Weisser Germer - Veratrum album
Vorkommen | Merkmale | Drogen | Wirkstoffe | Pharmakologie | Evidenz | Anwendung | Zubereitung und Dosierung | Sicherheit | Status | Sonstiges | Ähnliche Heilpflanzen | FAQ
Der Weisse Germer hat keine anerkannte medizinische Anwendung. Früher wurde die Germerwurzel als Antihypertonikum verwendet, heute ist die Droge wegen der hohen Toxizität und unsicheren Dosierung obsolet. Veratrum album ist eine stark giftige Pflanze; eine Selbstanwendung ist nicht vertretbar.
Veratrum album L.
(syn. Helleborus albus, Melanthium album, Veratrum lobelianum);
Weisser Germer
(syn. Weisse Hellebore, Weisse Nieswurz).


VORKOMMEN
Das Verbreitungsgebiet des Weissen Germers umfasst die Alpen und deren Vorland, den Apennin und Osteuropa. Als Standort werden feuchte Wiesen, Weiden, Lager, Hochstaudenflure und Flachmoore von der Tallage bis in eine Höhe von etwa 2.700 Meter bevorzugt. In Österreich hat die Pflanze einen hohen Verbreitungsgrad. In den Alpen ist sie vor allem auf feuchten, nährstoffreichen Standorten anzutreffen.
MERKMALE
Die mehrjährige krautige Pflanze erreicht Wuchshöhen von 50 bis 150 Zentimeter. Die Wurzel ist innen weiss. Die kräftige Staude hat einen einfachen Stängel, der wechselständig beblättert ist. Die untersten Blätter sind breit oval und werden bis 20 Zentimeter lang, die oberen sind lanzettartig. Alle Blätter sind tief gefurcht und den Stängel umfassend. Entlang der etwa 50 Zentimeter langen Rispe sitzen sehr viele 12 bis 15 Millimeter grosse weisse, grünliche oder gelbliche Trichterblüten. Besonders bei Sonnenschein duftet die Pflanze sehr aufdringlich. Der Weisse Germer blüht erst nach einigen Jahren vegetativen Wachstums. Blütezeit ist von Juni bis August.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Veratri rhizoma
(syn. Rhizoma Veratri, Radix Veratri albi, Radix Hellebori albi);
Weisse Nieswurz
(syn. Fieberwurzel, Germerwurzel, Sauwurzel, Stellwurzel), der getrocknete Wurzelstock mit Wurzeln.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Sehr komplexes Gemisch von Steroid-Alkaloiden, die zum Solanidan-Typ gehören bzw. einen C-nor-D-homo-Steran-Grundkörper aufweisen, wie Protoverin, Protoveratrin A und B, Jervin, Rubijervin, Germerin und viele weitere Alkaloide. Im Rhizom beträgt der Alkaloidgehalt nach älteren Angaben etwa 1,2 bis 1,6 %, in den Wurzeln etwa 0,6 bis 1,3 %. Bei dem in älterer Literatur beschriebenen Protoveratrin handelt es sich um ein Gemisch aus Protoveratrin A und B.
Zu den pharmakologisch und toxikologisch bedeutsamen Veratrum-Alkaloiden gehören unter anderem Protoveratrin, Veratridin, Cevadin, Jervin und Veratramin. Die Zusammensetzung kann je nach Pflanzenteil, Herkunft und Material deutlich variieren.

PHARMAKOLOGIE
Die Wirkungen werden vor allem den Esteralkaloiden der Ceveratrumgruppe zugeschrieben. Pharmakologische Untersuchungen zur Droge und zu Drogenzubereitungen liegen nur begrenzt vor. Am besten untersucht ist das häufig als Veratrumalkaloid bezeichnete Alkaloidgemisch Veratrin und dessen Hauptkomponente Veratridin.
Veratrumalkaloide beeinflussen spannungsabhängige Natriumkanäle. Der verlängerte Natriumeinstrom während der Depolarisation und die verzögerte Repolarisation führen zu einem verlängerten Aktionspotential. Daraus erklären sich neurotoxische und kardiovaskuläre Effekte. Klinisch stehen bei Vergiftungen gastrointestinale Symptome sowie Bradykardie, Blutdruckabfall und Kreislaufstörungen im Vordergrund.
EVIDENZ
Für den Weissen Germer besteht keine anerkannte medizinische Anwendung. Die historische Verwendung von Veratrum-Alkaloiden bei Hypertonie ist pharmakologisch nachvollziehbar, aber wegen der engen therapeutischen Breite, der unsicheren Dosierbarkeit und der Gefahr schwerer Vergiftungen obsolet. Die moderne wissenschaftliche Literatur ist vor allem toxikologisch geprägt und beschreibt Vergiftungen nach Verwechslung, fehlerhafter Anwendung oder Aufnahme veratrumhaltiger Pflanzen.
Die Evidenz spricht daher nicht für eine therapeutische Anwendung, sondern für eine klare Sicherheitsbewertung als stark giftige Pflanze. Besonders relevant sind Verwechslungen mit dem Gelben Enzian (Gentiana lutea) bei selbst angesetzten Bitter- oder Kräutergetränken. Beschrieben sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bradykardie, Hypotonie, Kollaps und in schweren Fällen lebensbedrohliche Kreislaufstörungen.
