Tollkirsche - Atropa belladonna

Atropa belladonna (syn. Atropa lethalis, A. lutescens);
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Tollkirsche (syn. Judenkirsche, Schlafkirsche, Teufelsauge, Teufelskirsche, Todeskraut, Tollbeere, Tollkraut, Waldnachtschatten, Wolfsbeere, Wolfskirsche).

Tollkirsche Blüte

Tollkirsche Beeren

Tollkirsche

Atropa belladonna Beeren - Tollkirsche

VORKOMMEN

Man findet die Tollkirsche häufig auf Waldlichtungen von Laub- und Nadelwäldern, an Waldrändern und auf Brachflächen bis in Höhenlagen von 1700 Metern in ganz Eurasien. Atropa belladonna wird kultiviert auf dem Balkan, Indien, Pakistan, USA und Brasilien. Als Zierpflanze (kindersicher) kultiviert in meinem Garten.

MERKMALE

Bei der Schwarzen Tollkirsche handelt es sich um eine ausdauernde, krautige Pflanze, die gewöhnlich Wuchshöhen zwischen 50 cm und 1,50 m erreicht. Die sommergrünen, ganzrandigen und ungeteilten Laubblätter können eine Länge von bis zu 15 cm und eine Breite bis etwa 8 cm entwickeln. Sie sind oval geformt und laufen lanzettlich zugespitzt aus. Ebenso wie der Stängel zeigen auch die Blätter eine flaumige Behaar­ung. Die kugeligen Beeren zeigen eine schwarze, lackartig glänzende Oberfläche.

DROGEN (verwendete Pflanzenteile)

Belladonnae folium - (syn. Belladonnae herba, Folia Belladonnae, Herba Belladonnae); Belladonnablätter (syn. Tollkirschenblätter, Tollkrautblätter, Wolfsbeerenblätter, Wolfskirschenblätter, Tollkirschenkraut, Tollkraut).

WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE

In der Frucht sind Hyoscyamin (Atropin), Scopolamin, Apoatropin, Belladonnin und Scopoletin enthalten. In den Blättern befinden sich zwischen 0,5 % und 1,5 %, in den Wurzeln 0,85 %, im Samen 0,8 %, in den Früchten 0,65 % und in der Blüte 0,4 % Tropan-Alkaloide.

Atropin / Scopolamin

Siehe auch die Tropanalkaloidhaltigen Heilpflanzen Stechapfel, Alraune, Bilsenkraut, Glockenbilsenkraut und Engelstrompeten.

PHARMAKOLOGIE

Atropa belladonna Zubereitungen wirken als Parasympathicolyticum/Anticholinergicum über eine kompetitive Antagonisierung des neuromuskulären Transmitters Acetylcholin. Dieser Antagonismus betrifft vorwiegend die muskarinähnliche Wirkung des Acetylcholins, weniger die nikotinähnlichen Wirkungen an Ganglien und der neuromuskulären Endplatte. Atropa belladonna Zubereitungen entfalten periphere, auf das vegetative Nervensystem und die glatte Muskulatur gerichtete sowie zentralnervöse Wirkungen. Infolge ihrer parasympathicolytischen Eigenschaften bewirken sie Erschlaffung glattmuskulärer Organe und Aufhebung spastischer Zustände, vor allem im Bereich des Gastrointestinattraktes und der Gallenwege. Sie lösen fernerhin Zustände zentralnervös bedingten muskulären Tremors sowie muskulärer Rigidität. Atropa belladonna Zubereitungen wirken am Herzen positiv dromotrop, positiv chronotrop.

Scopolamin unterscheidet sich pharmakologisch von Atropin durch seine zentraldämpfende Wirkung. Die mydriatische und sekretionshemmende Wirkung von Scopolamin ist stärker als diejenige von Atropin. Die spasmolytische und herzfrequenzsteigernde Wirkung von Scopolamin ist hingegen schwächer als die von Atropin.

Atropin entsteht erst bei der Aufarbeitung der Drogen aus dem genuin vorliegenden (S)-Hyoscyamin durch Bildung eines Racemates (Atropin = (R,S)-Hyoscyamin).

