|
Wer im Mittelalter krank wurde, brauchte
starke Nerven: Ärzte verkochten gern Kröten, Schlangen und Würmer in ihren
Heiltränken; vor Operationen verpasste der Medikus seinen Patienten mit
Tollkirschen-Gebräu eine ordentliche Dröhnung.

Für äusserliche Blessuren hielt die mittelalterliche Medizin
ähnlich unappetitliche Lösungen bereit: Gegen "Unterschenkelgeschwüre"
empfiehlt etwa das um 800 geschriebene "Lorscher Arzneibuch" eine Mixtur aus
Schafdung, Käseschimmel und Honig. Für 20 Tage auf der Wunde belassen, verspreche die
stinkende Masse eine wundersame Heilung.

Die für heutige Begriffe exzentrisch anmutende
Therapie war möglicherweise wirksamer, als es den Anschein haben mag. "Das Rezept
könnte geholfen haben", glaubt der Medizinhistoriker Johannes Mayer.

Der Wissenschaftler gehört zur
"Forschergruppe Klostermedizin" am Würzburger Institut für Geschichte der
Medizin. Ärzte, Philologen, Chemiker und Pharmazeuten haben sich zu der Gruppe
zusammengeschlossen, um die Überlieferungen der Mönche und Nonnen für die moderne
Medizin nutzbar zu machen.

Bei ihren Studien stiessen die Wissenschaftler auch
auf das Lorscher Schafdung-Rezept und waren davon fasziniert. Der Käseschimmel
könnte, angeregt von Bakterien im Schafmist, auf der Wunde antibiotische Wirkung
entfaltet haben, spekuliert Mayer. Für diese Erklärung spricht auch die von den Mönchen
empfohlene lange Anwendungsdauer: Moderne Antibiotika müssen ebenfalls mehrere Tage
wirken, um die Bildung resistenter Keime zu verhindern.

Glaubt man den Wissenschaftlern, dann hält das von
der Schulmedizin lange als "Dreckapotheke" geschmähte mittelalterliche
Heilwissen noch viele ähnliche Überraschungen bereit. "Wir wissen sehr viel weniger
über die mittelalterliche Medizin, als man bisher dachte", sagt Mayer.

Das ist mittlerweile auch der Industrie
aufgegangen. Die Arzneimittelfirma Abtei, die seit 1995 zum Branchenriesen SmithKline
Beecham gehört, unterstützt die Würzburger Gruppe mit jährlich rund 200 000 Mark.

Wertvolle Hinweise könnte die Bibliotheksarbeit
für so genannte Screening-Tests geben, mit denen die Pharmaindustrie oft wahllos die
Pflanzenwelt nach Wirkstoffen durchkämmt. "Historische Studien wie die unsere
können helfen, diesen Prozess einzuengen", glaubt Mayer.

Bis jetzt haben die Forscher aus der mittelalterlichen Literatur
Verweise auf rund 500 Heilpflanzen zusammengetragen und in einer Datenbank gespeichert.
Mit 600 zumeist auf Mikrofilm archivierten Handschriften verfügen die Würzburger zudem
über eine der grössten Sammlungen von Arzneibüchern des Mittelalters.

Viele der Handschriften sind noch nicht medizinisch
aufgearbeitet. Immer wieder tauchen Werke auf, die jahrhundertelang unzugänglich in
privaten Bibliotheken verstaubten. 1995 etwa verblüffte ein Handschriftenhändler die
Wissenschaftler mit einem zuvor unbekannten Prachtband, dem "Codex Brixiensis",
in dem Hunderte von Heilpflanzen beschrieben sind.

Solche Handschriften waren auch früher kostbar: In
ihnen überlebte das durch Völkerwanderung und Pestwellen verschüttete Heilwissen der
Antike. Frühe Weltenbummler wie der nordafrikanische Gewürzhändler Constantinus
Africanus, der um 1080 dem Benediktinerorden beitrat, übersetzten arabische Abschriften
griechischer Werke.

Oft zwangen Kostengründe die Mönche, eigene
Rezepte zu entwickeln. Gewürze waren teuer, der Handel wurde von den Arabern
kontrolliert. Schon früh versuchten die Geistlichen deshalb, importierte Heilpflanzen
auch im kalten Norden zu kultivieren oder sie erprobten im Selbstversuch heimische
Kräuter.

Die Entzifferung der alten Arzneibücher ist oft
heikel: Nicht selten schmierten kurzsichtige Mönche die Rezepte nahezu unleserlich hin.
Zudem versuchten sie, durch winzige Schrift und Abkürzungen Platz zu sparen. Denn
Tierhäute, aus denen die Arzneibücher bestanden, waren kostspielig: "Für 100
grosse Seiten brauchte man etwa 50 Lämmer", erklärt Mayer, "das ging ins
Geld."

