HEILPFLANZEN
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gnadenkraut (syn. Echtes Purgierkraut, Gichtkraut, Gottesgnadenkraut, Wilder Aurin).
Das blühende Gottesgnadenkraut - heute eine Seltenheit!
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
VORKOMMEN
Die Pflanze kommt in ganz Europa ohne Skandinavien und Grossbritannien vor. Ihr Ver­breitungsgebiet reicht in Südosteuropa über den Balkan bis in die Türkei. Ostwärts reicht ihr Areal bis nach Zentralasien. Sie besiedelt vorzugsweise gestörte Plätze mit offenen Bodenstellen in Schlankseggenrieden, in Röhrichten, in Feuchtwiesen, in Flutrasen, an kiesigen Seeufern an Gräben oder in periodisch trockenfallenden Teichen.
MERKMALE
Die mehrjährige, krautige Pflanze erreicht Wuchshöhen zwischen 15 und 60 Zentime­tern. Sie wächst mit kurzen Ausläufern und aufrechten Stängeln. Die Pflanze ist schein­bar kahl. Die Laubblätter erscheinen durch eingesenkte Drüsenhaare punktiert. Die spitzen, schmal-lanzettlichen, ganzrandigen oder entfernt gesägten und hellgrünen Blätter stehen kreuzgegenständig und stängelumfassend am Trieb. Die Stängel sind unten rund und oben fast vierkantig. Die Blüten erscheinen einzeln in lockeren Trauben in den Blattwinkeln. Sie sind langgestielt. Die Blütezeit des Gottes-Gnadenkrautes reicht von Juli bis August.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Gratiolae herba (syn. Herba Gratiolae, Herba Gratiae Dei); Gnadenkraut (syn. Gottes­gnaden­kraut, Purgierkraut), die getrockneten, zur Blütezeit gesammelten oberirdischen Teile.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
GratiosidTriterpenoide:
Vorkommen von Cucurbitacinen. Gratiosid, (3β,9β,10α,20S,24S)- 20, 24-Epoxy-3,25-di-(β ,D-glucopyranosyl­oxy)-9-methy1-19-norlanost-5-en-11-on), Gratiogenin, Gratiolignin, 16-Hydroxygratiogenin, Elaterinid (identisch mit „Gratiotoxin"), Desacetylelaterinid, Glykoside der Cucurbitacine I und L sowie die nur im Presssaft nachweisbaren Aglyka Cucurbitacin E, I und L, ausserdem Betulinsäure.

Enzyme:
Im Presssaft von Gratiola officinalis konnte eine sehr aktive Glucosidase, auch Elaterase genannt, die die Cucurbitacinglykoside in Aglyka und Zucker spaltet, nachgewiesen werden. Die Aktivität dieses Enzyms ist vom Entwicklungszustand der Pflanze abhängig und ist zur Zeit der Hochblüte am höchsten.

Flavone:
Vorkommen von Flavon-C-glykosiden und Flavon-O-glykosiden. Gratiola officinalis zeigt 2 Flavonoidmuster. Die Aglyka beider Muster leiten sich von Apigenin, Luteolin und Luteolin-3'-O-methylether ab. Ein Muster enthält ausserdem Flavonglykoside ohne OH-Gruppe in Position 8 (West- und Zentraleuropa), das andere nur Flavonglykoside mit OH-Gruppe in Position 8 (Osteuropa und Asien). Beide Chemotypen enthalten Flavon-C-glykoside.

Phenolcarbonsäure-Derivate:
Arenariosid, Verbascosid.

Sonstige Inhaltsstoffe:
Ätherisches Öl 0,02 %, Saponine, Mannitol. Auf eine mögliche Anwesenheit von Bufa­dienoliden wird hingewiesen. Die vorliegenden Daten sind unzureichend.
ANWENDUNG
Die Droge wurde früher bei Verstopfung, Gicht- und Leberleiden sowie zum Harntreiben und bei chronischen Hautleiden verwendet. Die Wirksamkeit für diese Anwendungsge­biete ist nicht belegt.
PHARMAKOLOGIE
Als toxisches Prinzip werden die Cucurbitacine angesehen. Sie wirken cytotoxisch, lokal reizend und stark laxierend. Für das in Gratiola officinalis vorkommende Cucurbitacin Elaterinid wird eine cardiotoxische Wirksamkeit postuliert.
HOMÖOPATHIE
Gratiola officinalis (syn. Gratiola) HAB1; die frischen, zur Blütezeit gesammelten ober­irdischen Teile.
Anwendungsgebiet: Entzündungen des Magen-Darm-Traktes.
SONSTIGES
Der Gattungsname Gratiola wird vom lateinischen gratia (Gnade) abgeleitet, da die Pflan­ze als sehr heilkräftig angesehen wurde. Die Ärzte des griechischen und römischen Altertums haben die Pflanze offenbar nicht gekannt. Im 15. Jh. wurde sie von italien­ischen Botanikern beschrieben und in den Kräuterbüchern im 16. und 17. Jh. als Mittel gegen Wassersucht, zur Wundheilung, als kräftiges Abführmittel und Diuretikum empfoh­len, wobei allerdings auch zu vorsichtiger Dosierung geraten wird. Besonders im Mittel­alter stand Herba Gratiolae als drastisches Abführmittel, Diuretikum und Anthelmintikum in hohem Ansehen. Wegen der vielfältigen Nebenwirkungen, vor allem blutige Darm­ent­leerung, Abort, Krämpfe, Erbrechen und Herzbeschwerden, wird die Droge heute nicht mehr empfohlen. Lediglich als Abtreibungsmittel wird Herba Gratiolae noch missbräuch­lich angewendet.
Letzte Änderung: 28.04.2011 / © W. Arnold
 
Ben-Erik van Wyk: Handbuch der Arzneipflanzen;Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart; ISBN 3-8047-2069-2, 2004.
A. Poletti; H. Schilcher; A.Müller: HEILKRÄFTIGE PFLANZEN, Walter Hädecke Verlag, (1982). ISBN 3-7750-0104-2.
Lexikon der Arzeipflanzen und Drogen; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg.
M. Wichtl; Teedrogen und Phytopharmaka; Ein Handbuch für die Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, 2002.
H. Schilcher: Kleines Heilkräuter-Lexikon; Walter Hädecke Verlag, 1999; ISBN 3-7750-0316-9.
Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen; Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 2008.
Wikipedia; Freie Enzyklopädie.
L. Roth, M. Daunderer, K. Kormann; Giftpflanzen - Pflanzengifte; Ecomed Verlagsgesellschaft, 1988.

Wikipedia
Wiederansiedlung von Gratiola officinalis (PDF, 728 KB)

Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut
Gratiola officinalis - Gottesgnadenkraut

  Ordnung
Familie
Gattung
Lamiales
Scrophularioideae
Gratiola
  Wiss. Bez. Gratiola officinalis

Durch das Fehlen der für Scrophu­lariaceen typischen Iridoide und durch das Vorkommen von Cucur­bitacinen nimmt Gratiola officinalis innerhalb dieser Familie eine Sonder­stellung ein.

Die Pflanze steht unter Naturschutz unter anderem in folgenden Ländern: Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien. In der Roten Liste gehört Gratiola officinalis zu den vom Aussterben bedrohten Pflanzen.

Die ganze Pflanze ist stark giftig.

Traditionelle Medizin