Cannabis – Indischer Hanf (Cannabis sativa)

Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Warnung | Status | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ

Cannabis beziehungsweise daraus gewonnene Cannabinoide werden heute medizinisch vor allem in Form standardisierter Arzneimittel oder definierter Zubereitungen eingesetzt. Beschrieben sind unter anderem Anwendungen bei bestimmten chronischen Schmerzen, Spastik, Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie.

Die klinische Evidenz ist je nach Indikation unterschiedlich. Gleichzeitig bestehen relevante Risiken, insbesondere bei psychischen, kognitiven und zentralnervösen Wirkungen.

Cannabis sativa (syn. Cannabis indica, Cannabis americana, Cannabis generalis, Cannabis gigantea, Cannabis macrosperma).

Hanf (syn. Indischer Hanf, Femel, Fimel, Bästling, Samenhanf).

Cannabis (Indischer Hanf, Cannabis sativa) – blühende Pflanze

Blütendolde von Cannabis sativa

Ganze Cannabispflanze (Cannabis sativa)
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Fotos aus einem Privatgarten in der Stadt Zürich.

VORKOMMEN

Als ursprüngliches Verbreitungsgebiet von Cannabis (Cannabis sativa) gelten Vorderasien und Teile des indischen Subkontinents. Von dort aus wurde die Pflanze seit langer Zeit als Faser-, Nahrungs- und Arzneipflanze in viele Weltregionen verbreitet.

Heute wird Cannabis in zahlreichen Ländern kultiviert, teils zu industriellen, teils zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken. Der Anbau und die Nutzung unterliegen jedoch in vielen Staaten strengen rechtlichen Vorgaben.

MERKMALE

Cannabis ist eine einjährige, krautige Pflanze, die je nach Sorte und Standort Wuchshöhen von über 2 m erreichen kann. Die Blätter sind handförmig gefingert, meist 5- bis 9-zählig, langgestielt und deutlich gesägt.

Die Pflanze ist überwiegend zweihäusig. Die Blüten sind klein, grünlich und stehen in männlichen oder weiblichen Blütenständen. Arzneilich von Bedeutung sind vor allem die weiblichen blühenden Triebspitzen und deren harzreiche Drüsen.

Durch Züchtung entstanden zahlreiche Chemotypen und Varietäten mit unterschiedlichem Gehalt an Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC), Cannabidiol (CBD) und weiteren Cannabinoiden.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Als arzneilich relevante Droge gelten die getrockneten blühenden Triebspitzen der weiblichen Pflanzen (Cannabis flos, Cannabisblüten).

Die pharmakologisch wirksamen Bestandteile befinden sich vor allem im harzreichen Drüsenbesatz der Blüten und blütennahen Blätter.

Weitere Pflanzenteile wie Samen und Fasern haben grosse Bedeutung als Nutzpflanzenprodukte, spielen jedoch in der modernen arzneilichen Anwendung eine untergeordnete Rolle.

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

Cannabis-Blüten enthalten eine Vielzahl pharmakologisch relevanter Inhaltsstoffe. Besonders wichtig sind die Cannabinoide, von denen bisher deutlich über 100 beschrieben wurden.

Für die psychoaktive Hauptwirkung ist vor allem Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC; INN: Dronabinol) verantwortlich. In der frischen Pflanze liegt THC überwiegend als Tetrahydrocannabinolsäure (THCA) vor, die beim Trocknen oder Erhitzen teilweise zu THC decarboxyliert.

Ebenfalls wichtig ist Cannabidiol (CBD), das kein mit THC vergleichbares euphorisierendes Wirkprofil besitzt. Weitere relevante Cannabinoide sind unter anderem Cannabinol (CBN), Cannabigerol (CBG) und Cannabichromen (CBC).

Zusätzlich enthält die Droge ein ätherisches Öl mit Mono- und Sesquiterpenen, darunter z. B. Myrcen, Limonen und β-Caryophyllen, sowie Flavonoide und weitere phenolische Stoffe.