- PubMed: Schep LJ et al. Veratrum poisoning. Übersicht zu Klinik, Toxikologie und Behandlung von Vergiftungen durch Veratrum-Alkaloide: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16958554/
- PubMed: Zagler B et al. Dietary poisoning with Veratrum album - a report of two cases. Fallbericht zu Verwechslung von Veratrum album mit Gentiana lutea: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15773425/
- PubMed: Festa M et al. A case of Veratrum poisoning. Fallbericht einer Vergiftung nach Einnahme einer Infusion, die mit Gelbem Enzian verwechselt wurde: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9045097/
- PubMed: Grobosch T et al. Accidental intoxication with Veratrum album. Bericht über schwere Bradykardie und Hypotonie nach versehentlicher Aufnahme: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19021933/
- PubMed: Quatrehomme G et al. Intoxication from Veratrum album. Fallbeschreibung mit rasch auftretendem Erbrechen, Blutdruckabfall und Bradykardie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8096707/
- PubMed: Meilman E et al. Clinical studies on veratrum alkaloids; the action of protoveratrine and veratridine in hypertension. Historische klinische Untersuchung zur früheren antihypertensiven Verwendung: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15409589/
ANWENDUNG
Früher wurde die Germerwurzel als Antihypertonikum verwendet, heute ist die Droge wegen der hohen Toxizität und unsicheren Dosierung obsolet. In der Volksheilkunde wurde die Droge bei Herzrhythmusstörungen, zur Linderung von Krämpfen, Erbrechen und Durchfall bei Cholera, bei Herzbeschwerden, als Emetikum und bei Fieber verwendet. Äusserlich kam sie bei Gelenkschmerzen, Neuralgien, Gicht und Rheuma zum Einsatz.
Wegen der starken Vergiftungsgefahr ist die Anwendung heute nicht mehr vertretbar. Besondere Bedeutung hatte die Droge früher als Bestandteil des Schneeberger Schnupftabaks. Die Alkaloide dienen heute vor allem als Modellsubstanzen in der experimentellen Pharmakologie und Toxikologie.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Giftpflanze. Die Anwendung der Droge ist heute obsolet. Eine Dosierung für die Selbstanwendung kann nicht angegeben werden. Auch kleine Mengen können schwere Vergiftungserscheinungen auslösen.
SICHERHEIT
Veratrum album ist eine stark giftige Pflanze. Vergiftungen zeigen sich typischerweise zuerst durch Brennen im Mund, Speichelfluss, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall. Danach können Bradykardie, Blutdruckabfall, Schwindel, Kollaps, Herzrhythmusstörungen und schwere Kreislaufstörungen auftreten.
Besonders gefährlich ist die Verwechslung junger oder nicht blühender Pflanzen mit dem Gelben Enzian (Gentiana lutea). Beim Gelben Enzian stehen die Blätter kreuzweise gegenständig, beim Weissen Germer wechselständig. In Zweifelsfällen dürfen Pflanzen nicht gesammelt oder verarbeitet werden.
Bei Verdacht auf eine Aufnahme von Pflanzenteilen des Weissen Germers ist eine sofortige medizinische Abklärung erforderlich. Eine Selbstbehandlung, Teezubereitung, Tinkturherstellung oder äussere Anwendung ist nicht vertretbar.
STATUS
- Kommission E: keine Monographie vorhanden
- ESCOP: keine Monographie vorhanden
- HMPC: keine EU-Herbal-Monographie vorhanden
SONSTIGES
Schon in der antiken Medizin wurde Veratrum album als stark wirkende Droge verwendet. Der Weisse Germer ist eine Giftpflanze und wurde im Altertum unter anderem als Brechmittel, für die Herstellung von Pfeilgiften und als Mordmittel eingesetzt. Auch zur Bekämpfung von Läusen wurde der Germer früher verwendet.
Seit Plautus ist die Bezeichnung elleborum, elleborus gebräuchlich und bezeichnet zwei als Nieswurz bekannte Giftpflanzen: einerseits den Weissen Germer (Veratrum album) und andererseits die Nieswurz (Helleborus), die als elleborus albus bzw. elleborus niger bekannt waren.
ÄHNLICHE HEILPFLANZEN
- Gelber Enzian (Gentiana lutea) - wichtige Verwechslungspflanze; die Blätter stehen kreuzweise gegenständig.
- Christrose (Helleborus niger) - ebenfalls eine historische Nieswurz-Giftpflanze mit stark wirksamen Inhaltsstoffen.
FAQ
-
Hat der Weisse Germer eine anerkannte medizinische Anwendung?
Nein. Der Weisse Germer hat heute keine anerkannte medizinische Anwendung. Die frühere Verwendung als Antihypertonikum ist wegen der hohen Toxizität obsolet. -
Warum ist Veratrum album gefährlich?
Die Pflanze enthält stark wirksame Steroidalkaloide. Vergiftungen können Erbrechen, Durchfall, Bradykardie, Hypotonie, Kollaps und schwere Kreislaufstörungen verursachen. -
Womit kann der Weisse Germer verwechselt werden?
Vor allem mit dem Gelben Enzian. Beim Gelben Enzian stehen die Blätter kreuzweise gegenständig, beim Weissen Germer wechselständig. -
Ist eine Teezubereitung oder Tinktur aus Germerwurzel sinnvoll?
Nein. Wegen der Vergiftungsgefahr ist jede Selbstanwendung abzulehnen.
Letzte Änderung: 14.05.2026 / © W. Arnold



