Walderdbeere – Fragaria vesca

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Erdbeerblätter werden traditionell bei mildem Durchfall und zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege verwendet. Die Anwendung beruht vor allem auf langjähriger Erfahrung; klinische Studien an Patienten fehlen weitgehend.

Fragaria vesca L. (syn. Fragaria botryformis, F. hortensis, F. minor, F. nemoralis, F. portentosa, F. silvestris);
Walderdbeere (syn. Wald-Erdbeere).

Walderdbeere (Fragaria vesca) mit Blüten

Frucht der Walderdbeere (Fragaria vesca)

VORKOMMEN

Die Walderdbeere ist in ganz Europa und Nordasien beheimatet. Sie wächst bevorzugt in lichten Laub- und Nadelwäldern sowie entlang von Waldrändern. Die Pflanze bevorzugt sonnige bis halbschattige Standorte und benötigt feuchte, aber gut durchlässige, nährstoff- und humusreiche Böden.

MERKMALE

Die Walderdbeere ist eine krautige, mehrjährige und wintergrüne Pflanze. Sie wird meist 5 bis 25 cm hoch und ist im Wuchs kleiner als die Gartenerdbeere. Die Blätter sind dreizählig, lang gestielt und am Rand deutlich gezähnt.

Die Stängel der rosettenförmigen Pflanze tragen jeweils nur wenige weisse, zwittrige, radiärsymmetrische, fünfzählige Blüten. Die Blüten erscheinen meist von April bis Juni. Aus ihnen entwickeln sich im Laufe des Sommers die kleinen, aromatischen Sammelnussfrüchte.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Fragariae folium (syn. Folia Fragariae); Erdbeerblätter (syn. Walderdbeerblätter), die getrockneten, während der Blütezeit gesammelten Blätter.

In der europäischen Bewertung umfasst Fragariae folium die Blätter von Fragaria vesca, Fragaria moschata, Fragaria viridis und Fragaria x ananassa.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Erdbeerblätter enthalten kondensierte Gerbstoffe, Ellagitannine wie Pedunculagin und Agrimoniin sowie Flavonoide und Leukoanthocyane. Ascorbinsäure ist nur in geringen Mengen, ätherisches Öl nur in sehr geringen Mengen vorhanden.

Für die traditionelle Anwendung bei mildem Durchfall stehen vor allem die Gerbstoffe im Vordergrund. Für die pharmakologische Bewertung sind daneben Polyphenole und Ellagitannine von Interesse.

Pedunculagin und Procyanidin B3 als Inhaltsstoffe der Walderdbeere

PHARMAKOLOGIE

Die adstringierende Wirkung der Erdbeerblätter wird vor allem mit dem Gerbstoffgehalt erklärt. Gerbstoffe können an Schleimhäuten oberflächliche Eiweissfällungen bewirken und dadurch eine leicht abdichtende, reizlindernde Wirkung entfalten.

Für die Anwendung bei mildem Durchfall ist diese Wirkung pharmakologisch plausibel. Die traditionelle Verwendung zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Harnwegsbeschwerden wird dem wässrigen Teeaufguss und der langjährigen Verwendung zugeschrieben; ein spezifischer klinisch gesicherter Wirkmechanismus ist dafür nicht ausreichend belegt.

EVIDENZ

Die Evidenz zu Erdbeerblättern beruht vor allem auf traditioneller Anwendung, plausibler Gerbstoff-Pharmakologie und der regulatorischen Bewertung durch den HMPC. Moderne klinische Studien an Patienten fehlen weitgehend.

Der HMPC beurteilt Fragariae folium als traditionelles pflanzliches Arzneimittel. Anerkannt ist die traditionelle Anwendung zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege sowie zur Linderung von mildem Durchfall.

Die Kommission E bewertete Erdbeerblätter negativ. Diese ältere Bewertung steht neben der späteren HMPC-Einstufung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel. Die Anwendung bleibt deshalb nüchtern als traditionell und nicht als klinisch gesichert einzustufen.

ANWENDUNG

In der Antike war die Erdbeere als Heilpflanze kaum bekannt. Auch in den mittelalterlichen Kräuterbüchern wird sie nur vereinzelt aufgeführt. Grössere Bedeutung erhielt sie in der Volksmedizin und im Volksglauben.