Cannabinoide von Cannabis: THC, Cannabinol und Cannabidiol

PHARMAKOLOGIE

Die pharmakologischen Wirkungen von Cannabis beruhen vor allem auf seinen Cannabinoiden. Diese beeinflussen das endogene Cannabinoid-System, insbesondere über die Rezeptoren CB1 und CB2.

THC wirkt unter anderem psychotrop, antiemetisch, analgetisch, appetitanregend und muskelrelaxierend. Die Wirkungen betreffen vor allem zentrale neuronale Regelkreise, weshalb auch unerwünschte zentrale Wirkungen häufig sind.

CBD unterscheidet sich pharmakologisch deutlich von THC. Beschrieben werden unter anderem antikonvulsive, entzündungsmodulierende, anxiolytische und neurobiologisch komplexe Effekte. Das Wirkprofil ist jedoch je nach Indikation und Präparat unterschiedlich zu beurteilen.

Klinisch werden cannabisbasierte Arzneimittel oder definierte Cannabinoid-Zubereitungen vor allem bei ausgewählten Schmerzsyndromen, bei Spastik, bei Übelkeit und Erbrechen sowie bei einzelnen weiteren Indikationen eingesetzt.

EVIDENZ

Die klinische Evidenz für Cannabis beziehungsweise Cannabinoide ist je nach Indikation unterschiedlich. Für einzelne Anwendungen liegen Hinweise auf einen Nutzen vor, die Qualität der Evidenz ist jedoch häufig nur niedrig bis moderat. Besonders wichtig ist deshalb eine sorgfältige Unterscheidung zwischen plausibler Pharmakologie, klinischer Evidenz und rechtlicher Zulassung.

  • Systematische Übersichtsarbeiten: Eine breit rezipierte systematische Übersichtsarbeit fand Evidenz unterschiedlicher Qualität für bestimmte Indikationen, insbesondere bei chronischen Schmerzen, Spastik infolge multipler Sklerose sowie bei Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie. (Systematic Review / JAMA-basierte Übersichtsarbeit)
  • Schweizer Bewertung: Das Bundesamt für Gesundheit liess die medizinische Anwendung von Cannabis systematisch aufarbeiten. Auch hier wird deutlich, dass die Datenlage indikationsabhängig ist und nicht für alle Anwendungen gleich überzeugend ausfällt. (BAG: Systematic review of cannabis for medical use)
  • Spastik bei multipler Sklerose: Für standardisierte cannabisbasierte Arzneimittel bestehen Hinweise auf einen Nutzen bei therapieresistenter Spastik. Die Evidenz ist jedoch nicht für alle Präparate und Endpunkte gleich stark. (Swissmedic: Zusammenfassung zum zugelassenen cannabisbasierten Mundspray)
  • Regulatorische HMPC-Sicht: Auf europäischer Ebene ist Cannabis sativa L., flos zwar Gegenstand regulatorischer HMPC-Abklärungen, die Voraussetzungen für eine EU-Herbal-Monographie wurden bisher aber nicht als erfüllt angesehen. (EMA: Cannabis flos)
  • Gesamtfazit: Cannabis ist keine klassische Heilpflanze mit einheitlich gesicherter Evidenzlage. Die medizinische Bewertung stützt sich vielmehr auf einzelne definierte Indikationen, standardisierte Präparate und eine strenge Nutzen-Risiko- Abwägung.

ANWENDUNG

Die arzneiliche Anwendung von Cannabis erfolgt heute überwiegend in Form standardisierter cannabisbasierter Arzneimittel oder definierter Cannabinoid-Zubereitungen unter ärztlicher Kontrolle.

Beschrieben sind Anwendungen unter anderem bei bestimmten chronischen Schmerzen, bei Spastik, bei Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie sowie bei weiteren ausgewählten Indikationen. Je nach Krankheitsbild und Präparat ist die Evidenz unterschiedlich stark.

In der Schweiz unterliegt Cannabis grundsätzlich dem Betäubungsmittelrecht. Seit dem 1. August 2022 ist die medizinische Verwendung unter ärztlicher Verschreibung ohne die frühere Ausnahmebewilligung grundsätzlich möglich.