ANWENDUNG

Das aus der Schwarzen Tollkirsche gewonnene Atropin wird heutzutage in der Medizin genutzt. Die enthaltenen Alkaloide besitzen eine anticholinerge Wirkung. Die Droge findet bei kolikartigen Schmerzen des Gastrointestinaltraktes und der Gallenwege Anwendung. Die Reinalkaloide und ihre chemisch abgewandelten Derivate werden bei spastischer Obstipation, Koliken des Magen-, Darmtrakts der Galle und ableitenden Harnwege eingesetzt. In der Augenheilkunde wird die mydriatische Wirkung zur Pupillenerweiterung genutzt. Eingesetzt wird sie als Therapeutikum, wegen der lang anhaltenden Wirkung erfolgt keine Anwendung in der Augen-Diagnostik. Die Intensivmedizin verwendet sie bei Vergiftungen mit Acetylcholinesterasehemmern sowie bei vorbereitenden Massnahmen zur Operation, um Speichel- und Magensäureproduktion bei der Narkoseeinleitung herabzusetzen. Atropin ist ein wichtiges Antidot, zum Beispiel gegen Nervengifte (auch Nervenkampfstoffe), Organphosphate und Carbamate.
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Die Tollkirsche wird manchmal noch in Erkältungsmitteln, oft in Mischungen mit Sonnentau und Efeu gebraucht.

ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG

In der Medizin werden hauptsächlich Arzneimittel mit dem Reinalkaloid Atropin (=(R,S)-Hyoscyamin) verwendet. Standardisierte Extrakte aus den Blättern werden heute kaum noch verwendet. Hingegen ist Belladonna in der Alternativmedizin (homöopathischer Verdünnungen) weit verbreitet.

Nur nach Absprache mit dem Arzt verwenden - die Tollkische ist eine starke Giftpflanze!

Die Tollkirsche kann als Rauschmittel missbraucht werden, hierzu ist aber eine Vergiftung notwendig. Es kommt immer wieder zu Todesfällen bei entsprechenden Versuchen.

Giftigkeit:

Die letale Dosis (LD50) wird bei Kindern mit drei bis vier Beeren angegeben, bei Erwachsenen sind es etwa bei 10 bis 12 Beeren. Dies entspricht etwa 1,4 mg Atropin pro Kilogramm Körpergewicht. Durch die Blätter können Vergiftungserscheinungen schon ab 0,3 g auftreten

STATUS

HOMÖOPATHIE

Atropa belladonna (syn. Belladonna) HAB1, die ganze, frische Pflanze ohne verholzte Stengelteile.
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Anwendungsgebiet: z.B. Entzündungen der Mandeln oder der Atemorgane.

TOLLKIRSCHE IM GARTEN

Die robuste und winterfeste Tollkirsche ist ohne grösseren Pflegeaufwand im Garten zu halten. In der Natur ist die Tollkirsche häufig an Waldlichtungen anzutreffen, deshalb soll die giftige Schönheit im Garten einen halbschattigen bis sonnigen Standort haben. Die buschige Tollkirsche verträgt keinen starken Wind - sie ist relativ zerbrechlich und muss deshalb windgeschützt gepflanzt werden. Die Pflanze braucht einen nährstoff­reichen, gut wasserdurchlässigen Boden. Ich habe 2 ausgegrabene Tollkirschen in meinem Garten, die seit Jahren gut gedeihen. Die schönen schwarzen Beeren sind eine Gefahr für Kinder.

Tollkirsche

SONSTIGES

Im Volksglauben galt die Schwarze Tollkirsche als eine alte Zauberpflanze, und ihr wurden magische Kräfte zugeschrieben. Im Umgang mit der Pflanze waren häufig bestimmte Zeremonien einzuhalten. So berichtet Christian Rätsch von einem frühen osteuropäischen Liebeszauber, der in Form eines Rituals begangen wurde. Um die Zuneigung eines Mädchens zu gewinnen, sollte die Wurzel einer Tollkirsche ausgegraben und an deren Stelle Gaben für den Pflanzengeist gelegt werden. Einem Trank aus der Wurzel wurde eine aphrodisiatische Wirkung nachgesagt. Als Amulett um den Hals getragen, verhalf die Tollkirschenwurzel Zuneigung der Mitmenschen zu erlangen – so der Volksglaube. In Rumänien ist der Glaube, dass die Tollkirsche im Garten der Sitz des Hausgeistes ist, noch heute verbreitet.

Extrakte der Schwarzen Tollkirsche gelten auch als Zutat der sogenannten Hexensalben

Letzte Änderung: 03.01.2017 / © W. Arnold