Aufgrund des Gerbstoffgehaltes wurden Erdbeerblätter traditionell bei mildem Durchfall verwendet. Die jüngeren Blätter der Pflanze wurden auch als Ersatz für Schwarzen Tee genutzt.

Nach HMPC-Einstufung umfasst die traditionelle Anwendung von Erdbeerblättern ausserdem die Erhöhung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege. Bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden ist eine medizinische Abklärung erforderlich.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Zur Teebereitung wird etwa 1 g fein geschnittene Droge mit kochendem Wasser übergossen und nach 5 bis 10 Minuten abgeseiht.

Bei mildem Durchfall kann mehrmals täglich eine Tasse getrunken werden. Hält Durchfall länger als wenige Tage an, tritt Fieber auf oder kommt Blut im Stuhl hinzu, ist eine medizinische Abklärung notwendig.

SICHERHEIT

Erdbeerblätter gelten bei traditioneller Anwendung als gut verträglich. Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Erdbeeren oder andere Rosengewächse ist Vorsicht geboten.

Bei Harnwegsbeschwerden sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, wenn Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen, Krämpfe, Blut im Urin oder anhaltende Beschwerden auftreten. Bei Erkrankungen, bei denen eine verringerte Flüssigkeitsaufnahme empfohlen ist, etwa bei schwerer Herz- oder Nierenerkrankung, ist die Anwendung zur Erhöhung der Harnmenge nicht geeignet.

STATUS

  • Kommission E: negative Bewertung
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden
  • HMPC: traditionelles pflanzliches Arzneimittel zu Fragariae folium bei mildem Durchfall und zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Harnwegsbeschwerden

SONSTIGES

In vielen Legenden und Märchen spielt die Walderdbeere eine Rolle. In der germanischen Mythologie ist die Walderdbeere mit der Göttin Frigg verknüpft. Sie soll die toten Kinder in Erdbeeren versteckt haben, um sie dann unentdeckt mit nach Walhall nehmen zu können.

Einer Legende zufolge soll die Gottesmutter Maria einmal im Jahr vom Paradies auf die Erde herabsteigen, um dort Erdbeeren für die verstorbenen und nun im Paradies lebenden Kinder zu sammeln.

Erdbeeren kommen in einem der von den Gebrüdern Grimm gesammelten Märchen vor: In "Die drei Männlein im Walde" lässt eine böse Stiefmutter die Heldin, nur mit einem Papierkleid bekleidet, mitten im tiefsten Winter nach Erdbeeren suchen. Ihre Suche führt sie zu den drei Männlein, die die Heldin aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft belohnen.

Mit Walderdbeeren werden auch heute noch gelegentlich Konfitüren und Marmeladen aromatisiert. Die grünen Kernchen der Früchte enthalten einen Bitterstoff, der erst nach einigen Minuten beim Kochen stärker hervortritt. Konfitüre ausschliesslich aus Walderdbeeren kann dadurch bitter schmecken.

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Himbeere (Rubus idaeus) – Blätter werden traditionell ebenfalls als gerbstoffhaltige Droge verwendet.
  • Brombeere (Rubus fruticosus) – gerbstoffreiche Blätter mit traditioneller Anwendung bei mildem Durchfall.
  • Odermennig (Agrimonia eupatoria) – gerbstoffhaltige Arzneipflanze mit traditioneller Anwendung bei leichten Durchfallerkrankungen.

FAQ

  • Wofür werden Erdbeerblätter traditionell verwendet?
    Erdbeerblätter werden traditionell bei mildem Durchfall und zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege verwendet.
  • Welche Inhaltsstoffe enthalten Erdbeerblätter?
    Erdbeerblätter enthalten vor allem Gerbstoffe, Ellagitannine wie Agrimoniin und Pedunculagin sowie Flavonoide und weitere Polyphenole.
  • Ist die Wirkung klinisch gut belegt?
    Nein. Die HMPC-Einstufung beruht auf traditioneller Anwendung; klinische Studien an Patienten fehlen weitgehend.
  • Kann man Walderdbeeren essen?
    Ja. Die aromatischen Früchte der Walderdbeere sind essbar und werden gelegentlich frisch gegessen oder zum Aromatisieren verwendet.

Letzte Änderung: 01.05.2026 / © W. Arnold