Produkte mit einem THC-Gehalt von unter 1 % können in der Schweiz je nach Produktkategorie und Zweckbestimmung unter bestimmten Voraussetzungen legal in Verkehr gebracht werden.

Historische volksheilkundliche Anwendungen – etwa bei Schmerzen, Neuralgien oder anderen Beschwerden – sind aus heutiger Sicht klar von der modernen medizinischen Anwendung standardisierter Präparate zu unterscheiden.

WARNUNG

Cannabis zählt zu den psychoaktiven Substanzen mit zentralnervöser Wirkung. Mögliche unerwünschte Wirkungen betreffen unter anderem Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Reaktionsvermögen, Stimmung, Kreislauf und psychische Stabilität.

Bei vulnerablen Personen können Angstzustände, psychotische Symptome oder andere psychische Komplikationen begünstigt oder verstärkt werden. Auch Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind zu berücksichtigen.

Ein besonderes Risiko besteht bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, da sich das Gehirn in dieser Lebensphase noch entwickelt. Ein regelmässiger Konsum kann mit Beeinträchtigungen der kognitiven und psychosozialen Entwicklung verbunden sein.

STATUS

  • Kommission E: keine Monographie vorhanden
  • ESCOP: keine Monographie vorhanden
  • HMPC: derzeit keine EU-Herbal-Monographie vorhanden; Cannabis flos ist jedoch Gegenstand regulatorischer HMPC-Abklärungen.

SONSTIGES

Cannabis wird seit Jahrtausenden als Nutzpflanze verwendet. Schon früh dienten Hanffasern zur Herstellung von Seilen, Textilien und Papier, während Samen als Nahrungsmittel genutzt wurden.

Die Geschichte von Hanf als Kulturpflanze ist damit deutlich älter und breiter als seine heutige medizinische oder betäubungsmittelrechtliche Einordnung.

Blühender Indischer Hanf

ÄHNLICHE HEILPFLANZEN

  • Schlafmohn (Papaver somniferum) – arzneilich bedeutsame Pflanze mit zentral wirksamen Inhaltsstoffen und hohem regulatorischem Stellenwert.
  • Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) – historisch wichtige Arznei- und Giftpflanze mit zentralnervös wirksamen Alkaloiden.
  • Stechapfel (Datura stramonium) – stark wirksame Giftpflanze mit anticholinergen Tropanalkaloiden.
  • Tollkirsche (Atropa belladonna) – klassische Arznei- und Giftpflanze mit ausgeprägten Wirkungen auf das Nervensystem.
  • Baldrian (Valeriana officinalis) – pflanzliches Sedativum ohne das psychoaktive Wirkprofil von Cannabis.

HÄUFIGE FRAGEN (FAQ)

  • Wofür wird Cannabis medizinisch eingesetzt?
    Cannabis beziehungsweise daraus gewonnene Cannabinoide werden unter ärztlicher Kontrolle unter anderem bei bestimmten chronischen Schmerzen, Spastik, Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie sowie bei weiteren ausgewählten Indikationen eingesetzt.
  • Welche Wirkstoffe sind in Cannabis enthalten?
    Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen zählen die Cannabinoide, insbesondere THC und CBD, daneben weitere Cannabinoide, Terpene und Flavonoide.
  • Ist Cannabis als Arzneipflanze sicher?
    Die Anwendung cannabisbasierter Arzneimittel erfordert eine sorgfältige ärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung. Mögliche Risiken betreffen vor allem psychische, neurologische und kognitive Wirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.
  • Wie ist die rechtliche Situation von Cannabis in der Schweiz?
    Cannabis mit einem THC-Gehalt von mindestens 1 % unterliegt in der Schweiz grundsätzlich dem Betäubungsmittelrecht. Seit dem 1. August 2022 ist die medizinische Verwendung unter ärztlicher Verschreibung ohne frühere Ausnahmebewilligung grundsätzlich möglich.
  • Gibt es für Cannabis eine HMPC-Monographie?
    Derzeit liegt keine EU-Herbal-Monographie für Cannabis sativa L., flos vor. Das Thema ist jedoch auf HMPC-Ebene regulatorisch in Bearbeitung.

Letzte Änderung: 12.04.2026 / © W. Arnold