Das Hauptproblem der Medizinhistoriker ist aber die
genaue Bestimmung der Heilpflanzen, aus denen die Mönchsärzte ihre Salben und Elixiere
zusammenrührten: In der vom Klassifizierungssystem Carl von Linnés noch unberührten
mittelalterlichen Botanik herrschte eine geradezu babylonische Begriffsverwirrung.

So taucht sowohl die
Ringelblume als auch der grundverschiedene
Kapernstrauch unter dem lateinischen Namen "Caput monachi" auf. Unglückliche
Verwechslungen führten dazu, dass über Jahrhunderte Rezepte mit Ringelblumen-Rinde
kursierten.

Dennoch ist erstaunlich, wie nahe die Empfehlungen
der Mönchsärzte denjenigen heutiger Naturheilkundler lagen. Pflanzen wie
Fenchel,
Thymian und
Melisse zum Beispiel galten schon im Mittelalter als hilfreiche Mittel gegen
Atemwegsbeschwerden und Verdauungsprobleme.

Um weiteren Entdeckungen der Klosterbrüder auf die
Spur zu kommen, wollen die Forscher im Anschluss an die philologische Arbeit die
biochemische Wirkung einiger Pflanzen überprüfen. Viel versprechend sind etwa Gurken und
Kürbisse, deren gemahlene Kerne die Mönche bei Fieber empfahlen. "Wenn solche
Rezepte über Jahrhunderte weitergegeben werden", glaubt Mayer, "dann muss etwas
dran sein."

Dass sich das Wissen der Ordensleute als
"wertvoller Pool" erweist, hofft auch Abtei. "Wir wollen zusammen mit der
Forschergruppe Erkenntnisse für neue Produkte gewinnen", so Heribert
Voss, der bei
SmithKline Beecham für Abtei zuständig ist.

Die Arbeit der Forschergruppe soll ausserdem
helfen, Vorurteile auszuräumen: Oft wird das traditionelle Wissen vom Normalbürger in
den Dunstkreis esoterischer Heilverfahren eingeordnet.

Schuld daran ist vor allem die Begeisterung für
die Weisheiten der Hildegard von Bingen. Die berühmt-berüchtigte Äbtissin schrieb im
12. Jahrhundert das letzte grosse Werk der Klostermedizin und vermengte dabei
Medizinkenntnisse mit Liebeszauber und christlicher Mystik.

Im Mittelalter galt die von Visionen heimgesuchte
Klosterfrau nicht unbedingt als fachliche Autorität. Weit grössere Verbreitung fanden
Werke der Klostermediziner, die ohne esoterisches Geläut auskamen. "Hildegards
grosse Zeit", so Mayer, "ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Angeregt durch ihre ganzheitlichen Theorien
erproben moderne Kräuterhexen mittelalterliche Flower-Power, Esoterik-Fans behängen sich
mit Edelsteinen, denen Hildegard magische Kräfte zusprach, Internet-Shops bieten
Hildegard-Kräutertrünke feil.

Doch nicht nur unter den Hildegard-Jüngern ist die
Nachfrage nach grüner Medizin gross. Vor zehn Jahren interessierten sich nach Angaben des
Bundesfachverbandes der Arzneimittel-Hersteller nur rund die Hälfte der Verbraucher für
natürliche Arzneimittel. 1998 waren es bereits knapp 70 Prozent.

Heilpflanzen wie das
Johanniskraut haben
sich zu Modedrogen entwickelt: Wissenschaftliche Studien sprechen dem Gewächs bei
leichten und mittelschweren Depressionen eine Wirkung zu, die der von Stimmungsmachern aus
dem Pharmalabor entspricht bei angeblich geringeren Nebenwirkungen. Für die Industrie
sind solche Studien eine willkommene Marketing-Hilfe: "Noch vor vier Jahren war
Johanniskraut ein Nischenprodukt, das eher in Apotheken verkauft wurde", sagt
Voss.
"Mittlerweile verwenden dreimal so viele Kunden mild wirksame
Johanniskraut-Präparate."

Ähnlich populär war die lange missachtete Pflanze
bereits vor mehreren hundert Jahren. Mittelalterliche Ärzte nutzten das auch als
"Teufelsflucht" bekannte Kraut, um Trübsinnige von stimmungsdrückenden
Dämonen zu befreien.

Doch ausgerechnet Hildegard von Bingen konnte
offenbar nur wenig mit der Wunderpflanze anfangen. In ihrem Werk "Physica"
beschreibt die sonst selten um metaphysische Deutungen verlegene Äbtissin auch eine
Johanniskrautart und empfiehlt das Gewächs als Viehfutter: "Für die Medizin
taugt es nicht viel, weil es ein verwildertes Kräutlein ist." |