2, B6, E, Nicotinsäure, Folsäure und Pantothensäure

Chemische Struktur von Linustatin aus Leinsamen

2. Oleum Lini (Leinöl)

  • ungesättigte Fettsäuren: etwa 40 bis 60 % alpha-Linolensäure, 10 bis 25 % Linolsäure, 13 bis 30 % Ölsäure
  • gesättigte Fettsäuren: etwa 6 bis 16 % Palmitin- und Stearinsäure

Der grösste Teil der Fettsäuren liegt in Form von Triglyceriden vor. Geringere Anteile bestehen aus freien Fettsäuren und Phospholipiden.

PHARMAKOLOGIE

Die abführende Wirkung der Leinsamen beruht vor allem auf Schleimstoffen und Ballaststoffen. Diese quellen mit Wasser auf, erhöhen das Stuhlvolumen, machen den Stuhl weicher und lösen über den Dehnungsreiz die Darmperistaltik aus.

Die Schleimstoffe können zudem eine abdeckende, reizlindernde Schicht auf der Schleimhaut bilden. Dadurch erklärt sich die traditionelle Anwendung von Leinsamenschleim bei leichten Magen-Darm-Beschwerden.

Leinöl ist reich an alpha-Linolensäure, einer mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäure. Klinische Untersuchungen zu Leinsamen zeigen günstige Effekte auf einzelne kardiometabolische Parameter, insbesondere auf Blutlipide und Blutdruck; diese Anwendungen sind jedoch überwiegend unterstützend zu verstehen.

EVIDENZ

Für die Anwendung von Leinsamen bei habitueller Verstopfung ist die pharmakologische Plausibilität hoch und die traditionelle Anwendung gut dokumentiert. Die Wirkung beruht nachvollziehbar auf Quellung, Volumenzunahme und Schleimstoffbildung.

Für Fettstoffwechselstörungen und Blutdruck liegen Meta-Analysen kontrollierter Studien vor, die günstige, meist moderate Effekte zeigen. Diese Daten stützen eine unterstützende ernährungsmedizinische Bedeutung, ersetzen aber keine notwendige medizinische Behandlung.

  • HMPC / Lini semen – HMPC-Bewertung zu Leinsamen bei habitueller Verstopfung, zur Stuhlerweichung und traditionell bei leichten Magen-Darm-Beschwerden.
  • ESCOP – Monographische Bewertung von Leinsamen bei Verstopfung, Gastritis und Enteritis sowie unterstützend bei Dyslipidämie und Hypertonie.
  • Sun et al. 2020, PubMed – Klinische Studie zu Leinsamenmehl bei funktioneller Verstopfung; Verbesserung von Stuhlfrequenz und Lebensqualität.
  • Hadi et al. 2020, PubMed – Meta-Analyse zu Leinsamen und Blutfetten; Hinweise auf Senkung von Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und Triglyceriden.
  • Ursoniu et al. 2016, PubMed – Systematische Übersicht und Meta-Analyse kontrollierter Studien zu Leinsamenprodukten und Blutdruck.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Anwendungen von Leinsamen sind habituelle Verstopfung und Zustände, bei denen ein weicher Stuhl erwünscht ist. Dazu zählen beispielsweise Hämorrhoiden oder Situationen, in denen starkes Pressen vermieden werden soll.

Als Schleimzubereitung werden Leinsamen traditionell innerlich zur Linderung leichter Magen-Darm-Beschwerden verwendet, etwa bei gereizter Magenschleimhaut oder leichten Darmentzündungen.

Äusserlich wird Leinsamenmehl als feucht-heisses Kataplasma bei lokalen Hautentzündungen verwendet.

Die Kommission E bewertete Leinsamen positiv bei habitueller Obstipation, durch Abführmittelabusus geschädigtem Kolon, Reizdarm, Divertikulitis sowie als Schleimzubereitung bei Gastritis und Enteritis. Äusserlich wurde Leinsamenmehl als Kataplasma bei lokalen Entzündungen beurteilt.

Das HMPC führt Lini semen für habituelle Verstopfung und zur Stuhlerweichung sowie traditionell bei leichten Magen-Darm-Beschwerden.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Leinsamen sollen immer mit reichlich Flüssigkeit eingenommen werden. Eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr kann zu Beschwerden im Magen-Darm-Trakt führen und ist zu vermeiden.

Innerlich bei Verstopfung:
2- bis 3-mal täglich etwa 1 Esslöffel ganze, aufgeschlossene oder geschrotete Leinsamen mit jeweils mindestens 150 ml Flüssigkeit einnehmen. Während der Anwendung ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr über den Tag zu achten.

Leinsamenschleim:
2 bis 3 Esslöffel geschrotete oder zerkleinerte Leinsamen mit Wasser ansetzen und als Schleimzubereitung verwenden.

Äusserlich:
30 bis 50 g Leinsamenmehl als feucht-heisses Kataplasma oder als feucht-heisse Kompresse.

