BZ-Service  22.01.2001

Der Fischotter im Kanton Bern

Weg mit den «Lumpenviechern»

Fischotter

Untragbare Schäden, übersetzter Bestand, vom Aussterben bedrohte Beutetiere: So wie heute beim Luchs tönte es in Bern vor ein paar Jahrzehnten in Sachen Fischotter. Er überlebte die Polemik nicht.

von Hansjakob Baumgartner

Historische Briefe und Akten belegen: Als es den Fischotter in der Schweiz noch gab, wurde er im Kanton Bern schonungslos gejagt. Zu gross war die Angst, das Tier könnte die Fischerei konkurrenzieren. Wenn der Fischotter auch aus anderen Gründen schliesslich schweizweit verschwand (Kasten), so scheint Bern doch einen beachtlichen Beitrag zur Ausrottung des Tiers geleistet zu haben.

«Lumpenviecher»

Bern, den 25. Juni 1935: «Aus verschiedenen Kantonsteilen erhalten wir die Mitteilung, dass in den letzten Jahren die Fischotter wieder überhand nehmen und dem Fischbestand grossen Schaden zufügen», schreibt der Berner Angelsportverband dem Regierungsrat. Allein von der Stadt aufwärts bis zur Murifähre würden sieben Otter die Aare plündern.
Auch weiter oben in der Aare sieht es schlimm aus um den Fischbestand: «Ich kann also alljährlich einige tausend Forellen aussetzen für diese Lumpenviecher», beklagt sich Rudolf Lüthi aus Rubigen brieflich bei einem Anglerkollegen - mit Kopie an die Forstdirektion des Kantons Bern. «Es nimmt mich da wunder, ob ich nicht für diesen Winter eine Abschussbewilligung bekäme für ein oder zwei Stück. Es wären nachher noch mehr als genug.»
«Die Ausrottung von Fischottern, Fischreihern und anderen der Fischerei besonders schädlichen Tieren ist möglichst zu begünstigen», verlangt das zu dieser Zeit gültige Bundesgesetz betreffend Fischerei. In Bern braucht es für den Abschuss eines Fischotters indessen eine Bewilligung der Forstdirektion. Private Angler und Vereine stellen entsprechende Gesuche.

«Schädlinge bekämpfen»

Die Berner Jagdverwaltung lässt vorerst einmal per Umfrage den Otterbestand ermitteln. 87 Stück leben im ganzen Kantonsgebiet, lautet das Ergebnis. Das ist höchstwahrscheinlich eine krasse Übertreibung, doch die Angler sehen in diesem Befund einen Akt behördlicher Beschwichtigungspolitik. «Anhand gemachter Beobachtungen können wir Ihnen mitteilen, dass die Zahl der Fischotter nur zwischen Spiez und Zweisimmen mit 75 Stück nicht zu hoch gegriffen ist», behauptet der Angelfischerverein Spiez. «Unsere mit viel Mühe und grossen Kosten gemachten Anstrengungen zur Hebung des Fischbestandes in unseren Gewässern wären vollständig illusorisch, wenn uns nicht Mittel und Wege gegeben werden, um diese Schädlinge ganz energisch zu bekämpfen.» Das sieht auch die kantonale Naturschutzkommission ein. Sie schlägt vor, vorerst in einigen ausgewählten, besonders geschädigten Fischgewässern des Kantons je zwei Tiere zum Abschuss freizugeben.

