Mistel (Viscum album) – Inhaltsstoffe, Wirkung und medizinische Bewertung

Die Mistel wurde von der Kommission E als Injektionspräparat zur Segmenttherapie bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen sowie als unspezifische Reiztherapie in der palliativen Krebsbehandlung bewertet. Grundlage ist die Auslösung lokaler Entzündungsreaktionen durch intrakutane Injektionen.
Die Behandlung gehört in die Hände erfahrener Ärztinnen und Ärzte. Trotz jahrzehntelanger Anwendung und umfangreicher Forschung ist nicht belegt, dass Mistelpräparate das Tumorwachstum hemmen oder die Überlebenszeit von Krebspatienten verlängern. Eine Anwendung erfolgt daher, wenn überhaupt, ausschließlich als begleitende Maßnahme zur möglichen Verbesserung der Lebensqualität.

Mistel (Syn. Laubholz-Mistel, Affolter, Drudenfuss, Elfklatte, Geisskrut, Hexenbesen, Hexenkrut, Hexennest, Immergrüne, Marentaken, Mischgle, Mischgelt, Mistelsenker, Nistle, Vogelchrut, Vogelkläb, Vogellim, Vogelmistel, Wintergrün, Wispel, Wispen).

Dem Namen nach wird die Mistel oft mit der Mispel verwechselt.

Mistel (Viscum album) – immergrüne Pflanze mit weißen Beeren auf einem Baumzweig

weitere Bilder:

Mehrere Mistelzweige (Viscum album) mit weißen Beeren auf einem Baum Mistel (Viscum album) mit weißen Beeren auf einem Baumzweig Mistel (Viscum album) auf einem Baumast mit weißen Beeren Mistelzweig (Viscum album) mit weißen Beeren

VORKOMMEN

Das Verbreitungsgebiet der Weissbeerigen Mistel sind die wintermilden Regionen Südskandinaviens sowie Mittel- und Südeuropas. Dort wächst sie zerstreut auf Laubbäumen wie z. B. verschiedenen Obstbaumarten, Linden, Ahorn oder Weissdorn bevorzugt an basenreichen Standorten.

MERKMALE

Viscum album ist ein immergrüner Halbschmarotzer, der auf den Ästen von Laubbäumen sitzt und Wasser und darin gelöste Mineralsalze aus deren Holzteil entzieht. Im Laufe der Jahre wachsen die Pflanzen häufig zu kugeligen Büscheln heran, die bis zu einem Meter Durchmesser erreichen können. An den Enden der gleichmässig gabelig verzweigten Sprosse der Pflanze sitzen die lederigen Blätter, die mehrjährig oder einjährig sein können. Die eingeschlechtlichen unscheinbaren Blüten sitzen in der Gabel zwischen den Zweigen. Die Früchte von Viscum album sind weisse, ein- bis zweisamige runde Scheinbeeren. Je Samen bilden sich bis zu 3-4 grüne Embryonen aus. Die Samen sind von einem zähen, schleimig klebrigen Fruchtfleisch umgeben, wodurch die Verbreitung der Pflanze durch Vögel (Verdauungsverbreitung) ermöglicht wird. Die Blütezeit dauert von Juni bis September.
Zeichnung eines Mistelzweiges
Nach der Bindung an unterschiedliche Wirtsbaumarten werden innerhalb der Art Viscum album mehrere Unterarten oder "Wirtsrassen" unterschieden:

  • Laubholz-Mistel (Viscum album subsp. album; synonym Viscum album)
  • Tannen-Mistel (Viscum album subsp. abietis; synonym Viscum abietis)
  • Kiefern-Mistel (Viscum album subsp. austriacum; synonym Viscum laxum)

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Visci albi herba (syn. Herba Albi visci, Herba Visci, Herba Visci albi, Visci herba); Mistelkraut, die vor der Fruchtbildung gesammelten Blätter und Zweige.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Die pharmakologisch wichtigsten Inhaltsstoffe der Mistel sind die Mistellektine, eine Gruppe von Glykoproteinen mit spezifischem Bindungsvermögen für Kohlenhydratstrukturen auf Zelloberflächen. Diese Eigenschaft ermöglicht zelluläre Signal- und Zytotoxizitätsreaktionen. Am besten untersucht sind die Mistellektine I, II und III.

Daneben enthält Viscum album sogenannte Viscotoxine, kleine zytotoxische Polypeptide aus 46 Aminosäuren, die in allen Pflanzenteilen, insbesondere auch in den Beeren, vorkommen und zur biologischen Aktivität der Extrakte beitragen.

Viscotoxin B

Weitere Inhaltsstoffe sind wasserlösliche Polysaccharide, biogene Amine, Flavonoide, Phenylpropanoide, Lignane, Cyclitole wie Viscumitol sowie verschiedene Phenolcarbonsäuren. Das charakteristische Flavonoidprofil wird zur chemotaxonomischen Differenzierung der Mistel-Unterarten genutzt.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Bestimmende Inhaltsstoffe sind die Lektine (Proteine mit spezifischem Bindungsvermögen für bestimmte Kohlenhydrat-Epitope, wie z.B. auf Zelloberflächen, wodurch biochemische Reaktionen möglich sind). Am besten untersucht sind die Mistellektine I bis III.