SICHERHEIT

Bei bestimmungsgemässer Anwendung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr sind Leinsamen in der Regel gut verträglich. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind Blähungen, Völlegefühl und Bauchbeschwerden, besonders zu Beginn der Anwendung.

Leinsamen dürfen nicht angewendet werden bei Darmverschluss, Verengungen im Magen-Darm-Trakt, Schluckbeschwerden, Erkrankungen der Speiseröhre mit Schluckstörung oder unklaren akuten Bauchbeschwerden. Bei anhaltender Verstopfung, Blut im Stuhl, starken Bauchschmerzen oder unbeabsichtigtem Gewichtsverlust ist eine ärztliche Abklärung notwendig.

Bei gleichzeitiger Einnahme anderer Arzneimittel kann deren Aufnahme verzögert werden. Zwischen Leinsamen und anderen Arzneimitteln sollte deshalb ein zeitlicher Abstand eingehalten werden.

Heiss gepresstes oder gekochtes Leinöl darf nicht für pharmazeutische Zwecke verwendet werden. Leinöl soll frisch sein und darf nicht ranzig riechen oder schmecken.

STATUS

  • Kommission E: positive Bewertung
  • ESCOP: positive Bewertung
  • HMPC: medizinisch allgemein anerkannt bei Verstopfung und traditionell bei leichten Magen-Darm-Beschwerden (Lini semen)

LEIN IM GARTEN

Linum usitatissimum mag eine sonnige Stelle und einen tonig-sandigen, durchlässigen Boden. Auf schweren Lehmböden wächst er schlecht. Lein bevorzugt volle Sonne und viel Wärme; zu viel Regen und Staunässe verträgt er schlecht.

Die Pflanze ist wenig konkurrenzfähig und im Wachstum vielen Ackerunkräutern unterlegen. Eine vorherige Unkrautbekämpfung durch Jäten ist wichtig. Die Samen werden von Ende März bis Anfang April direkt ins Freiland ausgesät und gut in den Boden eingearbeitet. Saattiefe: 2 bis 3 cm. Keimdauer: 1 bis 2 Wochen. Frischer organischer Dünger ist ungünstig.

Linum usitatissimum ist konkurrenzschwach; als Nachbarn eignen sich, wenn überhaupt, Schlafmohn, Schwarzkümmel oder auch das Tausendgüldenkraut.

Lein, Flachs - Linum usitatissimum

SONSTIGES

Lein oder Flachs zählt zu den sehr alten Kulturpflanzen und wurde bereits im alten Ägypten verwendet. Die Hippokratiker nutzten Lein zu medizinischen Zwecken; Theophrast beschreibt die Verwendung des Schleims im 4. Jahrhundert v. Chr., und Hildegard von Bingen empfahl Lein zu Umschlägen.

Neben der medizinischen Verwendung sind Leinsamen auch als Nahrungsmittel und Backzutat verbreitet. Flachsfasern dienten über Jahrtausende zur Herstellung von Leinengewebe.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Flohsamen (Plantago ovata) – Quellstoffdroge bei Verstopfung und zur Stuhlregulation.
  • Eibisch (Althaea officinalis) – schleimstoffreiche Arzneipflanze bei Schleimhautreizungen.
  • Malve (Malva sylvestris) – Schleimstoffdroge bei gereizten Schleimhäuten.
  • Sennes (Senna alexandrina) – stimulierendes Laxans zur kurzfristigen Behandlung der Verstopfung.
  • Faulbaum (Frangula alnus) – anthranoidhaltige Droge zur kurzfristigen Anwendung bei Verstopfung.

HÄUFIGE FRAGEN (FAQ)

  • Wofür werden Leinsamen medizinisch angewendet?
    Leinsamen werden vor allem bei habitueller Verstopfung und bei Zuständen eingesetzt, bei denen ein weicher Stuhl erwünscht ist. Traditionell werden sie auch zur Linderung leichter Magen-Darm-Beschwerden verwendet.
  • Wie wirken Leinsamen bei Verstopfung?
    Die Schleimstoffe und Ballaststoffe quellen mit Wasser auf, vergrössern das Stuhlvolumen, machen den Stuhl weicher und regen dadurch die Darmbewegung an.
  • Wie nimmt man Leinsamen richtig ein?
    Leinsamen sollen immer mit reichlich Flüssigkeit eingenommen werden. Üblich sind mehrmals täglich etwa ein Esslöffel Leinsamen mit mindestens 150 ml Flüssigkeit.
  • Wann dürfen Leinsamen nicht angewendet werden?
    Nicht anwenden bei Darmverschluss, Verengungen im Magen-Darm-Trakt, Schluckbeschwerden oder unklaren akuten Bauchbeschwerden.
  • Können Leinsamen andere Arzneimittel beeinflussen?
    Ja. Leinsamen können die Aufnahme anderer Arzneimittel verzögern. Deshalb sollte zu anderen Arzneimitteln ein zeitlicher Abstand eingehalten werden.

Letzte Änderung: 04.05.2026 / © W. Arnold