Zum Abschuss freigeben

Jetzt kann gehandelt werden. «Wir beabsichtigen, nach Abschluss der Herbstjagd für jedes Gewässer den Abschuss von zwei Fischottern freizugeben», teilt die Forstdirektion den Pachtvereinigungen des Kantons im August 1936 mit. «Wir ersuchen Sie, uns je einen bis zwei patentierte Jäger zu nennen, die in Ihrem Gebiet den Abschuss zuverlässig und gewissenhaft durchführen können» Nicht alle sind mit diesem Vorgehen einverstanden. Doch die paar Leute, die sich für den Schutz des Schädlings verwenden, sind rasch als realitätsfremde Naturschwärmer abqualifiziert: «Die Naturfreunde verteidigen sich zäh für dieses Tier, das sie sowieso in der Natur nie sehen, höchstens im Zoologischen. Ich glaube aber, dass die meisten Naturfreunde ihre Aufmerksamkeit besser anderen Tieren oder Vögeln zuwenden würden, wenn sie auch nur eine blasse Ahnung hätten, wieviel Unheil der Otter anrichtet», steht im März 1937 in einem Leserbrief des Berner Wochenblatts.
Die behördlich verfügte Sonderjagd im Spätherbst 1936 hat anscheinend zu wenig gebracht. Ein Jahr danach ist das Otterproblem immer noch ungelöst. Im Dezember 1937 kommt es zu einer Aussprache zwischen Anglern, Jagdverwaltung und Naturschutzkommission. Man ist mehrheitlich der Meinung, der Abschuss sei ein untaugliches Mittel im Kampf gegen den Fischotter, und beschliesst deshalb, Fallen einzusetzen.
Der im Juni des gleichen Jahres eröffnete Tierpark Dählhölzli meldet sein Interesse an gefangenen Tieren an. Im September 1938 kann er das Ottergehege endlich besetzen. Zwei Angler entdecken beim Aareggli eine Otterfamilie. Sie erschlagen das Muttertier mit einer Rute und bringen die zwei Jungen ins Dählhölzli. Da sie nicht in Besitz einer Fangbewilligung waren, bringt ihnen das ein Strafverfahren ein. Dafür belohnt der Tierpark die Tat mit 5 Franken Fangprämie. Das Dählhölzli ist nicht der einzige Zoo, der die bernische Ausrottungskampagne als Gelegenheit erkennt, günstig zu Gehegeottern zu kommen. 1940 gibt auch der Zürcher Zoo eine Bestellung auf. 6 bis 8 unversehrte Jungtiere würde man gerne beziehen, schreibt er der Berner Forstdirektion.

Zerschlagene Vorderpfote

Mit der ersten Lieferung ist der Empfänger indessen nicht zufrieden. «Das junge Tier ging leider trotz sorgfältiger Pflege nach mehreren Wochen ein. Der Landjäger hatte das Tier auf dem Transport falsch behandelt, indem er es im Wasser hielt, während junge Fischotter bis zu einem gewissen Alter gar nicht ins Wasser gehören, weil die Einfettung von Haut und Haaren erst später einsetzt», heisst es 1941 in einem Reklamationsschreiben. «Ausserdem stellte sich heraus, dass dem Tier eine Vorderpfote völlig zerschlagen war (Tellereisen?). Der Knochen war ein Brei.»
1952 schliesslich meldet die kantonale Forstdirektion Vollzug: Im ganzen Kanton sei kein einziger besetzter Bau gemeldet worden, teilt sie mit. Und stellt Antrag, den Fischotter unter Schutz zu stellen. Der Bundesrat tut das im Dezember 1952. Dieser Schutz verhinderte nicht, dass der Fischotter bis zum Jahr 1989 in der ganzen Schweiz ausgestorben war.

Fischotter

Den Wassermarder haben wir ausgerottet und seinen Lebensraum zerstört!

- welch possierliches und intelligentes Geschöpf ist wahrscheinlich für immer verschwunden!

(W.Arnold)

Bildquelle: Fritz Wüthrich, Wimmis

Verseuchter Fisch

Die direkte Ausrottung war nicht der alleinige Grund für das Verschwinden des Fischotters aus der Schweiz. Entscheidend war vermutlich die Verseuchung der Gewässer mit langlebigen Umweltgiften. Problematisch sind namentlich die Polychlorierten Biphenyle (PCB), die der Fischotter über seine Beute aufnimmt und im Körper anreichert. Die Substanzen haben hormonähnliche Wirkung. In zu hoher Dosis machen sie die Weibchen steril. Es wird vermutet, dass PCB zum Aussterben des Fischotters beigetragen hat.