Im weiteren sind Viscotoxine (toxische Polypeptide aus 46 Aminosäuren), auch in den Beeren enthalten.

Wasserlösliche Polysaccharide, biogene Amine, Flavonoide, Phnenylpropane, Lignane, Cyclitole wie Viscumitol und Phenolcarbonsäuren wurden gefunden. Das Flavonoid-Muster kann zur Differenzierung der Unterarten dienen.

TOXIKOLOGIE

Die rohe Mistelpflanze (Beeren, Blätter, Zweige) ist aufgrund ihres Gehalts an Mistellektinen und Viscotoxinen als toxisch einzustufen. Besonders die Beeren können bei oraler Aufnahme zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bradykardie und in schweren Fällen zu neurologischen Symptomen führen. Eine Selbstmedikation mit Pflanzenteilen ist deshalb kontraindiziert.

Der Gehalt an toxisch wirksamen Lektinen und Viscotoxinen variiert je nach Wirtspflanze, Jahreszeit und Pflanzenteil. Historisch wurden Misteln von Ahorn, Linde, Walnuss, Pappel und Robinie als stärker wirksam beschrieben, während Apfelbaum-Misteln geringere Toxizität zeigten. Für medizinische Präparate ist diese Unterscheidung jedoch von geringer Bedeutung, da moderne Mistel-Extrakte standardisiert hergestellt werden.

Die höchsten Lektinkonzentrationen finden sich im Winter in Blütenknospen und Früchten. In den Blättern steigt der Gehalt im Herbst und Winter an, während die Zweige vergleichsweise geringere saisonale Schwankungen zeigen.

ANWENDUNG

Anerkannte medizinische Bewertung

Die Kommission E bewertete Mistel in den 1980er-Jahren als Injektionspräparat zur sogenannten Segmenttherapie bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen sowie als unspezifische Reiztherapie im Rahmen der palliativen Krebsbehandlung. Diese Bewertungen basieren auf dem damaligen pharmakologischen Verständnis und experimentellen Daten.

Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur kam nach erneuter Prüfung der Datenlage zu dem Ergebnis, dass Mistelkraut weder als „well-established use“ noch als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bei Krebsleiden eingestuft werden kann.

Moderne medizinische Anwendung

Heute werden Mistelpräparate fast ausschließlich als standardisierte Extrakte zur subkutanen Injektion im Rahmen der onkologischen Begleittherapie eingesetzt. Ziel ist nicht eine Tumorhemmung, sondern eine mögliche Verbesserung der Lebensqualität und der Verträglichkeit konventioneller Krebstherapien.

Trotz langjähriger Anwendung und zahlreicher Studien ist nicht belegt, dass Mistelpräparate das Tumorwachstum hemmen oder die Überlebenszeit von Krebspatienten verlängern. Bei Brustkrebspatientinnen konnte in einigen Studien eine Verbesserung der Lebensqualität unter paralleler Misteltherapie beobachtet werden.

Nebenwirkungen und Risiken

Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, lokale Entzündungsreaktionen, Kreislaufstörungen sowie allergische Reaktionen. Injektionsstellen können in schweren Fällen nekrotisch reagieren. Mistelpräparate sind kontraindiziert bei Eiweißüberempfindlichkeit sowie bei chronisch-progredienten Infektionen (z. B. Tuberkulose).

Volksmedizinische Anwendung

In der Volksmedizin wurden Misteltee und orale Extrakte traditionell zur Unterstützung des Kreislaufs, bei Neigung zu Bluthochdruck und zur Arterioskleroseprophylaxe eingesetzt. Für diese Indikationen liegt jedoch kein ausreichender Wirksamkeitsnachweis vor. Der beobachtete kurzfristige Blutdruckabfall nach Injektionen beruht auf biogenen Aminen und ist therapeutisch nicht relevant.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

Mistel wird medizinisch fast ausschliesslich in Form standardisierter Extrakte zur parenteralen Anwendung eingesetzt (subkutane Injektionen), insbesondere im Rahmen der onkologischen Begleittherapie. Die Präparate werden aus Viscum album gewonnen und enthalten definierte Mengen an Mistellektinen und Viscotoxinen.

Eine orale Anwendung (z. B. als Tee oder Tinktur) gilt aufgrund der Toxizität der Pflanze und der unzureichenden Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe als nicht sinnvoll und wird medizinisch nicht empfohlen.

Die Dosierung und Applikation erfolgt individuell und unter ärztlicher Kontrolle, meist in langsam ansteigenden Dosen. Ziel ist nicht eine Tumorhemmung, sondern eine mögliche Verbesserung von Lebensqualität und Therapietoleranz.

