| Sanft heilen, aber hart räubern |
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| Zu viele geschützte Tiere und Pflanzen dienen
der Herstellung von Naturheilmitteln von Friedrich Hansen |
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Die Naturheilkunde fördert das Artensterben. Die Zeiten, als sich lediglich einige Kräuterfreaks aus der Apotheke Gottes bedienten, sind vorbei. Längst hat der Bedarf ein industrielles Niveau erreicht. Und das führt zu einem globalen Raubbau, wenn Naturschützer, Verbraucher und Hersteller nicht rasch gegensteuern. Weltweit boomt der Handel mit natürlichen Arzneistoffen, die nicht nur pflanzlichen, sondern oft auch tierischen Ursprungs sind. Viele dieser Stoffe werden nicht etwa kultiviert, sondern direkt der Natur entnommen. Und unter ihnen sind zahlreiche bedrohte Arten. So sanft sich die "ganzheitliche Medizin" gibt - im Umgang mit der Natur ist sie manchmal rücksichtslos. Das Artenschutzprogramm Traffic, ein Gemeinschaftsprojekt der Weltnaturschutzunion und des World Wide Fund for Nature (WWF), wird bald eine Studie über die Rolle Europas im internationalen Handel und Schmuggel mit Moschus veröffentlichen. Viele Konsumenten natürlicher Heilmittel wissen gar nicht, dass Moschus beispielsweise in zahlreichen homöopathischen Arzneien Verwendung findet. Und der Moschushirsch, von dem die Substanz stammt, ist eine geschützte, durch Jagd stark gefährdete Art.
Die Übernutzung von Arten ist seit dem Zerfall der Sowjetunion in Südosteuropa am weitesten verbreitet. Allerdings geht es vielen asiatischen und afrikanischen Wildpflanzenarten nicht besser. Europa importiert aus aller Welt jährlich etwa 120000 Tonnen pflanzlicher Rohware im Wert von 350 Millionen Dollar. Deutschland ist mit Abstand der grösste europäische Importeur und neben Hongkong die wichtigste internationale Drehscheibe für den Handel mit natürlichen Wirkstoffen und Produkten. Der deutsche Eigenbedarf macht inklusive der Wiederexporte 70 Prozent des europäischen Marktes aus. Grund genug, sich dafür einzusetzen, dass vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen nicht für die sanfte Medizin in Europa verbraucht werden.
Sorgen macht den Traffic-Mitarbeitern auch der asiatische Ginseng, der in Nordkorea, Nordostchina und im Südosten Russlands wächst. Wilder Ginseng ist dort inzwischen so selten, dass er als bedrohte Art geführt wird. Behörden und Pharmaindustrie haben Sammelbeschränkungen lange Zeit ignoriert. Eine Kultivierung gilt als schwierig, ist aber in Korea und Japan weit gediehen. Allerdings hat dies den Druck auf die Wildpflanze kaum gemildert - was unschwer an den Preisen ablesbar ist: Bis zu einer halben Million Mark erzielen Händler in Südostasien für ein Kilogramm der gelben Wurzel. Die sechs vom WWF gegen Wilderer eingesetzten Brigaden im südöstlichen Russland beschlagnahmen immer öfter Ginsengwurzeln statt Tigerknochen. Der Glaube, wilder Ginseng sei dem gezüchteten überlegen, scheint unausrottbar zu sein. Deshalb fordert Roland Melisch: "Nicht die Kultivierung wollen wir
erreichen, sondern die nachhaltige Nutzung." Sammeln muss sich auf den
nachgewachsenen Anteil des Wildbestands begrenzen und ist deshalb langfristig zu
überwachen. Melisch fordert auch "klare Hinweise in den deutschen
Arzneimittelhandbüchern und der Arzneigesetzgebung, dass manche Tier- und
Pflanzenarten internationalen Schutzabkommen unterliegen". Uwe Schippmann
vom Bundesamt für Naturschutz ergänzt: "Zu den Produktstandards der
Pharmahersteller wie Qualität und Sicherheit muss auch die nachhaltige Ernte
kommen." Das fördere den Naturschutz und sichere Arbeitsplätze in der
Sammelregion. Und durch eine Kennzeichnungspflicht erhielten Verbraucher die Möglichkeit
zu wählen.
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