Historische Anwendungen der Mistel bei Bluthochdruck oder Arteriosklerose gelten heute als überholt und sind nicht evidenzbasiert.

STATUS

EVIDENZ & STUDIENLAGE

Extrakte aus Viscum album wurden in zahlreichen klinischen Studien untersucht. Systematische Reviews und Meta-Analysen zeigen Hinweise auf eine Verbesserung der Lebensqualität (z. B. weniger therapiebedingte Beschwerden), während ein gesicherter Überlebensvorteil insgesamt nicht robust belegt ist. Einzelne randomisierte Studien berichten positive Effekte in bestimmten Tumorentitäten, diese Ergebnisse gelten jedoch nicht als allgemein bestätigt. Große Bewertungsstellen empfehlen die Anwendung daher – wenn überhaupt – nur als begleitende Maßnahme oder im Rahmen klinischer Studien.

Wichtige Quellen

Hinweis: Die genannten Studien belegen keine Heilung. Sie dienen der wissenschaftlichen Einordnung von möglichen Begleiteffekten (v. a. Lebensqualität) und der Sicherheit.

HÄUFIGE FRAGEN ZUR MISTELTHERAPIE

Hilft Mistel bei Krebs?
Mistelpräparate werden in der komplementären Onkologie als Begleittherapie eingesetzt. Studien zeigen Hinweise auf eine Verbesserung der Lebensqualität, ein gesicherter Nutzen auf das Tumorwachstum oder das Überleben ist jedoch nicht eindeutig belegt.

Gibt es klinische Studien zur Mistel?
Ja. Es existieren zahlreiche kontrollierte Studien sowie systematische Reviews und Meta-Analysen zu Viscum album, vor allem bei Brust-, Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Was sagen Metaanalysen zur Lebensqualität?
Eine Meta-Analyse zeigte einen moderaten, statistisch signifikanten Vorteil für die Lebensqualität unter Misteltherapie. Die Aussagekraft ist jedoch durch unterschiedliche Studiendesigns und Präparate begrenzt.

Verbessert Mistel das Überleben?
Einzelne randomisierte Studien berichten Überlebensvorteile in bestimmten Situationen, diese Ergebnisse wurden jedoch bislang nicht ausreichend bestätigt, um eine generelle Empfehlung abzuleiten.

Wird Mistel in Leitlinien empfohlen?
Große Krebsorganisationen bewerten die Evidenz als nicht ausreichend für eine Standardtherapie und empfehlen die Anwendung – wenn überhaupt – nur im Rahmen klinischer Studien oder als begleitende Maßnahme.

MISTEL IM GARTEN

Da viscum album selbst nicht angebaut werden kann, bringt man die Samen auf Wirtspflanzen aus. Bislang ist die Anzucht des Halbschmarotzers auf Apfelbäumen, Pappeln und Ulmen gelungen. Eine erfolgsversprechende Ansiedlung auf einen Gartenbaum ist in erster Linie von der Abstammung der Mistelsamen abhängig.

Die samenhaltigen Beeren werden auf den Ästen der Wirtsbäume – bevorzugt den Astunterseiten – zerdrückt und beginnen nach Abtrocknen im März/April zu keimen. Die Mistel wächst langsam; innerhalb von 5 bis 6 Jahren wird ein Strauchdurchmesser von ca. 30 cm erreicht.

Ich habe es bisher in meinem Garten auf Weiden, Weissdorn, Mehlbeere und Sanddorn versucht - bisher hatte ich aber keinen Erfolg.

11.2014 : Endlich ist eine kleine Mistel auf einem Weissdorn gekeimt - nach unzähligen Versuchen.

08.2017: Die Mistel ist plötzlich eingegeangen. Nach einer deutlichen Ausstülpung am Stamm des Weissdorns hat dieser wohl den "Halbschmarotzer" abgestossen.

Mistelkeimling auf Weissdorn

SONSTIGES

Viscum album war bereits in der Mythologie des Altertums bekannt und spielte insbesondere bei den keltischen Druiden eine wichtige kultische Rolle. Besonders die seltenen Misteln, die auf Eichen wuchsen, galten als heilig und wurden als Symbole von Fruchtbarkeit, Lebenskraft und Unsterblichkeit verehrt.

In der keltischen und germanischen Vorstellungswelt galt die Mistel als „Pflanze zwischen Himmel und Erde“, da sie ohne Bodenkontakt auf Bäumen wächst. Daraus entstand der Glaube, die Pflanze sei ein göttliches Geschenk mit schützender und heilender Kraft.

Diese mythologischen Vorstellungen erklären die historische Bedeutung der Mistel in Volksmedizin und Ritualen, haben jedoch keinen Bezug zur modernen pharmakologischen oder klinischen Bewertung der Pflanze.

Ein Baum mit Misteln

Letzte Änderung: 14.01.2026 / © W. Arnold